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4.2 Ist Volkswirtschaft lustig? Antwort: Yep

Von allen Wissenschaften, die an einer Uni so betrieben werden, ist Volkswirtschaftlehre, und das ist erstaunlich, eine der allerneuesten. Noch neuer ist eigentlich nur Politologie.

Die Mathematik gibt es schon bei den alten Griechen, wie auch die Medizin, die Physik hat sich im 16 Jahrhundert mit Galilei zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelt, die Chemie entstand aus der Alchemie, die Astronomie aus der Astrologie.

Geschichtsschreiber gibt es schon seit Herodot und Überlegungen zur Linguistik schon bei Aristoteles und Dante hat sogar schon festgestellt, dass es unterschiedliche Sprachen gibt, also nicht nur Latein.

Im Prinzip hätte es tonnenweise Fragen gegeben, die die Leute hätten dazu bringen müssen, über volkswirtschaftliche Fragen nachzudenken. Vermutlich ist es auch schon die Zeitgenossen des Mittelalters aufgefallen, dass Tuch relativ teuer ist, wenn die Anzahl der Tuchmacher künstlich verknappt wird.

Auch ohne die Theorie der komparativen Kosten hätte man eigentlich auf die Idee kommen müssen, zumindest den Schmugglern erschloss sich das ja ohne weiteres, dass der internationale Handel auch Vorteile bringt. Wenn im dreißigjährigen Krieg der Goldanteil der Münzen kontinuierlich sank, dann hätte das irgendjemand doch mal zu einer Reflexion über den Charakter des Geldes veranlassen müssen.

Hier kam es also innerhalb der letzten 200 Jahren ganz unzweifelhaft zu einem Fortschritt. Beschäftigten sich bis ins 17 Jahrhundert, eigentlich bis zur französischen Aufklärung, die Menschen noch vordringlich mit so unglaublich spannenden Fragen wie der, ob die Dreifaltigkeit ein Wesen ist oder drei (Gott, der Junior und der Heilige Geist) und bauten Kirchen bis zum Abwinken, so rückte im 18 Jahrhundert zunehmend die eigentlichen Problem in den Fokus, wobei man sich allerdings manchmal fragen kann, ob über das Ziel nicht hinausgeschossen wurde.

Die Genesis des Faches ist der Horror der Nationalökonomen. Ausgerechnet das Fach, dem ihr ganzer Spott gilt, stand am Anfang. Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, war studierter Philosoph. Ein bisschen besser sind da schon die anderen Eckpfeiler der klassischen Nationalökonomie. David Ricardo hat sich immerhin mit Mathematik und Naturwissenschaften beschäftigt, was immer das auch heißen mag. Jean Baptiste Say hat zwar nicht studiert, aber immerhin eine kaufmännische Ausbildung.

Auch die zweite Generation der Ökonomen Gilde, die Neoklassik, bis auf den heutigen Tag das Fundament der Mikroökonomie, aus dieser Zeit stammt die Idee des vollkommenen Marktes und des homo oeconomicus, Überlegungen zur optimalen Allokation, Bedeutung der Informationsverarbeitung durch den Markt und Verteilung durch Macht (Monopol / Polypool), war nicht richtig koscher.

(Nimmt man es ganz genau, steht das alles schon in Wealth of Nations bei Adam Smith. Nur die Modelle, mit denen diese Konzepte illustriert werden und die wir heute in jedem Lehrbuch zur Mikroökonomie finden, stammen aus der Neoklassik.)

Léon Walras schrieb doch allen ernstes einen ROMAN. Das ist für einen verbeamteten Nationalökonomen so verwerflich wie für den Papst Homosexualität, wenn nicht noch schlimmer.

Die schärfsten Vertreter der mathematischen Modellierung sind Léon Walras und Vilfredo Pareto, beides Ingenieure. Die ökonomisch eigentlich viel bedeutenderen Autoren der Cambridger Grenznutzenschule, also Alfred Marshall, haben diesbezüglich, wie wir noch sehen werden, weit differenziertere Ansichten.

Lehrbücher der heutigen theoretischen VWL ähneln in ihrem Aufbau eher Lehrbücher in Fächern in Physik und die Physik wird von Léon Walras auch als methodologisches Paradigma genannt. Sie stellen Lehrgebäude als graphische Modelle dar und versuchen sich an einer mathematischen Modellierung. Dieses Vorgehen präjudiziert allerdings auch den Inhalt. Dargestellt wird lediglich das Modell unter Abstraktion der Bedingung seiner Enstehung. Soll heißen: Die Größen, die in das Modell eingehen, sind selber Effekte, aber nicht Ursachen.

Der vollkommene Markt zum Beispiel, Bedingung für die optimale Faktorallokation, ist kein Modell, dass man aus der "Anschauung" gewinnt, denn jeder weiß, dass Güter unterschiedliche Preise haben, dass Unternehmen, auch innerhalb vergleichbarer Volkswirtschaften, unterschiedliche Kostenstrukturen haben und diese auch durch Unwissenheit erklärt werden können. Wenn unterschiedliche Kostenverläufe durch unterschiedliches Know How bedingt sind, was wohl der Fall ein dürfte, dann ist vollkommene Transparenz, alle haben das gleiche Know How, und ein steigender Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Grenzkostenkurve ein Widerspruch in sich.

