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4.2. Statische Wirtschaft

In Lehrbüchern der Mikroökonomie gibt es einen einzigen Marktpreis. Als Bedingung hierfür wird der vollkommene Markt genannt. Es wird also von der Homogenität der Güter, von der Abwesenheit zeitlicher, räumlicher und personeller Präferenzen ausgegangen und von vollkommener Information, also davon, dass die Marktakteure auch wissen, dass die Güter homogen sind. In Klausuren muss man das dann irgendwie wiederkäuen. Das Konzept des vollkommenen Marktes zur Analyse marktwirtschaftlicher Ordnungen ist problematisch, siehe auch vollkommener Markt.

Mit der Annahme des vollkommenen Marktes soll ein einheitlicher Preis als plausibel erscheinen, was aus unerfindlichen Gründen gewünscht ist, aber tatsächlich keine Bedeutung hat, da es an den grundlegenden Aussagen und Konzepten nichts ändern würde, wenn man ein durch eine bestimmte Menge und einen bestimmten Preis definiertes Gleichgewicht ersetzt durch einen Ereignisraum, also aus einem Punkt eine Fläche macht. Dann lässt sich das zwar nicht mehr mathematisch modellieren und eine Angebots und Nachfragefunktion kann dann ebenfalls nicht mehr gebildet werden, aber das ist egal, weil das, was mit den mikroökonomischen Konzepten, Konsumentenrente, Produzentenrente, Elastizität, Cournotscher Punkt, Prohibitivpreis, Break-Even Point, Grenznutzen, Grenzkosten etc. verdeutlicht werden soll, sich auch verbal präzise, eigentlich präziser, einfacher und vor allem schneller verdeutlichen lässt. Sollte die dozierende Ökokaste einen Bedarf haben, ihre mathematischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, so können sie sich auch in eine Programmiersprache einarbeiten und dann entsprechende Kurse anbieten.

Nicht dass es besonders interessant wäre, aber wenn die Annahme des vollkommenen Marktes nur deshalb vorgenommen wird, damit mit einem einheitlichen Preis gerechnet werden kann, dann könnte man noch erwähnen, dass hierfür die typischerweise in Lehrbüchern genannten Bedingungen nicht reichten. Genannt wird in der Regel

- völlig homogene Güter
- keine räumlichen, zeitlichen und persönlichen Präferenzen
- vollkommene Information

Die vollkommene Information wiederum müssen wir, damit das Ziel, einheitlicher Preis, erreicht ist, in geeigneter Weise "zurechtbiegen". Damit der Preis einheitlich ist, müssen die Nachfrager wissen, dass die Güter homogen sind.

Allerdings fehlt dann in dem Modell eine Zeitkomponente. Der vollkommene Markt ist sozusagen eine Momentbetrachtung, wobei der Moment verdammt kurz sein muss. In der Zeit gibt es Tausende andere Faktoren, die den Preis verändern. In der Zeit ändern sich die Produktionsstrukturen, es ändert sich die Größe des Marktes, es ändert sich die Intensität des Wettbewerbes, es tauschen Substitutionsgüter auf, es tauchen Komplementärgüter auf, die ein Produkt interessanter werden lassen (CD ersetzt Sprachkurse in Buchform), die Präferenzen ändern sich, der Preis der Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe ändert sich etc. etc.. All das hat Einfluss auf den Preis.

90 Prozent dessen, was wir in den Lehrbüchern der Mikroökonomie finden, eine simplifizierte Form neoklassischer Konzepte, beschäftigt sich mit der Analyse von ZEITPUNKTEN. Die Gleichgewichte beziehen sich auf einen sehr kurzen Zeitraum, in dem sich nichts ändert. Das ist zu 100 Prozent das, was uns NICHT interessiert. Uns interessieren Prozesse, also die Entwicklung eines Marktes / einer Wirtschaft, im Zeitablauf. Uns interessiert, wie sich ein bestimmtes Gleichgewicht eingestellt hat, als Resultat eines Prozesses, und wie es in der Zukunft verändert wird. Die Analyse von Zeitpunkten interessiert uns nicht die Bohne. Und interessiert nicht, warum der Preis für Mehl in Äthiopien so hoch ist, dass eine beträchtliche Summe des monatlichen Einkommens dort für Brot ausgegeben werden muss, während dieser Posten in Deutschland irrelevant ist. Uns interessiert, wie es zu dieser Situation gekommen ist und wie sich die Situation weiterentwickeln wird.

Naheliegenderweise offenbart sich die Überlegenheit eines Wirtschaftssystems über das andere in der Zeit, nicht an einem Zeitpunkt.

Unabhängig also von der Frage, ob es uns viel nützt, Gleichgewichte auf drei unterschiedliche Art und Weisen zu beschreiben, Léon Walras, Vilfredo Pareto und Alfred Marshall stellt sich also die Frage, wieviel Zeit man überhaupt der Analyse von Gleichgewichten widmen soll. Je nach Ausgestaltung der Vorlesung, neuerdings ist ja auch die Spieltheorie ein beliebtes Hobby geworden, schaffen es manche Vertreter der dozierenden Ökokaste damit 90 Prozent der Zeit zu verbringen. Ein Zeitrahmen von 3 oder 4 Stunden wäre der Bedeutung des Themas angemessen. Was darüber hinaus geht, ist dann eine Fehlallokation der Mittel.

Skurril ist hierbei das Marshall Kreuz. (Wobei wir bei Marshall immer vorsichtig sein müssen, weil er im Original sehr viel differenzierter ist und zwischen kurzfristig und langfristig glasklar unterscheidet, siehe kurzfristiges und langfristiges Gleichgewicht.) Das berühmte Marshall Kreuz, das Diagramm aus Angebot und Nachfrage mit einem einheitlichen Preis, dient auch zur Darstellung und Illustrierung der Produzentenrente. Für den einheitlichen Preis ist vollkommen Information der Konsumenten Voraussetzung. Vollkommene Information der Produzenten ist aber nur schwer vereinbar mit der Produzentenrente. Bei vollkommener Information müssten alle Anbieter mit derselben Technologie arbeiten, es dürfte also gar keine Produzentenrenten geben, weil diese ja dadurch entstehen, dass der infeffizienteste Anbieter, der aufgrund der Nachfrage gerade noch in den Markt eintreten kann, den Marktpreis vorgibt und die anderen, die effizienter produzieren, eben eine Rente erhalten.

Auch die sonstigen Annahmen sind dubios. Ist der Markt klein genug, dann bedarf es der Bedingung der räumlichen Präferenz nicht. Mit zeitlicher Präferenz wird wohl auf die Tageszeit, bzw. Jahreszeit abgestellt. Versteht man unter zeitlicher Präferenz die Möglichkeit, den Einkauf in die Zukunft zu verlagern, würde dies schon implizieren, dass sich Parameter im Zeitablauf nicht ändern. Homogenität der Güter ist ein sehr schwer vorstellbares theoretisches Konstrukt. Ist ein Smartphone ein Handy oder ein Computer? Oder beides? Muss die Homogenität folglich zu einem Computer bestehen oder zu einem Handy? Und wenn die Inhomogenität der Güter ein wesentliches Bestandteil der marktwirtschaftlichen Ordnung ist und man diese untersuchen will, welchen Sinn hat es dann genau dieses zentrale Moment zu eliminieren? Ein Molekularbiologie, der den Zusammenhang von Östrogen und Herzerkrankungen untersucht, hierbei aber von den Östrogenrezeptoren absieht, dreht sich etwas im Kreis.

Vermutlich hat der unbedingte Wille mathematisch zu modellieren auch hier eine Rolle gespielt. Dynamische, komplexe Wirtschaften sind schwerer mathematisch modellierbar, eigentlich gar nicht, als die simple Situation zu einem gegebenen Zeitpunkt. Hier hat also die Methode dafür gesorgt, dass Irrelevantes analysiert wird und das Relevante aus dem Blick gerät.

