Impressum

1.2.2 Bedeutung der Nachfrage für die Preisbildung

Die Diskussion, ob die Herstellungskosten den Preis einer Ware determinieren oder die Nachfrage wurde so rund 150 Jahre geführt. Das eine Extrem ist David Ricardo, nur die Herstellungskosten bestimmen den Preis, das andere Extrem ist Carl Menger, nur die Nachfrage bestimmt den Preis.

Das Thema wird uns noch ausgiebig beschäftigen, ist aber letztlich eine Gespensterdebatte.

Korrekt beschreibt es Alfred Marshall. Wir fassen Alfred Marshall zusammen und werden später darauf zurückkommen: Kurzfristig, also zum Beispiel in einem reinen TAUSCHMARKT, siehe Tauschmarkt versus dynamischer Markt, ist es allein die Nachfrage, die den Preis determiniert, weil eine Mengenapassung ja gar nicht erfolgen kann.


Eine bestimmte Menge eines Gutes liegt vor und die wird getauscht. Sind alle scharf drauf, muss der Preis steigen. Langfristig aber wird es PRODUZIERT, die MENGE ändert sich. Dann spielen die Herstellungskosten eine Rolle. Kurzfristig wird auch dann der Preis steigen, auch wenn die Menge zunimmt, weil auch unproduktive Anbieter in den Markt eintreten.

Diese Variante is das berühmte Angebots / Nachfrage Kreuz von Alfred Marshall. Die Angebotskurve ist hier die Grenzkostenkurve oder anders formuliert, es ist eine Deckungsbeitragrechnung, bei der die Fixkosten keine Rolle spielen, weil sie kurzfristig fix sind und keinen Einfkluss auf die Entscheidung haben, das Produkt anzubieten oder nicht. Langfristig allerdings sind die Fixkosten zu berücksichtigen.

Langristig sinken die Preise, weil die effizientesten Anbieter aufgrund der größeren Nachfrage ihre Kapazitäten ausbauen. Relativ zum Einkommen der Haushalte sinken die Preise, und zwar dramatisch, im Zeitverlauf. War vor fünfzig Jahren ein Farbfernseher noch ein Luxusgut, stehen die Teile heute bei Edeka neben den Kaugummis.

Hinter diesem Problem versteckt ein tiefergehendes Problem, wie wir später bei Vilfredo Pareto und Léon Walras sehen werden: Der Unterschied zwischen einem reinen Tauschmarkt und einem Markt, wo HERSTELLER und Käufer aufeinandertreffen bzw. der Unterschied zwischen der kurzfristigen und der langfristigen Sicht.

Léon Walras geht von einem Tauschmarkt aus. Eine gegebene Gütermenge wird getauscht. Unter diesen Auspizien kann die Angleichung nur über den Preis erfolgen. Tatsächlich werden Güter langfristig aber nicht nur getauscht, sondern auch produziert. Anders formuliert, Léon Walras beschreibt wohl irgendwas, aber leider nicht die Realität. Léon Walras ignoriert vollumfänglich, da ist er ein typischer Ökonom, den eigentlich dynamischen Teil der Wirtschaft, die Produktion. Dieser Teil der Wirtschaft lässt sich schlecht mit ein paar mathematischen Modellierungen beschreiben, von daher ignoriert man ihn am besten und bastelt ein Modell, das zwar nichts erklärt, dafür aber immer gilt, in Peru genauso wie in Norwegen.

Die Gespensterdebatte ist jetzt nicht unbedingt das, was uns brennend interessiert. Wir wüssten natürlich gerne, wie man ganz konkrete Probleme löst. Wenn aber die Rekapitulation der 200jährigen Gespensterdebatte etwas dazu beitragen kann, bestimmte generelle Fehlentwicklungen in Zukunft zu verhindern und die Ökonomen auf den Pfad der Tugend zurückführen kann, dann hat sie vielleicht einen Sinn.

Die Tendenz, den Wert einer Ware allein durch die Menge an Arbeit, die in ihr verkörpert ist, zu definieren, haben wir schon bei Adam Smith. Allerdings geht es bei Adam Smith wild durcheinander. Manchmal ist der Wert einer Ware nur durch Arbeit bestimmt, manchmal durch den natürlichen Lohn, die natürliche Bodenrente und den natürlichen Profit. Manchmal spielt aber auch die Nachfrage eine Rolle. Das Thema hatten wir schon, siehe Natürlicher Preis / Marktpreis.

EVERY MAN IS RICH OR POOR according to the degree in which he can afford to enjoy the necessaries, conveniencies, and amusements of human life. But after the division of labour has once thoroughly taken place, it is but a very small part of these with which a man’s own labour can supply him. The far greater part of them he must derive from the labour of other people, and he must be rich or poor according to the quantity of that labour which he can command, or which he can afford to purchase. The value of any commodity, therefore, to the person who possesses it, and who means not to use or consume it himself, but to exchange it for other commodities, is equal to the quantity of labour which it enables him to purchase or command. Labour therefore, is the real measure of the exchangeable value of all commodities. The real price of every thing, what every thing really costs to the man who wants to acquire it, is the toil and trouble of acquiring it. What every thing is really worth to the man who has acquired it and who wants to dispose of it, or exchange it for something else, is the toil and trouble which it can save to himself, and which it can impose upon other people. What is bought with money, or with goods, is purchased by labour, as much as what we acquire by the toil of our own body. That money, or those goods, indeed, save us this toil. They contain the value of a certain quantity of labour, which we exchange for what is supposed at the time to contain the value of an equal quantity. Labour was the first price, the original purchase money that was paid for all things. It was not by gold or by silver, but by labour, that all the wealth of the world was originally purchased; and its value, to those who possess it, and who want to exchange it for some new productions, is precisely equal to the quantity of ’ labour which it can enable them to purchase or command.

