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2.1.4.Langfristiges und kurzfristiges Gleichgewicht

Die meisten Theorien der Volkswirtschaftlehre entwickeln sich nicht entlang der Realität, sondern entlang der Theorie. In der Literaturwissenschaft würde man so was Intertextualität nennen, Texte, die Texte referenzieren.

Die Literaturwissenschaft sieht das im Übrigen nicht mal kritisch, ganz im Gegenteil. Intertextualität gilt dort als ganz besonders schick, sozusagen als Vollendung und Steigerung des l'art pour l'art. Die Bedeutung literarischer Texte ergibt sich nur noch aus ihrer Ästhethik, die desto reiner blüht, je weniger sie noch einer Realität bedarf, allein auf Texten beruht. Ihre Vollendung findet das Prinzip der Intertextualität im Nouveau Roman und wer sich den Scheiß antut, hat endgültig einen an der Waffel.

Das gilt allerdings nicht für Alfred Marshall, selbiger hangelt sich noch eng an der Realität entlang. Er macht auch nicht den Versuch, einen Kanon ewig gültiger Wahrheit zu kanonisieren. Zwar ist die gesamte Mikrotheorie Alfred Marshall, man könnte in der Lehre also genau so gut gleich das Orignal verwenden, aber er wägt kritisch ab.

Die dozierende Ökokaste beschäftigt sich nun ausgiebig mit Konsumentenrenten, Produzentenrenten, Elastizitäten, Mindestpreisen, allen möglichen Machtverhältnissen (Monopol, Oligopol, Polypol etc.) und vielen ähnlichen Dingen dieser Art.

Hierbei werden gleichgewichtige Zustände analysiert, wobei das eigentlich Kernthema, nämlich wie man diese gleichgewichtigen Zustände überhaupt erreicht, nicht diskutiert wird. Der gleichgewichtige Zustand wird einfach vorausgesetzt. So gleichgültig wie die Frage, wie man diesen erreicht, ist auch das Niveau, auf dem sich dieser einpendelt. Wie sich dieser gleichgewichtige Zustand aber einpendelt und wie stabil er ist, ist die ganz entscheidende Frage, die vor allen weiteren Analysen geklärt werden müsste. Wie lange wir nämlich Produzentenrenten haben, hängt ab von der Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft. Die Produzentenrente berechnet diese auf Basis einer festen Menge. Dahinter steht ein Zeitraum, innerhalb dessen diese Menge gehandelt wird. Ob das aber einmalig passiert oder ad calendas graecas, ist ein ganz, aber ein ganz entscheidender Unterschied. Die Produzentenrente kann ohne Angabe eines Zeitraumes nicht gedacht werden. Unter diesen Auspizien, vor allem weil die Idee ja ohne weiteres einsehbar ist, ist die Berechnung selbiger, wie sie in Klausuren zur Mikroökonomie oft gefordert wird, schlichtweg eine Idiotie. Vermutlich hat aber die dozierende Ökokaste noch gar nicht begriffen, dass die Konsumentenrente ohne Angabe eines Zeitraumes gar nicht quantitativ beschrieben werden kann. Die Rente bezieht sich auf einen Zeitraum, weil die gehandelte Menge sich auf einen Zeitraum bezieht.

Damit wird die zentrale Frage der marktwirtschaftlichen Ordnung, die Frage nämlich, wie gleichgewichtige Zustände erreicht werden, bzw. welche Kräfte gegen diesen gleichgewichtigen Zustand wirken und welche Kräft diesen, so ein Ungleichgewicht vorliegt, wieder herbeiführen, schlicht ignoriert.

Die Analyse gleichgewichtiger Zustände ist schlicht irrelevant, solange man nicht weiß, wie lange sie überhaupt dauern. Hat man einen vollen Kühlschrank, kann man sich ausmalen, welche Rezepte aus dem Kochbuch man unter den gegebenen Verhältnissen nachbacken könnte. Das nützt aber nicht viel, wenn jeder Zugriff hat auf den Kühlschrank und sich der Inhalt jeden Moment ändert.


Es wäre insgesamt günstiger, den ganzen Plunder der dozierenden Ökokaste einzustampfen und auf dieOriginalwerke zurückzugreifen. Das wäre eine kurze, präzise Einführung in die Mikroökonomie. Was tatsächlich Nutzwert hat, kann in einem Semester vermittelt werden. Den Rest der Zeit widmet man sich dann besser berufsrelevanten Themen. Es ist nicht Aufgabe des Steuerzahlers, irgendwelche Scholastiker zu finanzieren.

Äußerst grenzwertig ist es, Studiengebühren zu erheben, damit irgendwelche Prof.Dr., die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben und sich in den universitären Wäremehallen tummeln, alimentiert werden können. Wenn selbige meinen, dass sie dem l' art pour l'art Prinzip fröhnen müssen, dann sollen sie sich einen Job in der Wirtschaft suchen, wo sie sicherlich irgendjemand für ihre hochrelevanten Erkenntnisse bezahlen wird.

Die Jungs und Mädels müssen jetzt einfach mal kapieren, dass in einer marktwirtschaftlichen Ordnung Leistung abgerufen wird und sich diese Leistung an der Verwertbarkeit am Markt misst. Man kann durchaus bezweifeln, dass sie das Prinzip der marktwirtschaftlichen Ordnung, das ist das, was sie lehren sollen, verstanden und verinnerlicht haben.

Dem ideellen Gleichgewichtsmodell von Alfred Marshall entspricht die Vorstellung, dass irgenjemand zumindest so viel Geld für etwas auf den Tisch legt, wie er einen entsprechenden Nutzenzuwachs erhält. Da der Grenznutzen mit zunehmendem Konsum abnimmt, müssen, damit mehr nachgefragt wird, entweder die Preise fallen, dann ist der Nutzen des Geldes zwar konstant, aber dem geringeren Nutzen der letzten Einheit entspricht ein geringerer monetärer Betrag, oder das Einkommen steigen, dann nimmt der Grenznutzen des Geldes ab, da von allen Gütern mehr konsumiert und damit der Grenznutzen des Geldes in jeder Verwendung sinkt. Diesen idealtypischen Fall, der von der Tendenz her die Realität wohl beschreibt, sieht er allerdings nur in einer hypothetischen Situation verwirklicht.