Das ist hier harmlos. Die Substitution des keynesianischen Theoriegebäudes durch das IS-LM Modell allerdings ist nicht mehr harmlos. Denn die entscheidenden Aussagen des keynesianischen Theoriegebäudes sind im IS-LM Modell nicht mehr enthalten.

Das eigentliche Problem ist, dass es das Problem nicht löst. Ein räumlich sehr kleiner Markt ist die Milchtheke beim Lebensmittelmarkt um die Ecke, dort stehen alle Yoghurts in Sichtweite.

Die Auswahl erfolgt aber entweder "spontan" oder aufgrund konkreter Erfahrung mit den verschiedenen Produkten in der Vergangenheit.

Skurril ist aber der innere Widerspruch an sich. Auf der einen Seite wird mit höchst abstrakten Gebilden gearbeitet, bei Pareto zum Beispiel nur zwei Güter, die direkt, also ohne Geld, getauscht werden, unter völliger Abstraktion vom konkreten Tauschvorgang (sitzen die sich gegenüber und tauschen ???). Auf der anderen Seite bestehen aber sehr klare Vorstellung über den Grenznutzen etc.etc.

Bei Walras haben wir einen reinen Tauschmarkt, ein Gebilde, das in der Realität fast irrelevant ist, siehe Tauschmarkt versus dynamischer Markt, auf der anderen Seite wird dann mit den oben genannten Bedingungen gearbeitet. Hat man sich mal in die Parallelwelt verabschiedet, dann kommt es auf so Kleinigkeiten wie vollkommene Information etc. auch nicht mehr an, die Nennung derselben in Bezug auf die Parallwelt ist vollkommen gaga.

Damit ist schon der erste Satz, mit dem Schumpeter seine Überlegungen im Kapitel "Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse" im Grunde ein Paukenschlag, so harmlos der Satz auch erstmal klingen mag.

So wollen wir dann die Grundzüge einer gedanklichen Nachbildung des wirtschaftlichen Getriebes entwerfen. Und zwar wollen wir dabei zunächst an eine verkehrswirtschaftlich organisierte Volkwirtschaft denken, also an eine solche, in der Privateigentum, Arbeitsteilung und freie Konkurrenz herrscht. Wenn jemand, der vorher eine solche Volkswirtschaft nie gesehen hat oder von einer solchen gehört hätte, beobachten würde, wie etwa ein Landmann Getreide anbaut, das in einer fernen Stadt von jemandem als Brot konsumiert wird, so würde sich ihm die Frage aufdrängen, woher der Landmann wußte, dass jener Konsument gerade - und gerade soviel - Brot brauche. Er wäre sicherlich erstaunt, wenn er erführe, dass der Landmann überhaupt nicht wußte, wer sein Getreide konsumieren wird. Und weiter könnte er auch beobachten, dass alle die Leute, durch deren Hände das Getreide gehen musste, ehe es zu dem endlichen Konsumtionsakte kam, mit Ausnahme desjenigen, der das Brot dem Konsumenten verkaufte, den letzteren gar nicht kannte, ja, dass selbst dieser letzte Verkäufer das Brot in der Regel erzeugen oder kaufen musste, ehe er wissen konnte, dass eben jener Konsument es erwerben werde. Der Landmann könnte jene Frage leicht beantworten: Lange, zum Teil erworbene Erfahrung hat ihn gelehrt, wie groß seine Produktion sein müsse, damit er am besten damit fahre; sie hat ihn den Umfang und die Intensität der Nachfrage kennen gelehrt, mit der er zu rechnen hat. Daran hält er sich, so gut er kann und nur allmählich ändert er daran unter dem Druck der Verhältnisse.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Der Abschnitt hört sich nun harmlos an und normalerweise würde man ihn glatt überlesen. Tatsächlich bedeutet er einen radikalen Bruch mit allen bislang vorgestellten Beschreibungen von Marktgleichgewichten.

Alfred Marshall klammern wir bei unseren Überlegungen immer aus, er sieht seine Darstellung lediglich als Instrument zur Analyse, räumt aber dynamischen Entwicklungen, die das Marktgleichgewicht verändern, breitesten Raum ein.

Marktgleichgewichte stellen sich eben nicht, und das ist realistisch, aufgrund von ad hoc getroffenen Entscheidungen ein, sondern aufgrund von Gewohnheiten und passen sich nur langsam an neue Veränderungen an. Optimiert wird höchtens im Verlaufe der Zeit, sukzessive.

Diese Vorgehensweise ist für alle Bereiche der Wirtschaft typisch, für die eigentliche Produktion, für den Handel und für den Konsumenten. Anpassungsprozesse, etwa durch einen massiven Anstieg der Spritpreise, gibt es, diese bewegen sich aber immer in dem Rahmen, der bereits vorgezeichnet ist. Steigen die Spritpreise, wird unter Umständen im ersten Schritt auf Urlaub, Neuanschaffung von Möbeln, Theater etc. verzichtet. Andere unmittelbare Ausweichstrategien wären Bildung von Fahrgemeinschaften, Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, Fahrrad. Langfristig Kauf eines weniger spritfressenden Autos. Zu guter Letzt werden dann auch andere Autos angeboten.

Das heißt, es wird keine definitive Anpassung "auf einen Rutsch" geben, die Wirtschaftssubjekte werden alle möglichen Kombinationen ausprobieren, wobei sich im Zeitablauf mehr Optionen ergeben werden. Man kann das Auto zum Beispiel auch verkaufen.

Das zentrale Problem, darauf werden wir bei Keynes ausführlich zurückkommen, ist die Tatsache, dass mit der Fiktion des vollkommenen Marktes die marktwirtschaftliche Ordnung abgeschafft wird. Das zentrale Problem der Wirtschaft ist UNSICHERHEIT und UNVOLLKOMMENE INFORMATION. Und weil es dieses Problem besser löst, als planwirtschaftliche Ordnungen, ist die marktwirtschaftliche Ordnung überlegen.

Es gibt keine Anpassung auf einen Rutsch. Es gibt, über trial and error, einen Prozess, der teilweise bewusst, teilweise unbewusst, zu einem Optimum führt.

Und man kann auch nicht sagen, dass der vollkommene Markt und die auf ihm aufbauenden Analysen die Tendenz richtig beschreiben. Der vollkommene Markt negiert die Bedeutung der Informationsverarbeitung durch dezentrale Einheiten.

Dann gibt es da noch einen Satz, der ebenfalls bedenklich und bedenkenswert ist.

Die wirtschaftlichen Dinge haben ihre Logik, die jeder Praktiker kennt, und die wir nur bewußt zu präzisieren haben.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Bewusst präzisieren sollten wir zwar immer, denn Unbewußtes ist meist unpräzise, aber wir verstehen schon, was er meint. Das Problem ist, dass die Volkswirtschaft sich oft mit Dingen beschäftigt, die tatsächlich jeder weiß und oft sogar besser, als der Wirtschaftswissenschaftler. Kann man sich mit dem, was jeder weiß, wissenschaftlich beschäftigen? Sinnvoll diskutieren kann man die Frage nur, wenn man das Wort "kennen" mal genauer präzisiert.

a) Kennen kann beherrschen heißen, aber völlig "bewußtlos". Alle Leute zum Beispiel beherrschen die Grammatik ihrer Muttersprache, kennen sie aber nicht. Mit dem ganzen Thema Sprache kann man sich also befassen, denn warum sie sprechen können, ist den meisten Leuten so unklar, wie die Frage, warum ihr Herz schlägt, warum sie denken können und weshalb sie beim Gehen das Gleichgewicht halten können. Wir haben bei der Sprache sozusagen eine bewußtlose Kenntnis.

