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1.1.16 Vollkommener Markt

Mit der Fiktion des vollkommenen Marktes wurden alle Probleme aus der VWL hinausexpediert. Der vollkommene Markt ist das Tor, durch das die VWL die Parallelwert betreten hat.

Das heißt zu Deutsch: Im vollkommenen Markt gibt es gibt keine Unsicherheit. Wir werden später, bei Keynes noch sehen, dass es reicht an diese Prämisse, also dass Sicherheit herrscht, die Axt anzulegen, um das ganze klassische System zum Einsturz zu bringen. Von allen anderen Fehlern mal abgesehen. Es ist skurril, dass man ausgerechnet allerorten und quer durch die Journaille Keynes vorwirft, die marktwirtschaftliche Ordnung teilweise außer Kraft setzen zu wollen, obwohl niemand das zentrale Moment marktwirtschaftlicher Ordnung, Unsicherheit und unvollständige Information so ins Zentrum seines Systems rückt wie Keynes.

Der vollkommene Markt ist ein Modell, bei dem das zentrale Moment marktwirtschaftlicher Ordnungen nicht mehr verkommt. Die Überlegenheit marktwirtschaftlicher Ordnungen zeigt sich darin, dass sie durch die dezentrale Informationverarbeitung qua Preise sich wesentlich schneller an strukturelle Änderungen anpassen kann, als jede andere Wirtschaftsform. Geht man aber von vollkommener Information aus, negiert also Unsicherheit, löst die marktwirtschaftliche Ordnung Probleme, die es gar nicht gibt. Anders formuliert: Ein Modell wie der vollkommene Markt, das von dem zentralen Aspekte des Objektes, das er modellieren will, abstrahiert, ist vollkommener Quatsch. Vergleichbar einer Straßenkarte, ebenfalls ein Modell, bei der die Straßen nicht eingezeichnet sind.

Der vollkommene Markt ist ein extremes Beispiel für ökonomische Modelle. Ökonomische Modelle, siehe Sinnhaftigkeit der mathematischen Modellierung, beschreiben Interdependenzen zwischen Effekten, abstrahieren aber von den Ursachen, die diese Effekte hervorbringen. Man erhält dann eine unendliche Fülle an nonsense Aussagen, wie z.B. die Aussage, dass der Lohn der (monetär) bewerteten Grenzleistungsfähigkeit des Faktors Arbeit entspricht. Da aber die Grenzleistungsfähigkeit des Faktors Arbeit lediglich der Effekt einer Ursache ist, bleibt die Höhe dieser Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals vollkommen unbestimmt. Die Aussage gilt für Tibet genau so wie für Frankreich, entbehrt aber jeder Aussagekraft.

[Aus dieser Logik folgt dann auch die Lösung. Für Neoklassiker kann Arbeitslosigkeit nur gesenkt werden, wenn der Lohn soweit abgesenkt wird, dass das (monetäre) Grenzleistungsprodukt der Arbeit dem Lohn bei Vollbeschäftigung entspricht. Der Lohn hat sich also an die Produktivität anzupassen. Man könnte auch andersherum vorgehen. Man lässt den Lohn wie er ist und steigert die Produktivität. Letzteres verlangt aber Kenntnisse über Variablen, zu denen die Volkswirtschaftlehre nichts zu sagen hat, von daher ignoriert man diese und damit auch den alternativen Lösungsansatz.]

Teilweise verstricken sich solche Modelle auch in Widersprüche. Die neoklassische Vorstellung, dass die Grenzleistungsfähigkeit der Produktionsfaktoren in allen Verwendungen durch Zu- und Abgang ausgeglichen wird, widerspricht der Vorstellung, dass Renten entstehen. Hier wird von strukturellen Problemen, die den Ausgleich behindern, einerseits abstrahiert, andererseits sind sie aber implizit vorhanden. Wir erhalten eine nonsense Aussage.

Wir werden auf das Thema noch x-Mal zurückkommen, siehe auch z.B. wissenschaftstheoretische Grundlagen. Es ist davon auszugehen, dass die VWL entweder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, weil die mathematische Modellierung keine relevanten Aussagen mehr ermöglicht, oder sich mit den eigentlichen Ursachen eines ökonomischen Problems beschäftigt. Vermutlich aber ersteres.