The simplest case of balance or equilibrium between desire and effort is found when a person satisfies one of his wants by his own direct work. When a boy picks blackberries for his own eating, the action of picking is probably itself pleasurable for a while; and for some time longer the pleasure of eating is more than enough to repay the trouble of picking. But after he has eaten a good deal, the desire for more diminishes; while the task of picking begins to cause weariness, which may indeed be a feeling of monotony rather than of fatigue. Equilibrium is reached when at last his eagerness to play and his disinclination for the work of picking counterbalance the desire for eating. The satisfaction which he can get from picking fruit has arrived at its maximum: for up to that time every fresh picking has added more to his pleasure than it has taken away; and after that time any further picking would take away from his pleasure more than it would add. Der einfachste Fall eines Ausgleichs oder Gleichgewichts zwischen Wunsch und Anstrengung findet man vor, wenn eine Person seinen eigenen Bedarf mit direkter Arbeit befriedigt. Wenn ein Junge Brombeeren pflückt um sie zu essen, dann bereitet ihm vielleicht eine zeitlang das Pflücken selbst schon Freude. Eine gewisse Zeit reicht die durch das Naschen erlebte Freude vollkommen aus, um die Mühsal des Pflückens zu kompensieren. Nachdem er aber eine gewissen Menge gegessen hat, nimmt der Wunsch mehr zu essen immer mehr ab, während die Mühsal des Pflückens, mehr wegen der Monotonie als wegen der Ermüdung, zunimmt. Das Gleichgewicht ist dann erreicht, wenn die Freude am Spiel, die Abneigung gegen die Arbeit und der Wunsch zu essen ausbalanciert sind. Die Befriedigung, welche er aus dem Pflücken der Früchte ziehen kann, hat sein Maximum erreicht, denn bis zu diesem Punkt hat jedes neue Pflücken ihm mehr Freude bereitet, also es ihn kostete. Danach mindert jedes weitere Pflücken die Lust mehr, als es diese steigert.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER II, TEMPORARY EQUILIBRIUM OF DEMAND AND SUPPLY

Dieser Fall entspricht haargenau der idealtypischen Vorstellungen eines Marktgleichgewichtes. Dieses Konzept kommt auch ohne eine monetäre Bewertung der Nutzens aus, es handelt sich also um eine ordinale Nutzenmessung. Nutzenzuwachs und Nutzenabnahme sind genau austariert. Das normale Marktgleichgewicht entspricht nicht dieser Situation. Die tatsächliche Situation beschreibt Schumpeter wohl präziser.

Die Bestimmung der Menge eines jeden Gutes und daher seines Wertes steht also für jedes Gut unter Drucke aller übrigen Güterwerte und erklärt sich vollständig nur durch Rücksichtsnahme auf sie. Wir können deshalb sagen, dass die einzelnen Güterwerte für jedes Wirtschaftsobjekt ein Wertsystem bilden, dessen einzelne Elemente in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander stehen. In diesem Wertsystem drückt sich also die ganze Wirtschaft des Individuums aus, alle seine Lebensverhältnisse, sein Gesichtskreis, seine Produktionsmethode, seine Bedürfnisse, alle seine wirtschaftlichen Kombinationen. Dieses Wertsystem ist dem einzelnen Wirtschaftssubjekt niemals in allen seinen Teilen gleich lebhaft bewusst, sein größerer Teil liegt vielmehr in jedem Augenblick unter der Schwelle des Bewusstseins. Auch wenn es Entscheidungen über sein wirtschaftliches Handeln trifft, hält es sich nicht an die Gesamtheit aller in diesem Wertsystem zum Ausdrucke kommenden Tatsachen, sondern an gewisse bereit liegende Handhaben. Es handelt eben im wirtschaftlichen Alltag im Allgemeinen gewohnheits- und erfahrungsgemäß und knüpft bei jeder Verwendung eines bestimmten Gutes an dessen Wert an, der ihm erfahrungsgemäß gegeben ist.

Josehp Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

Was er sagen will ist das. Wenn wir bei einem Discounter an der Käseecke stehen, vergleichen wir den Nutzwert der dort liegenden Käse. Ob wir uns für Bavaria Blu oder Gorgonzala entscheiden, hängt von der Erfahrung einerseits und von der Risikobereitschaft andererseits ab.

Auf jeden Fall werden wir in diesem Fall höchst selten eine Auswahl zwischen Mango und Bavaria Blu treffen. im Übrigen ist der Arbeitsaufwand, bei minimalen Unterschieden die Nutzenzuwächse zu reflektieren zu aufwendig, wenn überhaupt möglich, denn sie liegen "unter der Schwelle des Bewusstseins".

Die Fiktion des vollkommenen Marktes ist also gleich aus zwei Gründen problematisch. Kurzfristig, für die Analyse des status quo, brauchen wir die Fiktion nicht, denn auf skurrilen Wegen haben wir uns an ein persönliches Optimum so ungefähr herangerobbt, dass wir es nicht mit letzter mathematischer Präzision berechnen können, ist unerheblich, tendenziell stimmt es.

Langfristig allerdings, oder wenn sich entscheidende Parameter ändern, was langfristig eben immer der Fall ist, erklärt die Vorstellung vom vollkommenen Markt nichts, bzw. ist mit der Idee der marktwirtschaftlichen Ordnung als Informationsverarbeitungssystem schlicht unvereinbar. Wir sind nicht vollkommen informiert, sondern wir robben uns über trial and error an das neue Optimum heran. Der vollkommene Markt und die Fiktion der vollkommenen Informiertheit eliminiert genau das Problem, das die marktwirtschaftliche Ordnung am effizientesten löst. Sind wir vollkommen informiert, dann brauchen wir keine marktwirtschaftliche Ordnung, dann ist die Planwirtschaft überlegen. Wenn man etwas planen kann, dann ist es besser, man plant es. Wenn man etwas nicht planen kann, dann ist es am besten, man hat ein System, dass es erlaubt auf Fehler schnell zu reagieren. Geht man allerdings von vollkommener Information aus, dann kann man planen. Nach dieser Logik würde die marktwirtschaftliche Ordnung ein Problem lösen, das überhaupt nicht existiert.


