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1.1.10 Staatliche Tätigkeit

In den Lehrbüchern des akademischen Betriebs taucht der Staat höchstens als allgemeine Variable auf, also als staatlicher Konsument / Investor. Sie beschäftigt sich fast ausschließlich mit Märkten, Gütermarkt, Arbeitsmarkt, Geldmarkt (Keynes), Kapitalmarkt (Neoklassik) und dem Zustandekommen bzw. nicht Zustandekommen von Gleichgewichten zwischen Angebot und Nachfrage.

Strömungen wie der Ordoliberalismus, kritischer Rationalismus und verwandte Strömungen, die sich intensiv mit staatlichem Handeln beschäftigen, werden nicht mehr gelehrt, da sie sich nicht in Kurven ausdrücken lassen.

Wobei wir aber auch bei den Vertretern des Ordoliberalismus, siehe Walter Eucken, die ja dem Staat insofern eine Rolle zuweisen, als er die Spielregeln festlegen und insbesondere den Wettbewerb aufrechterhalten soll, nur wenig Konkretes finden.

Nimmt man es also ganz genau, dann ist schon der Name Volkswirtschaftlehre falsch, denn diese Disziplin, in ihrer akademischen Variante, beschäftigt sich nicht mit der Wirtschaft eines "Volkes" sondern mit Märkten. Der richtige Name wäre also Märktelehre, weil staatliches Handeln durch Märkte nicht beschrieben werden kann.

Der Fehler ist ein Teilbereich eines allgemeinen Fehlers. Volkswirtschaftliche Modelle beschäftigen sich mit den Interaktionen einer begrenzten, seit Jahrhunderten konstanten Menge an Paramentern. Diese Parameter, Zins, Kapital, Grenzleistungsfähigkeit der Arbeit, technischer Fortschritt, Human Capital, Preise, Geld etc. sind aber nicht die Ursachen, sondern Effekte von Ursachen. Die vermeintlichen Interaktionen zwischen diesen Parametern können also nur solange konstant sein, wie die Ursachen, die diese Effekte hervorbringen, konstant sind. Es besteht keine direkte Beziehung zwischen den Ursachen.

Beispiel: David Ricardo konstruiert eine Beziehung zwischen Verfügbarkeit von agraisch nutzbaren Flächen, Bevölkerungswachstum und Profit. (Kurz, wir kommen darauf zurück: Bevölkerung wächst => aufgrund der wachsenden Bevölkerung steigen, bei begrenzten Agrarflächen, die Nahrungsmittel => Löhne müssen steigen um die Bevölkerung zu ernähren => Profite sinken.) Das Problem ist, dass alle Annahmen lediglich Effekte sind, aber keine Ursachen und ändern sich die Ursachen, ändern sich naheliegenderweise auch die Beziehungen der Effekte. Das Bevölkerungswachstum ist ein Effekt aus bestimmten Verhaltensweisen. Diese haben sich geändert und folglich stimmt schon das nicht. Die agraisch nutzbare Fläche mag begrenzt sein, eigentlich ist ja Wasser begrenzt, nicht die Agrarfläche, aber der technische Fortschritt bedingt, dass die Nahrungsmittelproduktion kein Problem ist. Daraus ergibt sich dann, von allen Problemen abgesehen, dass deshalb auch die Löhne nicht steigen müssen und die Profite, zumindest nicht aus diesem Grund, nicht sinken.

David Ricardo ist ein äußerst illustratives Beispiel für ein grundsätzliches Problem der Modellbildung in der Volkswirtschaftslehre. Modelliert werden die Beziehungen einiger Effekte zueinander, die aber gar nicht direkt miteinander verknüpft sind. Es kann von daher kaum verwundern, dass die Modelle alle paar Jahrzente, wenn die Ursachen der Effekte sich ändern, an Erklärungskraft verlieren.

Ein anderes Beispiel wäre die Quantitätsgleichung. Sie suggeriert eine Beziehung zwischen Geldmengenausdehnung und Inflation. Das stimmt solange, wie die Produktionskapazitäten nicht ausgedehnt werden können und stimmt natürlich nicht mehr, wenn diese ausgedehnt werden können. Wir haben seit den achtziger Jahren keine nennenswerte Inflation mehr. In der Quantitätsgleichung kommt aber die entscheidende Variable, Auslastung des Produktionspotentials, überhaupt nicht vor. Um zu wissen, wie sich eine Geldmengenausdehnung auswirkt, müsste man die Fähigkeit der Wirtschaft sich strukturell und quantitativ anzupassen berücksichtigen. Davon wird aber im Modell vollkommen abstrahiert.

Ein anderes Beispiel ist der hypostasierte Beziehung zwischen Lohn und Grenzprodukt der Arbeit. Ein solcher Zusammenhang mag sogar bestehen, allerdings nur indirekt. Die Kausalbeziehung läuft so: Das Grenzprodukt der Arbeit hängt ab vom technischen know how, Ausstattung mit Industrieanlagen und davon hängt wiederum der Lohn ab. Wenn man aber vom technischen know how und der Ausstattung mit Industrieanlagen abstrahiert, dann erhält man eine nonsense Aussage, bzw. eine Aussage, die in Kenia genau so gilt wie in Schweden.

Noch einfacher. Gibt es Arbeitslosigkeit, dann liegt das in der Welt der Neoklassik daran, dass die Löhne höher sind als das Grenzprodukt der Arbeit. Die Lösung ist dann, in der Neoklassik, eine Reduktion des Lohnes. Geht man davon aus, dass das Grenzprodukt der Arbeit eine abhängige Variable des know how ist, eine Idee, auf die in der Neoklassik niemand kommt, weil vom know how abstrahiert wird, bietet sich eine andere Lösung an. Erhöhung des know hows. Für Entwicklungsländer im übrigen die einzig mögliche Lösung, weil die Löhne oft auf der Höhe des physischen Existenzminimums liegen. Auf das wieder ein hübsches Beispiel dafür, wie die Modellierung zu einem Tunnelblick führt.

Wir werden uns in diesem Lehrbuch mit allgemeinen Aussagen befassen, die für die Einschätzung einer wirtschaftlichen Lage bedeutsam sind und wir sind der Meinung, dass man hierauf auch die Lehrpläne im Studiengang VWL zurückstutzen sollte. Modelle, die die Beziehungen zwischen Effekten behandeln und von den Ursachen der Effekte abstrahieren, sind sinnlose Zeitverschwendung. Kostet die Studis Lebenszeit und den Steuerzahler Geld, siehe Änderung des Etiketts für den gleichen Inhalt: Bachelor / Master. Es mag schon sein, dass die verschnarchte Ökokaste soviel Zeit hat, die Studis haben diese Zeit definitiv nicht, da der technische Wandel nicht auf sie wartet. Leute wie Rüdiger Bachmann, siehe Sinnhaftigkeit der mathematischen Modellierung, dürfen gerne als Hobby weitherhin mathematisch modellieren, aber die Uni wird nun mal mit Steuergeldern finanziert und ist kein Ponyhof. Die Studis brauchen relevante Zusatzqualifikationen, Programmierung, Sprachen, kaufmännisches Rechnungswesen etc.. und das ist halt in der knappen Zeit nur möglich, wenn man entmüllt.

Im Übrigen besteht gesellschaftlich nur ein geringes Interesse an der Aufklärung der Funktionsweise von Märkten, zumindest im Verständnis der Klassik und Neoklassik, weil erstens jeder die Funktionsweise von Märkten ohne Weiteres einsieht, schließlich verhält sich jeder ja täglich marktkonform, als Käufer oder Verkäufer, und weil zweitens die marktwirtschaftliche Ordnung eine hohe Akzeptanz hat.

Cum grano salis könnte man sagen, dass die Neoklassik, in der simplifizierten Form, in der wir ihr in den Lehrbüchern begegnen, auf akademischem Niveau gar nicht gelehrt werden kann, denn wenn die Märkte funktionieren, von was die Neoklassik ja ausgeht, dann tun sie das eben, ohne dass irgendjemand verstehen müsste, warum sie funktionieren. Die Volkswirtschaftslehre wäre dann also eine rein beschreibende Wissenschaft und da es in dieser Welt dann nichts für den Volkswirt zu tun gibt, da ja ohne Zutun des Menschen alles perfekt läuft, gibt es natürlich auch keine beruflichen Perspektiven.

Allerdings ist die Welt der Neoklassik leider nicht die unsrige, so dass wir uns mal prinzipiell mit der Frage beschäftigen müssen, was da im einzelnen schief läuft.

Dass das Warenangebot bei jedem anderen System deutlich geringer ist, ist im Grunde jedem klar. Gesellschaftliche Debatten drehen sich nie um Fragen, die sich auf Märkte im engeren Sinn beziehen; die marktwirtschaftliche Ordnung als solche ist nie Gegenstand einer Debatte.

Gesellschaftliche Debatten kreisen um staatliches Handeln. Cum grano salis könnte man sagen, dass die Märktelehre sich mit Problemen beschäftigt, die kein normaler Mensch hat und staatliches Handeln kann auch nicht unter den Gesichtspunkten, unter denen man Märkte allgemein betrachtet, erötert werden, siehe auch Produktive und unproduktive Tätigkeit, homo oeconomicus.

Staatliches Handeln folgt bestenfalls einem demokratischen Meinungsbildungsprozess, wobei man den Wähler als Nachfrager, politische Parteien als Anbieter bezeichnen kann, siehe Volkswirtschaftlehre und Demokratie. In diesem Sinne ist auch die Demokratie ein "Markt".

Die Unterschiede sind aber in Bezug auf Machtverhältnisse, Eintrittsbarrieren, Transparenz, Ausstrahlung und Überschaubarkeit einzelner Maßnahmen, Interaktion zwischen Anbieter und Nachfrager, Haftung für Fehlentscheidungen, Dynamik und Kompetenz der Akteure so unterschiedlich, dass die Analogie wohl reichlich hinkt. Wir kommen darauf zurück, siehe Karl Popper.

Staatliches Handeln ist planwirtschaftliches Handeln. Der Beamte ist von seinem Wesen und seiner Denkweise her ein Kommunist. Seine Macht beruht nicht auf überdurchschnittlicher Leistung, die sich in überlegenen Produkten äußert; er setzt nicht sein eigenes Kapital ein, sondern verwaltet das Kapital anderer Leute; er haftet nicht für Fehlentscheidungen; er muss seine Leistungfähigkeit nicht täglich am Markt beweisen; er ist nicht gezwungen, sein Leistung transparent am Markt darzustellen. Es mag ein Ziel sein, durch mehr Transparenz und damit einhergehendem höheren öffentlichen Druck auch bei staatlichem Handeln Mechanismen zu implementieren, die eine ähnliche starke Steuerungswirkung haben wie marktwirtschaftliche Mechanismen, aber der staatliche Sektor ist kein Markt und funktioniert nach völlig anderen Kriterien als ein Markt, siehe die Politik und die Volkswirtschaftslehre.

Skurril an der öffentlichen Debatte ist, dass man die gegenwärtige Krise, wir schreiben immer noch das Jahr 2012, als Krise des "Kapitalismus", wobei "Kapitalismus" mit Marktwirtschaft gleichgesetzt wird, interpretiert.

Tatsächlich ist das Kapital, das um den Globus geschickt wird, nicht der von den Kapitalisten akkumulierte Mehrwert aus der Arbeit, sondern ein Mix aus Riester, Rürup, Kapitallebensversicherungen, EZB Geld, Giralgeld und die Expropriateure werden nicht vom Proletariat expropriiert, das hat ja seine Spargroschen brav zu den Kapitalsammelstellen getragen, sondern, wenn überhaupt von der EZB via Geldruckmaschine. (So zumindest die öffentliche Meinung. Wir würden sagen, dass etwas, das nicht knapp ist, eben auch keinen Preis, in diesem Falle Zins, hat, siehe Zins.)

Könnte bei der Anlage von 'Kapital', wir werden noch die Tatsache diskutieren, dass 'Kapital' für investive Zwecke schlicht Geld ist, die marktwirtschaftliche Ordnung effiziente Knappheitssignale senden, hätten wir keine Krise. Anstatt alle möglichen Staatsanleihen zu kaufen oder Häuser zu bauen, hätte man auch in rentable, zukunftsweisende Projekte investieren können.

Genau so skurril ist natürlich die Ansicht, dass die Krise durch eine besondere Mentalität der mediterranen Länder verursacht worden sei. Derjenige, der diese Staatspapiere gekauft hat, muss wohl weit mehr Ouzo getankt haben, als der, der sie emittiert hat.

Wir sehen aber ohne weiteres ein, dass manche genuine Staatsaufgaben, wie zum Beispiel Bildung, die volle Dröhnung sind, wir es also mit Problemen zu tun haben, wo wir mit ein paar Standardphrasen, die wir aus der Analyse von Märkten übernommen haben, nicht mehr weiterkommen, auch wenn Milton Friedman diese Ansicht vertritt.

Der Grenzerlös der Arbeit hat was mit der Bildung zu tun. Dieser Zusammenhang, der eigentlich relevante, taucht in den akademischen Lehrbüchern gar nicht auf. Arbeit gibt es in der akademischen Makroökonomie eigentlich nur als vom Lohn abhängige Variable, wobei der Lohn abhängig ist vom Grenzprodukt eben dieser Arbeit.

Weiter wird dann konstatiert, dass der Grenzertrag der Arbeit abnimmt, erklärt wird das dann meistens mit so ungemein realitätsnahen Beispielen wie der Beackerung von Feldern. Setzt man viel Arbeit ein, kann man die Äcker gründlich durchpflügen, aber irgendwann bringt das halt nix mehr, dann ist der Grenzertrag eines zusätzlichen Landarbeiters Null und folglich ist der Lohn dieses letzten Arbeiters ebenfalls Null.

Das Problem bei dieser These, der These vom abnehmenden Grenzertrag der Arbeit und damit des Lohnes, ist, dass sie an der Elfenbeinküste genau so gilt wie in der Bundesrepublik Deutschland, an der Elfenbeinküste aber das Grenzprodukt der Arbeit im besten Fall eine Schüssel Reis ist und in der Bundesrepublik ein bunter Strauß an Konsummöglichkeiten und Reis in diesem Strauß nur als Sushi beim hippen Japaner vorkommt.

Andersherum ausgedrückt, der Nutzwert dieser Aussage, die sich in jedem akademischen Lehrbuch zur Makroökonomie findet, ist schlicht Null. In den Sozialwissenschaften sind allgemeingültige Gesetze sehr oft nur deshalb gültig, weil sie völlig trivial sind.

Uns interessiert nicht die Tatsache, dass der Grenzerlös der Arbeit mit zunehmendem Einsatz fällt (was wir im Übrigen auch bestreiten, weil es ohne Ende Berufe gibt, Programmierer, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Ärzte, Musiker, Unternehmensberater, Architekten, beratende Ingenieure etc., bei denen der "Grenzertrag" nicht, zumindest physisch, fällt), uns interessiert die absolute Höhe, genau genommen, wie man diese durch Bildung, Innovation, Investition, verbesserte Organisation verändert. Uns interessieren die genauen Zusammenhänge, denn nur wenn man diese kennt, kann man in die Situation eingreifen.

Nicht alles, was richtig ist, ist auch relevant. Es ist unstrittig auch richtig, um mal ein plattes Beispiel zu nennen, dass derjenige, der mehr Geld hat, sich mehr kaufen kann, das gilt in Bolivien, in den USA und in Deutschland, aber die Frage ist, wieviel Geld man in den jeweiligen Ländern hat.

Die Aussage, dass man nach der Logik "der Unternehmer stellt solange ein, bis der Lohn dem Grenzerlös der Arbeit entspricht" ein Marktgleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt definieren könne, ist im Übrigen Unsinn.

Der Arbeitsmarkt funktioniert schon ganz prinzipiell nicht wie der Gütermarkt bzw. die Gütermärkte oder der Geldmarkt bzw., in der kruden Logik des Neoklassizismus, der Kapitalmarkt. Diese Aussage, entnommen auch einem Lehrbuch der VWL (in diesem Fall Blümle / Patzig, Grundzüge der Makroökonomie, aber das ist eigentlich egal, der Quark steht überall) ist Mumpitz.

"Die Konkurrenz der Nichtbeschäftigten mit den Beschäftigten um die vorhandenen Arbeitsplätze äußert sich darin, dass die Nichtbeschäftigten die Beschäftigten unterbieten. Solange es Arbeitskräfte gibt, die zu einem geringeren oder gleichen Lohnsatz bereit sind, eine Beschäftigung anzunehmen, wird dieser Unterbietungsprozess anhalten, bis schließlich im Gleichgewicht die mit dem Sinken des Lohnes gestiegene Nachfrage mit dem durch das Sinken des Lohnsatzes gestiegenen Angebot übereinstimmt."

aus: Blümle / Patzig, Grundzüge der Makroökonomie, 1988, Seite 280

Das ist ein höchst triviale Binse, die natürlich immer stimmt. Ist der markträumende Gleichgewichtslohn im Übrigen so niedrig, dass er das physische Überleben nicht sichert, dann stirbt ein Teil der Arbeiter schlicht weg, was natürlich auch markträumend ist. Tote sind nicht arbeitslos. Das ist dann der gleichgewichtige Arbeitslohn bei David Ricardo, das berühmte "eherne Lohngesetz".

Das Modell suggeriert, dass die Arbeitnehmer eine freie Wahl haben. Diese haben sie vielleicht sogar manchmal, in der BRD relativ oft, aber selten in Entwicklungsländern.

Des weiteren abstrahiert das Modell von Machtverhältnissen. Suggeriert wird, dass nur zu einem höheren Lohn mehr Leute Arbeit anbieten (also mehr Leute arbeiten wollen!). Genau so plausibel ist, dass zu einem Lohn, der lediglich das physische Existenzminimum sichert, beliebig viele Leute bereit sind zu arbeiten, nämlich dann, wenn sie keine Alternative haben bzw. die einzige Alternative verhungern wäre.

Die These, dass der Arbeitgeber solange Leute einstellt, bis der Grenzerlös des letzten Arbeiters genau dem Lohn entspricht (jenseits dieses Punktes würde der Unternehmer ja mit jedem weiteren Arbeiter Verluste einfahren) ist dann zwar immer noch richtig, allerdings ist dieser Grenzerlös dann genau so hoch wie der Durchschnittserlös. Alle verdienen das Gleiche, eben den gerade noch existenzsichernden Lohn. Das ist der Fall, der der Theorie von David Ricardo zugrunde liegt.

Würde man den 1,4 Millionen Hartz IV Aufstockern erzählen, dass sie bezüglich der Arbeitsaufnahme frei sind, dann kämen die sich wahrscheinlich etwas verarscht vor.

Die These impliziert, dass Arbeit bei einem Lohnniveau knapp wird, das über dem Existenzminimum liegt. Nur dann können die Arbeiter einen Lohn über dem Existenzminimum durchsetzen, weil andernfalls die Arbeitgeber keine Arbeiter mehr bekommen würden. Die These ist also nur richtig, wenn die ARBEITGEBER miteinander konkurrieren.