Jeder Mann ist reich oder arm je nachdem wieviel er von dem im menschlichen Leben Notwendigen, Nützlichen und der Zerstreuung dienendem er sich leisten kann. Nachdem aber die Arbeitsteilung sich ganz durchgesetzt hat, kann sich ein Mensch nur mit einem kleinen Teil dieser Güter selbst versorgen. Den weitaus größere Teil davon erlangt er von der Arbeit anderer Leute und je nachdem über wieviel Arbeit er befehlen oder wieviel Arbeit er einkaufen kann, wird er reich oder arm sein. Der Wert einer jeden Ware ist deshalb für die Person, die sie besitzt und die nicht vorhat, sie selbst zu konsumieren, sondern sie auszutauschen gegen andere Waren, gleich der Arbeit, über welche er verfügen kann oder die er kaufen kann. Arbeit ist also das eigentliche Maß des Tauschwertes aller Güter. Der wahre Preis aller Dinge, was etwas denjenigen, der es zu erwerben wünscht wirklich kostet, ist die Mühe und der Aufwand es zu erwerben. Was etwas für denjenigen, der es erworben hat und darüber verfügen oder es gegen etwas auszutauschen wünscht, ist die Mühe und die Anstrengung, die er sich ersparen kann und mit denen er andere belasten kann. Was mit Geld oder Waren bezahlt wird, ist durch Arbeit erworben, ganz so, wie wenn wir es mit Mühe und Anstrengung erworben hätten. Dieses Geld oder diese Güter ersparen uns tatsächlich die Mühe. Sie beinhalten den Wert einer bestimmten Arbeitsmenge, die wir gegen das austauschen können, was zu dieser Zeit der gleichen Menge Arbeit entspricht. Arbeit ist der erste Preis, der eigentliche Preis der Erwerbung, der für alle Waren bezahlt wurde. Nicht durch Gold oder Silber, sondern durch Arbeit wurde aller Wohlstand dieser Welt erworben und sein Wert bestimmt sich für diejenigen, die es besitzen und die es gegen eine andere Ware tauschen wollen, durch die Menge an Arbeit, die sie hierfür erwerben oder über die sie verfügen können.

aus: Adam Smith, Wealth of Nations, Book I, Chapter V

[Das ist ein hübsches Beispiel dafür, wie eine Theorie zu einem Tunnelblick führt. Mal abgesehen davon, dass die Idee, dass sich der Wert einer Ware durch die in dieser inkorporierten Arbeit bestimmt, Blödsinn ist, fällt es auch nicht schwer, Tausende von Beispielen zu finden, wo etwas einen Wert hat, ohne dass darin irgendwelche Arbeit steckt. Für ein Stück Strand zahlt man z.B. manchmal eine Menge Geld, damit man da ein paar Stunden liegen kann. In dem Sand ist aber keine Arbeit verbuddelt. Land kann ziemlich teuer werden, wenn es auf einmal Bauland wird. Das passiert aber ganz von alleine. Manche Leute zahlen ein Vermögen für eine Briefmarke, die nur deshalb so teuer ist, weil sich niemand die Mühe gemacht hat, mehr davon zu produzieren etc. etc.. Er nimmt sogar die Marxsche Schnapsidee vom 'Geldkristall' vorweg: That money, or those goods, indeed, save us this toil. Er setzt Güter und Geld, in Bezug auf den Tauschwert gleich, weil Geld nur ein Maßstab ist, mit dem die Quantität an Arbeit gemessen wird.]


Dieser These widerspricht, genauer gesagt präzisiert, Ricardo. Ricardo ist etwas schwer verständlich, weil praktisch in jedem Satz seine skurrile Gesamtinterpretation der Welt mitschwingt.

If the shoes and clothing of the labourer, could, by improvements in machinery, be produced by one fourth of the labour now necessary to their production, they would probably fall 75 per cent; but so far is it from being true, that the labourer would thereby be enabled permanently to consume four coats, or four pair of shoes, instead of one, that it is probable his wages would in no long time be adjusted by the effects of competition, and the stimulus to population, to the new value of the necessaries on which they were expended. If these improvements extended to all the objects of the labourer's consumption, we should find him probably at the end of a very few years, in possession of only a small, if any, addition to his enjoyments, although the exchangeable value of those commodities, compared with any other commodity, in the manufacture of which no such improvement were made, had sustained a very considerable reduction; and though they were the produce of a very considerably diminished quantity of labour.