Das Beispiel, das er dann einführt, ist ein institutionalisierter Markt, bei dem das Marktgleichgewicht durch eine entsprechende Organisation herbeigeführt wird. (Das ist der Fall, den Léon Walras seinen Analysen zugrunde legt. Dieser Fall ist aber überhaupt nicht typisch für marktwirtschaftliche Ordnungen.)

Let us then turn to the ordinary dealings of modern life; and take an illustration from a corn-market in a country town, and let us assume for the sake of simplicity that all the corn in the market is of the same quality. The amount which each farmer or other seller offers for sale at any price is governed by his own need for money in hand, and by his calculation of the present and future conditions of the market with which he is connected. There are some prices which no seller would accept, some which no one would refuse. There are other intermediate prices which would be accepted for larger or smaller amounts by many or all of the sellers. Kommen wir zurück auf die gewöhnlichen Geschäfte des modernen Lebens und illustrieren die Zusammenhänge anhand des Marktes für Korn in einer Stadt auf dem Lande. Zur Vereinfachung gehen wir davon aus, dass alles Korn von gleicher Qualität ist. Die Menge, die jeder Farmer oder ein anderer Anbieter zu irgendeinem Preis zum Verkauf anbietet hängt von seinem Bedarf an Bargeld ab und von seiner Einschätzung des gegenwärtigen und zukünftigen Marktes, in dem er sich betätigt. Es gibt Preise, die kein Verkäufer akzeptieren wird und andere, die kein Verkäufer ablehnen kann. Dazwischen gibt es Preise, die in Abhängigkeit von der Menge von vielen Verkäufern akzeptiert würden.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER II, TEMPORARY EQUILIBRIUM OF DEMAND AND SUPPLY

Er beschreibt also einen institutionalisierten Getreidemarkt. Er beschreibt also einen Markt, an dem Güter GETAUSCHT, Geld gegen Getreide, aber nicht HERGESTELLT werden. Ein Tauschmarkt ist hierbei etwas anderes, als ein Markt, der sich mit Gütern beschäftigt, die hergestellt werden.

Der dynamische Teil der marktwirtschaftlichen Ordnung ist die Produktion. Der Tauschmarkt abstrahiert von der Produktion.

Der Tauschmarkt ist naheliegender Weise immer eine Betrachtung in einem kurzfristigen Zeitraum. Sind die Güter weg, sind sie weg. Werden die Güter hergestellt, wird es langfristig zu Anpassungsprozessen bei der Produktion kommen. Solange ein Bäcker nur wenig Brötchen verkauft, wird er sie mit der Hand backen. Produziert er mehr davon, wird er beginnen, Maschinen einzusetzen. Die Nachfrage hat selber einen Einfluss auf die Produktionsverfahren und damit auf die Herstellungskosten. Die Fiktion des Kreuzes aus Angebot und Nachfrage, die sich in jedem Lehrbuch findet, ist unzutreffend. Sie suggeriert, dass Angebot und Nachfrage voneinander unabhängig sind.

Cum grano salis: Keynesianischer Politik wird oft unterstellt, dass sie inflationär wirke. Das Gegenteil ist vorstellbar. Vergrößert der Staat die aggregierte Nachfrage, können die Kosten und damit, im Wettbewerb, auch die Preise.

Für den Getreidemarkt ließe sich folgendes Szenario entwickeln. Die Beschreibung weicht von der Beschreibung Alfred Marschalls ab. Im Grunde ähnelt dieser Markt dem Börsenmarkt für Aktien. A, B, C bieten jeweils eine Tonne Getreide für 240, 250 und 260 Euro an und 1,2,3 wollen jeweils 1 Tonne für 240, 250 und 260 Euro kaufen. Stünden die drei Verkäufer nun vor ihren Getreidebergen mit einem Preisschild, dann würden sich in der ersten Runde alle drei Käufer um A versammeln und Käufer 3 würde die anderen zwei rauskegeln, denn seine Zahlungsbreitschaft ist am größten. Damit würden noch zwei Tonnen für 250 und 260 Euro übrig bleiben, für die noch 240 und 250 Euro geboten würden. Verkauft würde noch die Tonne für 250 Euro. Der Verkäufer für 260 Euro und der Käufer für 240 Euro kämen nicht mehr zum Zuge. Weicht also keiner der Beteiligten von seinen Vorstellungen ab, wird der Markt nicht geräumt.

Anders sieht es aus, wenn die einen unbedingt ihre Tonne kaufen und die anderen unbedingt ihre Tonne verkaufen wollen. In diesem Fall wäre Käufer 1 sofort klar, wie das Spiel ausgeht, und dass er nicht zum Zug kommt, wenn er seine Preisvorstellungen nicht ändert. Desgleichen wüsste C, dass er bei seinen Vorstellungen auf seiner Tonne sitzen bleibt. Desweiteren erfasst Verkäufer A mit einem Blick, dass mehr "drin" ist und Käufer 3 erfasst mit einem Blick, dass er billiger "weg kommt". Verkäufer A sieht im Grunde mit einem Blick, dass er den Preis auf 250 anheben kann, wobei leider der Käufer 3 nicht zuschlägt, weil dieser eben genau so schnell erfasst hat, dass er weniger bezahlen muss. Dieser wird also sein Angebot sofort auf 250 Euro absenken. 250 Euro ist also der Preis, zu dem alle drei Tonnen gekauft und verkauft werden. Dieser exakte Wert wird sich allerdings in der Realtiät nicht herausbilden, weil die Verkäufer eben kein Preisschild vor sich her tragen werden und die Leute unterschiedlich geschickt in der Verheimlichung ihrer Präferenzen sind.

