Impressum

1.1.2 Eine rein literarische Sicht der Dinge

An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, abgekürzt Wealth of Nations ist das Hauptwerk von Adam Smith (1723 - 1790). Ein Biographie findet sich, hoppla wer hätte das gedacht, hier: Wikipedia: Adam Smith.

Das Werk hat fast 800 Seiten und die Frage, die sich nun mal jeder spontan stellt, ist diese: Soll man es lesen? Die Antwort auf diese Frage kann natürlich pragmatisch ausfallen. Adam Smith wird zwar täglich von irgendeinem Mitglied der Journaille Gilde zitiert und den Namen Adam Smith kennt jeder, aber gelesen hat das Teil schlicht niemand.

Was alle Volkswirte kennen, sind natürlich die gängigen Sprüche, die in allen Lehrbüchern stehen, also z.B. der Standardspruch von der unvisible hand des Marktes, die alles regelt.

Der Autor will ja jetzt gar nicht moralinsauer daherkommen und behaupten, dass es der intellektuellen Redlichkeit dient, wenn man nicht einfach blind abschreibt, was ein anderer über Adam Smith geschrieben hat, der wiederum von einem anderen abgeschrieben hat, der wiederum....

Die wesentlich praxisrelevantere Frage ist wohl diese: Eignet sich das Teil zur Strandlektüre? Da würde der Autor sagen eher nicht. Für den Strand sind Bücher im Übrigen ohnehin völlig uncool. Da fetzt ein mp3 Player viel mehr, vor allem wenn es nicht das unsägliche Teil von apple ist, bei dem man nur das laden kann, was nach Meinung von apple nutzt und frommt.

Machbar ist es als "Gute Nacht Lektüre", da herrschen nicht so grelle Lichtverhätnisse und es ist auch nicht so laut. Um die Frage, ob man das Teil nun lesen soll oder nicht, bedarf es natürlich des gesamten Instrumentariums der Mikroökonomie, wir haben also ein echtes Problem. Um zu entscheiden, ob man ein grundlegendes, um nicht zu sagen das grundlegendste, Werk der Wirtschaftswissenschaften lesen soll, muss man schon VWL studiert haben.

Die erste Frage, die also zu klären ist, ist diese: Was sind deine Ziele mein Sohn? Ich weiß mein Sohn, schon an der Beantwortung dieser Frage scheiterst du.

Widmen wir uns also der zweiten Frage. Wie hoch ist der Grenznutzen der Lektüre dieses Opus Magnus? Schwierig, schwierig. Heute ist der 24. Juli 2012 und an diesem Sommertag steuern wir nun willkürlich irgendeine Website irgendeiner Zeitung an, zum Beispiel www.heise.de (wir hätten auch jede x-beliebige andere Website nehmen können). Und finden dort einen Artikel, mit dieser Überschrift.

Fertigung in China
Verstärkter Robotereinsatz
Noch ist menschliche Arbeitskraft in China so billig, dass sie nicht wegrationalisiert wird.

aus: Verstärkter Robotereinsatz in China

Und das verstehst du nun ohne weiteres. Wenn eine Arbeitsstunde in China 100 000 Dollar kostet, wird es irgendwann mal interessant, sich einen Roboter für 1 Million Euro zu kaufen.

Der amortisiert sich dann in zehn Stunden. Das Phänomen lässt sich Neudeutsch so beschreiben: Die Preise der Produktionsfaktoren führen zur optimalen Faktorallokation.

Adam Smith braucht für die Beschreibung eines solch unglaublich komplexen Zusammenhang mal locker 40 Seiten. Über sehr weite Strecken beschreibt Adam Smith, das tun Ökonomen im Übrigen gerne, das, was die Leute so machen, wenn sie sich vernünftig verhalten.

Wenn das aber die Reihenfolge ist, also zuerst haben sich die Leute vernünftig verhalten und dann haben die Ökonomen das vernünftige Verhalten beschrieben, kann man schon auf die Idee kommen, dass man den Leuten gar nicht erklären muss, wie sie sich verhalten. Man kann durchaus die Frage aufwerfen, ob Volkswirte nicht öfter mal höchst umständlich Dinge erklären, die alle wissen, weil sie sie täglich tun.

Was der Autor sagen will: Das dicke 800 Seiten Teil enthält ziemlich viele Platitüden. Also wenn der Leser auf dem Rainer Maria Rilke Niveau getaktet ist, dann wird das nix mit der Lektüre von Adam Smith.