Gleichermaßen verarscht würden sich die Tagelöhner in Indien vorkommen, wenn man ihnen erzählen würde, dass sie zu einem gerade noch existenzsichernden Lohn ja nicht arbeiten müssen, sie haben ja noch die Alternative ihre Freiheit zu genießen und zu verhungern.

Die behauptete Freiheit erklärt, warum mit steigendem Lohn auch mehr Leute arbeiten wollen. Je höher der Lohn, desto eher sind sie bereit zu arbeiten. Ist aber das Lohnniveau so niedrig, dass alle arbeiten müssen und als einzige Alternative verhungern bleibt, dann bieten zu einem bestimmten Lohn unendliche viele Leute ihre Arbeit an.

Die Parallelität zum Gütermarkt, bzw. Gütermärkten, bzw. Geldmarkt, bzw. im neoklassischen Hokuspokus Kapitalmarkt, ist nicht gegeben. Das Gleichgewicht auf den Gütermärkten ist logisch und nachvollziehbar, weil auf der Nachfrageseite, zumindest wenn es sich nicht um Grundnahrungsmittel handelt, tatsächlich ein Freiheitsgrad besteht und sich in der Nachfrage ganz unstrittig persönliche Präferenzen ausdrücken.

Auf den Gütermärkten hat der Gleichgewichtspreis auch eine hohe Erklärungskraft, denn er beschreibt komplexe Anpassungsmechanismen innerhalb eines Spektrums von Tausenden von Gütern und Produktionsfaktoren. Genau diese Anpassungsmechanismen beschreibt der Arbeitsmarkt aber nicht, denn die einzige Alternative ist die hypothetisch eingeführte Freizeit bei den Anbietern von Arbeit (den Leuten, die Arbeit suchen).

Alternativen haben lediglich die Arbeitgeber, sie können Arbeit durch Maschinen ersetzen bzw. die Produktion stoppen.

Ist die Menge an Arbeit nur noch abhängig vom Grenzerlös / Lohn, dann werden die entscheidenden Zusammenhänge, die Frage, wovon die Höhe des Lohnes / Grenzerlöses der Arbeit abhängt, aus dem Modell hinausexpediert, denn der Grenzerlös ist dann lediglich ein Datum.

Das Modell unterstellt etwas als banal, nämlich den abnehmenden Grenzerlös der Arbeit, was absolut nicht banal ist. In Anbetracht der Bedeutung des Arbeitsmarktes im neoklassischen Modell, ist das sogar fatal.

[Wir werden jetzt nicht x Mal wiederholen, dass wir die Subsummierung unterschiedlicher Strömungen unter den Begriff Neoklassik wenig sinnvoll finden. Wir werden auf das Thema im Kapitel Neoklassik näher eingehen, siehe Neoklassik.]

Die Neoklassik geht davon aus, dass Vollbeschäftigung auf dem Gütermarkt herrscht, also alle, die zu einem gegebenen Lohn arbeiten wollen, auch arbeiten. Die anderen liegen in der Sonne und sind ebenfalls glücklich, ziehen es, bei dem gebenenen Gleichgewichtslohn, aber vor zu faulenzen.

Die Leute, die arbeiten, arbeiten nur so viel, wie sie auch anschließend entweder konsumieren oder sparen wollen. Da aber der Zins Sparen und Investieren zum Ausgleich bringt, nach den irrigen Vorstellungen der Klassik / Neoklassik, wird alles Geld, das verdient wird, auch verknuspert.

Damit befinden sich dann alle Märkte im Gleichgewicht. Das ganze neoklassische Modell ist also locker in drei Zeilen darstellbar, leider ist es vollkommener Mumpitz von A bis Z. Bis auf eine Annahme, nämlich der, dass der Lohn nicht höher sein kann als der Grenzerlös der Arbeit, wird bei Keynes keine einzige Annahme der Klassik / Neoklassik überleben, siehe Keynes.

Die Neoklassik hat im Übrigen auch ihre Beziehung zu David Ricardo nicht geklärt. Bei David Ricardo ist es schlicht so, dass jeder Lohn, der mehr als existenzsichernd ist, zu einer Zunahme der Bevölkerung und damit zu einem Druck auf die Löhne führt. Die Leute sind also entweder tot oder arbeiten. In dieser Version ist die Vorstellung richtig, allerdings eine äußerst triviale Binse, siehe David Ricardo. Die Neoklassik hätte erstmal nachweisen müssen, dass der Grenzerlös der Arbeit und damit der Lohn das Existenzminimum überschreitet. Dann wäre eine gehaltvolle Aussage daraus geworden. (Wir bezweifeln nicht, dass dies der Fall ist, die Löhne heute deutlich höher sind als das physische Existenzminimum. Allerdings bietet die Neoklassik gar keine Erklärung, warum das so ist. Der Fortschritt hat ohne sie stattgefunden.)

Desweiteren ist das Modell empirisch nicht überprüfbar, denn jede Arbeitslosigkeit könnte als freiwillige Arbeitslosigkeit interpretiert werden, die Arbeitslosen ziehen es bei diesem gleichgewichtigen Lohn eben vor, in der Sonne zu liegen.

Es ist nun unstrittig richtig, dass man das gleiche Argument auch gegen gleichgewichtige Gütermärkte vorbringen könnte, insbesondere wenn es sich um Märkte für Grundnahrungsmittel handelt. Es ist schlicht Unsinn, einen Preis für 1 kg Reis als gleichgewichtig zu bezeichnen, wenn dieser so hoch ist, dass die Leute verhungern. Der gleichgewichtige Preis ist dann eine Tautologie, denn über den Tod des "Nachfrageüberschusses" spielt sich natürlich der gleichgewichtige Preis ein.

Besonders suggestiv sind diese Überlegungen aber nicht, denn in entwickelten Volkswirtschaften spielen schon "echte" Präferenzen eine Rolle. Man kann sich ein Smartphone kaufen, oder eben noch eine Weile mit dem Handy telefonieren und dafür nach Mallorca fliegen.

Bei dem Segment des Arbeitsmarktes, und das gilt auch für entwickelte Volkswirtschaften, gibt es aber weitgehend keine Handlungsoptionen und da wo dieses Problem richtig virulent ist, also in Entwicklungsländern, geht es um Leben und Tod. Hier von "Präferenzen" für Freizeit zu sprechen, ist eine Verhöhnung.

Und zu guter letzt ist auch noch der Quark mit I = S vollkommener Dünnsinn, denn ein 100 Euro Schein, den sich die Leute vom Mund absparen und brav zur Bank bringen, unterscheidet sich eben nun mal gar nicht von einem 100 Euro Schein, den die EZB schlicht druckt, bzw. über Giralgeld geschöpft wird, ohne das irgendjemand, irgendwo gespart hätte.

Das wirft dann die letzte, eigentlich entscheidende Frage auf. Ist die dozierende Ökokaste tatsächlich so dämlich, dass sie glaubt, jahrzentelang alle Jahre wieder diesen Hokuspokus in irgendwelche Lehrbücher zur Makroökonomie pinseln zu müssen?

Ist es schlicht ideologischer Quark oder werden die Lehrbuch Autoren pro vollgepinselte Seite bezahlt? Richtig an der These ist nur, dass in dem Moment, wo der Lohn vom Grenzerlös völlig losgelöst ist, wie bei der dozierenden Ökokaste, das sind ja Beamte, das hat mit Markt gar nichts zu tun, wir zerebrale Auflösungserscheinungen konstatieren können. Wie man jahrzentelang so einen Dünnsinn ex cathedra verkünden kann, ist ein Rätsel; vor allem wenn sich in Geschichte und Gegenwart mühelos Beispiele finden lassen, bei denen sich der Lohn eben nicht vom Existenzminimum, in vielen Ländern sogar vom physischen Existenminimum, löst.

Auch Ideologie wird ein Thema sein. Im Kapitel Karl Marx werden wir, live in colour, die Ideologie am noch lebenden Subjekt untersuchen können, denn da reicht sie bis unmittelbar in unsere Zeit hinein. Ob die Ideologie rechts, links, oben oder unten ist, ist egal.

Hinsichtlich des Kapitalmarktes ist das neoklassische Modell, bedingt durch die Tatsache, dass dieser Blödsinn in jedem Lehrbuch steht, ein interessantes Phänomen. Es gibt keinen Kapitalmarkt. Es gibt nur einen Geldmarkt, siehe Keynes.

Die Analyse dieses Phänomens sollte man jetzt Psychologen überlassen. Die Analyse des Irrsins, des Intelligenzquotienten der dozierenden Ökokaste oder der ideologischen Verbortheit ist nicht Gegenstand der Volkswirtschaftslehre. Das ist ein Thema für die Psychologie oder die Soziologie.

Hinsichtlich des Arbeitsmarktes zeigt uns unsere Alltagserfahrung, dass ab einer gewissen Lohnhöhe und wenn wir von institutionellen Rahmenbedingungen absehen, es durchaus denkbar ist und auch häufig vorkommt, dass Menschen ab einem gewissen Lebensstandard sich für mehr Freizeit und weniger Einkommen entscheiden, bzw. für eine Tätigkeit, die zwar weniger lukrativ ist, dafür aber mehr Spaß macht.

Eine mit Preisen auf Gütermärkten vergleichbare Funktion hat der Lohn nur im Hinblick auf die einzelnen Segmente des Gütermarktes.
Jeder weiß, dass sich für die verschiedenen Berufe Marktpreise bilden und dieser Lohnfindungsprozess nach ähnlichen Mustern abläuft, wie der Preisfindungsprozess auf den Gütermärkten.

Hohe Löhne, attraktive Arbeitsbedingungen werden Leute dazu bringen, sich in den entsprechenden Berufen zu qualifizieren, niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen, werden Leute dazu veranlassen, sich nach Alternativen umzuschauen. Die Präferenz für Freizeit ist hier ein Kriterium unter vielen.

Das Grundproblem ist im Grunde wieder ähnlich wie oben beschrieben. Eingang in das Modell finden Effekte, aber keine Ursachen. In sehr primitiven Wirtschaften ist es denkbar, dass Arbeit als homogener Faktor gedacht werden kann, eine Unterscheidung zwischen einzelnen Sektoren also nicht nötig ist. Anders formuliert: Es gibt nur einen Lohn, weil Lohndifferenzen sofort durch Zu- und Abgang ausgeglichen werden, da es strukturell keine Hindernisse gibt. Solange das der Fall ist, ist das Modell, unter den genannten Einschränkungen, brauchbar.

Bei hochkomplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften, ist der einheitliche Lohn natürlich nonsense, weil der Zu- und Abgang durch strukturelle Probleme verhindert wird und ein Ausgleich nur über Jahre bzw. Jahrzente möglich ist. Da die Analyse struktureller Probleme, z.B. Umbau von universitären Lehrplänen, effiziente Organisation des Studium, Einsatz von e-learning, nicht mathematisch modellierbar ist, bleibt sie außen vor. Das heißt von der Ursache der Effekte wird abstrahiert. Wir erhalten merkwürdige Aussagen. De facto haben wir nämlich nie ein allgemeines Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt, wir haben Ungleichgewichte auf Teilmärkten.

Im Grunde das gleiche Problem wie bei David Ricardo. Das ursprüngliche Modell beschreibt die Beziehung zwischen Effekten, die nur solange richtig sind, wie die Ursachen, die die Effekte hervorbringen, konstant sind. Ist das nicht mehr der Fall, erhalten wir Modelle ohne jede Aussagekraft.

Ein Gleichgewichtslohn lässt sich folglich auch nur für die Branchen ermitteln, wo tatsächlich Handlungsoptionen bestehen. In den Bereichen, wo diese nicht bestehen, wo die Leute also nicht zum Marktlohn arbeiten können, sondern müssen, ist es sinnlos, von einem Gleichgewichtslohn zu sprechen.

Die Aggregierung zu einem gesamtwirtschaftlichen gleichgewichten Lohn bringt nichts, weil über die Höhe dieses Lohnes nichts gesagt wird. Der gleichgewichtige Lohn auf spezifischen Märkten hat einen Aussagewert, weil sich damit Allokationswirkungen beschreiben lassen.

Die Aggregation bringt nichts, weil wir uns für die Höhe interessieren. Wir interessieren uns in der öffentlichen Diskussion nicht für hochaggregierte Größen, wir interessieren uns für Sektoren, denn nur in Sektoren herrscht Arbeitslosigkeit.

Verdient die Friseuse 4 Euro die Stunde und der Top Programmierer 400 Euro die Stunde, dann bringt die Aggregation nichts. Ein allgemeiner Schwall über Grenzproduktivität der Arbeit gemittelt über die Gesamtwirtschaft bringt nichts.

Der Markt ist zwar im arithmetischen Mittel im Gleichgewicht, aber die einen verhungern. Das neoklassische Modell ist eine Nonsense Aussage, weil de facto jeder Lohn ein gleichgewichtiger Lohn sein kann.

Nimmt man es ganz genau, dann ist der hochaggregierte Arbeitsmarkt der Neoklassik derselbe Blödsinn wie die durchschnittliche Arbeit bei Marx. Wir sehen hier ein Muster, das wir noch oft sehen werden. Nimmt man zur Kenntnis, dass es DEN Arbeitsmarkt schlicht nicht gibt, sondern lediglich Arbeitsmärkte, dann muss man akzeptieren, dass es außerökonomische Zusammenhänge gibt, insbesondere Bildung, die diese Arbeitsmärkte beeinflussen. Die mathematische Modellierung ist dann nicht mehr möglich und Sachverhalte, die sich der mathematischen Modellierung verweigern, bleiben oft unberücksichtigt, wir werden das noch öfter sehen.

Mit derselben Begründung, mit der man von einem gleichgewichtigen Lohn spricht, könnte man auch von einem gleichgewichtigen Preis für Elektrogeräte sprechen, also einem Durchschnittspreis aus den Preisen für Waschmaschinen, Smartphones und Lichtmaschinen für Autos.

Es ist ein äußerst skurriles Phänomen, dass man Keynes den Vorwurf macht, die Bedeutung der Allokation nicht ausreichend zu berücksichtigen. Die Aggregation ist der Weg zur Planwirtschaft, die ist aber eben gerade keine Erfindung von Keynes. Keynes äußert sich da weit differenzierter. Die Aggregation ist eine Idee der klassischen und der neoklassischen Theorie.

Da es um Sektoren geht, bietet die Neoklassik auch keinerlei Ansatzpunkte für Lösungen. Im hochaggregierten System sind alle Märkte immer im Gleichgewicht, was auch dann noch der Fall ist, wenn in einigen sektoralen Märkten das endgültige Gleichgewicht erreicht ist, das einzige, wo das Gleichgewicht nicht mehr hervorgeht aus der Balance unterschiedlicher Kräfte, sondern ohne Kampf errungen wird, das echte endgültige Gleichgewicht also, die tiefste Ruhe, der Tod.

Was uns also interessiert, ist die Höhe des Grenzerlöses, die Produkutivität der Arbeit in einzelnen Sektoren und wie man diese beeinflußen kann. Die vielgepriesene Marginalanalyse ist letztlich nichts anderes, als eine Präzisierung der Ideen, die wir bereits bei Adam Smith finden, siehe natürlicher Preise / Marktpreis.

Wir interessieren uns für die Variablen, Bildungsniveau, Innovationskraft, Vernetzung, Transparenz die, da modellhaft nicht darstellbar, schlicht eliminiert werden, siehe Präliminarien. Wir interessieren uns für kausale Zusammenhänge, nicht für die reine Beschreibung, die obendrein lediglich eine Tendenz beschreibt, aber keine quantitativen Aussagen macht. Die Tendenz allerdings ist so allgemeingültig, dass sie immer gilt, so dass der Erkenntniswert Null ist.

Die hochaggregierten Größen versperren den Blick auf die Ursachen. Wir haben Probleme in Teilbereichen des Arbeitsmarktes und die Lösung liegt in der Analyse dieser Teilmärkte, wobei wir es dann mit Parametern zu tun haben, die außerhalb der VWL liegen. Unter diesem Gesichtspunkt sind alle Definitionen des Erkenntnisobjektes der VWL, siehe Alfred Marshall, Léon Walras, Vilfredo Pareto und die unzähligen Ähnlichen problematisch. Die Lösung zahlreicher ökonomischer Probleme hat mit Parametern zu tun, von denen die Volkswirtschaftlehre, zumindest in der Trivialvariante, wie wir sie heute in den Lehrbüchern finden, abstrahiert.

Man muss jetzt nicht allzuviel Phantasie haben, um sich klar zu machen, dass die Vorstellungen der Neoklassik eher zu vollständigem Chaos führen als zu "gleichgewichtigen" Märkten, wenn die Innovationskraft einer Gesellschaft nicht ausreicht, um produktive Arbeitsplätze, also Arbeitsplätze, die deutlich mehr als das physische Existenminimum sichern, in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Anzunehmen ist, dass Familie Ricardo irgendwann am nächsten Baum aufgehängt worden wäre, wenn die Ansichten David Ricardos sich bewahrheitet hätten. Gesellschaften, wie er sie seinen Analysen zugrunde legt, sind extrem instabil.

Die Aussage, dass eine sich selbst überlassene Wirtschaft zu den besten aller Welten führt, kann man diesem Modell beim besten Willen nicht entnehmen, wobei man nicht mal Keynes braucht, um die Unzulänglichkeiten dieses Modells zu erkennen. Uns interessiert weniger die Frage, ob sich ein Gleichgewicht einspielt, als die Höhe, auf welchem sich dieses einspielt. Die Neoklassiker, insbesondere Walras und Pareto, sind unglaublich stolz, wenn sie allgemeine, immer geltende ökonomische Gesetze gefunden haben. Das Problem ist, dass allgemeine ökonomische Gesetze, die in Bolivien genau so gelten wie in Kanada, in Papua Neuguinea wie in der Bundesrepublik, eben entsetzlich trivial sind.

Es reicht sich klar zu machen, dass auch in Ghana ein Gleichgewicht auf allen Märkten besteht, auch wenn die Leute dort verhungern. Dass ein Gleichgewicht auf allen Märkten auch in Ghana besteht, entnimmt der Autor der simplen Tatsache, dass immer und überall ein Gleichgewicht auf allen Märkten im Sinne der Neoklassik besteht. Sollten in Ghana Leute verhungern, haben sie von ihrer Freiheit zu einem bestimmten, als zu niedrig empfundenem, Lohn nicht zu arbeiten Gebrauch gemacht und sind verhungert. Sie sind also nicht mehr arbeitslos. Diese These ist richtig, wir brauchen keinerlei weitere Informationen zu Ghana.

Wir befinden uns also irgendwo zwischen Skylla und Charibdis. Staat bedeutet, dass wenige über gewaltige Ressourcen verfügen, ohne Fehlentscheidungen verantworten zu müssen und ohne dass die Möglichkeit besteht, die Effizienz zu beurteilen. Leistungsanreize fehlen bzw. werden fehlgeleitet (Ausbau von Bürokratien, Verfolgung von Partikularinteressen). Leute entscheiden über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Wir erleben aber auch, dass die Märkte alleine ziemlich unbefriedigende Ergebnisse zeitigen können. Auf der anderen Seite gibt es Bereiche, die wohl nur der Staat organisieren kann, wir kommen später, bei Milton Friedman, auf das Thema zurück.