b) Das Verhalten ist zwar in der Regel "bewußtlos", wird also unbewusst ausgeführt, aber der Introspektion zugänglich. Was genau Introspektion ist, wissen wir zwar auch nicht, wir machen das immer dann, wenn wir uns überlegen, warum wir so und nicht anders gehandelt haben und manchmal ist uns sogar klar, dass ein "Gefühl", Hass, Zuneigung, Neid, Mitleid, Schadenfreude etc. unser Verhalten bestimmt hat. Wieso wir das wissen, ist zwar unklar, wahrscheinlich weil wir mehrere Handlungsalternativen durchdenken können und feststellen, dass die gewählte "irgendwie" durch ein "Gefühl" determiniert ist. Hier liegen die Motive lediglich knapp unterhalb der Schwelle des Bewußtsein, können aber bei Bedarf mehr oder weniger hervorgefischt werden. Pareto, siehe Soziologie, zum Beispiel kann nur diese Kategorie meinen, denn Motivforschung kann man nur betreiben, wenn die Motive irgendwie "bewusst" gemacht werden können.

c) Es soll Motive geben, die völlig unbewusst sind, behauptet zumindest Freud. Schwierig ist das natürlich beim ödipalen Neidkomplex, wobei Freud hier ziemlich daneben haut, wenn er diesen anhand des Konfliktes zwischen Fjodor Karamasow und seinen Söhnen Dmitri, Ivan und Aljoscha (und Hamlet und Ödipus) illustrieren will. Der alte Karamasow war schlicht ein Penner, ganz ohne Ödipus. Hamlet wollte im Übrigen den Mörder seines Vater lynchen, da brauchen wir also auch keinen Ödipus und Ödipus selbst hat zwar seinen Vater umgebracht, doch war ihm nicht bewusst, dass es sein Vater war. Also die Theorie ist ein bisschen grenzwertig und weder empirisch belastbar noch anhand literarischer Dokumente illustrierbar. Dass es aber Motive gibt, die man durch Introspektion nicht "bewusst" machen kann, ist durchaus möglich. Der autoritäre Charakter zum Beispiel ist ein Konglomerat aus Verhaltensweisen, deren Motive sich dem Subjekt entziehen.

d) Dann gibt es noch Bereiche, wo bewusst oder unbewusst keine Rolle spielen, wobei die Problematik jedoch ähnlich ist. Die Wahrnehmung ist durch und durch vermittelt. So authentisch ein "Gefühl" auch erscheinen mag, worunter wir unter authentischem Gefühl hier ein Gefühl verstehen, das so konsequent ist, wie ein Hammer, der auf einen Amboß knallt, letztlich ist es gesellschaftlich vermittelt. Ein Mensch aus dem 18. Jahrhundert hätte mit Stairway to Heaven von Led Zeppelin so wenig anfangen können, wie der Mensch des Mittelalters mit Wassily Kandinky. Die reichlich verquaste Schreibe eines Carl Menger drückt noch, vom Inhalt mal abgesehen, im Stil ein spezifisches, gesellschaftliches Bewußtsein aus. Das Individuum kann dieses Zusammenschießen des gesellschaftlichen Ensemble, das in der Ablehnung oder in der Akzeptanz seine Identität ausmacht, nicht reflektieren. Er hat also keine "Kenntnis" seiner Gemütslage. Der Vergleich mit anderen Epochen, Regionen, Schichten zeigt aber, dass seine Gemütslage spezifisch ist, auch wenn ihm selbst das ganz "natürlich" vorkommt. Ein "Gefühl", das einem Menschen des Mittelalters ganz "natürlich" vorkam, kann aus heutiger Sicht sehr "unnatürlich" sein.

Daraus ergeben sich dann unterschiedliche Konsequenzen für die Wissenschaft.

ad a) Über Dinge, die zwar "beherrscht" aber nicht "gekannt" werden, kann man sehr sinnvoll und mit praktischem Nutzen reflektieren. Die solide Beherrschung der Grammatik EINER Sprache erleichtert das Erlernen anderer Sprache, hierin besteht der Nutzwert. Das kann zu sogenannten kontrastiven Grammatiken führen, wie sie die infos24 GmbH schreibt. Wem zum Beispiel klar ist, was das deutsche Zeitensystem alles nicht leistet, der wird es einfacher haben, sich in das Zeitensystem anderer Sprachen, die schärfer differenzieren, hineinzudenken. Bei den anderen Gebieten in diesem Bereich, Sprachphilosophie, Computerlinguistik, Psycholinguistik, Neurolinguistik schwankt es dann zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung, etwa im Bereich Sprachverarbeitung mittels Computer und medizinischen Anwendungen. Auf jeden Fall gibt es da wenig, was der User "sowieso" schon weiß und von der Forschung lediglich "bewusst" gemacht wird. Zumindest Teile der Psychologie fallen ebenfalls in diesen Bereich.

ad b) Bei Dingen, die so knapp unterhalb der Schwelle des Bewußtseins liegen, wird es dann grenzwertig, wobei sich das nur in der Vorstellungswelt der Ökonomen so primitiv darstellt. Der Austausch zweier Güter, wie im Modell Pareto, aufgrund konkreter Vorstellungen über den Nutzwert der jeweiligen Güter, ist eine extrem primitive Vorstellung. Hier könnte man argumentieren, dass hier lediglich ein Vorgang, der normalerweise unbewusst abläuft, bewusst gemacht wird. Allerdings hat das Modell Paretos mit der Wirklichkeit praktisch nichts zu tun. Das Haushaltsbudget, Waren werden nie getauscht, ist entweder durch Entscheidungen der Vergangenheit, Miete, Versicherungen, Auto, determiniert oder erfolgt weitgehend mechanisch mit minimalem Spielraum. Würden jeden Monat die Karten neu gemischt, wären die Leute nur noch mit der Informationsbeschaffung beschäftigt. Im Grunde sind es Vorgänge, über die das Individuum mehr weiß, also der Ökonom. Werden die Vorgänge dann auch noch völlig bewusst vollzogen, dann weiß der Praktiker endgültig mehr, als der Ökonom. Der Ökonom oder Soziologe beschreibt dann lediglich, was er vorfindet. Naheliegenderweise kann man hier sogar die Individuen nach den Motiven ihres Handelns fragen. Theoretisch könnten die Leute sogar auf die Frage antworten, warum sie eine bestimmte Partei wählen. Die Ergebnisse wären zwar nicht besonders ergiebig und die Motive gehören wohl eher in den Bereich des Unbewussten, aber irgendwas gelangt, wenn man fragt und die Leute darüber reflektieren, dann ins Bewußtsein.