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.
Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

Aus: Das Buch der Bilder

Also im Vergleich zu Goethes Faust oder der Nachdichtung des Don Quijote (ACHTUNG !! WERBEEINBLENDUNG!!) durch den Autor dieser Zeilen (AUFFORDERUNG ZUM KAUF: Don Quijote reloaded) gehört das Buch eher zur Kategorie geistige Sättigungsbeilage. Also so eine richtige Bewußtseinserweiterung darf man nicht erwarten.

Allerdings stehen in dem Buch auch wirklich lustige Dinge. Zum Beispiel über Universitäten (vielleicht ist das der Grund, warum ex catedra die Ökokaste den Schmöker nicht zur Lektüre im Orginal empfiehlt).

The endowments of schools and colleges have necessarily diminished, more or less, the necessity of application in the teachers. Their subsistence, so far as it arises from their salaries, is evidently derived from a fund, altogether independent of their success and reputation in their particular professions. In some universities, the salary makes but a part, and frequently but a small part, of the emoluments of the teacher, of which the greater part arises from the honoraries or fees of his pupils. The necessity of application, though always more or less diminished, is not, in this case, entirely taken away. Reputation in his profession is still of some importance to him, and he still has some dependency upon the affection, gratitude, and favourable report of those who have attended upon his instructions; and these favourable sentiments he is likely to gain in no way so well as by deserving them, that is, by the abilities and diligence with which he discharges every part of his duty. In other universities, the teacher is prohibited from receiving any honorary or fee from his pupils, and his salary constitutes the whole of the revenue which he derives from his office. His interest is, in this case, set as directly in opposition to his duty as it is possible to set it. It is the interest of every man to live as much at his ease as he can; and if his emoluments are to be precisely the same, whether he does or does not perform some very laborious duty, it is certainly his interest, at least as interest is vulgarly understood, either to neglect it altogether, or, if he is subject to some authority which will not suffer him to do this, to perform it in as careless and slovenly a manner as that authority will permit. If he is naturally active and a lover of labour, it is his interest to employ that activity in any way from which he can derive some advantage, rather than in the performance of his duty, from which he can derive none. If the authority to which he is subject resides in the body corporate, the college, or university, of which he himself is a member, and in which the greater part of the other members are, like himself, persons who either are, or ought to be teachers, they are likely to make a common cause, to be all very indulgent to one another, and every man to consent that his neighbour may neglect his duty, provided he himself is allowed to neglect his own. In the university of Oxford, the greater part of the public professors have, for these many years, given up altogether even the pretence of teaching.

aus: Wealth of Nations, Book V, ART. II. — Of the Expense of the Institution for the Education of Youth.
Durch Dotierung der Schulen und Universitäten sind die Lehrer natürlich von der Notwendigkeit sich mit Eifer ihrer Aufgabe zu widmen mehr oder weniger befreit worden. Ihr Auskommen, insofern es von ihrem Gehalt abhängt, stammt aus einem Fond (Anm. des Autors: Staatshaushalt), der von ihrem Erfolg und Ruf in ihrem jeweiligen Fach völlig unabhängig ist. An einigen Universitäten macht der Lohn nur einen Teil aus, und manchmal sogar nur einen kleinen Teil der Bezüge eine Lehrers, deren größerer Teil aus Honoraren und Gebühren seiner Schüler stammt. Die Notwendigkeit sich anzustrengen, ist in diesem Fall vielleicht geringer, aber nicht völlig entbehrlich. In seinem Fach geachtet zu werden, ist noch bedeutsam für ihn und in gewissem Umfang ist er noch von der Zuneigung, Dankbarkeit und günstiger Bewertung derjenigen, die seine Kurse besucht haben, abhängig. Und diese Zustimmung kann er wahrscheinlich am besten dadurch erlangen, dass er sie sich verdient, also durch seine Fähigkeiten und den Eifer mit welchem er jedem Teil seiner Verpflichtungen nachkommt. An anderen Universitäten ist es dem Lehrer untersagt, irgendwelche Honorare oder Gebühren zu empfangen und sein Einkommen stammt vollumfänglich aus dem Gehalt, das er aufgrund seines Postens erhält. Sein Interesse ist in diesem Fall vollkommen konträr zu seinen Pflichten. Jedermann hat ein Interesse daran, so unbeschwert wie nur irgend möglich zu leben und wenn seine Vergütung nun immer die gleiche ist, ob er sich nun einer mühsamen Aufgabe stellt oder nicht, dann liegt es mit Sicherheit in seinem Interesse, zumindest wenn wir Interesse so definieren, wie man das im Allgemeinen zu definieren pflegt, sich dieser Aufgabe entweder völlig zu entziehen, oder, wenn er einen Vorgesetzten hat, der dies nicht duldet, diese so schlampig und langsam auszuführen, wie dieser Vorgesetze es eben noch erlaubt. Ist er von Natur aus ein fleißiger Mensch voller Tatendrang, dann liegt es in seinem Interesse seine Zeit Dingen zu widmen, die ihm einen größeren Vorteil bringen, anstatt seinen Verpflichtungen nachzukommen, was ihm keinerlei Vorteil bringt. Wenn sein Vorgesetzter ein Teil der Institution ist, das Kolleg oder die Universtität, der er auch selbst angehört und der größte Teil seiner Kollegen auch, wie er selbst, Lehrer ist, dann werden sie wahrscheinlich gemeinsame Sache machen und sich gegenseitig schonen und sich gegenseitig versichern, dass sein Nachbar seine Pflichten nicht vernachlässigt. An der Universität von Oxford behauptet der überwiegende Teil der Professoren inzwischen nicht mal mehr, dass er seine Unterrichtsverpflichtungen wahrnimmt.