Was wir also bräuchten sind Kriterien, die uns zeigen, wann staatliches Handeln opportun ist.

Nicht opportun ist es mit Sicherheit immer dann, wenn der Markt klare Signale setzt. Seit Adam Smith hat man nun eine unendliche Fülle an Argumenten gefunden, warum diese Knappheitssignale zu verändern sind, Internalisierung externer Kosten, Schutz bestimmter Branchen, Gesundheit, meritorische Güter (Leute konsumieren nach Ansicht des Staates zu wenig davon), öffentliche Güter (niemand kann von der Nutzung ausgeschlossen werden) etc..

All diese Argumente wären akzeptabel, wenn die konkrete Absicht, die Wirkungsweise, die Kosten, die Fehlallokationen, ungewollte Nebenwirkungen etc. öffentlich diskutiert würden, was aber nicht geschieht. Was vielleicht gut gemeint war, bekommt schnell eine Eigendynamik, die von niemandem mehr kontrolliert wird.

Die Wenigsten wissen zum Beispiel, dass auf Zucker aus Regionen außerhalb der EU Zoll zu zahlen ist, geschweige denn, dass über die erheblichen Auswirkungen solcher Maßnahmen auf Drittländer öffentlich debatiert wird.

Die Fülle an Gründen, die man inzwischen für staatliche Interventionen gefunden hat und die nicht genau definierten Zuständigkeiten, Länder / Bund / EU, wobei die unklaren Zuständigkeiten, wie z.B. beim gescheiterten Meldegesetz nach dem Motto "wir waren es doch gar nicht" auch noch instrumentalisiert werden, lassen den Staat zu einem undurchschaubaren, unkontrollierbaren Moloch werden. Die Frage, wieviel staatliche Intervention noch nutzt und frommt, wird kaum zu beantworten sein. Klar ist jedoch, dass die Transparenz mit zunehmender Staatstätigkeit Schritt halten muss, siehe Die Politik und die Volkswirtschaftslehre.

Adam Smith nennt im Grunde nur fünf Bereiche staatlicher Aktivität: Verteidigung, Bildung, Justizwesen, Repräsentation, Infrastrukturmaßnahmen.

Verteidigung

Was die Verteidigung angeht, fehlt im jetzt wohl etwas der Durchblick durch Geschichte.

THE FIRST DUTY of the sovereign, that of protecting the society from the violence and invasion of other independent societies, can be performed only by means of a military force. But the expense both of preparing this military force in time of peace, and of employing it in time of war, is very different in the different states of society, in the different periods of improvement. Die Hauptaufgabe eines Souveräns, die Gesellschaft vor der Gewaltätigkeit und Invasion anderer unabhängiger Gesellschaften zu schützen, kann nur durch militärische Stärke gewährleistet werden. Der Aufwand diese militärische Macht in Friedenzeiten vorzubereiten und sie in Kriegszeiten einzusetzen ist aber sehr unterschiedlich in den jeweiligen Stadien der Gesellschaft und Entwicklungsstufen.

aus: Book V, Chapter I

Dass die Verteidigung gegen FREMDE Völker die wichtigste Aufgabe des Souveräns ist, ist jetzt natürlich in Anbetracht der unmittelbar in die Lebenszeit von Adam Smith hineinreichenden geschichtlichen Ereignisse eine skurrile Aussage.

Alle Kriege unmittelbar vor der Lebenszeit von Adam Smith waren BÜRGERKRIEGE, bzw. dynastische Konflikte verschiedener englischer Thronanwärter, die teilweise religiös gerechtfertigt wurden.

Zwar eroberte Wilhelm von Oranien England, doch dies tat er mit der Zustimmung und auf Veranlassung des englischen Parlaments. In den Konflikten in Amerika zwischen England und Frankreich wurde auch nicht England angegriffen. Der letzte Konflikt mit einem anderen Staat lag fast 200 Jahre zurück, der Angriff der spanischen Armada, die 1588 vernichtend geschlagen wurde. Die Eroberung England durch die Normannen lag dann 700 Jahre zurück, und Fremdherrschaft ist da relativ, wahrscheinlich war Adam Smith selbst Normanne.

Julius Cäsar läuft dann in dem Zusammenhang außer Konkurrenz. Eine detaillierte Darstellung der englischen Geschichte findet sich hier Rock the Kings und nochmal detaillierter, weil es sich dann an ein englisches Publikum richtet, in der englischen Version dieser Seite.

Die Auseinandersetzungen mit dem napoleonischen Frankreich kann er nicht gemeint haben, denn das war er schon 15 Jahre tot.

Die Souveräne haben hier niemanden geschützt, allerdings wäre es besser gewesen, sie hätten gar keine Armeen gehabt.

Also mit der oben stehenden Aussage hätte er sich nicht gerade für den Job als UNO Generalsekretär qualifiziert, die Sicht ist da etwas undifferenziert. Diese Aussage könnte von Don Quijote stammen, so was Ähnliches steht auch im Don Quijote von Cervantes. Man sollte hierbei aber bedenken, dass es ein Wahnsinniger ist, der das Loblied auf das Soldatenum singt. Vergleichen wir mal Adam Smith mit der Suada von Quijote. Die Ähnlichkeit ist beeindruckend. Das grenzt an Plagiat, wobei dann aber Adam Smith von Cervantes abgeschrieben hätte und auch irdendwie den Witz nicht so richtig begriffen hätte.

The art of war, however, as it is certainly the noblest of all arts, so, in the progress of improvement, it necessarily becomes one of the most complicated among them. The state of the mechanical, as well as some other arts, with which it is necessarily connected, determines the degree of perfection to which it is capable of being carried at any particular time. Die Kriegskunst ist gewiss das edelste aller Handwerke und wird durch den Fortschritt der Technik auch eines der kompliziertesten Handwerke. Der Stand der Mechanik und einiger benachbarter Handwerke, die mit dieser in einem engen Zusammenhang stehen, bestimmt das Maß an Perfektion mit der sie zu einer bestimmten Zeit vorangetrieben werden kann.

aus: Book V, Chapter I

Sowas ähnliches sagt auch Don Quijote, aber der ist durchgeknallt, da sollte man nicht allzu viel drauf geben, bzw. man sollte sehen, dass Cervantes diese Worte einem Verrückten in den Mund gelegt hat.

Ahora no hay que dudar, sino que esta arte y ejercicio excede a todas aquellas y aquellos que los hombres inventaron, y tanto más se ha de tener en estima cuanto a más peligros está sujeto. Es kann nicht bestritten werden, dass dieses Handwerk und dieser Beruf alle die anderen, die Menschen ersonnen haben, überragt und desto mehr Hochachtung gebührt ihm, je größer die Gefahr ist, der er ausgesetzt ist.

Cervantes, Don Quijote de la Mancha, capítulo XXVII

Das Problem zieht sich aber durch. Selbst uns Bundespräsident Joachim Gauck, wir schreiben immer noch das Jahre 2012, ist der Meinung, dass die Bundeswehrsoldaten "Mutbürger" sind und am Hindukusch unsere oder die Freiheit der Afghanen verteidigen. Alle diejenigen, die das nicht so sehen, drücken sich, so Gauck, vor den existentiellen Fragen von Leben und Tod. Die Formulierung ist jetzt ungemein kurios. Wer nicht sinnfrei durch die Gegend ballert und Leute abknallt, der drückt sich vor den existentiellen Fragen von Leben und Tod. Unter diesen Auspizien drücken sich nur die Amokläufer nicht vor diesen existentiellen Fragen.

Wie Adam Smith auf die Idee kommt, dass das Kriegshandwerk die Edelste aller Künste sei, bleibt sein persönliches Geheimnis und es kann auch bezweifelt werden, dass seine schottischen Landsleute, die in den dynastischen Auseinandersetzungen zwischen den letzten Stuarts und den damals regierenden Töchtern von Wilhelm von Oranien instrumentalisiert wurden, diese Ansicht teilen.

Schaut man sich die Lieder an, siehe www.classic-rocks.com, wird man eher feststellen, dass die Leute, die unter den Bürgerkriegen gelitten haben, keineswegs der Meinung sind, dass das Kriegshandwerk die Edelste aller Künste sei. Der Tenor zieht sich im Übrigen durch alle englischen Volkslieder mit historischem Background und davon gibt es eine unendliche Masse. Sie sind geprägt von Sarkasmus, Hohn und Spott. Verteidigung, im 18 / 19 Jahrhundert könnte man auch von Expansion durch militärische Macht sprechen, gilt auf jeden Fall heute wie damals als genuin staatliche Aufgabe.

Wer will, kann die heutige Darstellung etwas präziser finden. Bei "Leistungen" wie der Verteidigung, spricht man von einem öffentlichen Gut. Das heißt, dass niemand, von der Nutzung dieses Gutes ausgeschlossen werden kann und folglich auch niemand dafür bezahlen wird.

"Ausgeschlossen werden kann" ist hier zweideutig, man kann auch nicht darauf verzichten. In Anbetracht der Tatsache, dass der letzte Angriff auf die Bundesrepublik Deutschland durch fremde Völker 58 vor Christus erfolgte und alle weiteren Kriege dynastische Auseinandersetzungen waren, würde der Autor gerne darauf verzichten, verteidigt zu werden, was aber leider nicht möglich ist.

Die napoleonischen Kriege waren eine Antwort des revolutionären Frankreichs auf einen Angriffskrieg seitens Österreichs und Preussens. Die Verteidigung ist also eher ein öffentliches Ungut, also etwas, mit dem man zwangsweise beglückt wird.

Sollten tatsächlich mal die Marsmenschen die Erde angreifen, wovon wir nicht ausgehen, denn der ökonomische Nutzen wäre Null und ein rationales Verhalten können wir unterstellen, dann wird der arme Unterleutnant aus Unterpfaffenhofen so desorientiert in der Landschaft rumstehen wie jetzt am Hindukusch.

Im Übrigen entwickelt dieses öffentliche Ungut eine Eigendynamik. Da zwangläufig die Waffenproduzenten mangels Feind arbeitslos werden, besteht eine Tendenz, diese Systeme an alle möglichen Länder zu liefern, zum Beispiel Griechenland, die diese Systeme bestenfalls nicht brauchen, dann ist es lediglich rausgeschmissenes Geld und schlimmstenfalls dafür verwenden, Konflikte zu lösen, die man ohne den Ankauf dieser Systeme und Investitionen in sinnvolle Projekte gar nicht hätte. Griechenland stünde besser da, wenn sie keine deutschen U-Boote, sondern Thermo Solaranlagen gekauft hätten.

Eine Einführung in die allgemeine Volkswirtschaftlehre könnte Konflikte weltweit entschärfen. Man kann da lernen, Konflikte rational zu analysieren und auf den ökonomischen Kern zurückzuführen. Der homo oeconomicus würde weder einen ökonomischen Konflikt, und das sind ja im Grunde alle Konflikte zwischen Gruppen, zu einem Religionskrieg hochstilisieren, noch würde er Länder erobern, weil das ökonomisch nichts bringt, noch würde er mit einem Milliardenaufwand sich gegen nicht vorhandene Feinde verteidigen. Im Übrigen, und das macht ihn so sympathisch, ist der homo oeconomicus natürlich ein vaterlandsloser Geselle. Der macht Business, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Das Vaterland geht ihm dabei vollkommen am Arsch vorbei.

Bildung

Das Thema Bildung handelt er nun weitgehend "klassisch" ab, so ähnlich findet man das auch in Lehrbüchern. Er versucht, das tun Volkswirte nun mal, das Thema systemisch einzuordnen. Dabei stellt sich dann erstmal die Frage, wer das System finanzieren soll.

Die Beschreibung des Zustandes, der sich aus der Finanzierung durch den Staat ergibt, erscheint hierbei topaktuell. Diskutieren kann man über seinen Lösungsansatz, wobei der Leser sich natürlich denken kann, was er als Lösung vorschlägt. Dass seine Zustandsbeschreibung nun ausgerechnet auf Fächer wie Volkswirtschaftslehre am genauesten zutrifft, wird die dozierende Ökokaste kaum berühren, denn wahrscheinlich haben die wenigstens dieser Kaste das Werk mal im Orginal gelesen. Nachdem er konstatiert hat, dass das Bildungswesen inhaltlich und didaktisch in einem katastrophalen Zustand ist, erklärt er auch den Grund hierfür.

The endowments of schools and colleges have necessarily diminished, more or less, the necessity of application in the teachers. Their subsistence, so far as it arises from their salaries, is evidently derived from a fund, altogether independent of their success and reputation in their particular professions. In some universities, the salary makes but a part, and frequently but a small part, of the emoluments of the teacher, of which the greater part arises from the honoraries or fees of his pupils. The necessity of application, though always more or less diminished, is not, in this case, entirely taken away. Reputation in his profession is still of some importance to him, and he still has some dependency upon the affection, gratitude, and favourable report of those who have attended upon his instructions; and these favourable sentiments he is likely to gain in no way so well as by deserving them, that is, by the abilities and diligence with which he discharges every part of his duty. In other universities, the teacher is prohibited from receiving any honorary or fee from his pupils, and his salary constitutes the whole of the revenue which he derives from his office. His interest is, in this case, set as directly in opposition to his duty as it is possible to set it. Die Zuschüsse für Schulen und Universitäten haben logischerweise die Notwendigkeit für die Lehrer sich zu engagieren mehr oder weniger verringert. Ihr Unterhalt, insoweit es ihr Gehalt betrifft, kommt aus einem Fond, der von dem Erfolg und ihrem Ruf im jeweiligen Fach völlig unabhängig ist. An manchen Universitäten macht das Gehalt nur einen Teil, oft sogar nur einen kleinen Teil der Einkünfte der Lehrer aus, der größere Teil stammt aus den Zuwendungen oder Gebühren der Schüler. Die Notwendigkeit sich zu engagieren ist dann zwar auch mehr oder weniger geringer, jedoch nicht vollkommen weg. Der Ruf, den er in seinem Fach genießt, hat noch eine gewisse Bedeutung für ihn und in gewissen Maße ist er noch abhängig von der Zuneigung, Dankbarkeit und positiver Werbung all jener, die seinem Unterricht beigewohnt haben, wobei er wahrscheinlich diese Achtung durch nichts einfacher gewinnen kann, als sie sich zu verdienen, also durch die Fähigkeit und Eifer mit der er jeden Teil seiner Pflichten erfüllt. An anderen Universitäten ist es dem Lehrer nicht gestattet, Zuwendungen oder Gebühren von seinen Schülern anzunehmen und sein gesamtes Gehalt stammt aus dem Einkommen, welches er durch seine Anstellung bezieht. Sein Interesse steht in diesem Fall so direkt wie nur möglich in völligem Gegensatz zu seinen Pflichten.

aus: Book V, Chapter I, Art. III

Die Analyse ist erstmal zutreffend. Das galt 1776 und es gilt ohne Einschränkungen heute noch, siehe auch Besondere Probleme bei der Darstellung von VWL Themen.

Auch heute noch lesen Vertreter der dozierenden Ökokaste ihr Buch vor, legen dreißig Jahre lang dieselben Folien auf den Tageslichtprojektor, reduzieren ihre Dozententätigkeit auf die Funktion des Moderators, lassen den Unterricht von Studis vorbereiten und lassen sich ausgiebig für "Forschungssemester" beurlauben.

Zu konstatieren ist auch die "Flucht in die Theorie". Die überwiegende Masse der dozierenden Ökokaste verfügt über keinerlei konkrete Berufserfahrung, ihr Lebenslauf ist Penne => Studi => Mittelbau => Prof.. Mit dem konkreten Berufsleben haben sie keinerlei Erfahrung und der beschränkte Wirkungskreis bewirkt obendrein noch, dass sie auch über sehr wenig Lebenserfahrung im Allgemeinen verfügen.

Ihre Karriere war nur durch maximale Anpassung möglich. Sie müssen den akademischen Ramsch wiederkäuen, weil sie sonst das System in Frage stellen würden und keinen Job bekämen, wobei ihre Handlungsalternativen mangels Qualifikation beschränkt sind. Wer das Phänomen in seiner ganzen Herrlichkeit betrachten will, der kann zu Karl Marx springen. Die subtile Mischung aus Trägheit, Angst, Mangel an Perspektiven, Hirnwäsche, Mangel an Persönlichkeit, die letztlich Ideologien konstituieren, kann man dort schöner betrachten.

Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, siehe oben, dass die Neoklassik, Alfred Marshall nehmen wir hier mal aus, auf eine Ansammlung von Tautologien hinausläuft. Aber man muss wohl persönlich in einer Situation sein, wo man mangels Alternativen sein Glück nur noch im akademischen Betrieb sieht, um Jahr für Jahr diesen Blödsinn zu erzählen und das auch noch auf totes Holz zu pressen.

Bei den Geisteswissenschaften, z.B. Romanistik, Anglistik, Altphilologie, Philosophie etc. ist es noch schlimmer. Jeder der hier versuchen würde, aus dem Kanon auszubrechen, hätte keine Chance, denn über seine Karriere wird nicht von Studenten entschieden, die für konkrete Hinweise, wie man das erlernte Wissen zur gesellschaftlich relevanten Angelegenheit machen und vielleicht sogar Geld damit verdienen kann, dankbar wären, sondern von Kadavern, die denselben Müll erzählen wollen bis zum jüngsten Gericht.

Weniger dramatisch ist die Situation naheliegenderweise in den Fächern, wo die Realität klare Anforderungen stellt, Medizin, Ingenieurswissenschaften, Informatik etc. und bei Fehlentwicklungen ein deutliches, mit Macht ausgestattes, Signal aus der Praxis kommt.

Mancher mag bei den Vorschlägen von Adam Smith an Studiengebühren denken. Deren Einführung wurde mit einer Verbesserung der Lehre gerechtfertigt, wobei völlig unklar ist, wieso die Lehre besser werden soll, wenn sich an der Qualifikation des dozierenden Personals und an der mangelnden Berufungspraxis nichts ändert. Wir kommen auf das Thema noch öfter zurück, zum Beispiel bei Alfred Marshall, siehe Bildung oder bei Milton Friedman.

Adam Smith sucht nach dem Parameter, der systemisch wirkt und mit dem sich das Gesamtsystem beeinflussen lässt. Der dürfte sich beim Großkomplex Bildung nicht finden lassen. Es werden unendlich viele kleine Schritte sein und das System kann von Innen heraus nicht reformiert werden. Die Ökokaste bestimmt selber über ihre Nachfolger und Kadaver werden Kadaver zu Nachfolgern wählen. Man sieht das sehr schön in der ehemaligen DDR. Ein Austausch war nur nach der Wende möglich, da wurden die Kadaver dann einfach abgesetzt. Bedauerlicherweise lediglich durch die Kadaver des Klassenfeindes ersetzt, das gibt sich also nicht viel.


Der Druck muss von Außen kommen. Denkbar und ohne jeden Anspruch, das Thema systematisch zu beleuchten, was wahrscheinlich sowieso nicht möglich ist.