Der vollkommene Markt geht davon aus, dass

- es keine räumlichen Präferenzen gibt
- keine zeitlichen Präferenzen gibt
- die Güter vollkommen homogen sind
- die Anpassung an Änderungen unendlich schnell erfolgt
- und dass vollkommene Information herrscht (Markttransparenz)

Selbst wenn all diese Prämissen zuträfen, beschreibt der vollkommene Markt lediglich ein statisches Gleichgewicht. In diesem Modell gibt es im Übrigen auch keinen homo oeconomicus mehr, denn eines solchen bedarf es nicht. Wenn alles bekannt ist, kann man auf das Moment, wo die marktwirtschaftliche Ordnung ihre Überlegenheit ausspielt, die Informationsverarbeitung, verzichten und folglich braucht es auch niemanden mehr, der Informationen verarbeitet. Der homo oeconomicus ist dort ein Roboter, der mechanisch bestimmte Dinge tut. Das macht jeder Computer besser.

In dieser statischen Welt gibt es keine Veränderungen der Produktionstechnik, keine neuen Produkte, keine Innovationen. Ist das Gleichgewicht erreicht, und dieses wird in Sekundenschnelle erreicht, in dem Moment, in dem zwei Striche auf's Papier gemalt sind, ist es auch schon da und bleibt so bis zum jüngsten Gericht.

Es hat sage und schreibe fast 150 Jahre gedauert, bis mal jemandem aufgefallen ist, dass Wirtschaft so nicht funktioniert. Erst mit der 'Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung' von Joseph Schumpeter im Jahre 1911 ist mal jemandem aufgefallen, dass das mit dem vollkommenen Markt ziemlicher Blödsinn ist.

Der vollkommene Markt kann auch nicht damit gerechtfertigt werden, dass er ein Modell ist, anhand dessen sich bestimmte Phänomene besser analysieren lassen. Ein Modell, dass die zentralen Probleme von vorneherein eliminiert, ist schlicht Schwachsinn. Hier liegt die Klassik und der Ordoliberalismus dichter an der Realtität als die Neoklassik à la Vilfredo Pareto, Carl Menger und Léon Walras. (Alfred Marshall sollte man nicht in einem Atemzug mit jenen Gestalten nennen, das ist eine andere Liga.)

Der vollkommene Markt, der die Funktionsweise einer marktwirtschaftlichen Ordnung erklären soll, ähnelt im Grunde mehr der Planwirtschaft. Wie diese negiert er alles und damit das Wesentliche, was eine marktwirtschaftliche Ordnung ausmacht: Dynamik, Kreativität, Innovation. Charakteristisch für die Marktwirtschaft sind sich ständig ändernde Präferenzen, unvollkommene Information, nicht homogene Güter etc.. Also ständiger Wandel. Der vollkommene Markt negiert alles, was für die Marktwirtschaft typisch ist. Wo vollkommene Information herrscht, was ja letztlich das gleiche ist wie vollkommen Markttransparenz, braucht man nicht suchen. Suchen ist aber das zentrale Moment der marktwirtschaftlichen Ordnung. Das ist der entscheidende Unterschied zur Planwirtschaft.

Wären die Prämissen richtig, wäre die Planwirtschaft eindeutig überlegen. Bei vollkommener Information ist Wirtschaft planbar und was planbar ist, sollte man auch planen. Die Neoklassik, die sich als Gegenspieler des Marxismus geriert, ist eine Variante des Marxismus. Das Verdikt Poppers, dass sich Geschichte nicht vorhersagen lässt, er münzt das auf den Marxismus, trifft gleichermaßen die Neoklassik. Bei der methodischen Ähnlichkeit, sind die inhaltlichen Unterschiede vernachlässigbar, zumal beide Konzepte fundamentale Fehler, z.B. sparen / akkumulieren als nicht verkonsumierte Einnahmen aus der Vergangenheit, gemeinsam haben, siehe Zins.

Der entscheidende Vorteil der marktwirtschaftlichen Ordnung ist, dass sie die effizientere Informationsverarbeitung bietet, das heißt schneller auf Veränderungen reagiert und mit fehlerhaften, unvollständigen Informationen und Unsicherheit fertig wird. Genau dieser Sachverhalt wird aber vom vollkommenen Markt negiert, dort herrscht vollkommene Information. Das eigentliche, sehr konkrete Problem, das die marktwirtschaftliche Ordnung offensichtlich effizienter löst als die Planwirtschaft, wurde durch die Fiktion der vollkommenen Information schlicht aus dem Modell hinausexpediert.