Das spricht er eine große Wahrheit gelassen aus. Daran ändern im Übrigen auch Studiengebühren nix. Auch im Zeitalter der Studiengebühren ist jeder dozierende Vollpfosten verbeamtet. Ist er drin, ist er drin. Unter diesen Auspizien habe Studiengebühren exakt Null Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit des eingesetzten Personals.

Der Autor will ja keine Namen nennen, aber bei manchen Vertretern des Ordoliberalismus in der hochwürdigen Alma Mater zu Freiburg im Breisgau an der wilden Dreisam hat er genau das erlebt. Schwarzbärtige Professoren, die aus ihrem Buch vorlesen, siehe nächstes Zitat unten. Und zwar jedes Semester auf's neue. Manche, wie so mancher BWL Prof mit höchst skurrilen Ideen über "knurrende Akzeptanz", soll heißen, die Leute arbeiten in ihrer Firma, weil sie keine Alternative haben, machen das auch mal locker dreißig Jahre und hätten es nochmal dreißig Jahre getan, wenn unser Verweilen auf der Erde nicht durch die Vorhersehung endlich wäre.

The teacher, instead of explaining to his pupils himself the science in which he proposes to instruct them, may read some book upon it; Der Lehrer, anstatt den Lehrstoff, den er ihnen zu vermitteln vorgibt, seinen Schülern zu unterrichten, liest vielleicht nur aus einem Buch vor.
aus: Wealth of Nations, Book V, ART. II. — Of the Expense of the Institution for the Education of Youth

Wir sehen des weiteren, dass es bestimmte Probleme, insbesondere mit Beamten, schon 1776 gegeben haben muss. Das scheint also ein systemischer Fehler zu sein.

The emoluments of offices are not, like those of trades and professions, regulated by the free competition of the market, and do not, therefore, always bear a just proportion to what the nature of the employment requires. They are, perhaps, in most countries, higher than it requires; the persons who have the administration of government being generally disposed to regard both themselves and their immediate dependents, rather more than enough. Die Vergütung für Posten im öffentlichen Dienst unterliegen nicht dem freien Wettbewerb des Marktes, wie dies im Handel oder den freien Berufen der Fall ist und entsprechen folglich nicht immer dem, was für die Art der Tätigkeit eigentlich angemessen wäre. Sie sind vielleicht in einigen Ländern höher als sie sein müssten. Die Personen, die mit der öffentlichen Verwaltung beauftragt sind, neigen im Allgemeinen dazu, sich selbst und die, die von ihnen abhängen, mehr zuzugestehen als angemessen wäre.

Man kann also nicht sagen, dass das Buch keinen Unterhaltungswert hat. Wir sehen sehr oft, dass es durchaus Sachverhalte gibt, die sich seit 1776 kaum verändert haben. Der heutige Leser kann aber vielleicht lernen, dass es sich um einen systemischen Zusammenhang handelt.

Systemischer Fehler heißt, dass das System Fehlanreize bietet. Anders formuliert: Es honoriert gesamtwirtschaftlich unsinniges Verhalten bzw. es sanktioniert dieses nicht.