Könnten die Schuhe und Kleidung des Arbeiters durch eine Verbesserung der Maschinen mit Hilfe 1/4 der Arbeit produziert werden, die heute für ihre Produktion notwendig ist, dann würden sie wahrscheinlich um 75 Prozent fallen. Doch es ist so weit entfernt von der Wahrheit, dass die Arbeiter hierdurch in die Lage versetzt würden, permanent vier Mäntel oder vier paar Schuhe anstatt einen konsumieren zu können, wie es wahrscheinlich ist, dass in nur kurzer Zeit sein Lohn über den Wettbewerb angepasst würde und das Bevölkerungswachstum dem neuen Wert des Notwendigsten, für das er ausgegeben wird, wieder entspräche. Wenn diese Verbesserungen auf alle Güter des täglichen Bedarf des Arbeiters angewendet werden, dann werden wir ihn am Ende nur weniger Jahre im Besitze einer nur sehr kleinen, wenn überhaupt irgendeiner, Verbesserung seiner Lage finden, auch wenn der Tauschwert dieser Waren, im Vergleich zu irgendeiner anderen Ware, in den Branchen, wo dieser Fortschritt nicht stattfand, beachtlich gesunken ist. Sie wären dann also das Produkt einer beachtlichen Reduktion an Arbeit.

aus: David Ricardo, On the Principles of Political Economy and Taxation, Chapter I, On value

Die Schreibe ist krud, aber innerhalb der verqueren Logik dieses verköperter Arbeit Quark, hat das Argument eine gewissen Berechtigung, wenn es auch nicht der eigentlich interessante Punkt ist, der kommt gleich.

In seinem, von David Ricardo, Beispiel gibt es einen Produktivitätsfortschritt, man braucht drei Viertel Arbeit weniger. Da ja dann die Profite dort größer wären, würde Kapital einströmen und die Produktion ausgedehnt, bis die Profite wieder überall gleich wären. Der Wettbewerb würde also dafür sorgen, dass auch der Preis für diese Waren um 3/4 fällt . Die Arbeiter allerdings haben davon nix, denn jeder Lohn, der das Existenzminimum übersteigt, was der Fall wäre, wenn die Waren des täglichen Bedarf mit weniger Arbeit produziert werden könnten, führt zu einer Zunahme der Bevölkerung und das wiederum drückt den Lohn.

Er präzisiert also Adam Smith in zwei Punkten.

Erstens:
Produktivitätsfortschritte ändern die relativen Tauschwerte der Waren zueinander.
Wenn der Produktivitätsfortschritt in der Branche, wo der Arbeiter sein Geld verdient, genau so hoch ist, wie in anderen Branchen, verdient der Arbeiter zwar weniger, aber da die Preise der Güter des täglichen Bedarfs dann ebenfalls sinken, wird er nicht ärmer. Wenn aber der Produktivitätsfortschritt in anderen Branchen nicht stattgefunden hat, dann verschiebt sich die Relation der verschiedenen Arbeiten. Zu Deutsch: Wenn Bäckerwaren und Wurstwaren den gleichen Produktivitätsfortschritt haben, ist Bäcker zu Metzger vor und nach Produktivitätsforschritt konstant. Gibt es aber den Produktivitätsfortschritt nicht beim Schreiner, dann hat sich das Verhältnis Bäcker zu Schreiner verändert.

Zweitens:
(Das steht jetzt nicht explizit da.)
Da Arbeit letztlich immer mit dem Existenzminimum entlohnt wird, lässt sich Arbeit vergleichen. Ein Schreiner = Ein Bäcker = Ein Metzger. Die kriegen alle das Existenzminimum. Der Anteil der Arbeit an den Produkten ändert sich zwar, aber die Einheiten an sich sind gleich.
Implizit steckt aber noch eine dritte Aussage in dem Abschnitt. In seiner Welt spielt die Nachfrage keine Rolle, weil die Bevölkerungsentwicklung absolut jeden Output abnimmt und das sogar dann, wenn alle auf dem absoluten Existenzminimum verharren. Daraus schließt er dann, dass die Nachfrage keine Rolle bei der Preisbildung spielt. Entscheidend sind allein die Kosten, die wiederum vom Lohn abhängen, den man den Arbeitern für das Existenzminimum bezahlen muss.

Diese Theorie wäre leider auch dann falsch, wenn die Idee, dass die Nachfrage unendlich ist, zuträfe und der Lohn auf das Existenzminimum runterkonkurriert wird. Denn dann muss immer noch festgelegt werden, was, mit welcher Priorität produziert wird. Ricardo widerspricht sich. Das Kapital fließt zwar bei einer Produktivitätssteigerung in die dann rentableren Bereiche, aber nur, weil die Nachfrage die dann billigeren Produkte auch abnimmt.

It is the cost of production which must ultimately regulate the price of commodities, and not, as has been often said, the proportion between the supply and demand: the proportion between supply and demand may, indeed,for a time, affect the market value of a commodity, until it is supplied in greater or less abundance, according as the demand may have increased or diminished; but this effect will be only of temporary duration.

