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3.1.2 Sinnhaftigkeit der mathematischen Modellierung

Die Diskussion über die Sinnhaftigkeit und Möglichkeit der mathematischen Modellierung ist ein Dauerbrenner in der akademischen Volkswirtschaftlehre. Schauen wir mal, was Keynes, der Begründer der modernen Makroökonomie und der bedeutendste Ökonom aller Zeiten, Professor für Ökonomie und Mathematik zu dem Thema zu sagen hat.

The object of our analysis is, not to provide a machine, or methode of blind manipulation, which will furnish infallible answer, but to provide ourselves with an organised and orderly method of thinking out particular problems; and, after we have reached a provisional conclusion by isolating the complicating factors one by one, we the have to go back on ourselves an allow, as well as we can, for the probable interactions of the factors amongst themselves. This is the nature of economic thinking. Any other way of applying our formal principles of thought (without which, however, we shall be lost in de wood) will lead uns into error. It is a great fault of symbolic pseudo-mathematical methods of formalising a system of economic analysis,..., that they espressly assume strict independence between the factors involved and lose all their cogency and authority if this hypothesis is disallowed, whereas, in ordinary discourse, where we are not blindly manipulating but know all the time what we are doing and what the words mean, we can keep 'at the back of our heads' the necessary reserves an qualifications and the adjustments which we shall to make later on, in a way in which we cannot keep complicated partial differentials 'at the back' of several pages of algebra which assume that they all vanish. Too large a proposition of recent 'mathematical' economics are merely concotions, as imprecise as the initial assumptions they rest on, which allow the author to lose sight of the complexities an interdependencies of the real worl in a maze of pretensions an unhelpful symbols. Das Ziel unserer Analye ist nicht die Entwicklung einer Maschine oder einer Methode der willkürlichen Manipulation, die eine unfehlbare Antwort liefert, sondern uns eine wohl organisierte und systematische Methode der geistigen Durchdringung zur Verfügung zu stellen, die es uns erlaubt, die Probleme zu durchdringen und nachdem wir so schrittweise durch die Isolierung der Faktoren eine Reduzierung der Komplexität erreicht haben und zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen sind, uns wieder auf uns selbst zu besinnen und die möglichen Interaktionen der Faktoren untereinander zu berücksichtigen. Das ist die Art, wie ökonomische Probleme behandelt werden müssen. Jede andere formale Methode anzuwenden (ohne die wir uns im Wald verlieren würden) wird unser Denken anfällig für Fehler machen. Es ist ein großer Fehler der symbolischen pseudo-mathematischen Denkweise, dass sie ein System der ökonomischen Analyse formalisiert hat,..., welche eine strikte Unabhängigkeit der beteiligten Parameter unterstellt, die ihre Stringenz und Schlüssigkeit verliert, wenn die Voraussetzungen nicht zutreffen, während wir im normalen Gespräch, wo wir nicht blind mechanisch denken, sondern zu jedem Zeitpunkt wissen, was wir tun und was die Wörter bedeuten, "im Hinterkopf" noch mitdenken und uns der Vorbehalte und nötigen Anpassungen bewusst sind, die wir später noch vornehmen müssen. In komplizierten partiellen Ableitungen, die sich über einige Seiten erstrecken, werden diese Vorbehalte alle verschwinden. Ein zu großer Teil der jüngsten "mathematischen" Ökonomie ist nur ein Mischmasch, so ungenau wie die Prämissen, auf denen sie beruhen, wo der Autor in der Masse der Bedingungen und wenig hilfreicher Symbole das Gespür für die Komplexität und Interdependenzen der realen Welt verloren hat.

John Maynard Keynes, The general Theory on Employement, Interest and money, Seite 148 (Kapitel 21, III)

Was von der akademischen Ökonomie also so gepriesen wird, bezeichnet derjenige, der die Grundlagen der modernen Ökonomie geschaffen hat, als pseudo-mathematischen Mischmasch. Mathematisch ist im Orginal in Anführungsstrichen. Die mathematische Modellierung, die das keynessche System später erfahren hat, stammt nicht von Keynes. Das ist aber nicht der einzige Unterschied zwischen dem Orginal und dem, was man heute in Lehrbüchern findet. Komplexe Aussagen von Keynes wurden mathematisch modelliert und damit so stark vereinfacht, dass Aussagen über die Realität nicht mehr gewonnen werden können. Es wäre wesentlich günstiger, man würde sich in der Lehre wieder an das Orginal halten.

Das Thema wird uns immer wieder beschäftigen. Hier mal ein paar vorläufige Bemerkungen zu dem Thema.

Die Ökokaste verweist in ihrer Selbstdarstellung häufig auf die Mathematik als unverzichtbare "Hilfswissenschaft". Wir haben hierfür schon einige Beispiele zitiert und zitieren hier noch eines. (Wer Lust hat, googelt ein bisschen mit den entsprechenden Begriffen und findet dann selbst auch ein paar Tausend).

"Generelles Ziel der Wirtschaftswissenschaften ist es, ökonomische Zusammenhänge zu erklären und Aussagen über die Wirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen zu treffen. Einen Schwerpunkt bildet hierbei die Erforschung und Gestaltung wirtschaftlicher Prozesse und Strukturen. Im Hinblick auf diese Zielsetzungen sind sowohl theoretische Analysen als auch empirische Untersuchungen notwendig.
Beide Aspekte sind Gegenstand von Lehre und Forschung an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. Die Betonung quantitativer Ansätze resultiert aus der Erkenntnis, dass sich komplexe, interdependente wirtschaftliche Tatbestände mit mathematischen Methoden oft präziser beschreiben und kommunizieren lassen als dies in verbaler Form möglich wäre." aus: Uni Bielefeld

Wir finden also genau das Programm, das John Maynard Keynes, selbiger ist die Grundlage der Makroökonomie an jeder Uni weltweit, seine Theorien sind es, die in jedem akademischen Lehrbuch stehen, als "symbolic pseudo-mathematical methods" bezeichnet.