ad c) Zusammenhänge, die das Verhalten zwar determinieren, aber überindividuell sind, bei denen das Indivdium sozusagen nur Resultat einer Entwicklung ist oder blind von einer Entwicklung geleitet wird, kann das Individuum natürlich nicht reflektieren. Die allermeisten soziologischen Studien im weitesten Sinne fallen in diesen Bereich. Die Frage etwa, ob der Nationalsozialismus irgendwas mit einer spezifisch deutschen Mentalität zu tun hat oder hierfür strukturelle Fehler der Weimarer Verfassung verantwortlich sind, oder personelle Fehlbesetzungen im Regierungsapparat, wäre eine Frage dieser Art. Inwiefern der Mensch heutzutage "globaler" denkt, inwiefern er also ein "globales" Verantwortungsgefühl entwickelt hat und wenn vorhanden, wie stabil dieses neue Bewußtsein ist, eine andere. Inwiefern die Ziele der Volkwirtschaftslehre, also Mehrung des Wohlstandes, tatsächlich noch für die Menschen bestimmend sind, ist eine Frage dieser Art. Die Methodik, mit der man solche Fragen analysieren kann, ist nun in etwa so breitgefächert, wie die Fragen selbst. Da niemand, nach seiner Einstellung befragt, zugeben wird, dass sein Verhalten unreflektiert ist, kann man durch Fragen unter Umständen eine Struktur ermitteln. Ordnet zum Beispiel jemand bestimmten "Ausländern" bestimmte Eigenschaften zu, kann hinterfragt werden, inwieweit er überhaupt konkrete Erfahrungen mit dieser Gruppe hat, bzw. woher er seine Informationen bezieht. Die unbewusste Einstellung lässt sich dann von der rationalen Bewertung trennen. Einstellungen können auch, zumindest kann man diese These aufstellen, auch von einer falschen Beurteilung von Sachzusammenhängen herrühren. Viele Leute zweifeln zum Beispiel an der Möglichkeit ewigen Wachstums aufgrund der Tatsache, dass die Ressourcen endlich sind, wobei zwischen den Ressourcen und dem Wachstum überhaupt kein Zusammenhang besteht. Würden die Leute zum Beispiel, um mal ein extremes Beispiel zu wählen, mehr Geld in Bildung, in welcher Form auch immer, Ausbildung, Weiterbildung, Allgemeinbildung etc. stecken, könnte dies zu unendlichem Wachstum führen, ohne dass irgendeine Ressource verbraucht wird. Die Leute argumentieren also mit einem astrakten Begriff, der erstmal konkretisiert werden müsste. Gibt es ein reales Phänomen, das als Ausdruck eines bestimmten veränderten Verhaltens interpretiert werden kann, kann man sich fragen, was dieses veränderte Verhalten bewirkt hat. In den letzten dreißig Jahren durchdringen ja immer mehr typischerweise im Süden anzutreffende Verhaltensweisen, etwa die Art der Begrüßung, auch Deutschland. Die Frage ist, was sich hier geändert hat und wie. Banal sind solche Fragen nicht, denn sie stellen auch die Denkmuster der VWL radikal in Frage. Das Internet funktioniert zum Beispiel überhaupt nicht wie ein Markt. Fragen dieser Art, vor allem die nach der autoritären Persönlichkeit, haben erhebliche praktische Bedeutung, weil ein Großteil der Bildungspolitik und insbesondere die Festlegung der Inhalte zumindest in der Bundesrepublik Deutschland, um die Frage kreist, wie man eben diese autoritäre Persönlichkeitsstruktur verhindert.

d) Dieser Typus von Fragen beschäftigt die Menschheit meisten im Zusammenhang mit Diskussionen über den Einfluss der Umwelt auf das Individuum, da gibt es dann die Fundamentaltheoretiker à la Sarrazin, die irgendwas von Vererbung schwafeln und die Leute, die einen Zusammenhang zwischen persönlicher Entwicklung und Umwelt sehen. Die Diskussion kann man allerdings abkürzen. Es gibt keine Gesellschaft, außer vielleicht die Taliban, die sich in den letzten 150 Jahren nicht vollkommen und in jeder Hinsicht, bezüglich religiöser Einstellung, Bildungsniveau, Globalität des Bewußtseins, Vorstellungen über Gerechtigkeit, Akzeptanz demokratischer Werte etc. etc. verändert hat. Wenn sich aber ganze Gesellschaften geändert haben, dann müssen sich auch die Individuen geändert haben, denn eine Gesellschaft ist die Summe der Individuen. Es gibt einen individuellen Kern, der Rest ist Umwelt, wie schon Goethe treffend feststellte.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Die strenge Grenze doch umgeht gefällig

Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt;
Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,
Und handelst wohl so, wie ein andrer handelt:
Im Leben ists bald hin-, bald widerfällig,
Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.
Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,
Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.

Wenn sich nun Volkswirtschaften mit ähnlichen Vorstellungen hinsichtlich Wirtschaftordnung und politischer Verfassung sehr unterschiedlich entwickeln, was sie tatsächlich tun, dann lässt sich der Unterschied wohl kaum mit "rein" wirtschaftliche Faktoren erklären, folglich macht es auch wenig Sinn, Phänomene wie die unter a) bis d) beschriebenen vollkommen auszuklammern.

Kurz macht er aber nochmal einen kleinen Schlenker zum Modell, das wir schon von Léon Walras her kennen, wobei er es kurz und bündig abhandelt.

Wichtig ist noch der folgende Punkt für uns. In der Wirklichkeit bedient sich das Wirtschaftssubjekt dieser Werte der Produktivmittel deshalb mit solcher Sicherheit, weil die Genußgüter, zu denen sie ausreifen, erfahrungsgemäß bekannt sind. Da der Wert der ersten von dem der letzteren abhängt, so müsste er sich ändern, wenn andere Genußgüter erzeugt würden als bisher. Und weil wir, eben um die Ratio dieser gegebenen Erfahrungen zu untersuchen hier von ihrer Existenz absehen und sie vor unseren Augen entstehen lassen wollen, so müssen wir davon ausgehen, dass das Wirtschaftssubjekt über die Wahl zwischen den bestehenden Verwendungsmöglichkeiten noch nicht im Klaren ist. Dann wird es seine Produktionsmittel zunächst zu der Produktion jener Güter verwenden, die seine dringendsten Bedürfnise befriedigen können, und so dann zur Produktion für immer weniger dringende Bedürfnisregungen übergehen. Dabei wird es bei jedem Schritte darauf achten, welche anderen Bedürfnisregungen in Folge der Verwendung der Produktiongüter für die jeweils vorgezogenen Bedürfnise leer ausgehen müssen. Jeder Schritt involviert also eine Wahl und eventuell einen Verzicht. Jeder Schritt kann wirtschaftlicherweise nur getan werden, wenn dadurch nicht die Befriedigung intensiverer Bedürfnisregungen unmöglich gemacht wird. Solange die Wahl nicht getroffen ist, werden die Produktionsmittel auch keine bestimmten Werte haben. Jeder vorgestellten Verwendungsmöglichkeiten wird ein besonderer Wert einer jeden Teilmenge entsprechen. Und welcher dieser Werte dann definitiv mit einer jeden Teilmenge verknüpft werden wird, kann sich erst zeigen, wenn diese Wahl getroffen ist und sich bewährt hat. Die fundamentale Bedingung, dass ein Bedürfnis nicht früher befriedigt werden soll, ehe diejenigen Bedürfnisse befriedigt sind, die intensiver sind als das erstere, führt schließlich zu dem Resultate, dass alle Güter so auf ihre verschiedenen möglichen Verwendungen verteilt werden sollen, dass die Grenznutzen jedes Gutes in allen seinen Verwendungen gleich hoch sind. In dieser Verteilung hat das Wirtschaftssubjekt dann jenes Arrangement gefunden, welches unter den gegebenen Verhältnissen und von seinem Standpunkt aus das Bestmögliche ist. Wenn es so verfährt kann es sich sagen, dass es aus diesen Verhältnissen nach seinem Lichte das Beste gemacht hat.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Also: Was will uns der Dichter mit seinem Werk sagen? Er geht, ähnlich wie Walras zu Beginn seiner Überlegungen, von einer Situation aus, wo ein Wirtschaftssubjekt mit gegebenen Produktionsmitteln FÜR SICH SELBST produziert. Er geht also von einer Robinson Crusoe Wirtschaft aus. Dieses Wirtschaftssubjekt kann nun mit seinen gegebenen Produktionsmittel alle möglichen Dinge herstellen, wodurch sich die Frage stellt, welche Güter es eigentlich konkret in welcher Menge produzieren wird.

Hat also Robinson Crusoe als Produktionsmittel nur zwei Hände, wird er zuerst für Nahrung sorgen, dann wird er sich Klammoten basteln, dann eine Hütte bauen etc.. Er wird also das Dringlichste zuerst machen.

Die Abstraktion können wir hinnehmen. Alternativ kann man sich vorstellen, dass jemand seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt, dann eine Handvoll Scheine in die Hand gedrückt bekommt und sich überlegt, was er mit den Scheinen macht. Er wird die Scheine dann so einstetzen, dass der Grenznutzen der Scheine in allen Verwendungen gleich ist.