Es sind die Kosten der Produktion, die letzlich für die Preise der Waren bestimmend sind und nicht, wie oft behauptet, das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage: Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage mag vielleicht tatsächlich, für eine gewisse Zeit den Marktwert einer Ware bestimmen, solange sie in einer größeren oder kleineren Menge zur Verfügung steht, je nachdem ob die Nachfrage zu oder abgenommen hat; doch dieser Effekt wird nur vorübergehend eine Bedeutung haben.

aus: David Ricardo, On the Principles of Political Economy and Taxation, On the Influence of Demand and Supply on Prices

Das sieht er irgendwie verdreht. Wenn die Nachfrage zu einer Umschichtung des Kapitals führt, dann wird der Gleichgewichtspreis, der sich dann einstellt, wohl von der Nachfrage ausgegangen sein. Ändert sich die Nachfrage dann wieder, dann werden sich wieder neue Preise einstellen. Das heißt aber auch, dass der Gleichgewichstpreis sowohl vom Angebot wie auch von der Nachfrage bestimmt wird.

Vereinfacht ausgedrückt: Selbst wenn es stimmen würde, dass der Lohn sich nicht vom Existenzminimum lösen kann und Kapital in die rentableren Bereiche einströmt, bestimmt die Nachfrage immer noch, WAS überhaupt produziert wird.

Der Denkfehler schlägt dann bei Marx voll durch. Es ist bei Marx völlig egal, was eigentlich produziert wird, vorausgesetzt, es hat einen Gebrauchswert. Es gibt nichts mehr, was die Produktion steuert, weil eine Ware entweder einen Gebrauchswert hat oder eben nicht. Die verfügbare Menge spielt in dieser Logik überhaupt keine Rolle.

Mit höchst fatalen, konkreten Konsequenzen: Das totale Vorbeiproduzieren am Markt, wie es in der DDR stattfand, ist in der falschen Theorie begründet. Und auch das Folgende ist dann falsch.

In dem Moment, indem er zugesteht, dass "for a time" die Nachfrage den Marktpreis bestimmt, bis eben die Anpassungsprozesse stattgefunden haben, konzediert er, dass die Nachfrage die Produktion hinter sich herzieht. Dass anschließend die Preise wieder auf ihr Ursprungsniveau fallen, was unter seinen (falschen) Prämissen möglich ist, ist völlig unerheblich. In seinem kruden Modell, ein Lohn, eine Profitrate, hat die Nachfrage zwar keinen Einfluss auf den Preis, aber die Nachfrage entscheidet, was überhaupt produziert wird und wieviel.

Sein Hutbeispiel beweißt das genaue Gegenteil von dem, was er beweisen will. Gibt es keine Nachfrage mehr nach Hüten, dann werden schlicht keine mehr produziert und zwar völlig unabhängig von jedem Produktivitätsfortschritt bei den Hutmachern.

Diminish the cost of production of hats, and their price will ultimately fall to their new natural price, although the demand should be doubled, trebled, or quadrupled. Diminish the cost of subsistence of men, by diminishing the natural price of the food and clothing, by which life is sustained, and wages will ultimately fall, notwithstanding that the demand for labourers may very greatly increase. The opinion that the price of commodities depends solely on the proportion of supply to demand, or demand to supply, has become almost an axiom in political economy, and has been the source of much error in that science.

Verringern sich die Produktionskosten von Hüten, dann wird ihr Preis unweigerlich auf den natürlichen Preis fallen, auch wenn die Nachfrage sich verdoppelt, verdreifacht oder vervierfacht. Verringern sich die Lebenserhaltungskosten der Menschen durch eine Verminderung des natürlichen Preises für Nahrung und Kleidung, Grundlage des Lebens, werden die Löhne fallen, auch wenn die Nachfrage nach Arbeit in bedeutendem Umfang zunimmt. Die Ansicht, dass der Preis für Waren nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage oder Nachfrage und Angebot abhängt, ist in der Politischen Ökonomie schon fast zum Axiom geworden, und die Quelle vieler Fehler in dieser Wissenschaft .

aus: David Ricardo, On the Principles of Political Economy and Taxation, On the Influence of Demand and Supply on Prices

Das sieht der Autor natürlich anders. Die Verkennung der Bedeutung von Preisen, vor allem bei seinem Nachfolger Karl Marx, und die Verkennung der Tatsache, dass sich in den Preisen Präferenzen und Knappheitsituationen spiegeln, die beseitigt werden, weil sie erkannt wurden, hat nicht nur in der Wissenschaft zu Fehlern geführt, das wäre ziemlich egal, sondern ganze Volkswirtschaften in den Ruin getrieben. Ohne Nachfrage, die die Produktion steuert, navigieren die Unternehmer ziellos durch die Ozeane.

Wenn also David Ricardo angeführt wird als ein Befürworter der freien Marktwirtschaft, dann wurden einige fundamentale Mechanismen der freien Marktwirtschaft nicht verstanden. Ohne Preise, die Knappheitsverhältnisse anzeigen, sowohl auf der Produktions- wie auf der Konsumseite, gibt es keine Marktwirtschaft. Die Kosten allein können die Wirtschaft nicht steuern, weil deren Angemessenheit sich aus der Knappheit ergibt, die wiederum von der Nachfrage abhängt.