Geisteswissenschaftler suchen ihr Glück überwiegend als Lehrer an Gymnasien. Dort werden sie mit einer Situation konfrontiert, die ihr gesamtes Studium als obsolet erscheinen lässt. Das wird langfristig zu einem Umdenken führen.

Mit Staatsexamensarbeiten vom Typ (reale Beispiele) "Der Kolonialroman als Spiegel der Ideologie Frankreichs gegen Ende der Dritten Republik", "Alfred Dreyfus: La victoire d'une victime. Eine Studie zur Rezeption der Dreyfus-Affäre im deutschsprachigen Raum", "Der wahre Ehrenmann. Untersuchungen zum Begriff der 'Sincérité' in der Entwicklung des Honnête-Homme'-Ideals am Beispiel der Komödien von Charles Rivière Dufresny", "George Sands Sozialroman Le Compagnon du Tour de France, Literatur als Medium für Gesellschaftskritik und Gesellschaftsideal" etc. etc. werden sie dort nicht glücklich.

Geisteswissenschaftliche Themen zu einer spannenden Sache zu machen, haben sie nie gelernt, meistens ist ihnen nicht mal aufgefallen, dass das überhaupt nötig ist.

Was die Schule angeht, ist das Problem aber noch nicht existentiell, denn ob sie die Schüler mit dem Müll zu Tode langweilen oder ob sich das tobende Leben wie Wotans Hammer in die Hirne der Kiddies einbrennt, ist weitgehend egal.

Da wir den Prozess der Entleerung von Inhalten zyklisch durchlaufen, stellt dies auch für die heutige Lehrergeneration kein psychisches Problem mehr da, denn den Unterschied zwischen tobendem Leben und akademischen Geschwätz ist dieser Generation schon gar nicht mehr bewusst, was wiederum für das System selbst konstitutiv ist und den Leerlauf beschleunigt. Wir kommen darauf bei Kulturindustrie oder Aufkärung als Massenbetrug zurück.

Problematisch und existentiell bedrohend ist es für die Leute, die keinen Lehrerjob ergattern konnten. Zwar sind geisteswissenschaftliche Inhalte in der Gesellschaft höchst präsent, aber an dieser öffentlichen Diskussion sind Geisteswissenschaftler nicht mehr beteiligt.

Eine tiefergehende Analyse findet sich auf der www.divina-commedia.de. Wie man Werke der klassischen Literatur so aufbereitet, dass deutlich wird, dass es sich um höchst relevante Inhalte handelt, haben wir mal exemplarisch hier gezeigt: Don Quijote reloaded. Im Bereich der Geisteswissenschaften wird es nur einen Weg geben, die Systeme zu ändern. Man kann die Jungs und Mädels nur über konkrete Beispiele auf den Pfad der Tugend zurückführen. Man kann nur durch konkrete Beispiele, wobei es an einem Wink mit dem Zaunpfahl und dem Hinweis, dass ein "weiter so" in die gesellschaftliche Irrelevanz und den ökonomischen Tod führt, nicht fehlen darf, zeigen, wie man geisteswissenschaftliche Inhalte zu einer spannenden Sache machen kann.

Das setzt auch voraus, dass man den Jungs und Mädels von der Geistesfront durch Beispiele erläutert, dass die Aufbereitung solcher Inhalte Kooperation mit allen möglichen anderen Leuten erfordert: Musikern, Designern, Programmierern, Tonstudios, Graphiker, Tänzern etc. etc.., und dass man auch Ahnung haben muss von Marketing und Vertrieb.

Es reicht eben nicht mehr eine Seminararbeit über die Frage, ob Julien Sorel in Le Rouge et le Noir Madame Rênal geliebt hat oder nicht, zusammenzukopieren.

Da für eine marktrelevante Lehre allerdings die trüben Tassen, die im Moment durch die Flure der geisteswissenschaftlichen Seminare schlurfen, komplett ausgetauscht werden müssen, diese Gespenster sich aber durch die Art der Berufung selber reproduzieren, wird das ein lang anhaltender Prozess.

Denkbar ist höchstens, was im Bereich Geisteswissenschaften massiv passiert, dass man die Seminare einfach schließt, bzw. die Professorenstellen zusammenstreicht und mit dem Geld völlig neue Fakultäten schafft. Die Studis selbst, das zeigt ebenfalls die Entwicklung der letzten Jahre, sind mit diesen Prozessen ebenfalls überfordert.

Jede Schließung führt zu Demonstrationen und einem Gejammere über den bösen Kapitalismus, der nur wertschätzt, was Geld in die Kasse spült. Sie erkennen nicht, dass ihr Betrieb schon seit rund 50 Jahren im Leerlauf läuft. Die Nuss ist also nur durch konkrete Beispiele zu knacken, die zeigen, wie man geisteswissenschaftliche Inhalte zu einer interessanten Sache macht. Dann ergeben sich auch ökonomische Perspektiven.

Was für die Geisteswissenschaften gilt, gilt in geringerem Maße auch für die Ökokaste. Macht sie so weiter wie bisher, wird sie dieser auf dem Weg in die Irrelevanz folgen und auf die Irrelevanz folgt der Entzug von staatlichen Zuwendungen und der ökonomische Tod.

Durch den Bachelor Studiengang, der Volkswirtschaftlehre auf das Hin- und Herschieben von ein paar Kurven reduziert und das Fach dann endgültig in eine Parallelwelt verschoben hat, hat sie selbst hierzu einen Beitrag geleistet, siehe Besondere Probleme bei der Darstellung von VWL Themen.

Obwohl sich die Gesellschaft, bedingt durch permanente Krisen aller Art, intensiv mit volkswirtschaftlichen Fragen beschäftigt, kann die Volkswirtschaftslehre zu dieser Diskussion keinen Beitrag leisten, siehe Du sollst die Dinge auf den Punkt bringen.

Das ewige Geplappere im Stil und der Argumentationshöhe von "die Verschuldung hat die Krise bewirkt, folglich kann ein deficit spending à la Keynes nicht die Lösung sein" fasziniert jetzt natürlich niemand, wobei man sich bei solchen Aussagen natürlich auf fragt, ob die Jungs- und Mädels Keynes im Orginal gelesen haben oder nur die paar Kurven kennen, die in den Lehrbüchern zur Makroökonomie stehen. Auch hier kann man versuchen, über konkrete Beispiele die Jungs und Mädels auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Alternativ kann man die volkswirtschaftlichen und kaufmännischen Fakultäten auch schließen und parallel Fakultäten aufbauen, die eher technisch orientiert sind (Wirtschaftsingenieurswesen), denn dann wäre über die Praxis eine Bremse eingebaut.

Es sind durchgehend die Fächer, bei denen die Praxis keine eindeutigen Signale liefert, über deren Relevanz / Irrelevanz öffentlich debatiert wird. Kann man das Problem, also mangelndes Engagement, mangelnde Berufserfahrung, nicht mit best practice Beispielen, öffentlicher Bewertung von Professoren / Lehrern (Initiativen wie www.meinprof.de) lösen, dann bleibt nur die Lösung über öffentlichen Druck die Politik zum Handeln zu zwingen.

Eine Finanzierung der Lehrstühle über Studiengebühren würde nichts bringen und bringt ja auch faktisch nichts. Studiengebühren haben keinerlei Alloktionswirkung und können diese auch gar nicht haben. Ein Zusammenhang zwischen einer konkreten Fakultät oder sogar einem konkreten Prof besteht nicht. Dieser würde bestehen, wenn man den Erfolg einer Fakultät anhand harter Daten misst, also den beruflichen Erfolg der Absolventen an einer bestimmten Uni ermittelt und veröffentlicht. Nur das würde es erlauben, Mittel in effizientere Bereiche umzuschichten.

Solange das dozierende Personal verbeamtet ist, haben Studiengebühren keine Allokationswirkung.

Die Argumentation der Professoren, vornehmlich aus der Ökokaste, ist jetzt natürlich skurril. Sie argumentieren marktwirtschaftlich, wobei sie natürlich jede Maßnahme wie die oben beschriebene, Ausweis des Erfolges anhand der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt, die tatsächlich marktwirtschaftlich wäre, ablehnen.

Die meisten Professoren, überwiegend VWLer, die sich für Studiengeführen aussprechen, argumentieren damit, dass Studiengebühren gerechtfertigt seien, weil Akademiker mehr verdienen und eine solche Gebühr, hier zitieren sie die USA, keineswegs einkommenschwache Bevölkerungsgruppen benachteilige, weil diese ja Kredite aufnehmen können, die sie mit dem höheren Gehalt der Zukunft zurück zahlen können. An dem Argument mag was dran sein, aber dann müssten die Studiengebühren auch naheliegenderweise in die Studiengänge fließen, die die höchsten Renditen abwerfen, wobei diese dann auch konkret zu ermitteln wären. Wäre die Konsequenz dieser marktwirtschaftlichen Vorgehensweise, dass man volkswirtschaftliche Fakultäten reihenweise schließt, dann würde sich zumindest im nicht verbeamteten Mittelbau ganz heftiger Widerstand äußern.

Wird aber mit den Renditen eines Studiums argumentiert, dann muss diese Rendite natürlich ausgewiesen werden. Wer A sagt, muss auch B sagen, was natürlich derjenige nicht gerne tut, der Vorteile aus A zieht, aber nicht aus B.

Vereinbar mit dem Bewußtsein der dozierenden Ökokaste ist die Variante Studiengebühren ohne jede Konsequenz. Das spült auf jeden Fall mal mehr Geld in die Kasse, ohne dass hiermit irgendwelche Anstrengungen verbunden sind.

Das Argument, dass Studiengebühren ungerecht seien, weil sie aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden, sticht auch nicht unbedingt, wenn es auch teilweise zutreffend ist.

Erstaunlich ist aber, wie hier eine kleine radikale Minderheit ihren Sinn für Gerechtigkeit entdeckt, wenn dies den eigenen Interessen dient.

Zahlen Akademiker im Verlaufe ihres Lebens mehr Steuern und seien es auch nur 100 Euro im Monat, dann werden die Kosten des Studium locker zurückbezahlt.

Die Finanzierung eines Studiums ist also nicht das zentrale Problem, sondern die Effizienz der Lehre. Führt ein Studium ins Nirvana, dann ist sowohl die Finanzierung über Kredite wie auch die Finanzierung über Steuern sinnlos.

Führt es in einen passablen Job, ist ein Studium in beiden Varianten sinnvoll. Das letztgenannte Argument ist im Übrigen auch deshalb falsch, weil die Berufsschulen ebenfalls über Steuergelder finanziert werden und das Betreuungsverhältnis an einer Berufsschule ist, im Vergleich zum Massenfächern wie Jura, BWL, VWL, günstiger als an mancher Uni und damit teuerer.

Marktwirtschaftlich wäre es im Übrigen auch, wenn Studiengebühren wie jede andere Investition auch, steuerlich abzugsfähig wären. Wäre also eine Summe von z.B. 30 000 Euro abzugsfähig, nachgelagert, ergäbe sich auch sofort ein anderes Bild hinsichtlich der "Gerechtigkeit" von Studiengebühren.

Dass die öffentliche Diskussion von Fragen der Finanzierung und der Eingangsvoraussetzungen der Studenten beherrscht wird, zeigt lediglich, wer die Diskussion dominiert. Nicht diskutiert wird über die Sinnhaftigkeit der Verbeamtung von Hochschuldozenten, über Leistungskontrollen von Dozenten, deren problematische Lebensläufe (keine Berufserfahrung), mangelnde Innovationskraft der Universitäten. Durchgesetzt haben sich nur Studiengebühren. Das bringt der dozierenden Ökokaste was, nämlich mehr Prestige, aber den Studis rein gar nichts.

Für die Diskussion symptomatisch, man sucht nach den systemischen Variablen, die das gesamte System steuern, ist auch die Diskussion um Schultypen. Über Didaktik wird nie öffentlich diskutiert.

Das Thema Didaktik ist nun sehr kleinteilig, kann nur anhand konkreter Fächer und konkreter Schüler diskutiert werden. Was aber das Gemüt der FAZ Leser in Wallung und in freudige Zustimmung versetzt, ist natürlich das Gebrabbel aller möglichen Sarrazins von genetischen Unterschieden und ähnlichem Quark.

Tatsächlich steigt das Bildungsniveau ständig an, am dramatischsten manifestiert sich das im Bereich Fremdsprachen. Konnte die Generation vor dem zweite Weltkrieg noch gar keine Fremdsprache und hatte zu einem großen Teil auch noch Probleme mit ihrer Muttersprache, so sind nach Untersuchungen der EU heute 60 Prozent aller Deutschen in der Lage, sich in einer Fremdsprache verständlich zu machen.

Wenn aber das Bildungsfähigkeit genetisch fest determiniert ist, das behaupten ja die Verfechter des dreigliederinge Schulsystems, dann müsste mal erklärt werden, wieso der Ausbildungsstand beharrlich seit Jahrhunderten ansteigt. Dieselbe genetische Grenze müsste ja dann auch in der Wirtschaft gelten. Dass die Anforderungen der Wirtschaft nicht gestiegen sind, glauben nur Philologen vom deutschen Philologenverband, die außer Latein nichts können.

Das Thema kann man noch philosophischer betrachten, siehe hier Ernst Bloch.

Weiter wird auch ein Sarrazin nicht bestreiten, dass das Berufsleben gewaltig komplizierter geworden ist, und dass diese Komplexität nur beherrschbar ist, weil das Bildungsniveau der Leute dramatisch gestiegen ist.

Die zunehmde Zahl an Abiturienten und Akademikern wird man kaum damit erklären können, dass das Niveau abgesenkt wurde, denn das Niveau wird von institutionellen Bedingungen und vom Stand der Technik objektiv vorgegeben. Wenn das Niveau des Abiturs abgesenkt wurde, dies aber keinen Einfluss auf die Qualifikation der Erwerbstätigen hat, deren Qualifikation bedingt durch die Anforderungen des technischen Fortschritts und der immer komplexeren Organisation des Wirtschaftslebens objektiv vorgegeben ist, dann kann daraus, sollte die These stimmen, nur der Schluss gezogen werden, dass die schulische Bildung nur eine geringe Relevanz hat.

Dass ein Informatik Studium heute einfacher ist, als vor 30 Jahren, glaubt außer Sarrazin niemand.

Die Diskussion um genetische Prägung läuft nun schon seit ein paar Hundert Jahren und seit ein paar Hundert Jahren wird sie kontinuierlich widerlegt. Es gibt keine Gruppe, die über die Jahrhunderte den Trivialgenetikern den Gefallen getan hat, die Eigenschaften zu bewahren, die die Trivialgenetikern ihnen zuschrieben.

In dem Moment, in dem die Leute mehr Chancen auf Bildung erhalten, werden sie auch gebildeter, die Gene scheinen in dem Spiel in Bezug auf die Gesamtgesellschaft keine Rolle zu spielen.

Bedeutsam dürften allerdings die Chancen sein, die der einzelne hat, wobei allerdings Didaktik ein zentraler Punkt ist.

Schule misst Leistung innerhalb eines schulischen Systems, wobei noch niemand untersucht hat, ob sich in anderen Systemen nicht ganz andere Profile herausbilden.

Im Bereich Sprachen zum Beispiel erfolgt die Bewertung anhand schriftlicher Prüfungen. Geprüft wird die Fähigkeit, ein nach prüfungstechnischen Überlegungen aufbereitetes Grammatikproblem fehlerfrei schriftlich zu lösen.

Der Autor spricht selber sechs Sprachen, davon fünf verdammt gut, von ihm stammen nämlich die weltweit umfassendsten Darstellungen zu Spanisch (www.spanisch-lehrbuch.de), Französisch (www.franzoesisch-lehrbuch.de), Italienisch (www.italienisch-lehrbuch.de), Englisch (www.englisch-lehrbuch.de, zusammen mit Josephine Schubert) und www.curso-de-aleman.de.

Wie man mit dem schulischen Schema Sprachkompetenz messen will, ist dem Autor ein Rätsel, die Aussagekraft solcher Tests würde er nahe bei Null einordnen.

Erstens mal werden Sprachen überwiegend gesprochen und nicht geschrieben und jeder wird Menschen kennen, die im Land selbst, bei mündlichem Kontakt, eine Sprache rasend schnell lernen, aber in der Schule auf diesem Gebiet "Totalversager" waren. Weiter wird mit dem schulischen Schema etwas geprüft, die detaillierte Beherrschung eines Detailproblems, was für den lebendigen Spracherwerb völlig unbedeutend ist.

Es geht beim Spracherwerb eben gerade nicht darum, ein Experte in einem Detailproblem zu sein, sondern darum, eine oberflächliche Kenntnis des Gesamtsystems zu haben. Der Muttersprachler, mit dem man im tobenden Leben konfrontiert ist, verwendet das Gesamtsystem. Um ihn zu verstehen, braucht man eine oberflächliche Kenntnis des Gesamtsystems, eine detaillierte Kenntnis eines Detailproblems nützt da nichts.

"Sprachbegabte" werden also intuitiv völlig anders vorgehen, als sie in der Schule vorgehen sollen. Sie werden nicht alle Konstellationen im Französischen, bei denen ein Partizip Perfekt mit einem vorangehenden Akkusativobjekt übereinstimmt, was im Übrigen für die Aussprache meistens irrelevant ist, auswendig lernen, sondern intuitiv versuchen, komplexe Sätze zu bilden und die Endungen des Partizip Perfekts unter den Tisch fallen lassen.

Sie werden eher dazu neigen, Romane zu lesen, sich Lieder anzuhören, ihr Ohr zu trainieren anstatt irgendwelche Kästchenübungen zu machen.

Weit interessanter als eine Diskussion über Schultypen, wissenschaftlich spannender und zielführender, wäre eine öffentliche Debatte über Lernstrategien, Korrelation von schulisch gemessener Leistung und Leistung in informellen Lernprozessen, prägende "Bildungserlebnisse" etc.. Ob man Kinder kürzer oder länger gemeinsam unterrichtet, ist sicher ein interessante Frage, ein Aspekt eines komplexen Problems.

Genauso spannend ist aber die Frage, was in einem Klassenraum eigentlich ganz konkret passiert. Ob man das Abitur an einem Gymnasium erwirbt, eine Zwischenlandung an einer Realschule macht oder an einer Gesamtschule ist relativ schnurz.

Es gibt weltweit alle Schultypen, vom US amerikanischen System, alle in eine Schule bis zum Ende, über starke Ausdifferenzierung nach Fächern, wie in Frankreich oder Unterricht zusammen bis zum Abschluss des ESO (Educación Secundaria Obligatoria) und dann Aufsplittung in beruflichen Zweig und Abitur, bis hin zum deutschen Wahnsinn mit dem dreigliederigen Schulsystem.

Wie tief das Bildungssystem nun zu staffeln ist, ist Gegenstand intensiver Diskussion mit massiven ökonomischen Interessen, denn der deutsche Oberstudienrat und Gymnasiallehrer, weltweit einer der bestbezahlten Lehrer mit nach Pisa sehr bescheidener Leistung, lässt sich hier nicht die Butter vom Brot nehmen. Fragen der Didaktik, also sozusagen der Kernfähigkeit eines Lehrers, interessiert die verbeamtete Altherrenriege vom deutschen Philologenverband natürlich nicht die Bohne, aber wenn sich am Horizont abzeichnet, dass man mal über ihr Gehalt nachdenken könnte, weil die Ausbildungszeit ja auch kürzer und damit das Gehalt kleiner sein könnte, dann gehen die Jungs und Mädels schon mal auf die Barrikaden.