Dass er von der Existenz von Geld noch um jeden Preis absehen will, ist wohl einem Nachbeben Carl Mengers zu verdanken. Schumpeter hat an der Uni Wien studiert.

Weil er uns jetzt erklären will, wie das "Gleichgewicht", das ja eigentlich das Ergebnis eines langfristigen Prozesses von Trial und Error ist, dann aber quasi mechanisch wiederholt wird, ursprünglich und idealtypisch entstanden ist, führt er uns ein Modell vor, das ein bisschen an Vilfredo Pareto aber insbesondere eben an Léon Walras erinnert.

Er wird also mit den gegebenen Produktionsmitteln erstmal seine dringendsten Bedürfnisse, sagen wir mal Nahrung, Kleidung, Wohnen befriedigen. Hierbei gilt dann das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Irgendwann stiftet die Produktion von Nahrung eben gar keinen Nutzen mehr, weil er satt ist.

Danach befriedigt er das nächst intensive Bedürfnis, etwa das Bedürfnis, seine Bude warm zu halten. Er produziert also Kohle oder geht Holz hacken.

Das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen gilt auch hier und folglich wird er das nächst intensive Bedürfnis befriedigen, zum Beispiel eine Geige bauen.

Die Grenznutzen werden sich also in allen Verwendungen ausgleichen. Wenn der Grenznutzen bei Nahrung höher ist, er also eine tiefere Befriedung findet in seiner ungewärmten Bude Sekt zu schlürfen, dann wird er eben keine Kohle kaufen.

Er fängt erst dann an Kohle zu kaufen, wenn die warme Bude einen mindest so hohen Grenznutzen stiftet wie die Produktion von Nahrungsmitteln.

Die Grenznutzen sind also in allen Verwendungen seiner Produktionsmittel gleich hoch, wobei natürlich die Kombination der Grenznutzen wiederum abhängt, von der Art der Produktionsmittel, da der Aufwand für das jeweilige Gut ja von den Produktionsmitteln abhängt.

Das "Marktgleichgewicht" ist also dann erreicht, wenn die Grenznutzen aller Güter, die er mit gegebenen Produktionsmitteln produzieren kann, gleich ist. Was er hier darstellt, dürften die Vorstellungen der Wiener Spielart der Grenznutzenschule sein, insbesondere Friedrich von Wieser.

So verquast er sich auch ausdrückt, es ist eine Binse. Kauft jemand seiner Freundin ein Flacon Parfüm für 80 Euro, obwohl er nichts zu beißen hat, ist er entweder völlig neben der Spur oder schwer verliebt, was ja auf das Gleiche hinausläuft.

Richtig hat er aber erkannt, dass Léon Walras, Vilfredo Pareto und Friedrich von Wieser zwar ein Gleichgewicht beschreiben, wenn auch unter den extrem vereinfachten Bedingungen der Parallelwelt, aber nicht verraten, wie man da eigentlich hinkommt.

Léon Walras ist zuzutrauen, dass er tatsächlich geglaubt hat, dass die Hausfrau Hunderte von linearen Gleichungssystemen löst, bevor sie einkaufen geht und nur solange Himbeeryoghurts kauft, wie der Grenznutzen des letzten Himbeeryoghurts so groß ist, wie der Grenznutzen des ersten Erdbeeryoghurts.

Das Modell von Vilfredo Pareto baut sie natürlich zu einem Nutzengebirge um und sucht sich dann eine andere Hausfrau, mit der sie tauschen kann.

In dem ganzen Geschwurbel haben wir ein hübsches Beispiel dafür, wie die Theorie den Blick auf die Realität verbaut. Einen relativ simplen Tatbestand, den man ohne Weiteres auch realitätsnah hätte beschreiben können, die Abstraktion von der Realität bringt hier keine Vereinfachung, sondern eine Verkomplizierung, weil man sich in eine Welt eindenken muss, kein Geld, Produzent und Konsument sind dieselbe Person, die gar nicht existiert.

Es hätte durchaus gereicht, die Tendenz darzustellen. Die Tendenz ist schlicht die, dass Menschen erstmal die Dinge kaufen, die existentiell wichtig sind, danach Dinge, die weniger wichtig sind. Was sie dann konkret kaufen, beruht auf trial and error. Sollten die Anhänger der Wiener Grenznutzenschule deppressiv gewesen sein, wie man hier nachlesen kann, siehe Friedrich von Wieser, so können wir das vollkommen nachvollziehen. Die Parallelwelt ist auch wirklich nicht lustig. Wer da lebt, der kann einfach nur depressiv werden.

Kritischer beurteilen wir dann die im oben genannten Link gemachten Aussage zur "nachlassenden Gestaltungskraft" von Carl Menger und Konsorten. Was nicht vorhanden ist, kann nicht nachlassen.

Es geht also bei Schumpeter um die Frage, wie der idealtypische Zustand erreicht wird. Erreicht wird er eben durch langsames Annähern mittels trial and error, was schon deswegen so sein muss, wenn wir uns mal in theoretische Spitzfindigkeiten verlieren wollen, weil der Grenznutzen eines Gutes erst NACH dem Konsum festgestellt werden kann und nicht, wie Léon Walras und Vilfredo Pareto unterstellen, vor dem Konsum. Ob wir Gorgonzola vorziehen oder Bavaria Blu, können wir erst entscheiden, nachdem wir beide probiert haben.

(Nochmal: Es geht uns nicht um Gorgonzola und Bavaria Blu. Entscheidend ist, dass sachlogisch sich marktwirtschaftliche Ordnungen in einem Prozess an das Optimum heranrobben und vor allem auf der Produktionsseite viel Lehrgeld bezahlt wird, bis dieses Optimum erreicht wird. Das Gleichgewicht selber, einmal erreicht, ist trivial. Wie man da hinkommt, ist alles andere als trivial. Sollte der Leser anderer Meinung sein, soll er ein Unternehmen gründen. Dann begreift er das Problem sofort.)

Das Phänomen an sich, dass also 100 Jahre lang irgendein Mist gepredigt wird, der ganz offensichtlich mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, dessen praktischer Nutzwert exakt Null ist, der zur Lösung konkreter Probleme nichts beiträgt und dessen Tauglichkeit zur Analyse von Problemen nulliger als Null ist, finden wir keineswegs harmlos. Wir sehen da denselben Hokuspokus am Werk wie bei dem Marxismus Geschwurbel, siehe Karl Marx.

Dann noch eine Bemerkung zur Sprache, ein vernachlässigtes Phänomen. Es gilt das Wort Wittgensteins: Was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen. Solche Sätze allerdings irritieren, und erschweren das Verständnis: "In der Wirklichkeit bedient sich das Wirtschaftssubjekt dieser Werte der Produktivmittel deshalb mit solcher Sicherheit, weil die Genußgüter, zu denen sie ausreifen, erfahrungsgemäß bekannt sind."

Die Genußgüter, zu denen die Produktionsmittel "ausreifen", die Genußgüter also, die man mit gegebenen Produktionsmitteln produzieren kann, sind nicht erfahrungsgemäß bekannt. Richtig ist, dass man sie aus Erfahrung kennt.

Wären sie nur erfahrungsgmäß bekannt, dann hätte jemand die Erfahrung gemacht, dass die anderen die Genußgüter kennen, tatsächlich kennen die anderen aber die Genußgüter aus Erfahrung.

Es kann jeder so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, aber man sollte schon darauf achten, dass man sich so einfach wie möglich ausdrückt und vor allem nicht durch missverständliche Formulierungen den Leser auffordern, das literarische Werk zu deuten, wenn es gar kein literarischer Werk ist.

Nachdem Schumpeter seine Pflicht erfüllt hat und seinen Lehrer Friedrich von Wieser korrekt, so hoffen wir, obwohl es uns egal ist, referiert hat, kommt er dann zur Sache.