So weit so gut, der Anfang ist geschenkt. Dass die Wirtschaftswissenschaften ökonomische Zusammenhänge erklären wollen, ist natürlich völlig falsch. Die Wirtschaftswissenschaften beschäftigen sich mit der speziellen Ästethik in den Fleurs du Mal von Baudelaire und den données immédiates de la conscience bei Bergson und bei Proust, das ist offensichtlich. Auf die Abgrenzung des Forschungsobjektes der Wirtschaftswissenschaften von anderen Sozialwissenschaften kommen wir noch zurück. Dies Thema diskutiert jeder Autor der Neoklassik und über die wichtigsten Vertreter der Neoklassik werden wir noch sprechen.

Das mit den theoretischen Analysen ist natürlich auch Quark. Volkswirte reparieren Autos und führen den Ölwechsel durch, dafür braucht's keine Theorie.

Uns interessiert eigentlich nur der letzte Halbsatz: ... dass sich komplexe, interdependente wirtschaftliche Tatbestände mit mathematischen Methoden (...) präziser beschreiben (..) lassen als dies in verbaler Form möglich wäre.

Hm. Das hängt natürlich jetzt auch davon ab, wer da verbalisiert. Da gibt es auch Sottige und Sottige. Im Grunde wird hier eine allgemeine These aufgestellt. Die These nämlich, dass sich mit natürlichen Sprachen komplexe, interdependente Tatbestände schlechter darstellen lassen, als mit mathematischen Methoden.

Das heißt dann im Umkehrschluss, dass die Sprache nur bei nicht komplexen und nicht interdependenten Tatbeständen den quantitativen Methoden der Mathematik überlegen oder zumindest ebenbürtig ist, wobei sowohl der Sprache wie auch der Mathematik dieselbe Funktion zugewiesen wird, nämlich etwas zu beschreiben, was ja wiederum bedeutet, dass die natürliche Sprache im Grunde den gleichen Zweck erfüllt, wie die Mathematik, nur eben schlechter.

Von der Art des Objektes der Beschreibung wird völlig abstrahiert. Der Halbsatz der Uni Bielefeld ist so ziemlich der maximale verbale Nonsense auf minimalen Raum. Es wird nicht wirklich dadurch besser, dass wir mühelos noch ein paar tausend ähnlicher Aussagen ergoogeln können. Also mal back to the roots.

Ein TEILBEREICH der Mathematik beschäftigt sich tatsächlich mit der Beschreibung von Tatbeständen, etwa die beschreibende Statistik. Teilweise ist es hier sogar so, dass nur mit Hilfe der Mathematik Tatbestände beschrieben werden können. Will man zum Beispiel die Einkommensverteilung verschiedener Länder miteinander vergleichen, wird man auf irgendein Konstrukt wie den Gini Koeffizienten zurückgreifen müssen. Alternativ könnte man noch die Standarbweichung heranziehen, also die mittlere Abweichung vom arithmetischen Mittel. Am leichtesten verständlich wäre die Lorenzkurve.

Die mathematische Funktion ist da schon grenzwertig. Diese beschreibt zwar ebenfalls, allerdings ist sie eine Hypothese, denn bestenfalls liegen einige Wert empirisch vor, aber nicht alle Werte, die durch die Funktion beschrieben werden. Eine mathematische Funktion beschreibt die Auswirkungen der Veränderungen eines Parameters auf andere Paratmeter. Solche Beziehungen gibt es eigentlich in der VWL nur in hypothetischen Beispielen. Die Lehrbücher sind zwar voll davon, sie sind aber lediglich ein didaktisches Hilfsmittel. Die Funktion ermittelt zu jeder x-belibigen Ausprägung eines Parameters den entsprechenden Wert eines anderen Parameters. Diese Art von Beziehungen gibt es in den Naturwissenschaften, vor allem der Physik, sehr häufig. In der VWL gibt es solche Beziehungen nie.

Ähnlich verhält es sich mit der schließenden Statistik. Die schließende Statistik beschäftigt sich damit, aufgrund von Daten aus der Vergangenheit Aussagen über die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses in der Zukunft zu machen.

Um es mal abzukürzen. Die Mathematik beschäftigt sich ziemlich selten mit der reinen Beschreibung. Es geht bei der Mathematik ganz überwiegend darum, aus bekannten Daten unbekannte Daten zu ermitteln und das ist etwas, was natürliche Sprachen nicht können.

Finanzmathematik, Versicherungsmathematik etc. ist verbal nicht durchführbar, das ist offensichtlich. Genau so offensichtlich ist aber, dass der Anwendungsbereich der Mathematik begrenzt ist, sie ist kein Ersatz für die Glaskugel, egal wie sehr wir uns das wünschen. Könnten hinsichtlich der Kernfragen der VWL, also das, was die Menschheit täglich beschäftigt, Arbeitslosigkeit, Inflation, wirtschaftliches Wachstum, Fehlallokation der Mittel, Armut etc. etc. mit Hilfe der Mathematik eindeutige Prognosen erstellt werden, gäbe es das Fach VWL gar nicht, bzw. die Studienzeit würde sich drastisch verkürzen.

Die Stärke der Mathematik liegt in ihrer Fähigkeit von Bekanntem auf Unbekanntes zu schließen, was allerdings nur in zwei Situationen möglich ist.

  1. Die Kausalzusammenänge sind stabil, bekannt und die Anzahl der Variablen überschaubar. Das ist zum Beispiel in der Physik der Fall. Ein weiterer Vorteil der Physik besteht darin, dass man die Anzahl der Variablen im Experiment reduzieren kann.