Das ist nicht abstrakt, sondern verdammt konkret. Es war in der DDR im Endstadium tatsächlich so, dass Brot an Schweine verfüttert wurde, weil Brot billiger war als Mais.

Er hat im Grunde die marktwirtschaftliche Ordnung als effizientestes System zur Informationsbeschaffung nicht verstanden. Der Schwerpunkt hat sich bei ihm im Vergleich zu Adam Smith vollkommen verlagert.

War Akkumulation bei Adam Smith ein Posten unter ferner liefen, wird es bei ihm zum zentralen Gesichtspunkt, unter dem er alles, wie wir noch sehen werden, betrachtet.

Der Angebotspreis ergibt sich aus Angebot UND Nachfrage. Können Hüte bedingt durch technischen Fortschritt billiger produziert werden, wird in der Tat, zumindest im theoretischen Idealfall und wenn es keine Patente etc. gibt, die Technik von anderen Anbietern übernommen.

Folglich wird sich der Preis für Hüte auf den "natürlichen" Preis, also ein Preis, der sich aus gleichgewichtigem Lohn / Profit / Rente (um in der Terminologie der Klassik zu bleiben) einpendeln, weil sich die Hutmacher runterkonkurrieren. Wenn aber der Absatz der Hüte nicht steigt, egal um wieviel diese billiger werden, dann werden auch nicht mehr Hüte produziert. Der gute Mann erzählt einfach einen totalen vollkommenen Mist.

Er hätte im übrigen auch ein anderes Beispiel nehmen können. Steigt die Nachfrage nach Hüten, wird der Preis steigen und da die Profitrate der Hutmacher dann über der gleichgewichtigen Profitrate ist, eine solche nimmt er an, wird Kapital in diesen Bereich fließen, davon geht er ebenfalls aus, bis eben der alte Gleichgewichtspreis wieder erreicht ist, aber bei einer höheren Menge. Folglich hat die Nachfrage die Allokation bestimmt.

Die Wahrheit ist aber, dass die Herstellungskosten eben nicht überall gleich sind, und dass der technische Fortschritt eben nicht immer kopiert werden kann. Tatsächlich kann eine vermehrte Nachfrage nach Hüten dauerhaft, oder zumindest über einen längeren Zeitraum, zu einem erhöhten Preis führen, weil unproduktivere Anbieter in den Markt eintreten. Die produktiveren Anbieter erhalten eine Rente.

Dass er seine Theorie der Bodenrente nicht auf alle Bereiche der Produktion ausdehnt, liegt daran, dass die Theorie ihm einen Tunneblick beschert hat. Er geht davon aus, dass Arbeit und Kapital vollkommen flexibel ist. Ein Blick aus dem Fenster hätte ihn gelehrt, dass dem nicht so ist und dass Unternehmen der gleichen Branche höchst unterschiedliche Gewinne einfahren.

Es passiert genau das, was er für die Bodenrente, zumindest im theoretischen Modell, korrekt beschreibt. Da er aber seine Knete an der Börse verdient hat und seitdem auf seinem Landgut lebte, hatte er keine Ahnung von Wirtschaft.

Dass es bei David Ricardo nur beim Boden zu einer Rente kommt, nicht aber bei der Produktion von Waren, liegt daran, dass er den Boden als unbeweglich ansieht, was er tatsächlich ist, bei den anderen Produktionsfaktoren, Arbeit und Kapital, aber von einer Mobilität ausgeht.

Alfred Marshall erkennt zutreffend, dass auch Arbeit und Kapital nicht, zumindest nicht kurzfristig, mobil ist, so dass es auch dort eine Rente gibt, die Produzentenrente eben, siehe langfristiges und kurzfristiges Gleichgewicht. Der Ökokaste wiederum ist nicht klar, dass die Frage, wie lange es dauert, bis die Produzentenrente weggeschmolzen ist, das eigentlich interessante Problem darstellt. Da sich dieses Problem aber nicht mathematisch modellieren lässt, wird es schlicht ignoriert. Die Ökokaste ist halt ein Haufen von Deppen.

Der Marktpreis wäre bestimmt durch den unproduktivsten Hutmacher, die produktiveren würden eine Rente erzielen. Unter seinen skurrilen Annahmen, müsste das Gesetz von Angebot und Nachfrage etwas modifiziert werden.

Vermindert sich der Preis für Produkte des täglichen Bedarfs, etwa der Nahrung, weil irgendjemand auf die Idee gekommen ist, den Boden tiefer zu pflügen, dann müssen die Arbeiter erstmal weniger Geld ausgeben für Nahrung. Der höhere Lebensstandard, das ist seine skurrile Idee, wird sich sofort in einer Zunahme der Bevölkerung niederschlagen und diese Zunahme wiederum wird den Lohn wieder auf das Existenzminimum drücken.

Aber auch hier gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage, wenn auch in einer modifizierten Form. Erstmal hat die, angenommene, Konkurrenz der Farmer aufgrund der verbesserten Technik die Nahrungsmittelpreise in den Keller geschickt. Dann hat die Zunahme der Bevölkerung die Preise wieder auf das alte Niveau steigen lassen. Der Preis ist der gleiche geblieben, die Menge hat sich aber aufgrund des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage erhöht, denn wäre die Bevölkerung nicht gewachsen, wäre die Nachfrage nicht erhöht worden.