Das Wort systemisch werden wir noch oft verwenden. Systemisch heißt, im Zusammenhang mit Ökonomie, dass sich Menschen innerhalb eines gegebenen Systems in bestimmter Art und Weise verhalten. In Bezug auf die Ökonomie bedeutet das, dass sie sich innerhalb eines bestimmten Systems rational verhalten, also den Eigennutz maximieren.

Gesamtwirtschaftlich ist das natürlich nur sinnvoll, wenn das System keine Fehlanreize bietet. Verhält sich zum Beispiel ein Rechtsanwalt systemisch korrekt, wird er zusehen, dass er einen Prozess in erster Instanz verliert, weil er dann noch Schotter mit der zweiten Instanz macht. Des weiteren wäre ein systemisch korrektes Verhalten eines Rechtsanwalts, um bei diesem Beispeil zu bleiben, möglichst wenig zu tun, also nicht selber zu recherchieren, Sachzusammenhänge aufklären etc., weil die Geschäfts-, Termin-, Verfahrensgebühr nur auf die formale Erstellung einer Leistung abstellt, nicht auf die Qualität dieser Leistung.

In diesem Fall haben wir zum Beispiel einen systemischen Fehler. Je blöder und fauler ein Rechtsanwalt ist, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass er es in die zweite und dritte Instanz schafft und desto mehr verdient er. Das ist natürlich gaga. Hier müssten dann die Rahmenbedingungen so geändert werden, dass ein erwünschtes Verhalten honoriert wird und nicht ein unerwünschtes. Wir gehen, weil es ein amüsantes Beispiel für systemische Fehlanreize ist, auf der www.recht-eigenartig.de ausführlich auf die Thematik ein.

[Die Lösung wäre hier einfach. Das System muss umgestellt werden auf ein erfolgsabhängiges Honorar. In diesem Fall hätte der Rechtsanwalt einen Anreiz den Prozess in möglichst kurzer Zeit zu gewinnen.]

Adam Smith muss, will er das Problem lösen, davon ausgehen, dass der Staat eine Ordnung schafft, wo jede Art von Einkommen der Kontrolle des Marktes unterliegt. Das setzt, in einer Demokratie, die Einsicht des Wählers voraus, dass dies sinnvoll ist. Er müsste also für seine Erkenntnisse einen Transmissionsmechanismus finden. Wir lernen aber bei Adam Smith, dass dieser nicht vorhanden ist, und zwar seit knapp 250 Jahren. Er leidet also an dem gleichen Problem wie seine Kollegen in der Gegenwart.

Es gibt keinen Transmissionsmechanismus, siehe Präliminarien. In diesem konkreten Fall ist wohl auch keiner erwünscht, denn die dozierende Ökokaste wird sich nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzt. Der Autor versucht das ja manchmal auch, appeliert sozusagen "an das Gewissen" eines Beamten. Das ist zwar immer wieder lustig, aber bringt natürlich gar nix. Das ist ein Schreiben des Autors im Rahmen eines Rechtsstreites mit dem Bundesanzeiger Verlag. (Genau genommen an das Bundesamt für Justiz)

"Wie Sie bereits dem Schreiben an den Bundesanzeiger entnommen haben, vollziehe ich einen erzieherischen Akt. Ich halte dies für nötig, weil ich lange Zeit in der öffentlichen Verwaltung im Controlling gearbeitet habe und hier deutlich mir reichlich bekannte Verhaltensweisen wiedererkenne. Warum diese Verhaltensweisen inakzeptabel sind, erkläre ich Ihnen kurz und bündig. Sie leben von Geldern, die in der Wirtschaft durch die Vermarktung von marktfähigen Produkten verdient werden. Die Maßstäbe der Wirtschaft erkennen Sie an und verinnerlichen sie und zwar ohne wenn und aber. Die Maßstäbe der Wirtschaft sichern Ihnen ein Gehalt zu, dass über dem liegt, das Sie in der Wirtschaft verdienen würden. Den Gegenbeweis können Sie gerne antreten. Es gibt in der Wirtschaft Anforderungen bezüglich der Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit und die allermeisten Angestellten / Beamte im öffentlichen Dienst irren sich in Bezug auf diese Maßstäbe. Meistens aufgrund mangelnder Berufserfahrung."