Es [das Wirtschaftsubjekt] wird nach dieser Verteilung [Ausgleich der Grenznutzen] seiner Güter streben und jeden durchgeführten oder vorgestellten Wirtschaftsplan so lange variieren, bis sie gefunden ist. Steht ihm keine Erfahrung zur Seite, dann müsste es sich seinen Weg Schritt für Schritt zu dieser Verteilung tasten. Liegt eine solche Erfahrung aus früheren Wirtschaftsperioden bereits vor, so wird es versuchen, denselben Weg zu beschreiten. Und haben sich die Verhältnisse, deren Ausdruck diese Erfahrung ist, geändert, dann wird es dem Drucke der neuen Verhältnisse nachgeben und sein Verhalten und seine Wertungen denselben anpassen.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Er wird also nach dieser Verteilung STREBEN, also prozesshaft ansteuern. Hierbei wird nicht irgendein dubioser Auktionator à la Walras agieren, sondern Erfahrung, und aufgrund dieser Erfahrung wird er Entscheidungen revidieren. Ändern sich die Verhältnisse, gibt es zum Beispiel keinen Bavaria Blu mehr, wird er nicht etwa Gorgonzalo kaufen, der war eine Vollpleite, sondern einen anderen Schimmelkäse.

Insgesamt hätte Schumpeter besser daran getan, sich an das Modell von Alfred Marshall zu halten. Da er von einem Wirtschaftssubjekt ausgeht, welches gleichzeitig produziert und konsumiert, kommt er zu völlig hirnrissigen Feststellungen. Nachdem er sich mit der Frage auseinandergesetzt hat, ob die Optimierungsregel "Grenzkosten = Preis" zu einem intramarginalen Gewinn führt, er meint damit Rente, schreibt er Folgendes. (Dass er jetzt auf einmal von "verkaufen" spricht hängt damit zusammen, dass er zwischenzeitlich von seinem Ursprungsmodell implizit abgewichen ist.)

Nein. Denn diese Betrachtungsweise soll uns nur die Größe der Produktion verstehen lernen, hat aber nicht den Sinn, dass der Produzent sein Produkt sukzessive erzeuge und verkaufe. Er erzeugt alle seine Produkteinheiten zu den Grenzkosten und löst für alle nur den Gesamtpreis.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Entweder hat er Alfred Marshall nicht verstanden oder nicht gelesen. Die Grenzkostenkurve, also die Angebotskurve eines Marktes, ist keine einzelwirtschftliche Betrachtung. Die Grenzkostenkurve ist eine aggregierte, gesamtwirtschaftliche Kurve.

Die Optimierungsregel Grenzkosten = Preis stellt auf den LETZTEN, also den ineffizientesten Anbieter ab. Dieser, und nur dieser, erzielt tatsächlich keinen Gewinn, bestimmt aber den Marktpreis. Die anderen Anbieter können unterhalb dieses Marktpreises anbieten und erzielen folglich einen Gewinn, eine Rente.

Können A, B, C ein Produkt zu 40, 41, 42 Euro anbieten und der Marktpreis ist 42 Euro, dann erzielt C keinen Gewinn (der Unternehmer aber durchaus noch ein Gehalt, und das ist besser, als zum Arbeitsamt zu gehen), A und B schon.

Steigt die Nachfrage, dann kann ein noch ineffizienterer Anbieter in den Markt eintreten, weil der Preis dann auf 43 Euro steigt. Dann erzielt auch der bisherige Grenzanbieter C eine Rente. Langfristig werden alle, zumindest ist das theoretisch möglich, die gleichen Kostenstrukturen haben. Dann macht tatsächlich niemand mehr Gewinn. In diesem Fall kriegen eben die Unternehmer noch einen Lohn, so dass sie schön weiter produzieren werden, denn auch ein bisschen Lohn ist besser als pleite gehen.

Wir sehen auch hier, dass das Denken in Modellen manchmal genau das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich erreichen will. Normalerweise sollen Modelle die Realität vereinfachen, so dass nur noch die für das jeweilige Problem relevanten Parameter auftauchen. Manche Modelle, vor allem in der Ökonomie, verkomplizieren aber die Verhältnisse anstatt sie zu vereinfachen. Es ist schwieriger, Zusammenhänge in einer Parallwelt, die wir nicht kennen, zu durchdenken, als in der realen Welt, wo wir noch auf Erfahrungswissen zurückgreifen können.

Im gesamten ersten Kapitel, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse, hält er sich noch weitgehend an die Vorstellungen der "Neoklassik", bemerkt aber richtig, dass in einer stationären Wirtschaft, in einer Wirtschaft also, die aufgrund von Erfahrung und trial and error mal ein Gleichgewicht gefunden hat und sich dann lediglich jahrein jahraus reproduziert, also immer die gleichen Konsumgüter mit den gleichen Produktionsmitteln und gleichen Produktionsverhältnissen produziert, sparen sinnlos ist. Die reine Abnutzung wird durch Abschreibungen finanziert.

In sich stets gleichbleibenden Volkswirtschaften würde ja auch das Sparen keine große Rolle spielen.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Die Verknüpfung der Welt der "Neoklassik", was immer man darunter versteht, mit dem Sayschen Theorem, die man hier und da in akademischen Lehrbüchern findet, ist sinnlos, weil mit dem Sayschen Theorem ein Problem gelöst wird, dass in der Welt der "Neoklassik" schlicht nicht existiert.

Die Geldschleier Theorie führt er im ersten Kapitel nochmal an, denn in der stationären Wirtschaft ist sie, seiner Meinung nach, gültig. Mit Geldschleier ist gemeint, dass jede Vermehrung der Geldmenge durch die Inflation abgesaugt wird.

Um einen gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden, können wir sagen, dass das Geld soweit nur den Schleier der wirtschaftlichen Dinge darstellt und man nichts Wesentliches übersieht, wenn man davon abstrahiert.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Der kurze Satz wirft nun viele Fragen auf. Die erste Frage ist, warum er das neoklassische Gelaber vom Geldschleier erstmal referiert und dann hinterher, zutreffenderweise, erklärt, dass Geld eine zentrale Bedeutung hat, siehe dynamische Wirtschaft.

Wer will, kann das interpretieren. Zum einen scheint es Menschen schwer zu fallen, sich von einer Vorstellung zu lösen, die zumindest vordergründig von der Erfahrung bestätigt wird und zum anderen ist es schwierig, sich von einer dominierenden Lehrmeinung zu lösen, siehe sparen.

Die zweite Frage ist, ob die Geldschleiertheorie tatsächlich den klassischen Vorstellungen von Adam Smith und David Hume entspricht, siehe Zahlungsbilanz. Das mag den Vorstellungen der Neoklassik entsprochen haben, bei der Klassik sind wir uns da nicht so sicher. Wir erinnern uns: David Hume konstruiert einen Fall, bei dem es zu einem Zufluss an Gold kommt, damals hatte Gold die Funktion von Geld. Dieses "überschüssige" Geld braucht erstmal niemand, da das Volkseinkommen konstant geblieben ist. Die Banken werden es aber verleihen, die Kreditnehmer es investieren und so das Volkseinkommen erhöhen. Bei Adam Smith werden die Kreditschöpfungsmöglichkeiten dadurch erweitert, dass Banken über die Einräumung eines Überziehungskredites als Bürgen fungieren.

Von der dritten Frage exkulpiert ihn die Gnade der frühen Geburt. Geld spielt bei Keynes eine gewaltige Rolle. Milton Friedman hat sich mit dem berühmten Slogan "money matters" wohl kaum auf Keynes bezogen. Gemeint waren die "Neoklassiker", was immer man darunter verstehen mag.