Anders formuliert: Der Verlauf der Grenzkostenkurve, die ja bekanntlich die Angebotskurve ist, ist abhängig vom know how. Dieses ist aber gar nicht Bestandteil des Modells. Die ceteris paribus Klausel ist dann wenig hilfreich, wenn das zu Erklärende genau das ist, was als unveränderlich angenommen wird.


Der Schwerpunkt der Neoklassik ist die Untersuchung von Marktgleichgewichten, die von Alfred Marshall, Léon Walras und Vilfredo Pareto unterschiedlich beschrieben werden und die mit unterschiedlichen Argumenten als wohlfahrtsoptimierend dargestellt werden. Alfred Marshall argumentiert mit der Produzenten-, Konsumentenrente, die im Gleichgewicht optimal ist. Vilfredo Pareto führt an, dass im Gleichgewicht kein Partner durch eine weiteren Tausch seine Situation verbessern kann. Bei León Walras ist das Gleichgewicht dann erreicht, wenn die Märkte geräumt sind.

Da von strukturellen Problemen abgesehen wird, laufen alle drei Versionen ins Leere, da der Faktor Zeit ignoriert wird. Die Produzentenrente zum Beispiel ist letztlich ein sinnloser Begriff, wenn keine Aussage darüber gemacht werden kann, wie lange sie besteht. Definiert ist sie über die produzierte und abgesetzte Menge in einem unbestimmten Zeitraum.

Um es mal plastischer zu machen: Solange apple der einzige Produzent von Smartphones ist, hat er eine Produzentenrente. Entscheidend ist, wie lange google, microsoft, samsung, htc etc. brauchen, um auf demselben technologischen Stand zu sein. Wir sehen ohne weiteres ein, dass es einen Unterschied macht, ob diese Aufholjagd sechs Monate oder sechs Jahre dauert.

Strukturelle Probleme, die schwer mathematisch modellierbar sind, werden schlicht ignoriert. Wären die strukturellen Probleme vernachlässigbar, wäre die Wirtschaft planbar, wir bräuchten keine marktwirtschaftliche Ordnung. In einer Welt ohne strukturelle Probleme, wo sich also die Menge mühelos an die Preis anpasst, wäre im übrigen auch der Lebensstandard überall gleich. Die Produktionsfaktoren wären so etwas Ähnliches wie das Wasser auf den Weltmeeren, die ja bekanntlich überall die gleiche Höhe erreichen.

Wir werden auf solche Zusammenhäng noch x Mal zurückkommen. Das Modell de vollkommenen Marktes wird insbesondere von Schumpeter radikal in Frage gestellt, siehe statische Wirtschaft.

Hinsichtlich des Arbeitsmarktes sind die Annahmen der Neoklassik im übrigen richtig, aber trivial, da über die absolute Höhe des Lohneinkommens nichts gesagt wird. Der Gleigewichtslohn kann auch so niedrig sein, dass man sich mit dem Angebotsüberschuss an Arbeit gar nicht mehr beschäftigen braucht, der verhungert nämlich unter Umständen einfach, was das Angebot an Arbeitskräften dann drastisch reduziert. Da Tote keine Arbeit suchen, ist der Arbeitsmarkt dann ausgeglichen. Mit einem Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt verträgt sich auch die Theorie Ricardos, siehe David Ricardo.

Walras führt gegen die industrielle Reservarmee von Karl Marx die effiziente Faktorallokation ins Feld, womit er Recht hat, ohne aber die Unmöglichkeit der Existenz einer industriellen Reservarmee tatsächlich zu beweisen. Er suggeriert, dass der Gleichgewichtslohn über dem Existenzminimum liegt, es also seitens der Arbeitnehmer eine Wahlmöglichkeit gibt zwischen Freizeit und Arbeit. Tatsächlich gab es diese aber in der Frühzeit des Kapitalismus nicht. Walras geht von einer Welt aus, in der die Arbeitnehmer Handlungsoptionen haben, weil Arbeit knapp ist, bzw. die Arbeitgeber einen höheren Lohn als das Existenzminimum bezahlen müssen, weil sie sonst keine Arbeiter mehr bekommen. Das stimmt dann nicht, wenn die Nachfrage beschränkt ist und die zur Befriedigung dieser festen Nachfrage angebotene Arbeitsmenge so groß ist, dass der Lohn auf das Existenzminimum sinkt.

Der langen Rede kurzer Sinn. Die Volkswirtschaftslehre erreicht mit einem maximalen Aufwand an Modellierung einen minimalen Erkenntnisfortschritt, weil die Modelle von den entscheidenden und eigentlichen Problemen abstrahieren.

Lässt man das mit der Modellierung, ist es einfach verständlich und unterhaltsam.



Infos und Anmerkungen:

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Da es bei der Volkswirtschaft im Grunde um sehr konkrete Sachverhalte geht, ist es eine packende Darstellung leichter als in anderen Wissenschaften, der Unterhaltungsfaktor höher.

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