Die gute Frau, in diesem Fall ist es eine Frau, also eine Richterin, wird wohl gar nicht wissen, was Wirtschaft ist. Aber ob da die Lektüre "Wohlstand der Nationen" wirklich hilft? Es ist das alte, schon in den Präliminarien beschriebene Problem. Wenn die Erkenntnis keinen Nutzen stiftet oder, noch schlimmer, sogar zur Perspektivlosigkeit führt, dann hat sie keinen echten ökonomischen Nutzwert und unterbleibt. Also irgendwie beisst sich die Katze in den Schwanz.

Wir haben, weil es aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht sehr ergiebig ist, Justitia eine eigene Website gewidmet, www.recht-eigenartig.de. Da beschreiben wir systemische Verfahren, Justitia auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Wir werden uns später, wenn wir über Milton Friedman sprechen, noch Mal mit Bereichen auseinandersetzen, die über marktwirtschaftliche Mechanismen nicht gesteuert werden können. Wir haben es mit einem komplexen Programm zu tun. Davon später.

Unabhängig von der Tatsache, dass wir wirklich viel Lustiges in dem Buch finden, ist es streckenweise etwas langatmig, das kann man dann überblättern. Teilweise gehen die historischen Diskurse auch schlicht am Thema vorbei. Das erste Kapitel des fünften Buches zum Beispiel handelt eigentlich von den öffentlichen Ausgaben. Wir finden dann aber einen langen Diskurs über Tartaren, Skythen, Araber, Römer und Griechen. Bei denen war der Jäger auch gleichzeitig Krieger, folglich musste man kein stehendes Heer finanzieren. Kann man so sehen, kann man lassen. Der eigentliche Unterschied zum stehenden Heer wie wir es heute kennen, besteht wohl eher darin, dass die Jäger und Krieger den Krieg vorfinanziert haben. Sie waren sozusagen, via Plünderung, am Gewinn beteiligt.

Dann gibt es natürlich in dem Buch noch etwas, was irritiert. Die völlige Reduktion des Menschen auf einen Produktionsfaktor. Die Formulierungen sind hierbei streckenweise drastisch.

Upon the sober and industrious poor, taxes upon such commodities act as sumptuary laws, and dispose them either to moderate, or to refrain altogether from the use of superfluities which they can no longer easily afford. Their ability to bring up families, in consequence of this forced frugality, instead of being diminished, is frequently, perhaps, increased by the tax. It is the sober and industrious poor who generally bring up the most numerous families, and who principally supply the demand for useful labour. All the poor, indeed, are not sober and industrious; and the dissolute and disorderly might continue to indulge themselves in the use of such commodities, after this rise of price, in the same manner as before, without regarding the distress which this indulgence might bring upon their families. Such disorderly persons, however, seldom rear up numerous families, their children generally perishing from neglect, mismanagement, and the scantiness or unwholesomeness of their food. If by the strength of their constitution, they survive the hardships to which the bad conduct of their parents exposes them, yet the example of that bad conduct commonly corrupts their morals; so that, instead of being useful to society by their industry, they become public nuisances by their vices and disorders. Was die besonnen und fleißigen Leute angeht, so bewirkt eine Steuer auf solche Güter (Anm.: Er meint Luxusgüter, dazu zählt er Tabak, Tee, Bier, Schokolade) eine Mäßigung, wenn sie nicht gerade zum vollständigen Verzicht auf einen Luxus führt, den sie sich nicht länger leisten können. Ihre Fähigkeit eine Familie zu gründen, wird durch diese erzwungene Enthaltsamkeit oft nicht nur nicht verringert, sondern durch diese Steuer sogar erhöht. Es sind die armen und fleißigen Leute, die im Allgemeinen die größten Familien haben und die am meisten zum Angebot nützlicher Arbeitskräfte beitragen. Jedoch sind nicht alle Armen besonnen und fleißig. Die liederlichen und verwahrlosten fahren vielleicht auch nach der Preissteigerung ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für ihre Familien in der gleichen Weise fort mit diesen Lastern. Solche verwahrlosten Leute jedoch haben selten eine große Familie, ihre Kinder sterben, bedingt durch Vernachlässigung, mangelnde Erziehung und der Unausgewogenheit der Ernährung, früh. Überleben sie dennoch aufgrund ihrer kräftigen Konstitution dieses durch das Fehlverhalten der Eltern bedingte harte Leben, dann hat das Beispiel ihrer Eltern jeglichen Anstand zerstört, so dass sie, anstatt der Gesellschaft durch ihren Fleiß zu nutzen, sie durch ihre Laster und Liederlichkeit zum öffentlichen Ägernis werden.

aus: Book V, Taxes upon Consumable Commodities.