Wir sehen also, dass Beamte, dazu gehört auch die dozierende Ökokaste, eine Seuche sind. Auch wenn der Lebenslauf lediglich aus Penne => Studi => Unidozent besteht, sollte man meinen, dass diese irgendwann kapieren, durch Freunde / Bekannte, die im Berufsleben stehen, die ihnen die Komplexität der marktwirtschaftlichen Ordnung irgendwie näher bringen und verdeutlichen, alternativ kann man man noch Zeitung lesen, wo von Unternehmen die Rede ist, die gescheitert sind oder erfolgreich waren, dass mit dem Kinderkram vom vollkommenen Markt in der Praxis kein Blumentopf zu gewinnen ist. Wenn vollkommene Transparenz herrscht, müsste ja auch ausgeschlossen sein, dass Unternehmen pleite machen. Das allerdings passiert ständig.

Wurde der Quark aber erstmal in ein paar Tausend Lehrbüchern abgedruckt und hat man selbst im Studium fleißig Kurven hin- und hergeschoben, dann scheint der unverstellte Blick auf die Realität irgendwie für immer verbaut zu sein, wobei dieser Spezie Mensch, da sie via Steuergelder alimentiert wird, eben diese Realität auch breitseitig am Arsch vorbeigeht.

Traditionen, die solche Primitivmodelle wie den vollkommenen Markt in Frage stellen, gibt es durchaus, zum Beispiel Schumpeter, aber in die Lehrpläne hat nur der Kinderkram Eingang gefunden, wo man ein bisschen Schulmathematik betreiben kann, also Kurvendiskussion und so.

Die Präferenz für diesen Kinderkram ist eine Art Selbstschutz. Da man genau weiß, dass man von der Praxis keine Ahnung hat, verkauft man den Kinderkram als Wissenschaft und immunisiert ihn gegen die Praxis mit der famosen ceteris paribus Klausel. Hier werden aber zwei Dinge verwechselt: Eine Sache ist, bestimmte Parameter in einem an sich aussagekräftigen Modell konstant zu halten. Etwas ganz anderes ist es, ein Modell zusammenzubasteln, das die wesentlichen Merkmale des Objektes, das modelliert werden soll, gar nicht enthält.

Man kann eine Straßenkarte malen und die Höhenlinien nicht einzeichnen. Für Autos sind die irrelevant. Eine Straßenkarte ohne Straßen ist allerdings sinnlos.

Für die Studis bedeutet das, dass sie zwar ein bisschen länger studiert haben, dafür aber auch ein bisschen weniger können. Es gehört schon einiges an Chupze dazu, wenn man unter diesen Auspizien auch noch Studiengebühren mit einer Verbesserung der Studiensituation rechtfertigen will. Es würde schon reichen, wenn die Jungs und Mädels nicht dreißig Jahre lang denselben Quark auf den Overhead Projektor pinseln, sondern mal ein Praktikum in einem Unternehmen machen.

Wir lernen aber, dass Systeme, wie etwa die Uni oder die Schulen, die nicht über den Wettbewerb kontrolliert werden können, die Tendenz haben, vollkommen aus dem Ruder zu laufen. Systeme, die nicht über den Eigennutz des homo oeconomicus gesteuert werden können, wo also der individuelle Nutzen und der gesamtwirtschaftliche Nutzen nicht deckungsgleich sind, wären auf die moralische Integrität der Akteure angewiesen und diesbezüglich lehrt uns die akademische Ökokaste, nicht ex cathedra sondern durch konkludentes Handeln, dass dies eine Vorstellung ist, die bestenfalls romantisch, aber realistischerweise als naiv bezeichnet werden kann.

Womit wir wieder beim Thema wären. Wir haben unter den 80 Millionen Deutschen inzwischen ausreichend Personal, das über solche Fragen, also wie man Studiengänge, die nicht automatisch, wie etwa die Medizin, der scharfen Kontrolle durch die Realität unterworfen sind, fundiert öffentlich nachdenken kann. Wir brauchen keine Debatte darüber, ob man das Kind Bachelor / Master / Magister / Diplom / Staatsexamen etc. etc. nennt, das ist völlig egal. Wir brauchen aber eine Diskussion darüber, was da inhaltlich und didaktisch passiert. Lehrpläne von Leuten stricken zu lassen, die praktisch keine Berufserfahrung haben, macht da wenig Sinn.