  2. Die Kausalzusammenhänge sind nicht bekannt, es handelt sich um eine Black Box Theorie. Bei einer Black Box Situation kennt man zwar den Input und auch den Output, aber nicht den kausalen Zusammenhang zwischen Input und Output. In der Medizin / Biologie geht man zum Beispiel in der neueren Forschung davon aus, dass Östrogen protektiv wirkt gegen Herzinfarkt, unklar ist nur wie. In einer Black Box Situation können statistische Zusammenhänge die Forschung steuern. Aufgrund des statistischen Zusammenhanges kann man einen kausalen Zusammenhang vermuten und dann weiter forschen. Bedingt kann der statistische Zusammenhang auch prognostisch verwertet werden.

Die Aussage, dass mathematische Verfahren in der Volkwirtschaft der verbalen Beschreibung überlegen sind, impliziert, so die Aussage nicht schlicht unreflektiertes Gebabbel ist, eine Vorstellung über das Objekt der Betrachtung.

Es ist nicht verboten, eine solche Vorstellung zu haben, allerdings muss man sie dann explizit nennen und nicht apodiktisch behaupten.

In den Bereichen der VWL, wo eine starke Interdependenz der Variablen besteht, in der Finanzmathematik besteht diese Interdependenz zum Beispiel sehr oft aus dem schlichten Grund, weil der Zins gesetzlich / vertraglich festgelegt ist und damit z.B. ab- bzw. aufdiskontiert werden kann, kommt naheliegenderweise NUR Mathematik zum Einsatz. Es gibt da wenig zu verbalisieren.

In der Makroökonomie allerdings liegt der Zins nicht fest. Er hängt von der Geldmenge, die in Europa von der EZB zur Verfügung gestellt wird, von der Präferenz für Spekulationskasse, von der Rentabilität der Investitionen, von der Präferenz für Konsum etc. etc.. ab. Diese Variablen wiederum hängen ab von Prognosen der Beteiligten, Innovationen, Demographie, staatliche Subventionierung der Altersvorsorge etc. etc.. Unabhängig von der Frage, ob man die Variablen in ökonomischen Makromodellen quantitativ bestimmen kann, besteht noch das Problem, dass die Variablen selbst lediglich Ausdruck anderer Variablen sind. Hier suggeriert, und das ist wohl auch intendiert, die Mathematik eine Exaktheit, wie wir sie in den Naturwissenschaften, vor allem eben der Physik, haben.

Mathematisch modellierbar sind Tendenzen, von Tendenzen und nicht von ökonomischen Gesetzen spricht auch Alfred Marshall, wir kommen darauf zurück. In der realen Welt interessieren wir uns aber nicht für die Tendenzen, sondern für die Ursachen, bzw. die Kausalzusammenhänge.

Die Beziehung zwischen Arbeitseinsatz und Grenzertrag, um mal ein sehr prominentes Beispiel zu nennen, das sich in jedem Lehrbuch findet, lässt sich als Tendenz abbilden. Wird immer mehr Arbeit eingesetzt, ist der Ertrag des letzten Arbeiters immer geringer als der des vorletzten. Die These kann man in Frage stellen, was wir hier aber nicht tun wollen, aber tendentiell stimmt sie. Wir sehen das schon daran, dass bei einer Knappheit an bestimmten Berufsgruppen deren Entlohnung relativ hoch ist, weil die Entlohnung wiederum mit dem Grenzertrag der Arbeit sinkt oder steigt. Die Tendenz kann man jetzt natürlich mathematisch darstellen, dann wird aus der Tendenz ein Gesetz. Bedauerlich ist nur, dass uns das nicht interessiert. Uns interessiert die absolute Höhe dieses Grenzertrages und wie man darauf Einfluss nehmen kann. Die Tendenz vom abnehmenden Grenzertrag der Arbeit stimmt in der BRD und in Bolivien. Leider bringt uns das keinen Millimeter weiter.

Anders formuliert. Die mathematische Modellierung abstrahiert von dem, was uns eigentlich interessiert. Hergestellt wird eine Beziehung zwischen Grenzertrag der Arbeit und Arbeitseinsatz und niemand wird daran gehindert, von der Funktion die erste und auch die zweite Ableitung zu bilden. Allerdings besteht zwischen Arbeitseinsatz und Grenzertrag der Arbeit überhaupt keine direkte Beziehung. Abstrakt gilt die Beziehung immer, in Somalia wie in Frankreich, man kann also damit irgendwas rechnen. Allerdings erhalten wir damit keine Aussage über die Höhe des Grenzertrages, weil das Modell von den relevanten Paramenter, z.B. Bildung, abstrahiert. Die mathematische Modellierung hilft uns also, völlig belanglose Aussagen mit äußerster Präzision zu machen.

Wir hätten aber lieber weniger präzise Aussagen, die aber dafür relevant sind und Anhaltspunkte für konkrete Maßnahmen liefern. Anders ausgedrückt: Man muss schon reichlich dämlich sein, um ernsthaft an so einen Schwachsinn zu glauben.

Hinzukommt noch etwas Grundsätzliches. Die mathematische Modellierung in der VWL findet statt, NACHDEM eine Vorstellung über die Zusammenhänge besteht, denn andernfalls könnte die mathematische Modellierung in der VWL nicht gelingen. Die mathematische Modellierung ist also lediglich eine andere Art der Darstellung eines bereits bekannten Zusammenhanges.