Also so irgendwie tönte auch immer meine Oma und so ähnlich tönt uns Thilo Sarrazin, der einsprachig über Vielsprachigkeit philosophiert. Steuern auf Luxusgüter sieht er also unkritisch, weil dies die Armen nicht daran hindert, weiterhin den Produktionsfaktor Arbeit zu produzieren, also Kinder zu kriegen.

Zwar ist die Argumentation nicht grundsätzlich ungewöhnlich, Ursula von der Rolle (wir schreiben immer noch das Jahr 2012), ihres Zeichens Bundesministerin für Arbeit und Soziales mit stahlharter Betonfrisur, sieht das ja ähnlich: Kinder als zukünftige Rentenzahler, allerdings läuft die gesellschaftliche Debatte nicht so.

In der gesellschaftlichen Debatte ist ökonomisches Handeln an ein Ziel geknüpft. Wir sollten dieser Tradition treu bleiben. Wirtschaft ist ein Instrument, nicht Selbstzweck. Das letzte Mal, als wir ein politisches System hatten, das den Menschen rein instrumentell betrachtet hat, war letztlich ein sehr großer Teil dieses Produktionsfaktors nicht mehr vorhanden.

In Anbetracht der Tatsache, wir sehen das deutlicher bei David Ricardo, dass eine Bevölkerungszunahme lediglich zu einer quantitativen Ausdehnung des Elends führt, in der Vorstellung der Klassik, da sich der Lohn nie vom Existenzminimum wird lösen können, ist gar nicht einzusehen, wieso die armen Familien zu einer Erhöhung des Arbeitsangebotes beitragen sollen.

Moderne Lehrbücher der VWL meinen vielleicht das Gleiche, der Produktionsfaktor Arbeit ist eine neutrale Variable wie Investionen, Sparen, Zins etc. etc.., schreiben es aber nicht so krud. Wir erkennen an, dass er an manchen Stellen, in einen Halbsatz verpackt, auch eine differenziertere Meinung hat zu dem Thema, aber ein vereinzelter Halbsatz vermag wenig gegen einen Tenor, der sich durch das ganze Buch zieht.

Fest steht wohl, dass er sein Büchlein verkaufen wollte und die working poor haben es wohl eher nicht gekauft, von daher war es auch egal, was er über sie schreibt. Allerdings kann man Adam Smith nicht mal vorwerfen, dass er das Lied derjenigen sang, deren Brot er aß, denn der stramme Verfechter des Freihandels war Zollinspektor. Er sang also sein Lied vom Freihandel, aber die 600 Pfund, die er aus seiner Tätigkeit als Zollinspektor bekam, hat er natürlich nicht verachtet, woraus zu schließen ist, dass nur wenige das Buch lasen.

im Übrigen war der Reflexionsgrad der Bevölkerung höher, als sich Adam Smith das so vorstellte. Wir erkennen das sofort, wenn wir uns Musik aus dieser Zeit anhören. Zum Beipiel das da: Classic Rocks: Ages of man.

Das Lied beschreibt, wie sich der freie Markt in der Seele eines sensiblen Zeitgenossen spiegelt. Die Wahrheit liegt nicht unbedingt in dicken Schinken, aber im Bewußtsein der Individueen, die sich vorurteilsfrei auf die Welt einlassen.

Hört man sich Lieder an aus dieser Zeit, kann man auch durchaus den Eindruck gewinnen, dass manche Leute gar keine Lust hatten, ein bürgerliches Leben zu führen und Produktionfaktoren zu produzieren: Classic Rocks: Raggle taggle gypsy.

Manchmal scheint ihm ganz schwer der historische Durchblick zu fehlen.