Das Modell des vollkommenen Marktes wird oft dadurch gerechtfertigt, dass es eine Marginalanalyse ermögliche, also letztlich zu präziseren Ergebnissen führe, als Adam Smith, der die Welt noch mehr so aus der Sicht des gesunden Menschenverstandes betrachtet hat. Das stimmt sogar, allerdings ist der Grenznutzen der Erkenntnis, der durch den vollkommenen Markt erzielt werden kann, ziemlich grenzwertig.

Bei Adam Smith wird, bei vollkommener Konkurrenz, ein Produkt angeboten, wenn der "natürliche" Preis, siehe optimale Faktorallokation, so hoch ist, wie die Summe aus Lohn, Bodenrente und Zins, was für ihn die drei Kostenfaktoren bei der Produktion einer Ware sind.

Vereinfacht: Ein Produkt wird angeboten, wenn der Verkauf zumindest alle Kosten deckt. (Wobei sich Adam Smith offensichtlich mit der Frage beschäftigt hat, wieso in einer Wettbewerbsituation, wo ja jeder Gewinn abgeschmolzen wird, sich ein Preis herausbildet, der über dem "natürlichen" Preis, also dem gerade noch existenzsichernden Preis liegt. Deshalb führt er den Marktpreis ein. Ein Marktpreis, der vom natürlichen, kostendeckenden Preis abweicht, kann sich bilden, wenn sich die Nachfrage sich ändert und sich der Produktionsapparat an die veränderte Situation noch nicht angepasst hat. "Natürlich" sind die Preise der Produktionsfaktoren, weil der Preis für einen Produktionsfaktor durch Ab- und Zugang in jeder Verwendung tendentiell gleich ist.)

Das können wir unmittelbar nachvollziehen. Kein Bäcker wird auf jedes Brötchen, das er verkauft, nochmal 20 Cent drauflegen und tut er es dennoch, hat er entweder ein Vermögen geerbt oder er macht es nicht allzulange. Damit ist für den Bedarf der Praxis alles gesagt und das kapiert auch jeder, auch der Konsument. Das ist der Grund, warum die marktwirtschaftliche Ordnung so gut funktioniert. Die Regeln sind verdammt einfach, jeder, absolut jeder, kennt und kapiert sie.

Aussagen, über die tatsächliche Menge an produzierten Gütern lassen sich so nicht machen und Machtverhältnisse (Polypool, Oligopol, Monopol) lassen sich ebenfalls nicht genau beschreiben. Dieses Manko können wir aber ohne weiteres verschmerzen, da es für die Praxis keine Rolle spielt und die Marginalanalyse der Neoklassik auch nur im theoretischen Modell präziser ist. Die Praxis arbeitet mit einer gestuften Deckungsbeitragsrechnung.

Die Neoklassik und der vollkommene Markt kann den Marktprozess nur im theoretischen Modell präziser beschreiben, wobei uns die präzisere theoretische Beschreibung in der Praxis keinen Millimeter weiterbringt.

Unter Abstraktion von den konkreten Produktionsverhältnissen, den S-förmigen Verlauf der Gesamtkostenkurve dürfen wir hierbei getrost als eine theoretische Fiktion betrachten, und unter der Annahme, dass sich die Güter nicht unterscheiden, kann die Neoklassik mit der berühmten Marginalanalyse arbeiten.

Zentral sind hierbei zwei Annahmen. Zum einen, dass ab einem gewissen Punkt die Grenzkosten, also die Kosten der letzten Einheit, steigen, jede weitere Menge also mehr kostet, als die zuvor produzierte Menge, wobei es schwierig ist, dafür konkrete Beispiele zu finden.

Wir konstruieren mal eines. Hat ein Produkt nur sehr wenige Hersteller, etwa Smartphones, Apple und Samsung, und braucht dieses Produkt einen sehr teuren Rohstoff, etwa, wie bei den Smartphones, seltene Erden, dann wird dieser Rohstoff bei der Ausdehnung der Produktion immer teurer. (Also nicht wie beim Bäcker. Wenn der eine Tonne Mehl kauft, kriegt er mehr Rabatt, als wenn er nur eine halbe Tonne kauft.)