Nur der Bachelor reicht nicht für das Gymnasium

Die Meinung zur Lehrerausbildung, insbesondere bezüglich auf einen Bachelorabschluss für Lehrer, war schnell gefunden. Eine Unterrichtsabsicherung am Gymnasium durch Absolventen mit Bachelor-Abschluss ist auszuschließen. Eine solche Tätigkeit würde implizieren, dass eine Lehrtätigkeit auch ohne vollständiges Lehramtsstudium möglich ist. Dies widerspricht grundlegenden Positionen des Deutschen Philologenverbandes.

aus: Nur der Bachelor reicht nicht für das Gymnasium

Was die Jungs und Mädels antreibt ist die nackte Angst. Angst davor, dass irgendjemand mal feststellt, dass die Oberstudienräder eigentlich locker von allen möglichen anderen Berufen ersetzt werden können, z.B. könnte man im Bereich Fremdsprachen natürlich auch qualifizierte Muttersprachler einsetzen, die haben zwar kein Staatsexamen, beherrschen aber dafür die Sprache. Angst, dass Physik und Mathe von Ingenieuren unterrichtet wird, die haben zwar auch kein Staatsexamen, dafür aber vielleicht Berufserfahrung, was sie befähigt den Kiddies noch ein paar andere interessante Sachen zu erzählen.

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) fordert die Kultusministerkonferenz auf, sicherzustellen, dass so genannte Quer- oder Seiteneinsteigerprogramme bei der Gewinnung von Lehrerinnen und Lehrern in den Bundesländern die Ausnahme bleiben, zeitlich begrenzt werden und nur unter hohen Qualifizierungsauflagen für die Bewerberinnen und Bewerber eingerichtet werden dürfen.

aus: Quereinsteiger als Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer

Auf jede Fall finden wir auf der ganzen Seite keinen einzigen Satz zur Didaktik. Dafür natürlich über Studiengebühren.

Bei soviel geballtem Schwachsinn fragt man sich natürlich ganz grundsätzlich, welchen Wert das Abitur tatsächlich hat. Am Deutsch können die Philologen noch feilen.

Positionspapier des DPhV zu Studiengebühren

Der DPhV fühlt sich dem in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlichen Ziel einer möglichst umfassend verwirklichten sozialen Bildungschancen-Gerechtigkeit verpflichtet.

Eine Bildungschance kann sowenig sozial sein, wie eine Chance. Eine soziale Chance ist Unsinn. Es kann vielleicht eine Chance zum sozialen Aufstieg geben oder eine Chance, Gerechtigkeitsdefizite abzubauen. Chancen können auch allen sozialen Schichten offen stehen, aber die Chance selber, kann nicht sozial sein. Da es aber schon keine soziale Chance gibt, kann man selbige auch nicht umfassend verwirklichen und was mit der Chance nicht geht, geht mit der Untergruppe der Bildungschance eben auch nicht.

Wir verstehen zwar, was die Jungs und Mädels sagen wollen, aber Ziel eines Deutschunterrichts ist es eben auch, die Schüler zu befähigen, das zu sagen, was sie sagen wollen. Wer das aber nicht mal selber kann, kann es auch anderen Leuten nicht beibringen.

Studiengebühren müssen dort ankommen, wofür sie aufgewendet und wo sie gebraucht werden: Für die Verbesserung der Studienqualität in den Fachbereichen. Die Mehreinnahmen müssen an den Hochschulen verbleiben. Diese Mittel dürfen auch nicht innerhalb der Bildungseinrichtungen in der Verwaltung hängen bleiben oder in Prestigeobjekten versickern.

Wenn die Studiengebühren aufgewendet wurden, wahrscheinlich meinen sie vereinahmt, dann sind sie bereits angekommen und das Problem ist gelöst, man hat sie nämlich dann dort verwendet, wo sie auch gebraucht wurden. Wenn aber Mehreinnahmen entstanden sind, dann wurden sie offensichtlich nicht gebraucht.

Im Hochschulbereich setzen Studiengebühren ferner voraus, dass das Studium auch in einer vernünftigen Zeitspanne abgeschlossen werden kann. Überfüllte Hörsäle, fehlende Pflichtveranstaltungen, nicht abgestimmte Lehrangebote verlängern und verteuern bisher das Studium auf Kosten der Studierenden. Dies gilt insbesondere auch für das Studium des gymnasialen Lehramtes.

Puh. Also der Häuptling dieses Clubs, Heinz Peter Meidinger, ist DEUTSCHLEHRER. Wir verstehen, was sie sagen wollen, aber von DEUTSCHLEHRERN erwarten wir eben auch, dass sie auch sagen können, was sie sagen wollen. Das kann auch auf Bayrisch sein, das ist nicht das Problem (Heinz-Peter Meidinger - Meine Schulzeit).

Sie wollen sagen, dass man Studiengebühren nur dann erheben kann, wenn das Angebot dergestalt ist, dass ein Studium zügig abgeschlossen werden kann, andernfalls ergäbe sich die Situation, dass schlechte Studienbedingungen zu höheren Studiengebühren führen, da sich die Anzahl der Semester erhöht. Schaut man sich die Seite des deutschen Philologenverband an, dann versteht man auch, dass der Heinz Peter in der siebten Klasse sitzen geblieben ist. Da hatte er wohl vorausschauende Lehrer, die größere Gefahren von der Gesellschaft abwenden wollten. Leider waren deren Nachfolger nicht ähnlich konsequent. Woraus sich aber bei diesem Verein der elitäre Dünkel entwickelt hat, erschließt sich dem unbeteiligten Dritten nicht unbedingt.

Wir würden also das Thema Didaktik in den Vordergrund rücken. Ein Möglichkeit die Diskussion über didaktische Konzepte zu fördern, wäre ein Fluten des Marktes mit didaktischem Material zum Nulltarif.

Das ist das, was die infos24 GmbH im Bereich Sprachen tut. Eine Diskussion über Didaktik wäre auch eine Diskussion über das Material, das den Kiddies zur Verfügung steht. Je mehr man den Markt mit unterschiedlichen Materialien flutet, alternative Erklärungsmuster, Sound, Videos, Musik, komparative Grammatiken, Interaktivität, auf allen Medien (Internet, Handy, Buch, Tablet PC) desto höher die Chance, irgendjemanden irgendwo abzuholen.

Das traditionelle Schulbuch mit Arbeitsbuch, Lehrwerk, Grammatik entzückt nun mal von der Aufmachung, der Authentizität und von den Erklärungsmustern her nicht jeden.

Vermutlich würde einem zu dem Thema didaktische Materialien auch in anderen Fächern was einfallen, wenn man entsprechend lange darüber nachdenkt. In manchen Fächern, z.B. Informatik, haben wir hier dramatische Entwicklungen. Inzwischen gibt es zu jedem Thema der Informatik und zu jeder Programmiersprache ohne Ende Handbücher im Internet, die die gleichen Inhalte auf Hundert verschiedene Arten erklären: Mehr aus theoretischer Sicht, mehr aus praktischer, vom Stil akademisch oder locker vom Hocker, spezifisch für bestimmte Gruppen (Bioinformatik, Textanalyse, Mathematik, kaufmännisch). In diesem Bereich werden praktisch keine Bücher mehr gedruckt. Der freie Markt hat hier ein Urteil gefällt.

Anzunehmen ist, dass das Internet die zentrale Anlaufstelle für informelle Bildung wird. Das Problem mit der mangelnden Effizienz der Universitäten in all den Fächern, die von der Praxis keine klaren Signal erhalten, wird sich also ohnehin entschärfen, weil die Bedeutung formaler Abschlüsse in Zukunft an Bedeutung verlieren wird.

Wir haben es also bei dem Thema Bildung mit einer Variablen zu tun, die zwar letztlich für die Höhe des Grenzerlöses der Arbeit entscheidend ist, was ja der Aspekt ist, der eigentlich interessiert. Dass dieser abnimmt, ist eine weit weniger spannende Erkenntnis.

Wir sehen also in der neoklassischen Beziehung, abnehmender Grenzertrag der Arbeit mit der Folge, dass mehr Arbeit nur zu geringeren Löhnen angeboten werden kann, den typischen Fehler. Der abnehmende Grenzertrag der Arbeit ist ein Effekt, aber keine Ursache und ändert sich die Ursache, ändern sich auch die Effekt. Abstrahiert man von den Ursachen, erhält man eine Aussage, die zwar immer richtig ist, sie gilt in Timbutku genau so wie in New York, ist aber völlig irrelevant.

Last not least, das betrifft die Leute, die Kultur- / Geisteswissenschaften studieren. Es ist trivial, aber Bildung ist auch ein Produkt und nur als Produkt, also wenn es innerhalb einer marktwirtschaftlichen Ordnung verkauft werden kann, gibt es in diesem Bereich Jobs. "Wissenschaftliche" Abhandlungen in irgendwelchen Zeitschriften für Romanistik, Anglistik etc.. sind nur solange relevant, wie der Steuerzahler für den Quark Geld austütet, was er immer weniger tun wird.

So trivial es ist, die Erkenntnis ist an den Universitäten nicht angekommen. Ein Produkt ist Bildung auch für angehende Lehrer. Die müssen ihren Stoff nämlich an ihre Schüler verkaufen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Für Bildung, die ähnlich authentisch ist wie das Telefonbuch, muss der Steuerzahler kein Geld in die Hand nehmen, siehe Kulturindustrie oder Aufklärung als Massenbetrug.

Lehrer empfinden im Moment Websites wie www.spickmich.de noch als einen Angriff auf ihre Persönlichkeitsrechte, sehen noch nicht ganz ein, dass sie bezahlt werden und dafür eine Leistung zu erbringen haben, die man hinterfragen kann.

Der Vorgang ist für Lehrer neu und untypisch, genau dieser Fall ist aber der Normalfall. Jeder Bäcker, Metzger, Installateur, Dachdecker etc. etc. etc. muss es sich gefallen lassen, dass seine Leistung bewertet wird und zwar äußerst brutal. Wird die Leistung vom Markt als nicht zufriedenstellend erachtet, wird er ökonomisch vernichtet.

Lehrer sind erstmal vom Steuerzahler äußerst komfortabel gebettet, Gymnasiallehrer gehören zu den bestbezahlten Lehrern weltweit. Da besteht kein Anlass zum Jammern und Klagen. Auch wenn die professoralen Schnarchnasen, die Lehrer ausbilden, sich hartnäckig der Tatsache verweigern, dass man, wenn man Geld haben will, andere Leute begeistern muss, kann man von zukünftigen Lehrern erwarten, dass sie diesen Zusammenhang sehen.

Blödheit ist nicht cool. Blödheit und Borniertheit ist völlig uncool. Wer selber mit Literatur nichts anfangen kann, die Masse der Studenten dieses Faches, wer sich beliebig für alles interessiert, interessiert sich für nichts. Er hat, um Adorno zu zitieren "das neutralisierte Bewußtsein, dem es egal ist, wofür es sich begeistert".

So Typen braucht man an Schulen nicht. Figuren die uninspiriert vor einer Klasse stehen und irgendwelche zusammengelesenen Phrasen aus der Sekundärliteratur widerkäuen, können auch zu Hause bleiben. Ob die Kiddies dann die Freistunde in der Cafeteria verbringen oder sich den Quark anhören, läuft so ziemlich auf das Gleiche hinaus.

Die Ziele, die man mit Bildung im umfassenderen Sinne verfolgt, also nicht Ausbildung, wollen wir hier gar nicht weiter diskutieren, sie sind so diffus wie notwendig, allerdings hilft uns so allgemeines Gelabber vom Humboldschen Bildungsideal und ähnlichem Gesülze hier nicht wirklich weiter. Im Gegenteil: Vage definierte Zielvorlstellungen werden zur Waffe bei der Durchsetzung von Partikularinteressen. Ist das Ziel unbestimmt, kann auch nicht mehr ermittelt werden, welcher Mitteleinsatz zur Realisierung des Zieles noch angemessen ist. Ein hübsches Beispiel für so einen Zusammenhang ist das Goethe Institut, siehe, Stop dem Goethe Institut.

Organisieren die derart humanistisch Gebildeten den Massenmord an Menschen jüdischen Glaubens und anderer Minderheiten, kann ein sogenannter "Kulturstaat" die gesamte Welt zum Kerker machen, dann können wir uns das diffus definierte Humboldsche Bildungsideal an den Arsch nageln. Das hätte man auch ohne jede Bildung geschafft. Wer will kann das Buch von Sebastian Haffner lesen, Germany: Jekyll & Hyde: 1939 - Deutschland von innen betrachtet.

Wenn uns jetzt irgendwelche Altphilologen was von Wertevermittlung durch Latein erzählen, in der Weimarer Republik Unterrichtsfach an den meisten Gymnasien, dann fehlt dieser Truppe wohl heute noch genau die Selbstreflexion, kritische Distanz, Selbstbewußtsein, die in die Barbarei geführt hat.

Wenn Steuergelder in die Hand genommen werden, dann reicht ein allgemeines Geschwurbel vom Wahren, Schönen und Guten nicht. Ist etwas steuerfinanziert, dann besteht die Verpflichtung, sie kann auch über eine öffentliche Diskussion erzwungen werden, wenn man da ein bisschen träge und denkfaul ist, die diffusen Ziele irgendwie zu konkretisieren und den Zielerreichungsgrad zu messen.

Lehrpläne in Fächern wie Fremdsprachen, Deutsch, Geschichte beinhalten implizit immer irgendwelche Ziele, die diffus zwischen den Zeilen stehen. "Irgendwie" soll das Verständnis für fremde Kulturen geweckt werden, "irgendwie" das Interesse für Literatur geweckt werden, "irgendwie" soll man aus der Geschichte "irgendwas" lernen.

In allen Ländern ist dieses "irgendwie" sehr diffus, wobei wir nur feststellen können, dass dieses "irgendwie" immer einen starken Bezug zur jeweiligen Nationalkultur und Nationalgeschichte hat. Was in Deutschland Goethes Faust, ist in Italien die Divina Commedia von Dante Alighieri, in Spanien der Don Quijote von Miguel de Cervantes Saavedra.

Die Fokusierung auf nationale Traditionen wäre hierbei gleich aus zwei Gründen zu hinterfragen. Erstens könnte man sich fragen, ob man nicht besser die monumentalen Werke der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasoff von Dostojewski oder Gespräch in der Kathedrale von Marios Vargas Llosa den Vorzug gibt vor irrelevanten Werken der Nationalliteratur (z.B. Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann).

In allen Ländern gibt es sowas wie das Fach Deutsch. Die Kultusbehörden scheinen irgendwie davon auszugehen, dass ein "nationales" Bewußtsein zu schaffen ist, obwohl im Grunde seit fünfzig Jahren die Welt von übernationalen Megatrends dominiert wird. Die Frage ist also, ob es nicht das System selbst ist, das, wenn auch erfolglos, "irgendwelche nationalen Identitäten" schaffen will, für deren Verständnis anschließend ein "Bewußtsein geweckt werden soll".

Wir wissen zwar nicht genau, welches Ziel mit der Vermittlung bestimmter Werke eigentlich verfolgt werden soll, doch wir wissen, dass der Zielerreichungsgrad gering ist. Hier haben wir ähnliche Muster in allen Ländern, wobei man kein Genie sein muss, um das Muster zu erkennen. Je weiter ein Werk sich von der Lebenswirklichkeit entfernt, desto sinnfreier ist seine Vermittlung. Mit der Divina Commedia beschäftigen sich italienische Schüler drei Jahre, ein Jahr Inferno, ein Jahr Purgatorio, ein Jahr Paraiso.

Das ist den, selber erklärungsbedürftigen, Verharrungstendenzen geschuldet. Das Ergebnis ist Null. Egal welche Ziele verfolgt wurden, wobei wir nicht wissen, welche Ziele verfolgt wurden, sie wurden nicht erreicht, denn das einzige, was bei den Italienern flächendeckend hängen geblieben ist, ist die Erinnerung an unendlich lange und unendlich langweilige Schulstunden. Bei Goethes Faust ist das Ergebnis zwar ähnlich, aber Goethes Faust ist vermittelbar.

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!

Goethe, Faust

Das kann man verstehen, auch wenn es von den Oberstudienräder hartnäckig übersehen wird. Ein sinnvolles Ziel, das sich sogar irgendwie "messen" ließe, wäre, den Kiddies klarzumachen, dass Bushido eigentlich, sprachlich und inhaltlich ein ziemlicher Käse ist, im Grunde total uncool und Goethe im Denken so radikal ist, dass Bushido eher tönt wie der Pfarrer in der Kirche.

Wer mal wirklich grundlegend alles in Frage stellt, manche Kiddies tun das, der hat wohl eher bei Goethe den Verbündeten gegen alle Heuchler, Dampfplauderer, Schwätzer als bei Bushido oder Sido. Wenn allerdings schon die Oberstudienräder auf Bushido Niveau sind, der Bildungsprozess also schon bei den Lehrern gescheitert ist, was sehr oft der Fall ist, also schon diese den Stoff nicht mehr "freihändig" vermitteln können, sondern sich an der Sekundärliteratur entlanghangeln, dann haben wir da ein ähnliches Problem, wie bei der dozierenden Ökokaste, die Jahr für Jahr den neoklassischen Quark vom Gleichgewicht auf allen Märkten erzählt.

Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäuschen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht-
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.

Goethe, Faust

Gleichermaßen radikal ist übrigens auch der Don Quijote, auch wenn Cervantes mit der Zensur ein höchst raffiniertes Spiel gespielt hat und die Aussagen zwar verstanden wurden, aber der Text formal unangreifbar war, siehe Don Quijote.

Das, was man in der Volkswirtschaftlehre als ein meritorisches Gut bezeichnen würde, also der Teil der Bildung, der nicht Bildung im Sinne von Ausbildung ist, die der Staat anbietet, weil er davon ausgeht, dass andernfalls zu wenig davon konsumiert würde, ist in ökonomischen Kriterien schwer zu fassen.

Da aber die Aufwendungen für dieses meritorische Gut erheblich sind, wird es auch zum ökonomischen Problem. Zu den direkten Kosten, Lehrer, Gebäude, Strom, Heizung etc. kommen noch die Opportunitätskosten, das heißt die Kosten der alternativen Verwendung, die sich aber in diesem Fall auch nicht genau beziffern lassen.

Sie entstehen dadurch, dass Schüler in der gleichen Zeit auch etwas anderes hätten tun können. Man könnte aber untersuchen, ob die "schöngeistigen" Fächer und die Fächer, die man im Bereich "Staatsbürgerkunde" ansiedeln kann, überhaupt irgendeine Wirkung erzielen. Um das zu untersuchen, müssten wir nicht mal versuchen, die diffus definierten Ziele operational fassbar zu machen.