Nochmal: Im Moment unterhalten wir uns über TAUSCHMÄRKTE. Bei TAUSCHMÄRKTEN liegt die Menge fest, Anpassungen können nur über den Preis erfolgen. Dieser Art von Markt ist NICHT, auch wenn Pareto und Walras das Gegenteil behaupten, typisch für eine marktwirtschaftliche Ordnung. Typisch sind Märkte, wo Waren auch produziert werden und es in der Produktion zu Anpassungsprozessen kommt.

Die nächste Möglichkeit einen Gleichgewichstspreis auf einem Tauschmarkt zu erreichen ist die Börse (Aktien, Rentenpapiere etc.). Hierbei wird, meist über computerisierte Verfahren, der Preis errechnet, der den Umsatz maximiert.

Wenn

Verkäufer A 300 Aktien à 50 Euro
Verkäufer B 120 Aktien à 47 Euro
Verkäufer C 90 Akien für 46 Euro

verkaufen will und diesen drei Verkäufern entgegenstehen, die

Käufer 1, 380 Aktien à 51 Euro
Käufer 2, 100 Aktien à 48 Euro
Käufer 3, 80 Aktien à 38 Euro

zahlen wollen, ergibt sich folgendes Bild.

Verkäufer Käufer Umsatz
300 à 50 380 à 51 (300 * 51) = 15300
120 à 47 100 à 48 (420 * 48) = 20160
90 à 46 80 à 38 (510 * 46) = 19360

Der umsatzmaximierende Preis, also das, was in der Zeitung steht, wäre also 48 Euro, wobei von den 100 Käufern zu einem Preis von 48 nur 40 Aktien tatsächlich verkauft werden könnten.

Die dritte Möglichkeit einen 'Marktpreis' zu ermitteln wäre die durch das Internet berühmt gewordene Auktion, ein Verfahren, bei dem es keine Konsumentenrenten gibt und der Käufer seine wahren Präferenzen offen legen muss. Rein theoretisch müsste als der Handel versessen darauf sein, nur noch über das Internet und nur noch über Auktionen anzubieten. Vermutlich bilden sich die Preisvorstellungen der Leute aber außerhalb des Internets und folglich funktioniert es nicht, bzw. setzt sich die Auktion als Verkaufsform nicht durch.

(Anders formuliert: Die Käufer werden auch bei einer Auktion im Internet ihre Präferenzen nicht offenlegen, weil sie wissen, zumindest oft, was das Gut "im Laden" kostet. Mehr werden sie nicht bieten.)

Damit wäre auch erklärbar, warum der Handel über ebay bei Gebrauchtwaren seinen Ursprung hat, für die eben kein Marktpreis vorliegt. Die Nuss ist irgendwie jetzt erstmal nicht zu knacken. Festzustellen ist nur, dass Händler eher dazu neigen auch bei ebay ihre Waren über Festpreise zu verticken. Wir wollen nicht unerwähnt lassen, dass auch dies das Vertrauen in die Aussagefähigkeit der Konsumentenrente / Produzentenrente nicht zu steigern vermag.

Alle oben beschriebenen Verfahren beschreiben aber den Preisfindungsprozess bei Tausch und das ist gerade nicht der Mechanismus, der letztlich entscheidend ist. Etwas, was getauscht wird, muss, zumindest trifft dies für die Masse der Güter zu, erstmal produziert werden. Der Tauschmarkt ist ein Sekundärmarkt, die Verhältnisse auf Tauschmärkten sind letztlich irrelevant. Bei Tauschmärkten haben wir eine Anpassung über den Preis, die Menge kann sich ja nicht anpassen, die liegt fest. Bei dynamischen Märkten, wo Güter produziert werden, haben wir eine Preis- und eine Mengenanpassung.

Anders formuliert. Der Tauschmarkt ist eine kurzfristige Sicht und funktioniert völlig anders, als ein dynamischer Markt, bei dem Güter produziert werden. Auch wenn es der dozierenden Ökokaste nicht auffällt. Léon Walras und Vilfredo Pareto argumentieren mit Tauschmärkten. Die sind irrelevant. Sie vereinfachen zwar die Problematik und man kann dann eher ein bisschen mathematisch modellieren, aber wir wollen keine Vereinfachung um jeden Preis. Wir wollen relevante Aussagen.

Uns interessiert das Pareto Geschwurbel nicht. Wir wollen nicht wissen, warum zwei Leute eine vorhandene Menge Güter tauschen. Wir wollen wissen, wie man die Güter produziert und wenn zuwenig davon produziert wird, wie man das ändert.

Die reverse auction ist auch möglich, wenn ein Gut hergestellt werden muss. Die reverse auction ist das Gegenteil einer Auktion. Hierbei beschreibt der Kunde, welches Leistung zu erbringen ist, Fließen eines Bades, Installation einer Heizung, Ausrichten einer Hochzeit etc.. Die Anbieter machen ein Angebot und unterbieten sich. Dieses Verfahren führt, zumindest in der Theorie, zu einem Abschöpfen der Produzentenrente. Allerdings nur in der Theorie.

Die Analyse von Tauschmärkten interessiert uns auch deshalb nicht sonderlich, weil durch die Analyse die letztlich entscheidenden Prozesse, Produktionsbedingungen, Änderung der Präferenzen, Auftauchen von Substitutionsgütern etc. nicht analysiert werden kann. Uns interessiert nicht, wie eine bestimmte Menge von Waren, die unter bestimmten Produktionsbedingungen hergestellt wurde, verkauft wird. Uns interessieren die Produktionsbedingungen, unter denen die neuen Güter erstellt werden. Güter die für den Tausch zur Verfügung stehen, wurden unter Berücksichtigung einer bestimmten Präferenzstruktur erstellt. Uns interessiert, wie sich die Produktionsbedingungen an veränderte Präferenzstrukturen anpassen.