Die vierte Frage ist, was man durch die Abstraktion vom Geld gewinnt. Da sich die Lausanner und die Wiener Grenznutzenschulen einen abbrechen, um möglich lange ohne Geld und mit dubiosen Tauschmärkten zu arbeiten und da diese dubiosen Modelle Eingang in alle akademischen Lehrbücher gefunden haben, ist diese Frage naherliegender als die Frage, ob man durch diese Abstraktion etwas verliert.

Alfred Marshall abstrahiert nie vom Geld, was seine Modelle klarer verständlich und leistungsfähiger macht. Durch die Abstraktion vom Geld will Carl Menger und Vilfredo Pareto das "Eigentliche" zeigen, also dass im Grunde der Nutzen eines Gutes der Grund für den Tausch ist.

Das Problem ist, dass die Abstraktion von Geld nicht das "Eigentliche" deutlicher werden lässt, sondern zu einer totalen Fehleinschätzung der Rolle des Geldes führt.

Schumpeter ist ein lieber Kerl und referiert erstmal alles, was er bei Friedrich von Wiese und Eugen Böhm-Bawerk gelernt hat. Das muss er auch, denn ohne das Gutachten von Böhm-Bawerk wäre er in Graz nicht Professor geworden. Um es aber abzukürzen. Letztlich wird er mit zwei elementaren Grundsätzen brechen. Er hat erkannt, dass Sparen in der stationären Wirtschaft keine Rolle spielt, eigentlich spielt es nie eine Rolle, und er hat erkannt, dass in einer dynamischen Wirtschaft Geld eine ganz entscheidende Rolle spielt. Davon später, siehe dynamische Wirtschaft.

Das Grundproblem der These von Schumpeter besteht darin, auch hiervon später, dass weder sein "Führer", also die Persönlichkeit, die Innovationen durchsetzt, die die Wirtschaft radikal verändern, noch seine Vorstellungen einer radikalen Veränderung besonders konkret sind. Desweiteren ist unklar, inwieweit die von ihm vage umschriebenen Innovationen bedeutsam sind, bzw. ob diese Innovationen bedeutsamer sind als stetiges Wachstum. Damit werden wir uns später nochmal beschäftigen. Nicht die schöpferische Zerstörung ist die zentrale Aussage von Joseph Schumpeter, die verdankt ihre Bedeutung lediglich geschicktem Marketing. Bedeutsam ist, dass Schumpeter der erste ist, der die Rolle des Geldes klar erkennt und sich von der Geldschleier Theorie löst.

Beschäftigen kann man sich aber auch mit dem Aufbau des Buches. Das erste Kapitel scheint lediglich den Zweck zu haben, zu zeigen, dass er auf "der Höhe der Zeit" ist, also alle Professoren, die für die Vergabe von Professorenstellen relevant sind, gelesen hat. Das macht die Lektüre etwas umständlich, weil vieles erzählt wird, was irgendwie nicht zum Thema gehört. Weiter fällt auf, dass er Adam Smith und Ricardo ziemlich "freihändig" zusammenfasst. Diese Art der "freihändigen" Zusammenfassung eines Theoriegebäudes ist unter Ökonomen üblich, in akademischen Lehrbüchern äußert sich das darin, dass ganz allgemein auf irgendeinen Autor verwiesen wird, allerdings auf kein bestimmtes Werk, wobei das Referierte oft mit dem beschriebenen Theoriegebäude nur in einem losen Zusammenhang steht und der Autor, auf den Bezug genommen wird, kann auch durchaus mal das Gegenteil von dem behauptet haben, was suggeriert wird.

Wenn wir daher den Gedankengang von Adam Smith untersuchen, so finden wir darin an ökonomischen Wahrheiten im Wesentlichen nur solche statischer Natur. Er erklärt uns zunächst die soziale Tatsache der Arbeitsteilung, um der folgenden Tauschtheorie und dem, was darauf beruht, eine Unterlage zu geben und wendet sich dann diesen letzten Themen zu, um zu untersuchen, wie sich in seiner verkehrswirtschaftlichen Organisation und unter gegebenen Verhältnissen der Wirtschaftsprozess gestaltet. Freilich führt er uns dann im dritten Buch zu anderen Gegenständen - zugleich aber auch aus der reinen Theorie heraus. Noch viel klarer wird es bei den späteren Autoren, dass der Kern der Theorie eine Statik der Wirtschaft ist, so vor allem bei Ricardo. Smith hatte den Kreis der Theorie weit gezogen und mit reichem Material gefüllt. Die weitere Entwicklung geht nun dahin, daraus ein einheitliches System von Grundprinzipien zu destillieren und alles, was außerhalb desselben steht, Spezialdisziplinen, namentlich solcher historischer Natur zuzuweisen, oder richtiger gesagt, einfach zu ignorieren, bis es schließlich von wissenschaftlichen Arbeitern anderer Art und Richtung aufgenommen würde.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Wie er da drauf kommt, ist nun ein Rätsel. Es ist die Neoklassik, die sich vor allem, man könnte auch sagen nur, mit der Analyse von Gleichgewichten, also mit einem statischen Zustand, beschäftigt und zwar weniger mit der Frage, wie man dieses erreicht und welche Kräfte aus diesem wieder hinaustreiben, als mit dem Nachweis, dass dieses Gleichgewicht das Wohlfahrtsoptimum darstellt. Die Neoklassik, von Alfred Marshall abgesehen, ist völlig statisch. Im Fokus der Klassik allerdings steht die Dynamik, also der Entwicklungsprozess. Bei Ricardo expressis verbis, denn seine Wirtschaft steuert quasi gesetzesmäßig auf einen Endzustand zu und bei Adam Smith und Jean Baptiste Say implizit, denn diese beschreiben anhand unendlich vieler Beispielen Prozesse, die zu Neustrukturierungen des Wirtschaftsablaufes führen. Es ist schlicht schwer vorstellbar, dass Joseph Schumpeter Adam Smith, David Ricardo oder Jean Baptiste Say gelesen hat.

Innovation ist dann sein großes Thema. Als Innvovation macht er später fünf Bereiche aus:

  1. Herstellung eines neuen, bislang unbekannten Gutes
  2. Einführung eines neuen Produktionsverfahren
  3. Erschließung eines neuen Absatzmarktes
  4. Eroberung einer neuen Bezugsquelle
  5. Schaffung bzw. Durchbrechung einer Monopolstellung

Die werden bereits von Adam Smith beschrieben. Die Herstellung neuer, bislang unbekannter Güter beschreibt Adam Smith zum Beispiel ausführlich im dritten Kapitel anhand der Seidenmanufakturen.

Für die Einführung neuer Produktionsverfahren gibt er sogar, im Gegensatz zu Schumpeter, bei dem diese einfach ex nihilo entstehen, eine Erklärung. Die Arbeitsteilung spaltet Prozesse auf, wodurch es einfacher wird, Maschinen genau für diesen Abschnitt zu entwickeln.

Mit der Schaffung neuer Absatzmärkte und neuen Bezugsquellen für Rohstoffe beschäftigt er sich ausführlichst im vierten Buch.

Mit Monopolen und Kartellen beschäftigt er sich ebenfalls ausführlichst, allerdings sieht er in der Schaffung von Monopolen und Kartellen nichts besonders Innovatives.

Wo er bei der Adam Smith eine "Tauschtheorie" gefunden hat, ist ein Rätsel, er muss da eine spezielle Ausgabe von Wealth of Nations gehabt haben. Insbesondere muss diese, folgt man seinen Ausführungen, vor dem dritten Buch beschrieben worden sein.