Die Quintessenz des Pareto-Optimums ist so trivial, dass sie "intuitiv" verstanden wird. Ein Tausch findet nur statt, wenn beide Tauschpartner davon profitieren oder sich zumindest keiner schlechter stellt. Dass kann man jetzt als Zeitvertreib stärker mathematisch formulieren, aber aus der Mathematik ergeben sich hier keine neuen Erkenntnisse. Die Erkenntnis wurde schon vorher quasi "intuitiv" gewonnen, weil sie unendlich trivial ist.

Allein das deutet schon darauf hin, dass die mathematische Modellierung allein keinen zusätzlichen Erkenntniswert bringt. Es besteht sogar die Gefahr, darauf werden wir noch öfter zurückkommen, dass durch die mathematischen Modellierung relevante Parameter nicht berücksichtigt und / oder unter andere Parameter subsumiert werden.

Insbesondere bei einem für die VWL ganz zentralen Modell, dem IS-LM Modell, kann man den Eindruck gewinnen, siehe IS-LM Modell, dass dessen Schwächen eben gerade in der mathematischen Modellierung beruhen. Die mathematische Modellierung ist hier der "verbalen Form", was immer das konkret sein mag, unterlegen. Verbal kann man kurz und knapp darstellen, dass im keynesschen Theoriemodell investieren = sparen eben nur ex post gilt, aber NICHT, wie in der Klassik, ex ante und wer das nicht begriffen hat, der hat gar nichts begriffen. Absolut nichts. Dass es wiederum viele Leute gibt, die ihre Klausur in Makroöknomie bestehen in dem sie ein bisschen rumrechnen, aber eigentlich nichts begriffen haben, liegt eben an dieser mathematischen Modellierung.

Manche Leute, nicht alle, aber manche, können nämlich verbal ihre Gedanken äußerst präzise ordnen und darstellen.

Kein Mensch hat ein Problem damit, dass mathematische Methoden in der VWL da angewendet werden, wo man sie anwenden kann. Hier treibt das schlechte Gewissen die mathematischen Modellierer dazu, Türen einzurennen, die schon weit geöffnet sind.

Allerdings ist die Aussagekraft quantitativer Methoden auch dann relativ gering, wenn die Variablen und die Interdependenzen zwischen den Variablen als eher stabil vermutet werden können, wie zum Beispiel bei Prognosen über das Wirtschaftswachstum oder das Steueraufkommen.

Die Diskussion, die schon lange unterschwellig schwelte und mit der Bewegung der postautistischen Ökonomie (Postautistische Ökonomie), eine eigentlich von Frankreich ausgehende Bewegung, die sich dann weltweit ausdehnte, hochkochte, entzündet sich an der Frage, ob in der VWL nicht die Mathematik in Bereichen angewendet wird, wo nicht nur der Grenznutzen null ist, sondern ganz allgemein der Durchschnittsnutzen. Es geht also nicht um die Verwendung der beschreibenden / schließenden Statistik (diese werden in allen Gesellschaftswissenschaften auch in der Politologie und Soziologie eingesetzt), um Versicherungsmathematik, Finanzmathematik oder um die Verwendung der Mathematik im eher kaufmänischen Bereich, wenn sie dort praxisrelevant eingesetzt werden kann (Wobei auch dort ab und an konstatiert werden kann, dass die Situation ähnlich ist wie in der VWL).

Die Debatte entzündet sich an der Frage, wieviel Mathematik man im Herzen der VWL braucht, denn an den Randbereichen, zur Beschreibung, insbesondere zum Vergleich, verschiedener Situationen oder im Bereich Versicherungswesen, ist die Notwendigkeit offensichtlich.

Im innersten Kern der VWL ist ihr Nutzwert dicht bei null. Weder beschreibt sie Zusammenänge präziser, noch erlaubt sie dort Prognosen. Sie wirkt aufgesetzt. Die Fans der mathematischen Modellierung liefern an keiner Stelle eine Begründung, warum sich wirtschaftliche Zusammenhänge am besten mathematisch modellieren lassen. Dies wird schlicht behauptet, aber nie bewiesen oder auch nur thematisiert. So ohne weiteres deutet nur wenig darauf hin, dass die Verwendung der Mathematik zur Modellierung ökonomischer Zusammenhänge sinnvoller ist, als die Modellierung juristischer Zusammenhänge mit mathematischen Methoden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in dieser Aussage viel Wahrheit steckt. Das Statement sollte man ernst nehmen, denn es stammt von einem Professor für Mathematik. (Prof.Dr. Claus Peter Ortlieb)

"Auf der anderen Seite sind die darin verwendeten Worte positiv besetzt, und in der Tat haben die exakten Naturwissenschaften ihrer sichtbaren technischen Erfolge wegen für andere Wissenschaften die Rolle eines Vorbilds übernommen, dem es nachzueifern gelte. Mathematische Modelle werden daher seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend auch in 'weichen' Wissenschaften eingesetzt, und sei es auch nur aus Gründen des wissenschaftlichen Prestiges."

und weiter unten

"Auch und gerade wenn es um den Einsatz, die Rolle, die Sinnhaftigkeit und die Grenzen mathematischer Modellbildung etwa in den Lebens- und Sozialwissenschaften gehen soll, ist es nützlich, sich ihrer Herkunft aus der mathematisch-naturwissenschaftlichen Methode klar zu werden. Schließlich ist es nicht ausgemacht, dass ein Instrument, welches sich in einem bestimmten Umfeld (hier der Physik) bewährt hat, auch in jedem beliebigen anderen erfolgreich eingesetzt werden kann."

aus:Prof. Dr. Claus Peter Ortlieb, http://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/modellierung/ModSimSkript.pdf

Der Text ist im übrigen verdammt gut geschrieben. Er beschäftigt sich mit Modellierung, also mit der Frage, wie Modelle gebildet werden, wann man sie bilden kann und mit den Grenzen von Modellen. Das ist ziemlich unprätentiös, austariert und in einer klaren Sprache geschrieben. Bevor man modelliert, sollte man sich erstmal überlegen, ob der Gegenstand der Betrachtung sich überhaupt sinnvoll modellieren lässt und wenn ja, wie. Die Statements von Prof. Dr. Ortlieb sind so einfach, wie unwiderlegbar.