Alfred Marshall beginnt nun langsam das Thema breit aufzurollen. (Nota bene: In the last chapter we looked at the affairs of only a single day; and supposed the stocks offered for sale to be already in existence. Alfred Marshall ist also klar war er tut. Der dozierenden Ökokaste ist das meistens unklar.)

We have next to inquire what causes govern supply prices, that is prices which dealers are willing to accept for different amounts. In the last chapter we looked at the affairs of only a single day; and supposed the stocks offered for sale to be already in existence. But of course these stocks are dependent on the amount of wheat sown in the preceding year; and that, in its turn, was largely influenced by the farmers' guesses as to the price which they would get for it in this year. This is the point at which we have to work in the present chapter. Wir müssen nun untersuchen was ursächlich für Änderungen der Angebotspreise verantwortlich ist, welche Preise Händler also für verschiedene Mengen zu zahlen bereit sind. Im letzten Kapitel haben wir den Handel nur an einem einzigen Tag betrachtet, wobei wir davon ausgegangen sind, dass der Bestand bereits produziert worden ist.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER III, EQUILIBRIUM OF NORMAL DEMAND AND SUPPLY

Im folgenden relativiert er kurz nochmals den reinen Tauschhandel, weil dieser auch durch Erwartungen die Zukunft betreffend beeinflusst wird. Wir lernen, dass es schon zu seiner Zeit 'futures' gab, also Warenterminbörsen, wo 'Wetten' auf die Zukunft abgeschlossen wurden. Üblicherweise, heutzutage, werden über Warenterminbörsen, etwa die Matif, zu einem bestimmten Preis Mengen in der Zukunft geordert. Fällt der Preis in der Zukunft, hat der Käufer Pech, der Verkäufer Glück gehabt. Umgekehrt umgekehrt.

(Nebenbemerkung am Rande. Alfred Marshall erkennt schon glasklar, dass Preise spekulativ sind. Das ist aber nicht mal das Detail, das uns interessiert. Was auffallend ist, ist die Fülle an Themen und Aspekten die er abrollt. Wer das mit einem gängigen Lehrbuch der Mikroökonomie vergleicht, also eine eklektischen Zusammenfassung einiger Konzepte von Alfred Marshall, die in vereinfachter Form dargestellt werden, der wird sich die Frage stellen, ob das Original nicht besser ist als die Kopien.)

Even in the corn-exchange of a country town on a market-day the equilibrium price is affected by calculations of the future relations of production and consumption; while in the leading corn-markets of America and Europe dealings for future delivery already predominate and are rapidly weaving into one web all the leading threads of trade in corn throughout the whole world. Some of these dealings in "futures" are but incidents in speculative manoeuvres; but in the main they are governed by calculations of the world's consumption on the one hand, and of the existing stocks and coming harvests in the Northern and Southern hemispheres on the other. Dealers take account of the areas sown with each kind of grain, of the forwardness and weight of the crops, of the supply of things which can be used as substitutes for grain, and of the things for which grain can be used as a substitute. Thus, when buying or selling barley, they take account of the supplies of such things as sugar, which can be used as substitutes for it in brewing, and again of all the various feeding stuffs, a scarcity of which might raise the value of barley for consumption on the farm. Selbst auf dem Getreidemarkt einer Stadt auf dem Land wird der Gleichgewichtspreis an einem bestimmten Tag von den zukünftigen Erwartungen bezüglich der Beziehung zwischen Produktion und Konsum mitbestimmt. In den führenden Getreidemärkten in Amerika und Europa werden die Abschlüsse jedoch schon jetzt durch die Lieferung in der Zukunft determiniert und beeinflussen zunehmend weltweit alle maßgeblichen Transaktionen auf der ganzen Welt. Manche dieser Handelsgeschäfte mit 'futures' sind nur zufällige oder spekulative Transaktionen, meistens jedoch beruhen sie auf Überlegungen bezüglich des weltweiten Konsums auf der einen Seite und der Bestände und kommenden Ernten auf der nördlichen und südlichen Hemisphäre andererseits. Händler berücksichtigen die bewirtschafteten Flächen, den Reifegrad und das Gewicht des Korns, den Bestand an den Dingen, die Korn ersetzen können und der Dinge, die durch Korn ersetzt werden können. Wenn sie zum Beispiel Gerste kaufen, dann berücksichtigen sie auch Dinge wie Zucker, der beim Brauen Gerste substituieren kann und die verschiedenen Futter, weil der Preis für Gerste für die landwirtschaftliche Nutzung steigt, wenn diese knapp werden.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER III, EQUILIBRIUM OF NORMAL DEMAND AND SUPPLY

Er hat also nicht nur Zweifel daran, dass die Betrachtung eines reinen Tauschhandels an und für sich problematisch ist, sondern stellt obendrein auch noch fest, dass selbst der reine Tauschhandel von allen möglichen Parametern beeinflusst wird. Schließlich kommt er dann zu der Analyse von Märkten unter Berücksichtigung der Produktion. (...we have to consider the volume of production...)

But in this and the following chapters we are specially concerned with movements of price ranging over still longer periods than those for which the most far-sighted dealers in futures generally make their reckoning: we have to consider the volume of production adjusting itself to the conditions of the market, and the normal price being thus determined at the position of stable equilibrium of normal demand and normal supply. Doch in diesem und den folgenden Kapiteln geht es uns vor allem um Preisbewegungen die sich über noch längere Zeiträume erstrecken, als die, die selbst der weitsichtigste Händler noch im Blick hat. Wir müssen das Produktionsvolumen betrachten und wie dieses sich an die Marktbedingungen anpasst, und den normalen Preis der sich aus einem stabilen Gleichgewicht einer normalen Nachfrage und eines normalen Angebots ergibt.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER III, EQUILIBRIUM OF NORMAL DEMAND AND SUPPLY

Einen sehr großen Teil dieses Lehrbuchs haben wir mit der Diskussion zugebracht, ob der Preis eines Gutes durch seine Produktionskosten oder durch die Nachfrage, also den Nutzwert, bestimmt ist.