Das ist perfekt mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage vereinbar, das sich in jedem Lehrbuch findet. Wir haben ein vollkommen elastisches Angebot, das heißt der Preis ist von der angebotenen Menge völlig unabhängig. Solche Situationen haben wir sogar manchmal ohne die von ihm gemachten skurrilen Annahmen, etwa bei Salz.

Würde sich die Nachfrage danach verdoppeln oder verzigfachen, etwa weil man im Winter wieder streut, ändert das am Preis für Speisesalz gar nichts. Der Markt ist so speziell, ewige Lagerung, geringe Transportkosten, geringe Herstellungskosten, dass es nur einen Anbieter gibt, der aber aufgrund der sehr geringen Einstiegsbarrieren, keinen Monopolpreis setzen kann.

Würde er seine skurrilen Annahmen aufgeben, gleiche Profitrate, gleiche Herstellungskosten, keine Transportkosten, Lohn auf dem Niveau der physischen Existenzsicherung, hätte er sowohl Mengen wie auch Preiseffekte. Unter seinen Annahmen hat er eben nur einen Mengeneffekt, aber selbst dann ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage gültig.

Mit der Annahme der gleichen Profitrate und den gleichen Herstellungskosten, wird natürlich der Bedarf an einem System, dass Informationen effizient verarbeitet, geringer, weil ein Großteil der Problematik ja qua Definition aus dem Modell hinausexpediert wurde. Der Weg ist frei für Karl Marx und die Planwirtschaft. Der Abschied vom Markt beginnt mit David Ricardo, wobei wir aber ähnliche Fehler auch in der Neoklassik haben. (Wir nehmen, wenn wir von Neoklassik sprechen, Alfred Marshall aus. Man kann Alfred Marshall, der Intellektuelle unter den Ökonomen, nicht auf eine Stufe mit Spinnern wie Vilfredo Pareto setzen.)

Bei Ricardo wird irgendwas produziert und irgendwie so, dass die Profitrate, die Löhne und die Bodenrenten, die im Preis stecken, in jeder Verwendung gleich hoch sind. Also egal was produziert wird, es gibt immer gleich viel Lohn, Profit und Rente. Was allerdings produziert wird, ist bei Ricardo völlig egal, bzw. er geht davon aus, dass es egal ist. Tatsächlich richtet sich auch die ricardianische Produktion nach der Nachfrage.

Beschäftigen sich die Kapitalisten nur damit Bretter sägen zu lassen, dann wird bei Ricardo sie niemand dazu bringen, auch mal ein paar Hosen zu nähen, denn die Nachfrage spielt Null Rolle, da sind die eisenhart, die Kapitalisten. Selbst wenn sie soviele Bretter haben, dass sie einen Steg in die USA legen können, produzieren sie weiter Bretter, auch wenn die kein Mensch mehr haben will und die Leute nackt über den Ozean laufen.

Also das Malheur mit der Planwirtschaft hat schon bei David Ricardo eingesetzt, den Marx hätte man glatt überspringen können.

Unter seinen Bedingungen kommt er auch zu einer ganz neuen Interpretation des Sayschen Gesetzes. Aus jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage, wird jede Produktion kann auch abgesetzt werden, weil jede Ausdehnung der Produktion sofort von einer Zunahme der Bevölkerung aufgefressen wird. Das Problem ist, das ändert nix an der Tatsache, dass die Nachfrage die Produktion hinter sich herzieht.

In sehr langen Zeiträumen bestimmen in der Tat allein die Produktionskosten den Preis. Um aber diesen theoretischen Endzustand, de facto tritt er nie ein, es wird immer Veränderungen geben, zu erreichen, braucht man Preise, die für eine optimale Allokation sorgen. Der Endzustand, den Ricardo im Blick hat, ist in etwa so fern wie das Jüngste Gericht. Am Tag des jüngsten Gerichts werden wir eine Situation haben, bei der sich die Produktion optimal an die Nachfrage angepasst hat. Dann wird in der Tat die Nachfrage keine Rolle mehr spielen und zwar aus dem schlichten Grund, weil sie dann eine Konstante ist.

Das Grundproblem bei Ricardo und Marx besteht darin, dass sie von Wirtschaft keine Ahnung haben.

Der eine hat sein Geld an der Börse verdient, wo ganz offensichtlich bis zum heutigen Tag das Personal von der Realwirtschaft wenig Ahnung hat, und der andere hat sich von Engels ernähren lassen.

Das Problem ist auch schon Keynes aufgefallen. Da Aktien homogene Güter sind, egal ob von einem Unternehmen der Lebensmittelindustrie oder von einem Unternehmen der Automobilindustrie, haben Finanzjongleure den Eindruck, dass auch die Realwirtschaft ein nur wenig komplexes Phänomen ist, es praktisch nur ein Gut gibt. Erst wenn die Realwirtschaft wieder durchschlägt, das passiert alle paar Jahre, fällt es auf, dass die Wirtschaft von einer schwer durchschaubaren Dynamik geprägt wird.