"Ein Modell ist nicht einfach wahr oder falsch, sondern es hat einen mehr oder weniger großen Geltungsbereich. Vom Missbrauch eines Modells muss aber dann gesprochen werden, wenn sein Geltungsbereich überschritten wird, wenn das Modell also auf Situationen angewendet wird, in denen seine Voraussetzungen erkennbar nicht erfüllt sind. Und genau das passiert mit dem Modell des einfachen Marktes, das in einführenden VWL-Büchern bis zum Erbrechen auf jede nur denkbare Situation angewendet wird."

aus: Prof. Dr. Claus Peter Ortlieb, http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/oekonomie-ist-eigentlich-keine-wissenschaft-11418489.html

Der gesamte Artikel ist ein must read. Weit weniger austariert sind da die Aussagen der autistischen Volkswirtschaftslehre. Der Begriff Autismus beschreibt zwar hierbei nicht genau das psychische Krankheitsbild, es ist aber klar, was gemeint ist. Der Autist ist fokusiert auf isolierte Teilaspekte der Wirklichkeit, nimmt außerhalb seiner Spezialinteressen nichts wahr, er hat Probleme, mit anderen zu kommunizieren und kann nicht vernetzt denken. Die Reaktion eines autistischen Volkswirtschaftlers auf die Kritik der postautistischen Volkswirtschaftlehre (Versagen der Uni Ökonomen) ist typisch. Diese texten nämlich weitgehend freidrehend.

"Ich fürchte erstens, dass viele Anfänger eines VWL-Studiums einfach eine falsche Vorstellung davon haben, was sie erwartet, womöglich durch die Krise verstärkt. Wer VWL studiert, so wie manche Philosophie studieren, nämlich um die Welt irgendwie allgemein besser verstehen zu können, wer VWL studiert, um den intellektuellen Überbau für seine persönliche Occupy-Bewegung zu bekommen, wer VWL studiert, weil der Abi-Schnitt nicht für den NC der BWL gereicht hat, der wird enttäuscht werden." aus: Haben die Uni Ökonomen versagt

Wer also VWL studiert, um die Welt besser zu verstehen, der hat das falsche Fach gewählt, meint der Professor, daraus schließen wir, dass er die Welt nicht verstehen will. Aber was "forscht" er denn dann den lieben langen Tag? Die Gleichsetzung von VWL und Philosophie kann man in diesem Zusammenhang ruhig als Spitze gegen die Philosophie auffassen, was wir aber nachvollziehen können. Es gibt nun mal Leute, mit wenig geistigen Interessen. Schlimmer noch als VWL zu studieren, scheint gesellschaftliches Engagement zu sein. Niemand soll also, so der Professor, auf die Idee kommen, sich von einem Studium der Volkswirtschaftslehre eine theoretische Fundierung sozialen Engagements zu versprechen, was aus seiner Sicht naheliegend ist, der homo oeconomicus engagiert sich nun mal nicht. Es wird aber noch wirrer.

"Die VWL ist eine Sozialwissenschaft der besonderen Art. In ihr gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr, das Studium ist ein Unternehmen mit aufeinanderaufbauenden Elementen. Ein Anfänger in einem Physikstudium erwartet wohl nicht, dass er im ersten Studienjahr versteht, wie das Universum entstanden ist, ein Medizinstudent im ersten Semester operiert nicht, und ein beginnender Bauingenieur baut keine Brücken. Genau deshalb ist es schwierig, den VWL-Anfängern Krise beizubringen."

aus: ebenda

Er illustriert uns also plastisch das Problem. Manche Leute können sich tatsächlich nicht verbal ausdrücken; genauer gesagt, sie sind etwas verwirrt. Der Volkswirt unterhält sich also erstmal nicht mit der Plebs. Das Problem dabei ist, dass unter seinem Blickwinkel fast ausnahmlos alle, die wirtschaftspolitische Entscheidungen treffen, zur Plebs gehören. Alle Politiker gehören zur Plebs. So wie er es darstellt, operieren also völlig Laien am offenen Herz, denn kaum ein Politiker, hat VWL studiert. Nun könnte man meinen, die Situation könnte entspannt werden, wenn ein Volkswirt zumindest berät. Aber Pustekuchen, die Leute sind alle zu doof, mit denen unterhält er sich nicht. Das fragen wir uns ganz ernsthaft: Muss der Steuerzahler so was finanzieren? Sollte man den guten Mann nicht einfach in die freie Wirtschaft entlassen?

Auch sein Vergleich mit den Bauingenieuren und Medizinern ist schief. Niemand verlangt von einem Bauingenieur, dass andere Leute die Berechnungen zur Statik nachvollziehen können, das interessiert auch niemanden, solange sie steht. Auch von einem Mediziner verlangt niemand, dass er verständlich erklärt, wieso man mit Östrogen bestimmte Krebszellen bekämpfen kann. Von ihm wird nur verlangt, dass er das Problem löst. Die Volkswirtschaftslehre kann aber nur wirken, wenn sie andere Leute überzeugt. Die Erleuchtung der Hirne ist das Produkt der Volkswirtschaftslehre. Der gute Man hat Probleme. Er hat über den Gegenstand der Volkswirtschaftslehre wohl noch nie reflektiert. Weder über das Objekt als solches, also mit welchen Methoden man es am besten analysiert, noch über die Ziele. Das ist für den Steuerzahler ein teures Vergnügen, denn er ist die verkörperlichte Fehlallokation der Mittel.