Es ist dann vorstellbar, dass die Herstellungskosten bei Ausdehnung der Produktion ansteigen, also die variablen Kosten, von denen der Deckungsbeitrag abhängt, ansteigen.

Die zweite zentrale Aussage ist, dass sich im Preis, den der Käufer für ein Produkt zu zahlen bereit ist, der Nutzen niederschlägt, den der Käufer durch den Erwerb dieses Gutes erhält. Das ist nachvollziehbar. Ein Schwabe wird für die erste Schwarzwälderkirschtorte locker 30 Euro bezahlen. Aber auch der hartnäckigste Schwabe, für den sich das Wohlbehagen im Paradies nicht, wie im Islam, aus der Anzahl der zur Verfügung stehenden Jungfrauen ergibt, sondern aus der Anzahl der zur Verfügung stehenden Schwarzwälder Kirschtorten, wird nicht bereit sein, 30 Euro für die hundertste Schwarzwälderkirschtorte zu bezahlen, wenn er physisch nicht mehr in der Lage ist, diese auch konkret zu verspeisen.

Mit zunehmender Menge nimmt also der Nutzen und damit der Preis ab, den der Käufer bereit ist zu zahlen, bzw. je teurer ein Gut ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass der im Preis ausgedrückte Nutzen dem zu zahlenden Preis entspricht. Ein konkretes Produkt wird also aus zwei Gründen in die Zange genommen. Mit zunehmendem Konsum sinkt der Nutzen und damit auch die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben. Des weiteren steht ein Produkt immer in Konkurrenz zu anderen Produkten. Stiftet ein Fahrrad den gleichen Nutzen wie ein Computer, ist aber billiger, wird das Fahrrad gekauft, weil es den gleichen Nutzen für weniger Geld liefert.

Wir haben also zwei gegenläufige Tendenzen. Zum einen steigen die Grenzkosten bei Ausdehnung der Produktion, zum anderen finden sich immer weniger Leute, die mit dem Kauf einen solchen Nutzenzuwachs erleben, dass sie bereit sind den hohen Preis zu bezahlen.

Damit lässt sich dann, im theoretischen Modell, das Gewinnoptimum bestimmen. Der Anbieter wird solange anbieten, wie die variablen Stückkosten der letzten Einheit noch niedriger sind, als der Preis, den er am Markt erzielen kann, weil dann sein Gewinn noch steigt. Sind die Herstellungskosten der letzten Einheit aber höher als der Preis, wird sein Gewinn abnehmen, was allerdings NICHT heißt, wie man oft liest, dass er dann Verlust macht, die DURCHSCHNITTSKOSTEN liegen ja immer noch unter dem Preis. Von daher kommt man dann auf die schlichte Gleichung Grenzkosten = Preis (im Polyopol), bzw. Grenzkosten = Grenzerlös (im Monopol).

Die oben gemachten Überlegungen kann man nun gleichermaßen mikroökonomisch darstellen, also in Bezug auf das einzelne Unternehmen, wie auch makroökonomisch, in Bezug auf alle Unternehmen derselben Branche. Wer will, kann von der mikroökonomischen Ebene auf die makroökonomische Ebene umschwenken, indem er die Werte der einzelnen Unternehmen zusammenaddiert. Die hübsche Zeichnung, die sich in jedem Lehrbuch findet, also die Angebotskurve und die Nachfragekurve zeigen diesen Sachverhalt. Die Angebotskurve ist eine aggregierte Grenzkostenkurve, die Nachfragekurve, ist eine aggregierte Nutzenfunktion.

Mit diesem Modell lassen sich, in der Theorie, auch die Renten präziser beschreiben. Der Gleichgewichtspreis wird bestimmt durch den ineffientesten Anbieter, der gerade noch nach der Regel Grenzkosten = Preis angeboten hat und durch den zahlungsunfreudigsten Nachfrager.

Es gibt also Anbieter, die auch zu einem geringeren als dem tatsächlichen Marktpreis angeboten hätten (aber ihre Produktion kurzfristig nicht bis zum Punkt Grenzkosten = Preis ausdehnen können).