Eine Frage wie "Hat die schulische Vermittlung von Literatur Ihren Zugang zur Literatur verändert?" würde vollkommen ausreichen. Antworten die Leute hierauf, nach Beendigung der Schulzeit, überwiegend mit "Nein", dann kann man da abspecken, wenn man es denn nicht überdenken kann und will. Stellt man die Frage so, muss man die Ziele nicht näher definieren. Wo nichts erreicht worden ist, ist der Zielerreichungsgrad auf jeden Fall gering.

Wenn es den Zugang zur Literatur nicht verändert hat, hat es offensichtlich nichts bewirkt. In diesem Falle hätte man sich die Gelder sparen können. Wenn wir feststellen, dass sich nur 18 Prozent der Deutschen zutrauen, ein Gespräch auf Französisch zu führen, aber auf Englisch 63 Prozent, obwohl beides Schulfächer sind, dann stellt sich die Frage, ob der Französischunterricht in der Schule überhaupt irgendeinen Sinn macht.

Es wäre also relativ einfach, herauszufinden, ob schulische Bildung irgendwas bewirkt oder nicht. Wenn wir Defizite feststellen, haben wir zwei Möglichkeiten, mit dem Problem umzugehen. Wir können was an der Vermittlung dieser Inhalte ändern, so dass ein Resultat irgendwie messbar ist oder wir können diese Inhalte streichen, da die schulische Laufbahn hier offensichtlich die weitere Entwicklung kaum beeinflusst.

Zwar beschäftigen sich alle Leute mit diesen "schöngeistigen" Themen, sei es aus existentiellen Gründen oder zur "Erweiterung des Horizontes" im weitesten Sinne, aber es ist sehr gut möglich, dass die geistige Entwicklung auf diesem Gebiet vollkommen informell erfolgt und das institutionalisierte Bildungssystem hier keinerlei Bedeutung hat.

In diesem Fall wäre es sinnvoller, die freiwerdenden Ressourcen in Fächer zu stecken, die mehr mit Ausbildung zu tun haben: Mathe, Physik, Chemie, Biologie, Informatik, Englisch.

In diesem Falle könnte man die Diskussion um die Schultypen auch entspannter führen. Man hätte soviel Ressourcen an Lehrern frei, dass man praktisch jeden zum Abitur bringen kann. Die These des Philologenverbandes, dass eine Schule, die alle zum Abitur führt, nur dann möglich ist, wenn man das Niveau absenkt, wäre empirisch zu beweisen. Denkbar ist, dass dies auch möglich ist, wenn man obsolete Inhalte streicht.

Der Begriff "Niveau" ist nicht operational definiert. Bei den "schöngeistigen" Fächern und Fächern, wo es um die Vermittlung von Kenntnissen geht, die eine Teilhabe an der Demokratie ermöglichen, geht es nicht um "Niveau", es geht um Adäquatheit im Hinblick auf ein Ziel und wenn wir feststellen, dass kein Ziel erreicht wird, auch keine diffusen, dann haben wir eine Fehlallokation der Mittel.

Es dürfte klar sein, dass der Autor, der im Bereich Sprachen eines der weltweit umfangreichsten Portale betreibt und auch an allen möglichen "kulturellen" Projekten beteiligt ist, die Ziele an sich nicht in Frage stellt. Wenn wir aber mit dem gegebenen Personal die Ziele nicht erreichen können und es auch nicht möglich ist, qualifiziertes Personal auszubilden, dann lassen sich diese Ziele, nennen wir es mal vage den "umfassend gebildeten Menschen", eben nicht erreichen.

In diesem Falle ist es günstiger, den Zielerreichungsgrad anderer Ziele zu verbessern. Insgesamt kann man sagen, dass die Bildungsforschung zu fundierteren Aussagen käme, wenn man das Ergebnis messen würde und nicht den Lernprozess selbst analysiert, was ja gegenwärtig immer im Fokus steht.

Unter Umständen würde man feststellen, dass die informelle Bildung weit bedeutender ist, als die schulische Bildung und zu vermuten ist, dass erstere immer bedeutsamer wird.

Das wiederum wird zur Folge haben, dass auch formale Abschlüsse an Bedeutung verlieren, eine Tendenz die ja jedermann und jederfrau bereits jetzt erkennen kann und je schneller sich die Welt durch technischen Fortschritt, Globalisierung und Vernetzung ändert, desto mehr verlieren formale Abschlüsse an Bedeutung, insbesondere dann, wenn wir parallel zu diesen Prozessen auch Systeme haben, wie etwa das Internet, dass mit diesen Prozessen sehr viel eher Schritt halten kann, als die institutionell verankerten Bildungssysteme.

Die gesamte Diskussion um Schultypen geht also an den Kernproblemen vollkommen vorbei und ist auf die eigentliche Problematik zurückzusetzen: Didaktik, Ziele, Messung von Zielen, Verhältnis formeller / informeller Bildung.

Da aber der Zugang zu "standasierten" Berufen sich nach wie vor an Abschlüssen orientiert, die im institutionalisierten Bildungssystem erworben werden, wäre auch zu hinterfragen, was konkret in der Schule eigentlich als "Leistung" gemessen wird und mit was diese Leistung eigentlich positiv korreliert.

In ökonomischen Lehrbüchern finden wir dann auch sonst noch allen möglichen Schwachsinn, zum Beispiel, dass der Bedarf an Akademikern endlich ist und von daher die Universitäten den Zugang einschränken sollten.

Hier wird dann Bildung allein als Produktionsfaktor aufgefasst. Bildung ist aber nicht nur Produktionsfaktor sondern auch Produkt. Die Hunderte von Millionen von Leuten, die täglich zur Alhambra in Granada, zur Mezquita in Córdoba, zum Louvre in Paris, zu den Uffizien in Florenz zur Neuen Deutschen Nationalgalerie wuseln, würden dort vielleicht mehr erleben, wenn sie wüssten, was sie sehen.

Sprachen mögen, außer Englisch, nicht gerade ein Business sein, aber als Konsumgut ist es hochspannend. Kino, Musik, Literatur, Theater, Oper etc. etc. sind milliardenschwere Märkte. Das muss kreiert, promotet und vermarktet werden und auch hier schafft sich ein Angebot seine Nachfrage, wenn auch nicht so, wie Says sich das vorgestellt hat. Hier schafft sich ein Angebot eine Nachfrage, das die Leute da abholt, wo sie sind. Zukunft haben aber in diesem Bereich nur die Studenten, die kapieren, dass ein Markt anders funktioniert, als eine Schule. Zwangskonsumenten gibt es da nicht.

Weiter geht die Ökokaste davon aus, dass eine Wirtschaft durch das Verschieben von Kurven beschrieben wird und sich Produktionsprozesse durch irgendwelche Produktionskurven, limitational, Cob-Douglas oder whatever beschreiben lässt.

Tatsächlich ist das jetzt schon nicht so, die Bandbreite reicht von nur Kapital, wenn ein Roboter durch die Regale wuselt, bis zu nur Arbeit, wenn der Rechtsanwalt mit einem Kuli Widerspruch einlegt.

Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht, aber dafür, dass tendenziell in Zukunft ein höherer Bedarf an einfachen Tätigkeiten besteht, spricht nichts. Aber auch hier wäre es natürlich sinnvoll, wenn man an die Schulen nicht Leute schickt, mit dem Lebenslauf Penne => Uni => Penne => Rente => Tod. Besser wären Leute, die Schülern, die sich für "schöngeistige" Dinge interessieren konkrete Hinweise geben könnten, wie man aus geisteswissenschaftlichen Inhalten konkrete Produkte macht. Längere Diskussionen mit Oberstudienrädern in allen möglichen Internetforen haben bei dem Autor dieser Zeilen die Erkenntnis reifen lassen, dass das Personal, das an Schulen allgemeinbildend tätig ist, im Grunde keinen Plan hat, warum und wie man die entsprechenden Inhalte vermittelt.

Justiz

Das Justizwesen ist in allen Staaten eine staatliche Aufgabe und als staatliche Aufgabe sieht es Adam Smith. Allerdings diskutiert er nur Zivilrecht. Beim Zivilrecht ist es durchaus denkbar, tatsächlich geschieht dies ja auch, dass die Parteien die Gerichtskosten zahlen, solange zwischen Urteil und Zahlung kein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Das Thema Justiz ist komplex. Wir gehen darauf auf einer eigenen Website, www.recht-eigenartig.de, ausführlich ein, beschränken uns hier also auf ein paar Bemerkungen.

Bei der Zivilgerichtsbarkeit ist die Gefahr der Einflussnahme auf richterliche Entscheidungen also schlicht dadurch gelöst, dass der Richter ein festes Gehalt erhält und die Zahlung an den Staat vom Ausgang des Verfahrens völlig unabhängig ist.

Das löst aber keines der grundlegenden Probleme. Die Rechtssprechung ist ein interessantes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein System die bewährten Mechanismen der marktwirtschaftlichen Ordnung außer Kraft setzt. Das ist mit ein Grund, warum wir das mal breit, siehe www.recht-eigenartig.de, aufbereitet haben.

Schwierigkeiten gibt es auch bei Bußgeldverfahren und Strafverfahren. Hier besteht durchaus die Gefahr, dass Bußgeldbescheide und Strafverfahren zur Einkommenserzielung eingesetzt werden. Das bekannteste Beispiel dieser Art sind Blitzer an Stellen, wo sie verkehrstechnisch nicht notwendig sind und davon ausgegangen werden kann, dass viele Leute in diese Falle tappen. Da die Bußgelder der Gemeinde zufließen, wird die Entscheidung solche Anlagen zu installieren auch unter Rentabilitätsgesichtspunkten gefällt.

Es ist zwar in diesem Falle nicht direkt die Justiz, die hier Bußgelder zur Einnahmeerzielung einsetzt, sondern die Gemeinde, aber die Gefahr besteht. Eine Gefahr besteht also immer dann, wenn Behörden den bußgeld- oder strafbewehrten Vorgang selber provozieren können.

Ansonsten besteht die Gefahr wohl eher nicht, da die Staatsanwaltschaft von einer Verurteilung nicht direkt profitiert. Im Einzelfall kann man aber vermuten, dass eine Gewinnerzielungsabsicht von seiten des Gesetzgebers intendiert ist, zum Beispiel beim e-bundesanzeiger. Seit 2007 sind Unternehmen verpflichtet, ihre Jahresabschlüssse beim elektronischen Bundesanzeiger zu veröffentlichen. Der Vorgang ist trivial, das Unterlassen bzw. die verspätete Einreichung schadet niemandem und interessiert auch niemanden, das Bußgeld allerdings ist saftig: Zwischen 2500 und 25000 Euro. In diesem Fall steht wohl die Absicht Einnahmen zu erzielen eindeutig im Vordergrund. Da man mit einem hohen Aufkommen rechnen konnte, tatsächlich erfolgten im Jahre 2008 knapp eine halbe Million Bußgeldbescheide, richtete man hierfür noch gleich ein eigenes Amt ein, das Bundesamt für Justiz. Dieses scheint nun äußerst beflissen die Bußgelder auch einzutreiben, teilweise trickreich, so dass der Vorgang inzwischen zur Staatsanwaltschaft durchgereicht wurde, die wiederum prüft, ob gegen das Bundesamt für Justiz Ermittlungen wegen Rechtsbeugung eingeleitet werden.

Ein Kuriosum ist allerdings die Finanzierung der Rechtsanwälte. In krassem Gegensatz zum amerikanischen System, wo dies möglich und üblich ist, ist ein vom Erfolg abhängiges Honorar in Deutschland nur in Ausnahmefällen zugelassen (Gesetz über die Vergütung der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (RVG))

§ 4a Erfolgshonorar

  1. Ein Erfolgshonorar (§ 49b Abs. 2 Satz 1 der Bundesrechtsanwaltsordnung) darf nur für den Einzelfall und nur dann vereinbart werden, wenn der Auftraggeber aufgrund seiner wirtschaftlichen Verhältnisse bei verständiger Betrachtung ohne die Vereinbarung eines Erfolgshonorars von der Rechtsverfolgung abgehalten würde. In einem gerichtlichen Verfahren darf dabei für den Fall des Misserfolgs vereinbart werden, dass keine oder eine geringere als die gesetzliche Vergütung zu zahlen ist, wenn für den Erfolgsfall ein angemessener Zuschlag auf die gesetzliche Vergütung vereinbart wird.
  2. Die Vereinbarung muss enthalten:
    a) die voraussichtliche gesetzliche Vergütung und gegebenenfalls die erfolgsunabhängige vertragliche Vergütung,
         zu der der Rechtsanwalt bereit wäre, den Auftrag zu übernehmen, sowie
    b) die Angabe, welche Vergütung bei Eintritt welcher Bedingungen verdient sein soll.
  3. In der Vereinbarung sind außerdem die wesentlichen Gründe anzugeben, die für die Bemessung des Erfolgshonorars bestimmend sind. Ferner ist ein Hinweis aufzunehmen, dass die Vereinbarung keinen Einfluss auf die gegebenenfalls vom Auftraggeber zu zahlenden Gerichtskosten, Verwaltungskosten und die von ihm zu erstattenden Kosten anderer Beteiligter hat.


Das ist jetzt aus ökonomischer Sicht ein interessanter Fall, weil dieses Gesetz die Fehlallkokation systemisch etabliert. Normalerweise ist die Fehlallokation ein unerwünschter Nebeneffekt, sie wird zur Durchsetzung höher eingeordneter Ziele hingenommen, bzw. schlicht nicht gesehen. Relativ selten, genau genommen ist dies der einzige dem Autor bekannte Fall, sind die Fälle, wo die Fehlanreize bewusst herbeigeführt werden, also die Fehlallokation das eigentliche Ziel einer Maßnahme ist.

Bei einem Erfolgshonorar würde ein Rechtsanwalt die Mandatierung nicht übernehmen, wenn er die Erfolgsaussichten für gering einschätzt bzw. sich die kompetente Betreuung des Falles nicht zutraut. Gerichte klagen nun immer über Überlastung, aber das Verbot eines erfolgsabhängigen Honorars führt nun gerade zu dieser Belastung, denn ein Rechtsanwalt, dem der Arsch finanziell auf Grundeis geht, und das sind in Metropolen wie Berlin sehr viele, wird jeden Auftrag annehmen, egal ob Aussicht auf Erfolg besteht oder nicht. Das heißt tendenziell werden mehr Fälle vor Gericht landen, als bei einem rein erfolgsabhängigen Honorar. Zweitens wird er auch Fälle annehmen, die er intellektuell nicht meistern kann, was dann tendenziell dazu führt, dass die nächst höhere Instanz angerufen wird, da die Amtsrichter auch nicht immer dem nötigen Durchblick haben und sich erstmal auf die Angaben der Rechtsanwälte stützen. Je unfähiger ein Rechtsanwalt also ist, desto größer die Chance, es in die zweite Instanz zu schaffen und desto höher die Gebühr. Rechtsanwälte sind wohl die einzige Berufsgruppe, wo sich Unfähigkeit rechnet.

Des weiteren ergeben sich noch andere höchst skurrile Effekte, die der Autor dieser Zeilen schon live, als Zuschauer, erlebt hat. Es wird für Rechtsanwälte attraktiv, die Klageschrift zu erweitern, das heißt mehr Punkte gerichtlich klären zu lassen, als der Mandant überhaupt klären wollte. Was für den Mandant aber harmlos aussieht, erhöht unter Umständen ganz drastisch den Streitwert und damit das Honorar des Rechtsanwaltes. Ging es zum Beispiel bei der Anfechtung einer Kündigung ursprünglich nur um die Frage, ob ein Zeitvertrag vor Ablauf gekündigt werden kann, so kann er daraus ganz flux klageerweiternd eine Festanstellung fordern, was der Mandant nie wollte. Das Vorgehen des Rechtsanwaltes ist dann zwar hoffnungslos und muss vor Gericht scheitern, aber der Streitwert und das Honorar verdoppelt sich.

Das vielfach kolportiert Argument, dass bei einer erfolgsabhängigen Honorierung Rechtsanwälte sich selbst auf die Suche nach interessanten Prozessen machen, zum Beispiel Schadenersatzforderungen aufgrund von "Urheberrechtsverstößen", Abmahnungen bei Wettbewerbsvertößen etc. und damit die Gerichte überschwemmen, kann man schwerlich nachvollziehen. Erstens fallen immer noch Gerichtskosten an, die bei hohen Summen durchaus kostendeckend sein dürften, die Gerichte hätten also die Möglichkeit, die Kapazitäten auszubauen, und zweitens wäre das Problem dann wohl eher in den Gesetzen, die einen solchen Missbrauch zulassen, zu suchen, als bei der Honorierung der Rechtsanwälte. Da es dieses Phänomen gibt, ist des weiteren offensichtlich, denn dieses Phänomen haben wir auch bei einer Honorierung nach RVG.

Die Abmahnindustrie ist nicht nur entstanden, weil Rechtsanwälte, sagen wir mal ein spezifischer Menschenschlag sind, sondern auch wegen einer Gesetzeslage, die das Urheberrecht letztlich zur Karikatur hat werden zu lassen. Lässt man Müll im Garten liegen, werden sich auch Ratten einfinden.

Aber auch hier wird das Internet die Situation entspannen. Da man aktuell einen Rechtsanwalt nur dann beauftragen kann, wenn der Fall so einfach gelagert ist, dass man eigentlich keinen braucht, bietet das Internet hier eine effiziente Hilfe. Man tut gut daran, sich einige Urteile von Land- und Oberlandesgerichten zu ähnlich gelagerten Fällen durchzulesen und die dort gemachte rechtliche Bewertung zu analysieren. Dann hat man einen Überblick über das Thema. Wer ohne dieses Vorwissen zu einem Rechtsanwalt geht, hat gute Chancen, viel Geld zu verlieren.

Das Internet gibt ja in der Regel Antwort auf alle Fragen, allerdings sucht man vergeblich nach einer Antwort auf die Frage, wodurch die Abschaffung des Erfolgshonorars zur Zeiten den Nationalsozialismus begründet ist. Dass man diese Antwort nicht findet, kann daran liegen, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt. Die Juristenzunft auf jeden Fall findet schon die leichte Öffnung in dem oben genannten Paragraphen,"....wenn der Auftraggeber aufgrund seiner wirtschaftlichen Verhältnisse bei verständiger Betrachtung ohne die Vereinbarung eines Erfolgshonorars von der Rechtsverfolgung abgehalten würde...", sie erfolgte im Jahre 2008, ganz schrecklich. Ein Professour tituliert mit " Ein Jahr Erfolgshonorare – Empirische Ergebnisse zu einer erzwungenen Reform" (Ein Jahr Erfolgshonorare – Empirische Ergebnisse zu einer erzwungenen Reform). Er stellt nun fest, dass "normale" Mandanten selten nach einer erfolgsorientierten Honorierung fragen, dies aber bei überörtlich und internationalen Sozietäten, die also gewieftere Kunden haben, häufiger vorkommt. Er stellt also fest, dass die Mandanten nicht danach fragen, weil sie gar nicht wissen, dass es sowas gibt. Das ist eine tiefsinnige Erkenntnis.