Hätten sie mal irgendwann gearbeitet, dann wüssten sie, dass der Unternehmer letztlich alle Informationen aus Preisen bezieht, er aber letztlich allerhöchstens und im besten Fall über die Technologien in seiner Branche, die "Profitraten" in seiner Branche, Änderungen in der Nachfrage in seiner Branche, etc. informiert ist.

Wohlgemerkt: Bestenfalls. Meistens hat er aber auch hier nur höchst partielle Informationen. Es gibt keine gesamtwirtschaftliche "Profitrate" und auch keine gesamtwirtschaflich identischen Herstellungskosten. Wer will kann hierin einen Fortschritt der Neoklassik erkennen. Denen ist immerhin mal aufgefallen, dass die Herstellungskosten eben nicht in allen Unternehmen gleich sind, weswegen es ja auch Renten, Produzentenrenten, gibt.

(Wobei wir in der Neoklassik, zumindest in der simplen Form, die wir in Lehrbüchern finden, wieder ein anderes Problem haben. Sie hypostasiert vollkommene Information. Dann müssten aber alle Unternehmen auf demselben technologischen Stand sein, was wiederum bedeuten würde, dass es keine Unterschiede, zumindest nicht langfristig, in den Produktionskosten geben dürfte und damit auch keine Renten.)

Allein der Börsenhändler, der mit Aktien spekuliert, ist über alle Branchen informiert, weil die Aktien aller Branchen gleich sind. Für welche Art von Unternehmen eine Aktie einen Anteil verbrieft, ist für den Aktienhändler völlig irrelevant.

Wer sich einbildet, dass die Banken hier für Transparenz sorgen, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. In der Welt des David Ricardo und des Karl Marx, und auch in der Welt der Neoklassik, braucht man auch kein venture capital. Wenn alles bekannt ist und man nur das Kapital dahin schieben muss, wo es die größten Profite abwirft, wobei unklar ist, wie sich ohne Nachfrage unterschiedliche Profitraten überhaupt ergeben sollen, dann gibt es auch kein Risiko.

Es ist auffallend, dass in dem Maße, in dem die mathematische Modellierung zunimmt, vom Faktor Risiko abstrahiert wird. Bei Adam Smith und Jean Baptiste Say, zwei Autoren ohne jede Modellierung, finden wir oft Bemerkungen zum Risiko. Bei David Ricardo, der eher modellhaft denkt und schon zur Neoklassik überleitet, finden wir das Risiko dann nicht mehr. Es bestätigt sich immer wieder die gleiche Regel. Ökonomen neigen dazu, all das, was nicht mathematisch modellierbar ist, schlicht zu ignorieren. Die Methode bestimmt, was überhaupt in den Fokus der Betrachtung gelangt.

Bei Abwesenheit von Risiko, kann man in der Tat die Verfügungsgewalt über Ressourcen auch Beamten überlassen. Das sorgfältige Abwägen von Entscheidungen, der Versuch, eine Entscheidung wie auch immer durch Informationen zu fundieren, ein Vorgang, der ernster genommen wird, wenn der Investor persönlich haftet, entfällt. Zu Deutsch: Man braucht bei Ricardo und der Neoklassik keinen Unternehmer und tatsächlich spielt er in deren Theoriegebäude auch keine Rolle. Er existiert schlicht nicht.

Der wesentliche Unterschied zwischen der Klassik und der Neoklassik ist nicht die Marginaltheorie. Der natürliche Preis von Adam Smith beinhaltet schon eine Marginalbetrachtung und die Rente von David Ricardo ist eine Marginalbetrachtung. Der Unterschied ist die Idee, dass die Akkumulation des Kapitals einen bestimmten Verlauf der Geschichte erzwingt.

Die Idee vom Ausgleich der Grenzleistungsfähigkeit der Produktionsfaktoren steckt schon in der Idee, dass es für selbige einen "natürlichen" Preis gibt.

Der Unterschied zwischen der Klassik und der Neoklassik besteht darin, dass das Kapital in der Klassik akkumuliert wird und die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt. Die Neoklassik besteht im Grunde aus nichts anderem, als der Analyse von Gleichgewichten auf unterschiedliche Art und Weisen. Ist das Gleichgewicht aber mal erreicht, verharrt es da, zumindest erklärt die Klassik nicht, was das Gleichgewicht verändern könnte. Da wo es interessant wird, haben wir nur noch "externe Faktoren".

Allerdings ist der Begriff Klassik so nichtssagend wie der Begriff Neoklassik. Zwischen Adam Smith und Jean Baptiste Say auf der einen Seite und David Ricardo auf der anderen Seite liegen Welten. Zwischen Alfred Marshall auf der einen Seite und Léon Walras, Vilfred Pareto und Carl Menger auf der anderen Seite gibt es eigentlich kaum Gemeinsamkeiten. Ersterer ist ein abwägender Intellektueller, letztere eine Horde von Spinnern.

Die Neoklassik beschreibt mit unterschiedlichen Modellen Marktgleichgewichte. Bei Alfred Marshall ist es das Kreuz aus Angebot und Nachfrage, bei Vilfredo Pareto ist das Marktgleichgewicht dann erreicht, wenn kein Tausch mehr möglich ist, bei dem sich nicht alle Tauschpartner besser, zumindest aber keiner schlechter stellt und bei Léon Walras haben wir ein totales Marktgleichgewicht, bei dem alle Überschüsse und Mängel über die Preise, nicht über die Menge, ausgeglichen wurden. Alle drei Modelle sind jedoch statisch.