Vermutlich würde aber der gute Herr Bachmann, so heißt der Mann, wenn er krank wäre, eher zu einem Schamanen gehen als in eine Universtätsklinik, wenn die Kenntnisse der Mediziner ähnlich gesichert wären, wie seine über wirtschaftliche Zusammenhänge.

Die Diskussion um die Bedeutung der Mathematik entzündet sich nur an der Volkswirtschaftslehre, in allen anderen Fächern ist die Situation völlig entspannt und das selbst dann, wenn die Situation ähnlich ist wie in der VWL.

Aus der Sicht der Modellierung ähnelt die VWL wohl am meisten der Biologie / Medizin, auch wenn in der Biologie / Medizin eine Modellierung eher möglich ist. Am "lebenden" Objekt, kann man in beiden Wissenschaften zwar nur begrenzt forschen, aber in der Biologie / Medizin kann man die Komplexität manchmal reduzieren, indem man an Zellen, Muskelfasern etc. forscht, bevor man die Ergebnisse auf komplexere Organismen überträgt.

Unabhängig von der Frage, dass man am Menschen ohnehin nicht forschen kann und an Tieren nur beschränkt, hier gibt es, Gott sei Dank, rechtliche Schranken, ist der lebende Organismus tendenziell auch zu komplex. Statistik liefert hier meistens erstmal einen Zusammenhang zwischen verschiedenen Paramentern, deren kausale Interdependenzen dann erforscht werden können.

Das kann gelingen, wenn man zum Beispiel transgene Mäuse entwickelt, die hinsichtlich des relevanten Parameters verändert sind und diese dann mit nicht transgenen Mäusen, dem Wildtyp, vergleicht.

Eine andere Methode ist, das Problem auf Gewebe und Zellebene zu untersuchen. Lässt sich das Problem dergestalt vereinfachen, also die Anzahl der Parameter verringern, ähnelt die Situation der, die man im Bereich Physik hat.

Wer in der VWL den heroischen Entschluss gefasst hat, sich an der Physik zu orientieren, die Physik ist das Paradigma der Neoklassiker, wir kommen darauf zurück, weiß kein Mensch, aber vermutlich hat das ideologische Gründe. Wahrscheinlich ist es Léon Walras, zumindest hat der Autor dort zum ersten Mal diese Auffassung vertreten gefunden, siehe Wissenschaftstheoretische Grundlagen.

Bevor man also weiter alle möglichen Kurven durch die Gegend schiebt, wäre zu untersuchen, ob die VWL eher der Physik ähnelt, oder eher der Biologie, denn die Chance, mit Hilfe der Mathematik hier ewig gültige Wahrheiten zu finden, hängt von der Möglichkeit der mathematischen Modellierung ab.

Ähnelt die VWL der Physik, haben wir also Naturgesetze, die sich nie ändern und ist die Anzahl der Parameter beschränkt, bzw.lässt sich experimentell beschränken, dann haben wir gute Chancen, mit Hilfe mathematischer Methoden zu Ergebnissen zu gelangen, die hinsichtlich Präzison und prognostischem Wert physikalischen Formeln ähneln. Das ist das, was Walras behauptet und Keynes bestreitet und man muss sich ziemlich bockig anstellen um nicht einzusehen, dass Keynes Recht hat.

Léon Walras ist übrigens ein illustratives Beispiel für den Zusammenhang, den Keynes beschreibt. Vor lauter linearen Gleichungssystemen verliert er vollkommen den Überblick. Es ist ihm am Schluss überhaupt nicht mehr klar, dass er von Tauschmärkten ausgeht, wo die Menge also begrenzt ist und damit einen äußersten seltenen Spezialfall beschreibt. Hätte er mal die Realität an seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen, wäre im sofort aufgefallen, dass das Gleichgewicht in der Realität durch eine Preis UND Mengenanpassung erfolgt. Wir kommen darauf zurück, siehe Tauschmarkt versus dynamischer Markt.

Unabhängig von solchen wissenschaftstheoretischen Fragestellungen, die man auch "intuitiv" beantworten kann und die in der wissenschaftlichen Praxis auch "intuitiv" beantwortet werden, kein Molekularbiologie kommt auf die Idee, irgenwelche "Totalmodelle" zu schrauben, kein Literaturwissenchafter berechnet die Grenzpoesie der letzten Verszeile und kein Politikwissenschaftler käme auf die Idee, sich ein politisches Totalmodell als Gleichgewicht zwischen der Kurve der Politverdrossenheit und Wohlstand, beide abhängig von den Parametern Schulbildung (gemessen in Jahren) und Einkommen (gemessen in EURO) zu entwerfen, stellt sich noch die Frage nach den Opportunitätskosten.

Für VWL Professoren, die als Beamte ein leistungsunabhängiges Salär beziehen, ist es relativ egal, ob das Grenzprodukt der letzten Vorlesung null ist oder nicht. Für die Studenten nicht. Diese zahlen nämlich Studiengebühren. Das heißt der abdiskontierte Ertrag einer Vorlesung muss mindestens so groß sein, wie der abdiskontierte Betrag der Studiengebühren.

An dieser Stelle wäre natürlich ein mathematische Modell, dass diesen Grenzertrag berechnet, IN EURO, ungemein spannend. Allerdings haben wir hier nicht mal eine Kostenrechnung, die die Kosten einer Vorlesung ausweist, was ja vergleichsweise einfach zu ermitteln wäre.

Dies wäre ein eher finanzmathematisches Problem, also ein Problem aus einem Bereich, der nicht in der öffentlichen Kritik steht. Merkwürdigerweise wird hier aber nicht gerechnet.