Repräsentation des Staates

Was die Repräsentation des Staates angeht, ist Adam Smith jetzt wohl noch nicht besonders weit. Das Kapitel hierzu beschränkt sich auf wenige Zeilen, die wir auch nicht so richtig nachvollziehen können.

OVER AND ABOVE the expenses necessary for enabling the sovereign to perform his several duties, a certain expense is requisite for the support of his dignity. This expense varies, both with the different periods of improvement, and with the different forms of government. In an opulent and improved society, where all the different orders of people are growing every day more expensive in their houses, in their furniture, in their tables, in their dress, and in their equipage; it cannot well be expected that the sovereign should alone hold out against the fashion. He naturally, therefore, or rather necessarily, becomes more expensive in all those different articles too. His dignity even seems to require that he should become so. As, in point of dignity, a monarch is more raised above his subjects than the chief magistrate of any republic is ever supposed to be above his fellow-citizens; so a greater expense is necessary for supporting that higher dignity. We naturally expect more splendour in the court of a king, than in the mansion-house of a doge or burgo-master. Neben und und noch vor den Aufgaben des Souveräns, die nötig sind um seinen verschiedenen Verpflichtungen nachzukommen, bedarf es auch noch eines gewissen Aufwandes damit seine Würde gewährleistet ist. Dieser Aufwand hängt ab vom alllgemeinen Fortschritt und von der Regierungsform. In einer wohlhabenden und fortgeschrittenen Gesellschaft, wo alle Bevölkerungsgruppen mehr Geld für ihre Häuser, ihre Möbel, ihre Speisen, ihre Kleidung und ihr Kutschen ausgeben, kann man nicht erwarten, dass allein der Souverän der Mode widersteht. Auch wird folglich oder notwendigerweise mehr Geld für diese Dinge ausgegeben. Seine Würde verlangt auch, dass er dies tut. Was die Würde angeht steht ein Monarch noch höher über seinen Untertanen, als der oberste Magistrat irgendeiner Republik über seinen Mitbürgern, so dass ein größerer Aufwand nötig ist um diese höhere Würde aufrecht zu erhalten. Wir erwarten immer mehr Glanz am Hofe eines Königs, als am Regierungssitz eines Dogen oder Bürgermeisters.

aus: Book V, Chapter I, Part IV

Das ist jetzt natürlich keine besonders ökonomische Sicht der Dinge. Wieso ein Souverän an Würde seine "Untertanen" übertreffen soll und wieso der Aufwand zur Aufrechterhaltung dieser besonderen Würde gerechtfertigt ist, wird nicht erklärt. Man kann zwar feststellen, dass in allen Ländern, die formal Monarchien sind, in Europa England, Spanien, Belgien, Schweden, Dänemark, Norwegen dies der Fall ist, aber zwingend ist es nicht. Die könnten alle auch in einem Blockhaus am See leben.

Konkret ist der Souverän zur Zeit von Adam Smith Georg I und Georg II, beide deutscher Abstammung, wobei letzterer als Muttersprache Englisch sprach und in England aufgewachsen ist. Premier Minister unter diesen beiden Monarchen war Robert Walpole, welcher, wie Adam Smith selbst, ein Mitglied der Whigs war. Dieser regierte eher mit den beiden Monarchen als mit dem Unterhaus. Das erklärt aber alles nicht, wieso Adam Smith der Monarchie gegenüber so positiv gestimmt ist. Über alternative Staatsformen und deren Interaktion mit der Wirtschaft diskutiert er nur gelegentlich. Systemisch könnte dies dadurch begründet sein, dass er für "politische" Entscheidungen ohnehin keinen allzu großen Bedarf sah, weil der Staat sich am besten aus allem raushält. Im Grunde sind lediglich Verteidigung und Repräsentation Staatsaufgaben.

THE EXPENSE of defending the society, and that of supporting the dignity of the chief magistrate, are both laid out for the general benefit of the whole society. It is reasonable, therefore, that they should be defrayed by the general contribution of the whole society; all the different members contributing, as nearly as possible, in proportion to their respective abilities. Die Ausgaben für die Verteidigung der Gesellschaft und die Aufrechterhaltung der Würde des obersten Magistrats nützen beide der Gesellschaft als ganzem. Es ist deshalb vernünftig, dass die gesamte Gesellschaft hierfür einen Beitrag leistet, wobei die Belastung soweit wie nur möglich im Verhältnis zu ihren Möglichkeiten sein sollte.

aus: Book V, Chapter I, Part IV

Auffallend ist, dass hier die Würde des chief magistrate aufrechterhalten werden soll, oben war es noch der König. Es scheint ihm also weitgehend egal zu sein, wer Staatsoberhaupt ist, Hauptsache selbiger tut möglichst wenig. Ganz im Gegensatz zu seiner üblichen Argumentation, wo es ihm ganz wesentlich darum geht nachzuweisen, dass ökonomische Macht durch den Wettbewerb eingedämmt wird, hat er in den Regierungschef, wer immer das sein mag, ein grenzenloses Gottvertrauen. Der gesunde Menschenverstand würde einem ja sagen, dass man denjenigen, dem man via Steuergelder eine Armee spendiert, besonders scharf kontrollieren werden muss, aber das sieht er nicht so. Die Gefahr des Missbrauchs militärischer Macht wird an keiner Stelle des Buches erwähnt, obwohl die englischen Bürgerkriege ihm durchaus hätten Anlass geben können, darüber zu reflektieren.

Infrastrukturmaßnahmen

Auch die Diskussion um Infrastrukturmaßnahmen läuft entlang der Diskussionschiene, die wir auch heute noch kennen. Fast hätte Adam Smith auch schon öffentliche Güter definiert.

THE THIRD AND LAST DUTY of the sovereign or commonwealth, is that of erecting and maintaining those public institutions and those public works, which though they may be in the highest degree advantageous to a great society, are, however, of such a nature, that the profit could never repay the expense to any individual, or small number of individuals; and which it, therefore, cannot be expected that any individual, or small number of individuals, should erect or maintain. The performance of this duty requires, too, very different degrees of expense in the different periods of society. Die dritte und letzte Pflicht des Souveräns oder der Gemeinschaft ist die Errichtung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Einrichtungen und öffentlichen Arbeiten, die, auch wenn sie einer großen Gesellschaft äußerst nützlich sind, von einer Art sind, dass der Gewinn nie ausreichen würde, um einen Privatmann oder eine kleine Gruppe von Privatleuten für den Aufwand zu entschädigen, so dass kaum erwartet werden kann, dass ein einzelnes Individuum oder ein kleine Gruppe von Individuen solche Anlagen errichten oder Instand halten wird. Der Aufwand für die Durchführung solcher Aufgaben hängt auch ab von den unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Gesellschaft.

aus: Book V, Chapter III

Wir haben hier also eine dritte Variante: Souverän oder Gesellschaft. Im Grunde trifft die Beschreibung schon fast auf das zu, was wir heute öffentliche Güter nennen, er hätte nur noch hinzufügen müssen, dass es nicht möglich ist, die Allgemeinheit für die Nutzung dieser öffentlichen Infrastrukturmaßnahmen zur Kasse zu bitten.

Wenn er schreibt, dass der Gewinn nie ausreichen würde, die Investition zu amortisieren, dann kann er nur meinen, dass der Gewinn nicht ausreicht, um die Investitionen der Privatleute zu amortisieren, denn andernfalls wäre die Aussage nicht stimmig. Ein Investition, die sich selbst dann nicht rechnet, wenn man alle, die die Anlage nutzen auch zur Kasse bitten kann, wäre eine volkswirtschaftliche Verschwendung, rein ökonomisch betrachtet.

Denn dann ergäbe sich auch gesamtgesellschaftlich ein Verlust. Er kann also nur öffentliche Güter meinen. Wenn man also alle zur Kasse bitten könnte, würde sich die Investition amortisieren.

Genau genommen ist es natürlich komplizierter. Die Investition muss sich innerhalb der Nutzungsdauer amortisieren. Kann ein Gebäude 200 Jahre genutzt werden, dann ist es legitim, auch noch die folgende Generation mit den Kosten zu belasten. Sie erbt ja dann nicht nur Schulden, sondern auch Vermögen.

Schaut man sich Wealth of Nations sehr genau an, wird man feststellen, dass mehr oder weniger alle Elemente der heutigen Volkswirtschaftslehre schon von Adam Smith genannt wurden, wenn auch oft nur in einem Nebensatz und etwas unklar formuliert.

Selbst die keynesche Spekulationskasse, wird eigentlich schon erwähnt (siehe Zahlungsbilanz). Der Autor ist allmählich ganz ernsthaft der Meinung, dass sich Wealth of Nations als Einführung in die Volkswirtschaftslehre weit besser eignet, als so manches neuere Lehrbuch zur Volkswirtschaftslehre.

Man könnte es straffen und drastisch kürzen, von knapp 800 Seiten auf 200 Seiten zusammenkürzen und mit einem Glossar versehen, aber prinzipiell ist es perfekt. Als Alternative würde sich noch Principles of Economics von Alfred Marshall anbieten, davon später.

Bezüglich der Bereitstellung der Infrastruktur durch den Staat, also die Allgemeinheit der Steuerzahler, läuft die Diskussion ähnlich, wie wir sie auch von der öffentlichen Debatte heutigen Tags kennen, wobei sich Adam Smith hier überwiegend mit Verkehrsinfrastruktur beschäftigt. Straßen werden in manchen Ländern über Steuern finanziert in anderen von der Allgemeinheit, zumindest Autobahnen. Welche Finanzierungsart zu wählen ist, hängt bei Adam Smith von der Komplexität der Instandhaltung ab. Ist diese kompliziert, dann überlässt man es besser der Privatwirtschaft.

In several different parts of Europe, the toll or lock-duty upon a canal is the property of private persons, whose private interest obliges them to keep up the canal. If it is not kept in tolerable order, the navigation necessarily ceases altogether, and, along with it, the whole profit which they can make by the tolls. If those tolls were put under the management of commissioners, who had themselves no interest in them, they might be less attentive to the maintenance of the works which produced them. In verschiedenen Teilen Europas gehören die Zölle oder Weggebühren Privatpersonen, deren Eigeninteresse sie verpflichtet, den Kanal offen zu halten. Wird er nicht in einem angemessenen Zustand erhalten, bricht die Schiffahrt zusammen und damit auch der Ertrag, den sie mit ihm erzielen. Würde man diese Gebühren unter die Verwaltung von Beamten stellen, welche selbst kein Interesse an diesem Kanal haben, dann würden sie weniger Sorgfalt in die Instandhaltung, welche diese Einnahmen erbringen, setzen.

aus: Book V, Chapter III

Wird es also schwierig und mühsam, dann sollte man das nicht Beamten überlassen. Diese Ansicht deckt sich mit der Erfahrung des Autors aus der Zeit, als er noch Controlling in der Berliner Verwaltung unterrichtet hat, wobei es in der Regel so ist, dass der Widerstand von Beamten bestimmte Bereiche der öffentlichen Verwaltung zu privatisieren geringer ist, wenn es um mühselige, arbeitsintensive Bereiche geht, bzw. eine Leistung von den Beamten selbst erbracht werden muss.

Die Kantinen der einzelnen Bezirksämter werden in Berlin zum Beispiel immer privatisiert. Bei einer für das leibliche Wohl der Beamten zentralen Tätigkeit verlässt man sich doch lieber auf die Initiative und Leistungsbereitschaft privater Anbieter.

Man hätte sonst das Problem, dass der verbeamtete Kollege verantwortlich wäre, wenn das Essen den älteren Herren nicht mundet.

Der Kampf um Privatisierung bzw. Abschaffung entbrennt immer dann auf's Heftigste, wenn der Bereich mit keinerlei Arbeit verbunden ist, das Gehalt also ohne Gegenleistung auf dem Konto landet. Jedes Bezirksamt (in Berlin) leistet sich zum Beispiel sein eigenes Presseamt, wobei kein Mensch so richtig versteht, wieso ein Bezirksamt ein Presseamt braucht.

Auch nur die Möglichkeit, dass dieses Amt abgeschafft werden könnte, führte zur geschlossenen Rebellion im Unterricht. Soviel Temperament wie der Autor als Dozent im Bereich Controlling in der öffentlichen Verwaltung erlebt hat, hätte er Beamten nie zugetraut.

Adam Smith ist nun der Meinung, dass man die Instandhaltung von Straßen auch Beamten überlassen kann, denn hier bedarf es nicht derselben Sorgfalt, wie bei Brücken und Kanälen. Genau genommen läuft seine Argumentation so. Da bei Brücken und Kanälen die Einkommen gegen Null gehen, wenn sie nicht mehr genutzt werden können, wird ein privater Investor ein massives Interesse daran haben, sie in einem guten Zustand zu erhalten.

Bei Straßen ist das nicht so. Auch wenn diese ein paar Schlaglöcher haben, gehen die Einnahmen nicht gegen Null, so dass auch der Anreiz des privaten Investors etwas zu tun geringer ist. Der private Investor wird also in diesem Fall eine kurzfristige Gewinnmaximierung betreiben, also gar nichts mehr tun.

Adam Smith geht also davon aus, dass ein gewinnmaximierendes Verhalten den privaten Investor zwar dazu bringen wird den Kanal offen zu halten, andernfalls würde er ja gar nichts verdienen, aber ihn nicht dazu bringen wird, die Straße in Schuss zu halten, weil der Aufwand hierfür höher wäre, als die zusätzlichen Einnahmen. Der Unterschied zwischen einer Straße, die von Beamten betrieben wird und einer Straße, die von privaten Investoren betrieben wird, ist also gering.

The tolls for the maintenance of a highroad cannot, with any safety, be made the property of private persons. A high-road, though entirely neglected, does not become altogether impassable, though a canal does. The proprietors of the tolls upon a high-road, therefore, might neglect altogether the repair of the road, and yet continue to levy very nearly the same tolls. It is proper, therefore, that the tolls for the maintenance of such a work should be put under the management of commissioners or trustees. Die Gebühren für die Erhaltung von Landstraßen können nicht in Privathände fließen, soll die Sicherheit gewährleistet sein. Auch eine Landstraße, die vollkommen vernachlässigt wird, ist nicht vollständig unpassierbar, ganz im Gegensatz zu einem Kanal. Die Eigentümer der Weggebühren auf eine Landstraße könnten also die Instandhaltung völlig vernachlässigen und dennoch fast die gleichen Einnahmen erzielen. Es ist von daher günstig, die Gebühren für die Erhaltung solcher Anlagen unter die Verwaltung von Beamten oder Treuhändern zu stellen.

aus: Book V, Chapter III

Adam Smith sieht die Sache also immer systemisch. Da wo keine Leistungsanreize bestehen, kann man die Arbeit auch Beamten überlassen. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass wir beim Berufsbeamtentum einen systemischen Fehler haben.

Es ist naheliegend, eigentlich sogar rational, dass jemand, der nicht nach Leistung bezahlt wird, möglichst wenig und im Zweifelsfalle nichts tut. Eigenartig an der öffentlichen Debatte ist, dass dieser Zusammenhang in anderen Bereichen, etwa bei Diskussionen rund um Hartz IV, immer unterstellt wird.

Es wird davon ausgegangen, dass Menschen nicht mehr arbeiten, wenn der Abstand zwischen dem Einkommen aus Hartz IV oder anderen Systemen der sozialen Sicherung und dem Lohn zu gering ist. In diesem Zusammenhang wird ein systemisches Versagen konstatiert.

Bei der Diskussion um den Beamtenstatus spielt dieses grundlegende systemische Problem in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. Bei Beamten wird unterstellt, dass sie ohne Leistungsanreize eine Leistung erbringen, die der Leistung in einer marktwirtschaftlichein Ordnung entspricht. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine quantité négligeable. 1,8 Millionen Arbeitnehmer sind in Deutschland verbeamtet, das sind immerhin fast 5 Prozent aller Beschäftigten.

Zu dieser Zahl kommen noch die Angestellten im öffentlichen Dienst, wo wir im Grunde Verhältnisse haben, die dem Beamtenstatus stark ähneln. Der Anteil könnte drastisch sinken, wenn man die großen Blöcke, Steuerverwaltung, soziale Sicherungssysteme radikal vereinfacht. Das Ergebnis wäre zwar vielleicht ungerecht, aber für den einzelnen kommt es nicht auf die relative Position innerhalb einer Einkommensverteilung an, sondern auf die absolute Höhe und diese könnte höher sein, wenn man die Staatsquote drastisch absenkt.

Ansonsten lernen wir, dass sich in den letzten 250 Jahren nicht viel geändert hat. Wer die öffentliche Diskussion um die KfZ Steuer verfolgt, der hat hier ein déjà vue.

The money levied at the different turnpikes in Great Britain, is supposed to exceed so much what is necessary for repairing the roads, that the savings which, with proper economy, might be made from it, have been considered, even by some ministers, as a very great resource, which might, at some time or another, be applied to the exigencies of the state. Selbst manche Minister gehen davon aus, dass das Geld, dass durch die verschiedenen Zollschranken in Großbritanien erhoben wird, den Betrag, der bei vernünftigem Wirtschaften nötig ist, um die Straßen zu erhalten, in einem solchen Maße übersteigt, dass hierdurch ein erhebliches Einkommen erzielt wird, dass es für die allgemeinen Aufgaben des Staates verwendet wird.

aus: Book V, Chapter III

Auch das ist zutreffend. Nach Berechnungen des ADAC belaufen sich die Einnahmen aus Kfz Steuer, Mineralösteuer (+ Ökosteuer und anteilige Mehrwertsteuer) auf 53 Milliarden Euro. Für den Straßenbau werden 17 Milliarden verwendet. Bei der Ökosteuer hat man nicht mal versucht, einen Zusammenhang zwischen Erhebung und Verwendung herzustellen. Die Ökosteuer soll Defizite bei der Rentenversicherung ausgleichen.

Das Grundproblem ist immer dasselbe. Parteien sind Unternehmer. Ihr Interesse muss darin bestehen, die Staatsquote und damit die Bedeutung der Politik zu erhöhen. Dass die Staatsquote seit etwa 1975 nicht weiter ansteigt und etwa bei 45 Prozent verharrt, liegt wohl auch schlicht daran, dass wir einen Umfang erreicht haben, der nicht mehr steigerbar ist.

Gestartet ist man, im Jahre 1953, mit 30 Prozent. Wir wissen im Grunde nicht, ob die Zahlen stimmen, aber ob wir die aktuellen Probleme mancher Länder, wir schreiben immer noch das Jahr 2012, mit der hohen Staatsquote erklären können, ergibt sich nicht unbedingt aus den Zahlen.

Spanien liegt etwa auf dem Niveau von Deutschland, Frankreich wesentlich höher und etwa auf dem Niveau von Griechenland (Staatsquote). Die Staatsquote ist zwar unstrittig ein systemisches Problem, aber alle Staaten zeigen hier die gleichen Tendenzen.

Das allein kann also die Krise nicht erklären, auch wenn das täglich in der öffentlichen Debatte suggeriert wird. Wie bereits mehrfach erwähnt, gibt es viele Bereiche, z.B. Forschung und Entwicklung, komplexe Investitionen, wo der Markt keine Signale sendet und es gibt durchaus Bereiche, wo der Markt falsche Signale sendet (Finanzprodukte). In diesem Fall ist die marktwirtschaftliche Lösung nicht viel effizienter als der Staat.