Die Idee, dass Kapital akkumuliert wird, finden wir bei Adam Smith sporadisch, bei Ricardo und Karl Marx wird es dann zur zentralen Idee. Charakteristisch ist aber die Art der Modellierung, die davon ausgeht, dass sich die Wirtschaft mit Gesetzen beschreiben lässt, die ähnlich universal und stabil sind wie physikalische Gesetze.

Diese Konzeption ist letztlich mit der marktwirtschaftlichen Ordnung nicht vereinbar. Zur marktwirtschaftlichen Ordnung gehört Risiko und Unsicherheit, Prognosen über eine bestimmte gesetzesmäßige Entwicklung der Weltgeschichte, sind somit nicht möglich.

Die Annahme, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung durch Modelle vorhersagen lässt, verneint geradezu den Kern der marktwirtschaftlichen Ordnung als ein System, das durch trial and error charakterisiert ist und dessen Stärke darin besteht, mit Unsicherheit am besten fertig zu werden.

Das Problem wird uns später, bei Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, nochmal beschäftigen. Allerdings verstrickt sich Popper in einen Widerspruch. Hypostasiert er, dass die Methoden der Naturwissenschaften, insbesondere der Physik, auf die Sozialwissenschaften übertragbar sind, dann hypostasiert er die Möglichkeit einer exakten Beschreibung und Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung. Auch seine Gesellschaft ist dann nicht mehr allzu offen. Anders formuliert: Der Unterschied zwischen Historizismus und Modellierung existiert, im Kontext einer Sozialwissenschaft, nicht. Er hätte Léon Walras zu den Feinden der offenen Gesellschaft hinzufügen können.

Aussagen über eine gesellschaftliche Entwicklung sind nur möglich, wenn man bestimmte Gesetzesmäßigkeiten animmt, die es aber de facto nicht gibt. Um dies zu erkennen, müssen wir uns im Übrigen auch nicht im Jahre 2012 befinden, wo wir dann definitiv sehen, dass alle Prognosen von Ricardo, Marx und Co völliger Unsinn waren. Man hätte das schon erkennen können, wenn man akzeptiert hätte, dass Kapital nicht nur akkumuliert wird, sondern auch mit jeder Firmenpleite vernichtet wird.

Skurril ist, es gibt ja unendlich viele Skurrilitäten in der Volkswirtschaftslehre, dass man Keynes beharrlich vorwirft, der Allokation, also der Steuerung der Wirtschaft über Preise, zuwenig Bedeutung beigemessen zu haben. David Ricardo allerdings gilt irgendwie als einer der "Erfinder der Marktwirtschaft". Im Vergleich zu Ricardo allerdings ist Keynes ein ganz strammer Marktwirtschaftler. Unsicherheit, das zentrale Problem marktwirtschaftlicher Ordnungen und das Problem, mit dem sie besser fertig wird als jedes andere System, wird bei ihm zum zentralen Thema.

Es geht einer Gesellschaft besser, wenn nicht einfach jeder jeden Schwachsinn, den er irgendwo aufgeschnappt hat, hirntot nachplappert. Ab und an mal das Hirn einschalten, stärkt Seele, Geist und Körper. Ganz ernsthaft. Von der Methodik her sind David Ricardo und die Neoklassik beinharte Kommunisten.

nach oben ...

Infos und Anmerkungen:

ES        DE

David Ricardo: Beginn des Abschieds von der Marktwirtschaft

Selbst unter den Annahmen Ricardos, die ja dazu führen, dass jede Nachfrage auch abgenommen wird, zieht die Nachfrage die Produktion hinter sich her.
Die Aussage, dass Preise allein von der Angebotsseite her bestimmt werden, ist also falsch.

Auch wenn der Preis der Waren langfristig dem "natürlichen" Preis der Produktionfaktoren entspricht, hat die Nachfrage gezogen.

Er unterscheidet nicht zwischen der kurzfristigen, mittleren und der langfristigen Sicht. Ein ähnliches Problem wird uns später wieder bei Pareto und Walras begegnen. Diese beschreiben reine TAUSCHMÄRKTE.

Kurzfristig heißt, dass wir einen reinen Tauschmarkt betrachten, bei dem Güter nur getauscht, aber nicht produziert werden. Mittelfristig heißt, dass wir einen Markt betrachten, bei dem sich die Produktions-struktur nicht ändert. Langfristig heißt, dass sich diese ändern.

Léon Walras ist eine Betrachtung auf sehr kurze Frist. Es kann nur eine Preisanpassung geben, weil die Menge fix ist.

Alfred Marshall beschreibt einen Markt auf mittlere Frist. Die Produktions-struktur liegt fest und die Optimierung wird aufgrund von Deckungsbeiträgen vorgenommen.

Langfristig heißt, dass sich die Produktionsstruktur ändert. Langfristig sinken die Preise im Verhältnis zum Haushaltseinkommen.

infos24 GmbH