Diese erhalten sozusagen ein bedingungloses Grundeinkommen. Ohne einen Handschlag dafür zu tun, erhalten sie einen Mehrerlös in der Höhe der Differenz zwischen dem Marktpreis und dem Preis, zu dem sie schon angeboten hätten.

Um es sich an einem einfacheren Beispiel klar zu machen, das Beispiel stammt aus Wealth of Nations: Innerhalb einer Stadt gibt es EINEN Preis für Mehl. Das Mehl kann aber von einer Mühle direkt vor der Stadt stammen, die den Weizen wiederum von Farmen bekommen hat, die in der Nähe dieser Mühle liegen, oder von weit entfernten Mühlen, deren Mehl erst in die Stadt transportiert werden musste, was Kosten verursacht. In der Höhe dieser Transportkosten erhalten die Farmen und der Müller in der Nähe der Stadt eine Rente, das heißt ein leistungsloses Einkommen. Dass sie sich die Transportkosten haben sparen können, beruht nicht auf überlegener Leistung. Es hat schlicht mit der Tatsache zu tun, dass ihre Farmen näher bei der Stadt liegen.

Wer will kann finden, dass die berühmte Konsumenten- und Produzentenrente der Neoklassik (genau genommen von Alfred Marshall), ökonomisch gesehen genau so entsteht, wie die Bodenrente bei David Ricardo. (Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Bodenrente definitiv nicht durch Leistung ensteht, die Rente bei Alfred Marshall allerdings entsteht durch eine effizientere Produktion, was ja Ausdruck einer Leistung ist.)

Nimmt man es also ganz genau, dann ist die Neoklassik auch keine marginalistische Revolution, denn letztlich ist es lediglich eine Verallgemeinerung der Bodenrente von Ricardo. Es bildet sich EIN Marktpreis, aber in Abhängigkeit von der Entfernung kann das Mehl zu UNTERSCHIEDLICHEN Kosten angeboten werden und es gibt einen GRENZANBIETER für Mehl, der es gerade noch schafft, zum MARKTPREIS anzubieten. Alle die drunter liegen, also näher an der Stadt sind (oder fruchtbarere Böden haben) erzielen eine PRODUZENTENRENTE.

Diesselbe Logik kann man jetzt überall answenden. Es gibt EINEN MARKTPREIS für Nägel und viele Unternehmen, die zu unterschiedlichen Kosten Nägel anbieten können (in einer jeweils begrenzten Menge) und einen GRENZANBIETER, der es gerade noch schafft, zum MARKTPREIS anzubieten. Die Nägelhersteller, die billiger produzieren können, erhalten eine PRODUZENTENRENTE.

Allerdings ist die Konsumenten- und Produzentenrente im neoklassischen Modell eine Momentaufnahme. Die Rente kann nur sinnvoll über einen Zeitraum (bzw. die in diesem Zeitraum abgesetzte Menge) definiert werden. 1500 Euro Rente im Monat ist relativ viel, 1500 Euro Rente in 10 Jahren ist nichts. Die Konsumenten- / Produzentenrente ist also sozusagen eine Momentaufnahme, bezieht sich auf die gleichgewichtige Menge. Wird der Kauf und Verkauf nicht wiederholt, gibt es keine Rente mehr. Dem Modell fehlt eine Periodenbetrachtung.

Wir sehen also, dass die Neoklassik tatsächlich das Phänomen präziser beschreibt, zumindest in der Theorie, als Adam Smith (bei Ricardo sind wir uns da nicht mehr so sicher). Für die Praxis reicht der gesunde Menschenverstand à la Adam Smith allerdings vollkommen aus. Der Grenznutzen der Neoklassik ist dicht bei null.

Ein halbes Semester oder gar ein GANZES SEMESTER lang Neoklassik, die Mikroökonomie ist nichts anderes als die Neoklassik, ist dann ganz definitiv viel zu lang. Es gibt nämlich auch sowas wie Opportunitätskosten, also Kosten, die entstehen, weil eine alternative Verwendung der Produktionsfaktoren, in diesem Fall Zeit, einen höheren Beitrag erbracht hätte.