Bei den Anhängern der Produktionskostentheorie haben wir dann noch eine reiche Auswahl. Die Bandbreite reicht von den Anhängern der reinen Arbeitswerttheorie, Karl Marx, die behaupten, dass sich der Wert eines Gutes ausschließlich aus der Menge an Arbeit ergibt, die in dem Gut verkörpert ist bis zu den Anhängern der These, dass der Wert eines Gutes sich aus der "natürlichen" Vergütung von Arbeit, Kapital und Boden ergibt. siehe Natürlicher Preis <=> Marktpreis.

"Natürlich" ist hierbei so zu verstehen, dass sich die Vergütung dieser Produktionsfaktoren in jeder Verwendung angleichen, denn wann immer die Vergütung irgendwo höher ist, werden sie dahin strömen, bis die Vergütung in dieser Verwendung der Vergütung in anderen Verwendungen wieder entspricht.

Der radikalste Anhänger der gegenteiligen Theorie, dass der Preis allein durch die Nachfrage, also den subjektiv empfundenen Nutzwert durch den Käufer determiniert ist, ist Carl Menger. Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob das Thema so bedeutsam ist, dass man damit Tausende von Seiten füllen kann. Carl Menger ist nicht aufgefallen, dass seine gesamte Argumentation auf einen Tauschmarkt abstellt. Des weiteren mag Menger den Waren ja einen subjektiven Wert beimessen, ob es allerdings jemanden gibt, der ihm das für den Preis produziert, den er subjektiv als angemessen empfindet, steht auf einem anderen Blatt.

Allerdings sollte man bedenken, dass Millionen von Leuten diese Frage 150 Jahre lang beschäftigt hat, nämlich bis zum Fall der Mauer 1989, denn der Hokuspokus mit der in den Waren verkörperten Arbeit war Staatsdoktrin in dem Teil Deutschland, wo der Sozialismus planmäßig verwirklicht wurde. Danach hat es dann niemanden mehr interessiert. Dass die Wirtschaft planmäßig verwirklicht wird, glauben heute nur noch die Neoklassiker, denn die haben vollkommene Information. Das stellen die einfach so fest.

Die Beantwortung der Frage ist relativ einfach. In Situationen, bei denen Güter aus natürlich oder zeitlichen Gründen nicht reproduziert werden können, diese Güter also aus natürlichen Gründen knapp sind, spielt nur die Nachfrage eine Rolle. Betrachten wir also einen reinen Tauschmarkt, gehen also von einer in einem bestimmten Zeitraum gegebenen Menge aus, dann ist es die Nachfrage, die maßgeblich für den Preis ist, oder genauer, Preisänderungen können nur mit Änderungen der Nachfrage zusammenhängen, da ja die Angebotsmenge, in dem dann betrachteten kurzen Zeitraum, nicht variiert.

Die gleiche Situation haben wir, wenn ein Gut aus anderen Gründen knapp ist. Bilder aus der Zeit des, zum Beispiel, Expressionismus sind nun mal knapp. Änderungen der Preise für diese Bilder, können nur aus einer veränderten, wenn auch unter Umständen spekulativ motivierten, Nachfrage beruhen.

Langfristig allerdings ist die Bestandsmenge, außer eben in den Fällen, wo die Knappheit in der Natur der Dinge begründet liegt, nicht bestimmt und kann, langfristig, variieren. Die allermeisten Güter gehören zu dieser Kategorie. Damit dürfte dann die Frage abschließend geklärt sein und Alfred Marshall klärt sie ziemlich abschließend. (siehe folgenden Abschnitt: Thus we may conclude that, as a general rule, the shorter the period which we are considering, the greater must be the share of our attention which is given to the influence of demand on value; and the longer the period, the more important will be the influence of cost of production on value.)

Vermutlich wird jedem der Unterschied zwischen Principle of Economics und einem heute gängigen Lehrbuch der Mikroökonomie deutlich, wenn er die unten stehende Passage liest.

Thus we may conclude that, as a general rule, the shorter the period which we are considering, the greater must be the share of our attention which is given to the influence of demand on value; and the longer the period, the more important will be the influence of cost of production on value. For the influence of changes in cost of production takes as a rule a longer time to work itself out than does the influence of changes in demand. The actual value at any time, the market value as it is often called, is often more influenced by passing events and by causes whose action is fitful and short lived, than by those which work persistently. But in long periods these fitful and irregular causes in large measure efface one another's influence; so that in the long run persistent causes dominate value completely. Even the most persistent causes are however liable to change. For the whole structure of production is modified, and the relative costs of production of different things are permanently altered, from one generation to another. So können wir denn, als generelle Regel, festhalten, dass wir unsere Aufmerksamkeit desto stärker dem Einfluss der Nachfrage widmen müssen, je kürzer der Zeitraum ist, den wir betrachten und je länger die Periode, desto bedeutender ist der Einfluss der Produktionskosten auf den Wert, denn der Einfluss in den Kostenstrukturen der Produktion braucht im Allgemeinen länger um sich ganz zu entfalten, als Veränderungen der Nachfrageseite. Der aktuelle Wert zu irgendeinem Zeitpunkt, der Marktwert, wie er oft genannt wird, wird öfters durch vorübergehende Erscheinungen und sporadische, kurzfristige Effekte beeinflusst, als durch solche, deren Wirkung von dauerhafter Natur ist. Betrachtet man hingegen längere Zeiträume, dann heben sich die Einflüsse dieser vorübergehenden und unregelmäßig auftretenden Effekte gegenseitig auf. Doch selbst die langandauerndsten Effekte sind dem Wandel unterworfen und die ganze Struktur des Produktionspsrozesses wird geändert, wie auch die relativen Kosten der Produktion verschiedener Dinge sich ständig, von einer Generation zur anderen, ändern.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER III, EQUILIBRIUM OF NORMAL DEMAND AND SUPPLY

Den Satz mit den relativen Kosten muss man nun so verstehen. Die Substitution von Arbeit durch Maschinen mag zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa wenn Strom aufgrund knapper Leitungen nicht billig ist, nicht günstig sein, soll heißen, es ist billiger, die Arbeit von "Hand" erledigen zu lassen. Von einer Generation auf die andere jedoch kann es rentabel werden, etwa weil die Arbeitslosigkeit sinkt und damit Arbeit teuer wird, Arbeit durch Maschinen zu ersetzen.