Über die Höhe der Staatsquote kann man sich also streiten. Nicht streiten kann man sich über die Tatsache, dass eine höhere Staatsquote immer einhergehen muss mit einem mehr an Transparenz. Kafkaeske Schlösser, ohne Zuständigkeiten, Verantwortung, Haftung heben letztlich die Demokratie aus den Angeln. Der Staat wird zur Beute der Parteien.

Sozialausgaben

Soziale Sicherung, heute die primäre Aufgabe des Staates, sie macht 52 Prozent des Bundeshaushaltes aus, taucht bei Adam Smith nicht mal auf. Was der Autor jetzt naheliegenderweise nicht leisten kann, ist eine detaillierte, quantitative Beschreibung, allerdings stellen sich schon dem gesunden Menschenverstand hier einige Fragen.

Die erste Frage wäre, inwieweit sich die Sozialausgaben nicht von selbst refinanzieren. Da diese Ausgaben überwiegend an Menschen geleistet werden, die 100 Prozent ihrer Zuwendungen gleich wieder ausgeben, können wir von 2/3 (alles außer Miete) der 126 Milliarden Sozialausgaben des Bundes 19 Prozent gleich wieder abziehen, denn diese fließen via Umsatzsteuer gleich wieder zurück.

Den Löwenanteil des Haushaltes des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, 80 Milliarden, machen im Übrigen die Zuschüsse zu den sozialen Sicherungssystemen aus, die da eigentlich gar nicht hingehören, denn diese Systeme sollten sich eigentlich via Beiträge selber tragen. Was im Zentrum der öffentlichen Debatte steht, Hartz IV oder Arbeitslosengeld II, sind nur 20 Milliarden, anders formuliert, Peanuts.

Die Verwaltungskosten für die Durchführung der Grundsicherung für Arbeitsuchende betragen hierbei 4 Milliarden (!!), das ist ein Fünftel des Betrages (!!). Hinzu kommen noch Ausgaben für Forschung, Untersuchungen und Ähnliches (also dubiose Studien aller Art) mit 10 Millionen. Zusammengefasst: Nur ein knappes Drittel der Sozialausgaben des Bundes entfällt auf das, was im Zentrum der öffentlichen Debatte steht.

Wir können daraus lernen, dass überragende Websites und die Initiative Einzelner durchaus geeignet sind, Diskussionen zu versachlichen. Die Zahlen entstammen der Seite bund.offenerhaushalt.de. Seiten dieser Art sind natürlich ein Meilenstein in der demokratischen Diskussionkultur. Ob irgendwelchen dubiosen "Unternehmensberatungen" irgendwelchen Nutzwert stiften, kann man bezweifeln, diese Seite auf jeden Fall stiftet einen enormen Nutzwert.

Sozialausgaben werden von unterschiedliche Leistungsträgern erbracht, Bund, Länder, Gemeinden. Wer für was zuständig ist, regelt SBG I. Für Wohngeld zum Beispiel sind die Kommunen zuständig.

§ 26 SGB I Wohngeld

  1. Nach dem Wohngeldrecht kann als Zuschuß zur Miete oder als Zuschuß zu den Aufwendungen für den eigengenutzten Wohnraum Wohngeld in Anspruch genommen werden.
  2. Zuständig sind die durch Landesrecht bestimmten Behörden.

Für das Arbeitslosengeld II der Bund.

§ 46 SGB II Finanzierung aus Bundesmitteln

  1. Der Bund trägt die Aufwendungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende einschließlich der Verwaltungskosten, soweit die Leistungen von der Bundesagentur erbracht werden. Der Bundesrechnungshof prüft die Leistungsgewährung. Dies gilt auch, soweit die Aufgaben von gemeinsamen Einrichtungen nach § 44b wahrgenommen werden. Eine Pauschalierung von Eingliederungsleistungen und Verwaltungskosten ist zulässig. Die Mittel für die Erbringung von Eingliederungsleistungen und Verwaltungskosten werden in einem Gesamtbudget veranschlagt.

Schaut man sich das ganze Kasino rund um die Sozialaufwendungen an, dann ist klar, dass wir es mit einem Moloch zu tun haben, der weder durchschaubar, noch steuerbar, noch irgendwelche rationalen Ziele verfolgen kann.

Allein im Bereich Existenzsicherung und Förderung von Arbeitslosen haben wir ein derartiges Gestrüpp, das kaum anzunehmen ist, dass da noch irgendjemand durchblickt.

Wir haben die Hauptakteure Bund / Länder / Gemeinden / EU, mit zum Teil parallelen Programmen (insbesondere im Bereich Weiterbildung Europäischer Sozialfond / SGB II § 16 und SGB III) und teilweise konkurrierender Zuständigkeit, wir haben die Bundesagentur für Arbeit, die Kommunalen Vermittler, die Jobcenter, die mit privaten Weiterbildungsträgern, privaten Arbeitsvermittlern zusammenarbeiten, wir haben die 1 Euro Jobs und, und, und...

Das ganze System wird in Bewegung gehalten von ökonomischen Laien, die keinerlei Anreize haben, ökonomisch völlig sinnlose Entscheidungen zu korrigieren, selbst wenn sie diese sehen würden, was aber bei der fachlichen Qualifikation eher unwahrscheinlich ist. Wir haben ein System, das eigentlich nicht funktionieren kann, was jedem klar ist, der sich z.B. in der beruflichen Weiterbildung das Gewusel als Dozent, wie der Autor, mal eine zeitlang von Innen angeschaut hat.

Beim gleichen Weiterbildungsträger und parallel werden Schlosser zu Schreinern und Schreiner zu Schlossern ausgebildet, jeder, der irgendwann mal am Rechner saß, landet in einem Kurs zur Internetprogrammierung / Webdesigner / e-commerce. Betrachtet man die Masse an kaufmännischen Kursen, die das Arbeitsamt, vulgo Bundesagentur für Arbeit, finanziert, kann Deutschland allein die ganze Welt mit Buchhaltern bestücken.

Aufgrund der im Vergleich zu Universitäten deutlich besseren finanziellen Ausstattung der privaten Bildungsträger, vor allem im EDV Bereich und aufgrund der Tatsache, dass die Teilnehmer sich voll auf den Kurs konzentrieren können und nicht nebenbei jobben müssen, wäre zu erwarten, dass diese Träger zumindest teilweise effizienter sind als Unis.

Das trifft aber kaum zu, weil die einen genauso in einer Parallelwelt leben, wie die anderen. Das bedingungslose Grundeinkommen hat also einen ganz unbestechlichen Charme. Es ist gnadenlos simpel. Wer ein Einkommen unter 15 000 Euro bezieht, erhält eine negative Steuer, also einen Zuschuss, wer darüber liegt, zahlt Steuern.

(Das Modell von Milton Friedman ist hierbei komplexer. Bei diesem Modell wird die negative Einkommensteuer nur bis zur Hälfte der Differenz zwischen festgesetztem Grundeinkommen und tatsächlichen Verdient bezahlt, so dass weiterhin ein Anreiz besteht, zu arbeiten.)

Bei dieser Variante könnte man das Bundesministerium für Arbeit und Soziales komplett abschaffen, das ergäbe eine Ersparnis von 140 Milliarden pro Jahr. Bei 82 Millionen Inländern in Deutschland macht das pro Kopf 1707 Euro pro Jahr aus. Gehen wir davon aus, dass jeder zehnte in voller Höhe Anspruch hätte auf das bedingungslose Grundeinkommen, dann wären das ~ 17000 Euro pro Jahr, also weit mehr, als das kulturelle Existenzminimum.

Unter diesen Auspizien ist auch das Argument, dass sich dann bestimmte Leute in die soziale Hängematte legen, nicht wirklich stichhaltig. Die in diesem Sektor der öffentlichen Verwaltung Beschäftigten mögen zwar subjektiv den Eindruck haben, dass sie irgendetwas Sinnvolles tun, tatsächlich ist die Tätigkeit aber volkswirtschaftlich vollkommen sinnfrei.

Die soziale Sicherung wäre eher gewährleistet, wenn man den ganzen Dschungel beerdigt und auf ein bedingungsloses Grundeinkommen umstellt. Und wenn man schon mal dabei ist, Ministerien zu schließen, dann könnte man auch gleich das Bundesministerium für Gesundheit mit dem Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend zusammenschließen (Einsparunpotential 10 Milliarden, denn die Forschungsausgaben des Bundesministerium für Gesundheit gehören eigentlich in das Bundesministerium für Bildung und Forschung). Beim Bundesministerium für Verteidigung (32 Milliarden Euro) ist mangels Feind noch viel Luft. Selbst wenn wir das Steuersystem also radikal vereinfachen und jenseits der 15 000 Euro Ungerechtigkeiten in Kauf nehmen, ist da noch soviel Geld im Jackpot, dass es niemandem auffallen würde, wie hart und ungerecht das Leben nun geworden ist, weil er absolut mehr Geld im Geldbeutel hat. Wir führen also bezüglich des bedingungslosen Grundeinkommens eine völlige Gespensterdebatte. Das Problem ist, dass man ökonomische Laien wie Ursula von der Rolle ungebremst auf die Menschheit loslässt. Dieser Zustand ist zu ändern. Liest man sich diesen Text durch, dann stehen einem die Haare zu Berge: Altervorsorge Selbständige.

Wir erklären der Frau jetzt mal die Welt und weisen darauf hin, dass es sehr wenig sinnreich ist, völligen Laien die Verfügungsmacht über gewaltige Geldsummen zu geben.

  1. Selbständige beteiligen sich heute schon an der Finanzierung der Riesterrente DER ANDEREN, weil diese steuerlich bezuschusst wird. Das heißt ALLE, die Steuern bezahlen, zahlen Riester Rente, aber nur manche davon profitieren. Sie hält Selbsständige also für verantwortungslos und asozial, weil sie die Riester Rente anderer Leute bezahlen. Diese Weisheit kann sie nur der Bibel entnommen haben.
  2. Nochmal, zum x-ten Mal. Wir wissen seit Keynes, dass es einen GELDMARKT gibt. Der neoklassische Kapitalmarkt ist irrelevant. Auf dem GELDMARKT sieht ein Hundert Euro Schein, den sich jemand vom Mund abgeriestert hat exakt gleich aus, wie ein 100 Euro Schein, den die EZB druckt. Was "Erspartes" und "Angespartes" im Alter tatsächliches Wert ist, hängt ab von makroökonomischen Größen. Ursula muss mal Zeitung lesen. Selbst die klassischste aller Sparformen, die Investition ins eigene Häuschen, ist in den USA, Irland, Spanien, Griechenland mächtig schief gegangen und dabei handelt es sich nicht mal um die ungemein dubiosen Finanzanlagen, die sie im Kopf hat. Sie will noch mehr Geld in Systeme pumpen, die überzeugend nachgewiesen haben, dass sie sehr viel Geld in sehr kurzer Zeit verbrennen können.
  3. Auch bei einer Staatsquote von 45 Prozent nennt man unser System FREIE MARKTWIRTSCHAFT. Es ist nicht Aufgabe der Ursulas dieser Welt, Kapital in Fehlallokationen zu lenken. Ursulas müssen einsehen, dass Unternehmer und Selbsständige Profis sind und sie ein Laie. Erstere wissen, wo sie ihr Geld am besten anlegen, im Zweifelsfalle in ihr eigenes Unternehmen. Nicht alle können eine bedingungslose Pension wie Ursula beziehen. Die FREIE MARKTWIRTSCHAFT ist nun mal LEISTUNGSORIENTIERT.
  4. Der Quark mit der Riester / Rüruprente wird den Steuerzahler noch eine Menge Geld kosten, denn wenn allein die Chinesen drei Billionen Dollar Devisenreserven haben, dann werden die Kapitalsammelstellen die garantierten Renditen nicht erwirtschaften können, denn mit Geldvermögen verhält sich das wie mit Kartoffeln, ist viel davon da, sind die billig und je mehr man Versicherungen auch noch verpflichtet, in Staatsanleihen zu investieren, weil die vermeintlich sicher sind, desto größer wird das Versagen. Kapitalsammelstellen haben ohnehin Probleme, das Kapital da anzulegen, wo der Markt keine Knappheitssignale sendet, also in innovative Bereiche. Das ist die Ursache, warum zunehmend mehr venture capital zur Verfügung steht. Die Situation wird jetzt nicht dadurch besser, dass Ursulas gesetzlich bestimmen, dass Kapital in griechische Staatsanleihen zu versenken sind. Für diese katastrophalen Fehlentscheidungen der Ursulas, werden die Selbständigen und Unternehmer via Steuerzahlungen bluten.
  5. Wir erklären ihr jetzt mal Selbsständigkeit, damit sie das kapiert. Es kann durchaus sein, dass ein Selbsständiger lange von 400 Euro lebt, es kann sogar sein, dass ein Selbsständiger von Erspartem lebt und gar nichts verdient, das dürfte sogar der Normalfall sein, solange er ein Unternehmen aufbaut. Man muss schon verflucht wenig Berufserfahrung haben und in einer Parallelwelt leben, um das nicht mitzubekommen. Genau in dieser Situation legen aber Selbständige und Unternehmer ihr Geld lieber in ihrem eigenen Unternehmen an, anstatt es einer Kapitalsammelstelle zu übergeben, wo es verbrannt wird.
  6. Wir verstehen, dass die Ursulas dieser Welt ihre Job sichern wollen, es wäre aber insgesamt volkswirtschaftlich sinnvoller, wenn die Ursulas ein Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen, denn davon lebt ihresgleichen.
  7. Es ist relativ wurscht, wieviele offene Stellen es gibt und es ist nicht Aufgabe ökonomischer Laien Empfehlungen darüber abzugeben, wer wo zu arbeiten hat und Selbständigen und Unternehmern Ratschläge zu erteilen, ob sie ihr Unternehmen fortführen oder nicht. Es gibt keine Unternehmen, die from scratch gegründet werden und dann sofort Gewinn abwerfen. Wenn es so einfach wäre, dann wäre das ein weiterer Grund, das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zu schließen, denn dann wäre es endgültig überflüssig, da Vollbeschäftigung garantiert wäre.

 

Es ist ein sehr, sehr, sehr kurioser Zustand, dass sich die Volkswirtschaftslehre mit dem marktwirtschaftlichen Teil unserer Wirtschaft befasst, aber kein Wort über den nicht marktwirtschaftlich organisierten Teil verliert.

Einigen wenigen, wie zum Beispiel Peter Bofinger, ist immerhin schon mal aufgefallen, dass sich die akademische Volkswirtschaftslehre nur mit Märkten beschäftigt, er nennt sein Werk zur Volkswirtschaftslehre, ein weiteres in einer ganz langen Sammlung, folgerichtig "Grundzüge der Volkswirtschaftslehre: Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten". Dort analysiert er dann, das scheint bei diesen Leuten eine Marotte zu sein, das, was überhaupt kein Problem darstellt und jeder ohne weiteres sofort kapiert, nämlich wie Märkte funktionieren.

Staatliches Handeln spielt sich aber nicht auf Märkten ab, bzw. ist nicht über Marktmechanismen erklärbar. Die Marktmechanismen sind bestenfalls das Resultat, aber nicht die Ursache. Die Fokusierung auf Märkte ist eine Einengung der Perspektive. In den hochaggregierten rein quantitativ erfassbaren Größen gehen die qualitativen Unterschiede, die letztlich für die quantitative Ausprägung bestimmend sind, verloren. Die Allgemeingültigkeit der ökonomischen Marktgesetze wird durch Trivialität erkauft.

Die sehr naheliegende Konsequenz, nämlich das zu analysieren, was nicht funktioniert, fällt ihm irgendwie nicht ein. Dass Adam Smith den Staat kurz und knapp abhandelt, können wir nachvollziehen, denn tatsächlich spielte er für die Gesamtwirtschaft im 18. Jahrhundert eine relativ unbedeutende Rolle. Aber innerhalb von 250 Jahren kann es doch mal irgendjemandem auffallen, dass der Staat heute eine ganz erhebliche Rolle spielt.

Das ganz reale Problem der öffentlichen Diskussion besteht darin, dass alles durcheinander geworfen wird und mit Begriffen operiert und polarisiert wird, die faktisch keinerlei Bedeutung haben und zu reinen Gespensterdiskussionen führen, bei der die Emotionen zwar hochkochen, aber eigentlich kein Mensch weiß, worüber eigentlich genau diskutiert wird und was konkret "rechts" und "links" bedeutet.

Jemand der von der Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Ordnung gegenüber der Planwirtschaft ausgeht, kann dennoch konstatieren, dass es in zentralen Bereichen, wie etwa der Bildung, massive Schieflagen auf unterschiedlichen Ebenen gibt, siehe oben. Wir kommen auf das Thema später noch öfter zurück.

Skurril ist, dass Leute, die "rechts" sind, meistens einen starken Staat wollen, was eigentlich eine ziemlich linke Position ist und kaum mit einer marktwirtschaftlichein Ordnung vereinbar ist. In der öffentlichen Diskussion wird aus der gegenwärtigen Krise eine Krise des "Kapitalismus", was immer die Leute darunter verstehen, wobei die Gegner wie die Anhänger dieser Weltanschauung den gleichen Begriff verwenden, ohne zu merken, dass dieser Begriff eigenlich ein marxistischer Kampfbegriff ist.

Gegen Krisen an sich ist ja nichts einzuwenden, sie sind positiv, weil sie systemische Fehler aufzeigen und damit dem Erkenntnisfortschritt dienen. Allerdings können aus Krisen nur dann Lehren gezogen werden, wenn die Diskussion über die Krisen einigermaßen strukturiert verläuft und die zu ziehenden Lehren auch bei allen ankommen.

Verläuft im Jahre 2012 die Diskussion noch nach demselben Schema wie in den dreißiger Jahren oder während des kalten Krieges, "Freiheit statt Sozialismus", "Rote Socken", "Heiße Luft würde die Linke wählen", "SPD: Weil Wirtschaft Maß und Ordnung braucht", "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt", dann ist das einfach nur langweilig. Das Interesse der Parteien an Emotionalisierung ist verständlich, sagt viel aus, über deren Meinung über Wähler, heiße Wangen und ein bisschen dämlich, doch bringt uns das keinen Millimeter weiter.

Das intelligenteste Plakat der letzten zwanzig Jahren stammt von den Piraten: Vertraue keinem Plakat. Informier dich!

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Infos und Anmerkungen:

ES        DE

Staatliche Tätigkeiten:

Infrastruktur
Bildung
Soziales
Verteidigung

Lohn = Grenzerlös der Arbeit ist eine Tataulogie

Der Preis, der für ökonomische Gesetze bezahlt wird, ist die Trivialität

Was immer richtig ist, ist immer unbedeutend

In dem Maße, in dem Systeme nicht durch marktwirtschaftliche Mechanismen gesteuert werden können, brauchen wir mehr Transparenz.

Am anschaulichsten kann man das bei der Rechtsprechung beobachten, siehe www.recht-eigenartig.de

Staatliches Handeln muss Thema der VWL sein