The contempt of risk, and the presumptuous hope of success, are in no period of life more active than at the age at which young people choose their professions. How little the fear of misfortune is then capable of balancing the hope of good luck, appears still more evidently in the readiness of the common people to enlist as soldiers, or to go to sea, than in the eagerness of those of better fashion to enter into what are called the liberal professions. What a common soldier may lose is obvious enough. Without regarding the danger, however, young volunteers never enlist so readily as at the beginning of a new war; and though they have scarce any chance of preferment, they figure to themselves, in their youthful fancies, a thousand occasions of acquiring honour and distinction which never occur. These romantic hopes make the whole price of their blood. Die Unterschätzung der Risiken und die Hoffnung auf Erfolg sind in keinem Lebensalter lebendiger, als in dem Alter, in dem sich junge Menschen für einen Beruf entscheiden. Wie wenig die Angst vor einem Scheitern die Hoffnung auf Glück auszugleichen vermag, zeigt sich noch deutlicher in der Bereitschaft der einfachen Leute, sich als Soldaten anwerben zu lassen oder zur See zu fahren. Auf jeden Fall ist diese Bereitschaft größer, als die Bereitschaft der besser Gestellten einen freien Beruf zu wählen. Was ein gemeiner Soldat verlieren kann, ist offensichtlich. Ohne jedoch die Gefahren zu bedenken, sind junge Freiwillige nie so bereit sich anwerben zu lassen, als zu Beginn eines Krieges. Und obwohl sie, ganz anders als sie sich das vorstellen, kaum Aussicht auf Beförderung haben, so glauben sie doch in ihren jugendlichen Phantasien, dass sie tausend Möglichkeiten hätten, Ehre und Auszeichnungen zu erlangen, was allerdings nie passiert. Die romantischen Hoffnungen sind der Lohn für ihr Blut.

Da fehlt ihm wohl etwas der Durchblick. Dass arme Leute sich eher zur Armee verpflichten als Reiche, liegt schlicht daran, dass erstere weniger Alternativen haben.

Die Kriege, die wohl am dichtesten an der Erfahrung von Adam Smith waren, sind die Auseinandersetzungen des Hauses Stuart mit dem Nachfahren Wilhelm von Oranien. Der letzte Thronprätendent der Stuarts, James Francis Edward Stuart, wurde in der Schlacht von Culloden im April 1746 von den Truppen Georg II vernichtend geschlagen. Hinter diesen Bürgerkriegen verbergen sich eine Unmenge unterschiedlicher Konflikte dynastischer, religiöser, sozialer Art. Der Eintritt der schottischen Highlander auf der Seite des letzten Thronprätendenten James Francis Edward Stuart ist zum Beispiel durch die Unterdrückung der Schotten durch die Engländer bedingt. Aus Jux und Tollerei, wie Adam Smith das schildert, haben sie nicht an diesem Krieg teilgenommen.

Hinzukommt, dass die einzige Möglichkeit, der Armut zu entfliehen, eben oft der Militärdienst war.

Wir haben mal die gesamte englische Geschichte vom ersten Tudor (Henry VIII) bis zum letzten Stuart anhand von Liedern durchgenommen. Die hier interessierenden Lieder sind Skye Boat Song und Loch Lommond. In der deutschen Variante haben wir den Kommentar etwas gekürzt. In der englischen Variante rollen wir den geschichtlichen Hintergrund breit auf. Wir können da lernen, dass Adam Smith wohl nur wenig Beziehung zur arbeitenden Bevölkerung hatte und deren Reflexionsfähigkeit gnadenlos, aber gnadenlos unterschätzte.

Was bei einer rein ökonomischen Betrachtung unter Umständen erfolgreich sein kann, die Beschränkung auf rein ökonomische Zusammenhänge im allerengstem Sinne, führt zu grotesken Stellungnahmen, wenn eine Epoche umfassend beschrieben werden soll. Auch in dieser Hinsicht sind seine heute lebenden Kollegen seine Leidensgenossen. Ökonomen sind keine Historiker, wie wir bei Hayek und Eucken noch sehen werden.

Die Frage also, ob man den Schinken lesen sollte, lässt sich so einigermaßen beantworten. Man kann das Teil mal querlesen.

nach oben ...

Infos und Anmerkungen:

ES        DE

Wealth of Nations und der gesunde Menschenverstand

Adam Smith beschreibt bereits 1776 zutreffend die Probleme, die auftreten, wenn Systeme nicht über marktwirtschaftliche Mechanismen steuerbar sind oder nicht gesteuert werden können.

Das politische System als ökonomisch relevanter Faktor spielt keine Rolle. Das Vorgehen ist für die gesamte Klassik und Neoklassik typisch. Einzige Ausnahme: John Stuart Mill

Über historische Fehleinschätzungen sollte man hinwegsehen. Das ist ein allgemeines Problem der Wirtschaftswissenschaftler.

infos24 GmbH