Die Analyse von Tauschmärkten, wie sie zum Beispiel von Léon Walras durchgeführt wird, geht also an der real existierenden Realität vollinhaltlich vorbei. Der Tauschmarkt würde tatächlich dem vollkommenen Markt recht nahe kommen, den die Handlungsoptionen sind beim reinen Tauschmarkt relativ gering, so dass faktisch jeder mit der Zeit alle benötigten Informationen hätte. Die Anpassungslast läge allein beim Preis, da die Menge ja gegeben ist.

Wir wissen aber alle, dass wir nicht mal mit dem Käsesortiment bei Aldi so richtig klarkommen, weil sich auch dieses ständig ändert. In dem Moment, in dem die Herstellung der Güter mitberücksichtigt wird, steigen die Handlungsoptionen ins Unendliche. Zweitens stellt die Analyse des Tauschmarktes immer auf die kurzfristige Sicht ab und die kurzfristige Sicht ist für die Analyse marktwirtschaftlicher Prozesse vollkommen irrelevant und je leistungsfähiger und flexibler die Wirtschaft ist, desto irrlevanter werden kurzfristige Zeiträume, denn die Zeiträume, wo sich nichts ändert, können dann sehr kurz sein.

Um es mal cum grano salis auszudrücken: Léon Walras beschreibt keine marktwirtschaftliche Ordnung. Er beschreibt eine Wirtschaft, wie sie auch mit den Mitteln der Planwirtschaft gelenkt werden könnte. Der mathematische Hokuspokus sieht zwar schick aus, geht aber am Thema und an den Problemen marktwirtschaftlicher Ordnungen vollkommen vorbei.

Die üblichen Beschreibungen, wie der Gleichgewichtspreis erreicht wird, sind irrelevant. Argumentiert wird mit einer, bezogen auf einen bestimmten Marktpreis, zu geringen oder zu großen Produktion. Behauptet wird zum Beispiel, dass bei einer zu großen Produktion diese nur abgesetzt werden könne, wenn der Preis fällt, folglich in der nächsten Periode die Produktion verringert wird, bzw. ausgedehnt wird, solange dieser noch über den Grenzkosten liegt. Dies entspricht weder dem Verhalten des einzelnen Unternehmens noch der Wirtschaft als ganzem.

Jedem Unternehmen ist klar, dass es den Break-Even Point nur ab einer bestimmten Menge erreicht, die umso größer ist, je höher der Fixkostenblock. Er wird also bei Stückkosten, die über dem Marktpreis liegen, die Produktion nicht einschränken, sondern ganz im Gegenteil, er wird versuchen sie auszudehnen und über geeignete Marketingmaßnahmen versuchen, den Absatz zu steigern. Eine Verringerung der Produktion würde den Verlust maximieren. Vereinfacht ausgedrückt: Eine Analyse auf Grenzkostenbasis berücksichtigt lediglich die variablen Kosten. Diese sind aber in der industriellen Fertigung zunehmend irrelevant.

Die Analyse von statischen Gleichgewichten, also von gleichgewichten Zuständen in einem kurzen Zeitraum, ist nur sinnvoll, wenn von allem, was für die marktwirtschaftliche Ordnung relevant ist, abstrahiert wird: Also keine Änderung der Produktionsstrukturen (also keine Änderung der Technik, keine Änderung der Preise für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, keine Änderungen in der Entlohnung der Produktionsfaktoren, keine neuen Komplementär bzw. Substitutionsgüter, keine Änderungen der Präferenzen durch Mode, klimatische Veränderungen, Werbung, gesellschaftliche Neubewertung von Werten etc.).

Die Annahme des vollkommenen Marktes, keine persönlichen / räumlichen / zeitlichen Präferenzen, vollkommene Information, homogene Güter reicht als Annahme für die Gültigkeit von gleichgewichtigen Zuständen nicht. Änderungen in den Produktionsstrukturen und in den Präferenzen könnten durch Verschiebungen der Angebotskurve bzw. der Nachfragekurve zwar berücksichtigt werden, sind aber ohne Berücksichtigung des Faktors Zeit sinnlos. Anders formuliert: Werden sehr kurzfristige Zeiträume analysiert, braucht man diese Annahmen nicht, weil sich eh nichts ändert. Geht man allerdings langfristig von der Annahme aus, dass sich nichts ändert, negiert man das Problem, dass die Marktwirtschaft am besten löst, Unsicherheit. Die marktwirtschaftliche Ordnung kann schneller und besser auf Änderungen reagieren als planwirtschaftliche Ordnungen.

Im Übrigen bedarf es aber, wenn man die prinzipielle Beschränktheit der mikroökonomischen Analyse akzeptiert, auch den vollkommenen Markt nicht, denn persönliche / räumliche / zeitliche Präferenzen, unvollkommen Information und inhomogene Güter könnte man auch berücksichtigen, indem man die schlichte Funktion durch eine Bandbreite ersetzt. Wer die begrenzte Aussagekraft mikroökonomischer Modelle akzeptiert, der braucht auch die Annahme des vollkommenen Marktes nicht.

Anstatt vollkommener Markt kann man im Übrigen auch statischer Markt oder Betrachtung einer kurzen Periode sagen. In der kurzen Periode ändert sich nichts.

Es wäre vielleicht mal sinnvoll, wenn die dozierende Ökökaste mal denjenigen im Orginal lesen würde, von dem sie alle ihre Weisheiten bezieht, abschreibt und ohne Quellenangabe plagiiert. Wobei es eigentlich noch ein bisschen schlimmer ist. Eine Sache ist plagiieren. Schlimmer allerdings ist das sinnentstellende Plagiat. Alfred Marshall, nicht Begründer der Mikroökonomie, sondern schlicht der alleinige Verfasser derselben, lässst an Deutlichkeit und Klarheit nichts zu wünschen übrig.