Zweitens stellt sich noch die Frage nach dem Ertrag einer alternativen Verwendung der Zeit. In derselben Zeit, in der man sich damit beschäftigt die Realität so weit zu vereinfachen, dass sie mathematisch modellierbar ist, hätte man auch die Administration einer Oracle Datenbank oder eines Apache Servers lernen können, eine Programmiersprache oder SAP.

Man hätte sogar Russisch, Japanisch, Chinesisch lernen können. Alles für das Berufleben höchst relevante Dinge.

Die Elastizität der Nachfrage ist sicher ein ausgesprochen interessantes Phänomen, insbesondere weil die Politik davon ausgeht, dass Verbrauchssteuern und Zölle vom Endkunden getragen werden und nicht vom Handel, was ja impliziert, dass dieser die Steuern auf den Endkunden abwälzen kann, was er eben gerade nicht kann, wenn die Preiselastizität vollkommen elastisch ist. (Alles hier ist beispielhaft. Wir kommen bei der Besprechung von Alfred Marshall auf das Thema zurück.) Bei vollkommen elastischer Nachfrage führt eine minimale Preiserhöhung, zu einem vollständigen Rückgang der nachgefragten Menge.

Ein Aufschlag der Verbrauchssteuern / Zoll würde dann zu einem Umsatz von Null führen. Das kann man sich an ein paar Beispielen mit ein paar Graphiken klar machen, aber dann ist das Thema abgehakt und der Grenzertrag der Stunde, die dann in relationale Datenbanken verwendet wird, deutlich höher. Ein Produktionsfaktor, und Zeit ist eben auch ein Produktionsfaktor, muss dahin fließen, wo der Grenzertrag am höchsten ist. De facto wird aber dieser, die Preiselastizität der Nachfrage, recht übersichtliche Zusammenhang solange mathematisch modelliert, bis es mehr Mühe macht, das Modell zu verstehen, als das, was mit dem Modell eigentlich gezeigt werden soll.

Die dozierende Ökokaste bestätigt die Theorie von der Effizienz der marktwirtschaftlichen Ordnung indem sie nachweist, dass die optimale Faktorallokation nur durch sanften Druck zu erreichen ist. Was allerdings die dozierende Ökokaste angeht, darf es auch mehr sein als ein sanfter Druck. Hier ist auch ein Tritt in den Arsch vorstellbar. Der Preis, der hier für den Nachweis gezahlt wird, dass allein marktwirtschaftliche Kontrollmechanismen ausreichend hart sind, um die optimale Faktorallokation zu sichern, ist verdammt hoch.

Berechnen könnte man im übrigen auch den Nutzen einer Umwidmung von Ressourcen. Wenn viele Leute Medizin studieren wollen, aber, da nicht genügend Studienplätze zur Verfügung stehen, nicht können und Mediziner auch mehr verdienen, wäre es sinnvoll, die Anzahl der Studienplätze der mathematischen Modellierer zu reduzieren und die Studienplätze in Medizin zu erhöhen. Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass die mathematischen Modellierer nur dann modellieren, wenn die Modelle keine interessanten Antworten geben.

Das wirft die Frage auf, wer die Studiengänge eigentlich akkreditiert, denn akkreditiert müssen sie werden nach Bologna. Das Verfahren ist, wie mehr oder weniger alles, was einen so interessieren könnte, bei Wikipedia dokumentiert: Akkreditierung der Hochschulen.

Grob läuft das Verfahren so. Die Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland (www.akkreditierungsrat.de) akreditiert die Akkreditierungsstellen, in Deutschland insgesamt sechs, und diese akkreditieren dann die Studiengänge. Die größte dieser Akkreditierungsstellen ist die ACQUIN (www.acquin.org), die wir uns gleich näher anschauen.

Mit Hayek, siehe oben, haben wir ja bekanntlich viele Probleme, insbesondere beobachten wir in seinem System ein gewisses Demokratiedefizit. Die von uns vorgeschlagene Lösung zum Abbau von Demokratiedefiziten sieht etwas anders aus.

Demokratiedefizite würden wir mit mehr Transparenz und mehr Bildung bekämpfen. Zugrunde liegt wohl ein unterschiedliches Menschenbild. Wir gehen davon aus, dass die Leute im Grunde ganz vernünftig ticken, Hayek geht davon aus, dass die Mehrheit als wilde Horde die Minderheit ausbeutet. Empirisch sind die Überlegungen Hayeks widerlegt, von der Tatsache abgesehen, dass es je nach Verfassung DIE Mehrheit gar nicht gibt. Mehrheiten in demokratischen Meinungsbildungsprozessen sind Kompromisse und ganz im Gegensatz zu den Annahmen Hayeks, sind Mehrheiten ausgesprochen labile Gebilde.

Es gibt mehrere Mehrheiten, im Bundestag, im Bundesrat, in Massenorganisationen, die sich nochmal gegenseitig in Schach halten. Und lässt not least gibt es noch die Verfassung, als harten nicht modifizierbaren Kern. Schaut man sich aber den Akkreditierungsprozess an, dann kann man schon einen "Weg zur Knechtschaft" konstatieren. Der Prozess hat gleich mehrere Probleme.

  1. Es ist völlig unklar, was da eigentlich akkreditiert wird: Die Lehre oder die Forschung? Die Forschung wird prinzipiell von allen möglichen Institutionen evaluiert, wobei die Anzahl an Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften ein hohes Gewicht hat. Die Evaluation erfolgt hierbei durch die Institution, die die Gelder austütet. z.B. Deutsche Forschungsgemeinschaft und BMBF.

  2. Manche Studiengänge, Medizin / Jura, waren bereits standardisiert, es ist völlig unklar, was da jetzt akkreditiert wird.