Tatsächlich beschreibt Adam Smith eine dynamische Wirtschaft und beschäftigt sich mit Entwicklungstendenzen. Eine statische Wirtschaft, die also auf einem einmal gefunden Marktgleichgewicht verharrt, beschreibt er eigentlich gar nicht. Auf Dynamik verweist schon der vollständige Titel des Buches 'An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations'. Der Titel ist, siehe eine ökonomische Sicht der Dinge, etwas dunkel, aber insgesamt beschreibt Adam Smith Mechanismen, die systemisch eine optimale Faktorallokation erzwingen. Er beschreibt also einen Prozess. Beschreibt man Gleichgewichte, wie die Neoklassik dies tut, dann beschreibt man keinen Prozess, sondern die Eigenschaften des Ergebnisses eines Prozesses, des Gleichgewichts. Die Produzentenrente erklärt zum Beispiel nicht, wie sie zustande kommt, warum also die einzelnen Anbieter unterschiedlich produktiv sind und sie erklärt auch nicht, wie lange dieser Zustand andauern wird. Beschrieben wird lediglich deren Existenz. Man könnte hierbei philosophisch werden: Ein Ergebnis kann unter Abstraktion der Prozesse, die zu diesem Ergebnis führen, nicht erklärt werden. Puh!

Wer tatsächlich eine statische Wirtschaft beschreibt, in ihrer extremsten Form, nämlich als reinen Tauschmarkt, ist die "Neoklassik". Der Tauschmarkt ist immer eine Momentbetrachtung und der Moment ist nun mal das Ergebnis eines Prozesses. Es gibt nur einen Moment, der ewig währt und das ist der Tod. Der Tod ist also lediglich ein sehr langer Moment, falls das jemanden tröstet.

Wieso er bei der Beschreibung einer statischen Wirtschaft ausgerechnet auf Adam Smith verweist und nicht auf Carl Menger, Vilfredo Pareto, Léon Walras ist völlig schleierhaft.

Auch bei David Ricardo ist weit und breit nichts von einer statistischen Wirtschaft zu sehen. Die Wirtschaft rollt sogar ausgesprochen dynamisch auf ein finale furioso zu, bei dem die Bodenrente die Profite aufzehrt.

Beeindruckend ist dann noch der Teilsatz "... daraus ein einheitliches System von Grundprinzipien zu destillieren und alles, was außerhalb desselben steht, Spezialdisziplinen, namentlich solcher historischer Natur zuzuweisen, oder richtiger gesagt, einfach zu ignorieren...".

So richtig den Überblick hatte er wohl nicht. Auf Adam Smith folgte eben KEIN einheitliches System von Grundprinzipien, das genaue Gegenteil ist der Fall. Verblüffend ist, dass sich völlig unterschiedliche Autoren mit völlig unterschiedlichen Grundprinzipien auf Adam Smith berufen. Über die Arbeitswertlehre führt ein Weg zu David Ricardo und Karl Marx und über die unsichtbare Hand ein Weg zur Neoklassik. Ein breiteres Spektrum mit noch weniger Gemeinsamkeiten ist kaum vorstellbar. Was wir allerdings bei beiden Richtungen, die auf Adam Smith folgen und sich diametral entgegenstehen tatsächlich finden, sind Ähnlichkeiten in der METHODIK, das heißt der Suche nach GESETZEN. In der Methodik ähneln sich die Neoklassik und der Marxismus, was wohl auch damit zu tun hat, dass es in beiden Systemen darum geht, die jeweilige Position also die objektiv richtige darzustellen und es der Karriere förderlich war und ist, mit ein bisschen mathematischem Modellierungshokuspokus Binsen als die Errungenschaften tiefster Wissenschaft zu verkaufen. Das Problem dabei ist, dass die Methode auf die Inhalte durchschlägt und der Marxismus und die Neoklassik gar nicht soweit auseinanderliegen. Die Grundfehler beider Systeme, die fehlerhafte Deutung des Sparens, des Geldes und die Abstraktion vom eigentlich dynamischen Teil der Wirtschaft, dem Angebot, finden wir in beiden Systemen.

Er ist jetzt nicht gerade begabt, was das Auffinden geeigneter Metaphern angeht, aber so ungefähr stellt er sich einen statischen Zustand vor.

Die Theorie des ersten Kapitels schildert das Wirtschaftsleben unter dem Gesichtspunkt eines "Kreislaufs" in jahraus jahrein wesentlich gleicher Bahn - vergleichbar dem Blutkreislauf des tierischen Organismus. Nun verändert sich dieser wirtschaftliche Kreislauf und seine Bahn selbst - nicht nur seine einzelen Phasen -, und hier verläßt uns die Analogie mit dem Blutkreislauf. Denn obgleich auch dieser sich verändert im Zuge von Wachstum und Verfall des Organismus, so tut er es doch nur kontinuierlich, d.h. in kleinen Schritten, die man kleiner wählen kann als jede noch kleine angebbare Größe.

aus: Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Der Kreislauf der Wirtschaft durch gegebene Verhältnisse

Welchen Blutkreislauf er außer dem tierischen Blutkreislauf noch kennt, ist zwar nicht klar, aber das ist in diesem Zusammenhang auch nicht so wichtig. Nach dieser Vorstellung wächst zwar auch die statische Wirtschaft, aber eben kontinuierlich und in kleinen Schritten.

Diese Definition und andere ähnliche sagen natürlich rein gar nichts. Ob das Volkseinkommen sich in vielen kleinen Schritten verdoppelt oder verdreifacht oder in einem großen Schritt durch einen innovativen "Führer", sein Begriff für den innovativen Unternehmer, ist völlig egal.

Das Problem mit der berühmten Theorie von Schumpeter von der schöpferischen Zerstörung ist die Tatsasche, dass sie völlig trivial ist und die Neuartigkeit lediglich durch die Konstruktion des Unternehmers zustande kommt, der etwas ganz anderes bewirken soll, als die Innovationen, die tagtäglich stattfinden. Er wird jetzt, siehe dynamische Wirtschaft, wortreich immer wieder erklären, dass der innovative Unternehmer, so wie er von ihm beschrieben wird, eine völlig ungewöhnliche Erscheinung ist. Er ist es nicht.

Wir können aber feststellen, dass viele Ideen nur deswegen so berühmt geworden sind, weil sie sprachlich gelungen formuliert wurden. Gute Formulierungen sind "die unsichtbare Hand des Marktes", "schöpferische Zerstörung", "Wege zur Knechtschaft" etc.. Egal wie trivial die Idee dahinter ist, so was prägt sich ein im kollektiven Bewußtsein. Das sollte man auch bei Buchtiteln beachten: "Deutschland schafft sich ab" hat was, das verkauft sich wie warme Semmel, egal wie hohl die Thesen sind. Da hätte Keynes dran arbeiten können: 'Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes' klingt ja schon mal gar nicht erotisch. Die Allgemeine Theorie von Keynes ging 20 000 mal über den Ladentisch (in Deutschland) seit 1936. Wege zur Knechtschaft von Hayek, im Grunde eine Gute Nacht Lektüre, hat sich weltweit SECHSHUNDERTTAUSEND Mal verkauft.

Interessant an der Theorie von Schumpeter sind lediglich seine Gedanken zum Kredit als zusätzlich geschaffener Kaufkraft. Aber auch das ist nichts, was irgendwie besonders neu ist. Es ist eine Binse. Vor dem Hintergrund jedoch, dass bis auf den heutigen Tag in jedem Lehrbuch irgendein Geschwurbel von Sparen = Investieren steht und Sparen als Vorraussetzung für Wachstum gesehen wird, ist es dann interessant.

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Infos und Anmerkungen:

ES        DE

Die statistische Wirtschaft ist das, was wir bislang gesehen haben und was eben gerade nicht der marktwirtschaftlichen Ordnung entspricht.

Schumpeter führt zwei Neuerungen ein. Eine vernachlässigbare und eine relevante.

Vernachlässigbar ist die schöpferische Zerstörung, weil nicht zu erkennen ist, dass sich diese qualitativ von anderen Änderungen unterscheidet.

Entscheidend und bedeutend, ist seine Erkenntnis, dass die Kapitalsammelstellen Kredit "schöpfen" können, also nicht auf das klassisch / neoklassische Sparen angewiesen sind.

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