Vor allem den letzten Satz, sollte man sich genau anschauen: " A man is likely to be a better economist if he trusts to his common sense, and practical instincts, than if he professes to study the theory of value and is resolved to find it easy."

But nothing of this is true in the world in which we live. Here every economic force is constantly changing its action, under the influence of other forces which are acting around it. Here changes in the volume of production, in its methods, and in its cost are ever mutually modifying one another; they are always affecting and being affected by the character and the extent of demand. Further all these mutual influences take time to work themselves out, and, as a rule, no two influences move at equal pace. In this world therefore every plain and simple doctrine as to the relations between cost of production, demand and value is necessarily false: and the greater the appearance of lucidity which is given to it by skilful exposition, the more mischievous it is. A man is likely to be a better economist if he trusts to his common sense, and practical instincts, than if he professes to study the theory of value and is resolved to find it easy. Doch nichts von alledem trifft auf die reale Welt, in der wir leben, zu. Hier ändert jede ökonomische Kraft unter dem Einfluss anderer Kräfte, die neben ihr wirken, ständig ihre Richtung. Hier beeinflussen sich der Umfang der Produktion, ihre Methoden und ihre Kosten ständig gegenseitig; sie beeinflussen ständig die Art und den Umfang der Nachfrage und werden ständig von diesen beeinflusst. Des weiteren brauchen all diese wechselseitigen Beziehung Zeit um ihre ganze Wirkung zu entfalten und im allgemeinen gibt es auch nicht zwei Einflüsse, die sich gleich schnell bewegen. Deshalb ist in dieser Welt jede klare und simple Annahme die Beziehung zwischen Kosten der Produktion, Nachfrage und Wert betreffend falsch. Und je klarer etwas durch eine geschickte Darstellung erscheint, desto schädlicher ist sie. Wahrscheinlich ist derjenige ein besserer Ökonom, der seinem gesunden Menschenverstand und seinem praktischen Instinkt vertraut, als wenn er vorgibt die Werttheorie zu studieren und davon überzeugt ist, dass diese einfach ist.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER V, EQUILIBRIUM OF NORMAL DEMAND AND SUPPLY,CONTINUED, WITH REFERENCE TO LONG AND SHORT PERIODS

Wir haben also zwei Aussagen, über die man nachdenken sollte:

1) Und je klarer etwas durch eine geschickte Darstellung erscheint, desto schädlicher ist es.

2) Wahrscheinlich ist derjenige ein besserer Ökonom, der seinem gesunden Menschenverstand und seinem praktischen Instinkt vertraut.

Wenn man also Ökonomen für etwas unterbelichtet hält, oder für autistisch, dann hat das nichts mit dem Fach an sich zu tun. Die bedeutenden Vertreter des Faches sind durchaus Intellektuelle, haben eine sehr austarierte, differenzierte Meinung, nur ist die dozierende Ökokaste wohl des Lesens nicht kundig. Vorgetragen wird des weiteren, dass die Neoklassik statische Zustände analysiert, was für Pareto und Walras zutrifft, nicht aber für Alfred Marshall. Die Analyse statischer Zustände bezeichnet er als Zwischenstadium.

This relaxation of the rigid bonds of a purely stationary state brings us one step nearer to the actual conditions of life: and by relaxing them still further we get nearer still. We thus approach by gradual steps towards the difficult problem of the interaction of countless economic causes. In the stationary state all the conditions of production and consumption are reduced to rest: but less violent assumptions are made by what is, not quite accurately, called the statical method. By that method we fix our minds on some central point: we suppose it for the time to be reduced to a stationary state; and we then study in relation to it the forces that affect the things by which it is surrounded, and any tendency there may be to equilibrium of these forces. A number of these partial studies may lead the way towards a solution of problems too difficult to be grasped at one effort. In dem Maße, wie wir die starren Beziehungen eines stationären Zustandes aufgeben, nähern wir uns der aktuelle Lebenssituation. So nähern wir uns Stück für Stück dem schwierigen Problem der unzähligen Interaktionen ökonomischer Zusammenhänge. Im stationären Zustand sind alle Bedingungen der Produktion und der Konsumption immer gleich. Weniger einschränkende Maßnahmen werden gemacht, wenn wir das, was nicht ganz korrekt statische Analyse genannt wird, anwenden. Hier konzentrieren wir uns auf einige zentrale Punkte. Wir gehen davon aus, dass der stationäre Zustand für eine Zeit Gültigkeit hat und untersuchen dann die Kräfte, die hier wirken und einen Einfluss auf das Gleichgewicht haben. Manche dieser Untersuchungen führen vielleicht zu einer Lösung von Problemen, die zu schwierig wären, wenn man alle Kräfte auf einmal untersuchen würde.

aus: Alfred Marshall, Principles of Economics, BOOK V, CHAPTER V, EQUILIBRIUM OF NORMAL DEMAND AND SUPPLY,CONTINUED, WITH REFERENCE TO LONG AND SHORT PERIODS

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Infos und Anmerkungen:

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Tauschmärkte und dynamische Märkte

Alfred Marshall betrachtet sowohl Tauschmärkte wie auch Märkte, wo waren hergestellt werden.

Bei einem reinen Tausch-markt ergibt sich der Wert ausschließlich aus der Nachfrage.

Weiter kann allein der Preis zu einem Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage führen, weil die Menge ja gegeben ist.

Ein typischer Vertreter eines Tauschmarktes sind die Börsen, z.B. für Getreide

Das Gleichgewicht wird nicht über bewusste Entscheidungen gefunden, sondern "spielt" sich ein.

Bei einem reinen Tauschmarkt, oder bei Betrachtung von kurzen Zeiträumen, erfolgt lediglich eine Preisanpassung.

Langfristig, wenn Güter auch produziert werden, erfolgt eine Mengen und Preisanpassung, wobei die Nachfrage die Produktion hinter sich herzieht.

 

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