  3. Bezieht man die Akkreditierung auf den engen Bereich der Lehre, müsste geprüft werden, ob eine eher marktwirtschaftlich ausgerichtetes Verfahren nicht leistungsfähiger wäre. Da der Autor selber schon Lehrpläne zusammengebastelt hat, hat er bei den doch weitgehend identischen Lehrplänen, im Fach Volkswirtschaftslehre, der verschiedenen Unis, Neudeutsch Modulen, stark den Eindruck, dass sie in zehn Minuten zusammengeschrieben wurden, bzw. irgendwelche Inhalte recycelt wurden. Ein marktwirtschaftliches Verfahren wäre es, den Erfolg anhand objektiver Kriterien zu messen, etwa der Anzahl der Absolventen die ein Jahr nach Abschluss des Studiums einen Job haben und das Durchschnittgsgehalt. Das ist der entscheidende Punkt und diese Daten sind leicht zu ermitteln.

    Die Daten kann man ohne weiteres ermitteln, wenn man Studenten verpflichtet, ein Jahr nach Beendigung des Studiums anzugeben, ob sie einen Job haben und wieviel sie verdienen. Die Studenten werden dann den jeweiligen Fakultäten an den jeweiligen Unis zugeordnet, anonymisiert natürlich, und die zwei Zahlen veröffentlicht. Welcher Prozentsatz hat ein Jahr nach Studienabschluss einen Job und den Verdienst als Durchschnitt. Das würde die Leistungsfähigkeit auf sehr einfache Art dokumentieren. Stichprobenartig könnte man den Wahrheitsgehalt überprüfen. Die Studis würden dann da studieren, wo die Sache zu einem Job führt und die finanziellen Mittel werden in Abhängigkeit von der Anzahl der Studenten verteilt. Ein simples, zuverlässiges und objektives Verfahren.

Für Studienanfänger, bzw. an einem Studium Interessierte, wäre es weit interessanter, wenn der komplette Studiengang transparent im Internet dargestellt wird, also alle Vorlesungen / Übungen / Seminare abgebildet sind und zwar dergestalt, dass auch ein reines Fernstudium möglich wäre. Mit Foren, Kontaktpersonen etc..

Dies würde, weit mehr als eine dubiose Akkreditierung, einen Überblick über die Leistungsfähigkeit vermitteln. Wie fachlich fit ist das dozierende Personal? Kann es Probleme fächerübergreifend durchdringen? Kann es Inhalte plastisch, griffig und verständlich darstellen? Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Werden aktuelle Themen berücksichtigt oder nur ad calendas graecas irgendwelcher Quark runtergebetet? Hat der Lehrstuhl Projekte (z.B. Simulation von Prozessen, Ausarbeitung von konkreten Marketingsstrategien für Produkte aus Drittländern, z.B. Musik / Literatur, exotische Getränke, Aufbau einer Website zu Spezialthemen, z.B. Immobilienmarkt in Spanien etc. etc.) ?

Wir haben inzwischen gelernt, dass der Mainstream der VWLer ein pragmatisches Volk ist. Im Grunde will er für den Markt produzieren, zumindest wird das behauptet. Was läge da näher, als die beruflichen Karrieren der Absolventen zu dokumentieren und / oder Statements zum Studienverlauf und persönliche Erfahrungen zu veröffentlichen. Warum wehren sich die Adepten der freien Marktwirtschaft so verbissen, wenn sie selber Subjekt der marktwirtschaftlichen Ordnung sind?

Außer den in Änderung des Ettikets genannten Punkten, kann der Verfasser keine Änderung in den Curricula der Studiengänge feststellen und es ist auch nicht nachvollziehbar, wieso sich eine Änderung ergeben soll, wenn das Personal immer noch das Gleiche ist wie vor zwanzig Jahren. Also nicht biologisch, aber mental.

Im Grunde wurde mit den Akkreditierungsstellen eine weitere Bürokratie geschaffen, die sich wohl mehr durch das Parkinsonsche Gesetz, als durch Sinnhaftigkeit legitimiert. Das Handbuch der ACQN ist dann auch 66 Seiten lang reinstes Geschwafel.

Handbuch Acquin

Besonders lustig sind die Maßstäbe, mit denen die ACQN sich selber bewertet. Als Kriterien für die Selbstevaluation wird die Anzahl der Einsprüche gegen einen Gutachter genannt, wie oft im Prüfungsverfahren Beschwerde eingelegt wurde, ob die ACQN mit der nach fünf Jahren fälligen Wiederakkreditierung betraut wird oder nicht. Unausgesprochen spielen solche Kriterien natürlich auch bei Wirtschaftprüfern eine Rolle, aber hier gibt es gesetzliche Schranken und Haftungsansprüche. Dass Ratingagenturen ihren Auftraggeber nicht in die Pfanne hauen, ist hinlänglich bekannt. Naheliegenderweise wird ACQN dafür sorgen, dass keine Gutachter abgelehnt werden. Man wird also eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, die von angebotsorientierten Ökonomen beherrscht wird, nicht durch einen eher "links" orientierten Gutachter begutachten lassen und umgekehrt. Das Thema wurde ja im Zusammenhang mit Berufungsverfahren bereits ausführlich in der Öffentlichkeit diskutiert. Sieht man es marktwirtschaftlich, bietet das System Fehlanreize, die wir auch von TÜV und DEKRA kennen. Wenn der zu Prüfende gleichzeitig Kunde ist, will man ihn als Kunden halten.

Unabhängig also von der Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, marktwirtschaftliche Elemente in die Hochschulen einzubringen, also mehr Transparenz und klare Dokumentation der Leistung, ist der ganze Ansatz ein Witz.

Infos und Anmerkungen:

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Mathematische Modellierung als Jargon der Eigentlichkeit

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