Der Gewinn oder in diesem Fall der Erkenntniszuwachs, muss immer unter dem Gesichtspunkt gesehen werden, was man in derselben Zeit hätte erreichen können. Ein Unternehmen, das durch einen Auftrag die Summe X verdient, aber dann einen anderen Auftrag, bei dem es das doppelte verdient hätte, nicht mehr annehmen kann, ist reichlich dämlich.

In diesem Semester, das für die neoklassischen Sophismen hops geht, hätte man Russisch / Japanisch / Chinesisch, Java oder C++ lernen können, sich in Oracle Datenbanken einarbeiten, die Buchführung mit SAP machen können und, und, und. Das eigentliche Problem dürfte schlicht dieses sein. Die dozierende Ökokaste kann schlicht gar nichts anderes. Sie erzählt mangels Alternativen den gleichen Quark ad calendas graecas und walzt Trivialitäten mit viel Hokuspokus so lange aus, bis ein ganzes Semester damit voll wird.

Das Fatale am vollkommenen Markt ist, dass mit der Fiktion der vollkommenen Information das zentrale Problem der marktwirtschaftlichen Ordnung verschwindet. Die Information ist nämlich tatsächlich derartig unvollkommen, dass die Fiktion der totalen Desinformiertheit der Realität sehr viel näher kommen würde.

Kein Unternehmer weiß, und das ist ein ungemein bedauerlicher Zustand, was die Zukunft bringt. Dabei sind Hersteller von Gütern des täglichen Bedarfs noch in einer vergleichweise komfortablen Situation. Sie wissen zwar auch nicht, was in Zukunft passiert, aber zumindest wird sich die Situation nicht von einem Tag auf den anderen radikal ändern.

Handwerker, die von wenigen Aufträgen abhängen, können von einem Tag auf den anderen in Konkurs gehen. Selbst das Gesetz der großen Zahl, also die Hoffnung, dass sich im statistischen Mittel Fehlprognosen und korrekte Prognosen oder Abweichungen nach unten und nach oben in der Summe ausgleichen, trifft kaum zu.

De facto ist niemand in der Lage, irgendwelche Aussagen das nächste Jahr betreffend zu machen. Wir können uns nur überlegen, wie eine Gesellschaft geschaffen sein muss, die mit Unsicherheit optimal umgehen kann. Ein Aspekt ist hierbei mit Sicherheit Flexibilität, die wiederum mit steigendem Bildungsniveau zunimmt, zumindest wenn Bildung mehr ist, als das Herunterbeten des immer gleichen Quarks.

Des Weiteren ist kaum zu erwarten, dass die institutionalisierte Bildung mit der Komplexität Schritt hält. In Fächern wie VWL oder den Geisteswissenschaften lässt sich wohl sagen, dass sie inhaltlich und didaktisch mehr oder weniger über weite Strecken auf dem Stand von vor 200 Jahren stecken geblieben sind. Bezüglich der Art der Vermittlung von Wissen entspricht die heutige Universtität eigentlich weitgehend dem, was im Mittelalter Standard war. Wir schreiben immer noch das Jahr 2012. Wenn der Leser findet, dass alles nicht mehr zutrifft, dann ist er eben in der Zukunft.

Die Vorlesung war in einer Zeit, als Bücher noch abgeschrieben werden mussten, durchaus, mangels Alternativen, sinnvoll. Inzwischen ist aber auch schon das Buch etwas obsolet. Es gibt also nicht viel, was darauf hindeuten würde, dass die institutionalisierte Bildung mit dem Wissenschfortschritt Schritt hält. Die eigentliche Ausbildung genau so wie die Bildung wird sich also in informelle Bereiche verlagern, also ins Internet, das bereits gezeigt hat, dass es die nötige Flexibilität besitzt.

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Infos und Anmerkungen:

ES        DE

Der vollkommene Markt ist das exakte Gegenteil der marktwirt-schaftlichen Ordnung.

Das Modell des vollkommenen Marktes eliminiert genau das Element, welches für marktwirtschaftliche Ordnungen typisch ist.

Ganz im Gegensatz zu dem, was allgemein geglaubt wird, ist Keynes dichter an der Marktwirtschaft. Unsicherheit wird bei Keynes zum zentralen Problem.

Die Art, wie Adam Smith die Allokation der Produktionsfaktoren beschreibt, reicht vollkommen aus und beschreibt auch eher die Dynamik marktwirtschaftlicher Ordnungen.


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