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Das Prinzip Hoffnung

Das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch bringt es, in drei Bänden, auf 1600 Seiten. Erschienen ist es zwischen 1955 und 1957. Der Autor stellt jetzt mal eine These auf. Die These ist, dass man sich in jede x beliebige Stelle von "Das Prinzip Hoffnung" relativ leicht einlesen kann, wenn man den grundsätzlichen Ansatz versteht.

Der grundsätzliche Ansatz ist die Bestimmung der Frontlinie, an der sich der utopische Horizont öffnet, nämlich die Dynamik, die sich ergibt aus dem individuellen Bewußtsein, das im historischen Stadium partiell sein Korrespondierendes gefunden hat, sich seiner also bewußt geworden ist und partiell noch im Dunkeln liegt, also noch der erhellenden Zukunft harrt; der gesellschaftlichen Entwicklung, die von dem individuellen Bewußtsein so getrieben wird, wie es dieses rückwirkend anstrahlt; von der technischen / organisatorischen / gesellschaftlichen Entwicklung, die das Bewußtsein prägt und ausleuchtet und selber durch das Bewußtsein gesteuert wird, wenn auch vermittelt über die Gesellschaft, die durch die technisch / organisatorische / gesellschaftliche Entwicklung geprägt wird. An der dynamischen Front der Interdependenzen, ist das Nicht als unter Umständen noch nicht einmal Gedachtes und das Noch-Nicht, also das Noch-Nicht-Mögliche, wie auch das Noch-Nicht, das im Begriff des Werdens ist. An der Front sind die abgebrochenen historischen Tendenzen, die als Noch-Nicht-Gewordenes aber Bekanntes, bald Gewordenes sein werden, so die objektiven Bedingungen vorliegen.

Zu Deutsch: Wir kennen uns selber nicht und da wir alle zusammen die Summe der Gesellschaft sind, kennen wir auch die Gesellschaft nicht und da wir auch nicht wissen, welche technischen Innovationen die Zukunft uns noch bescheren wird und wie diese auf die Gesellschaft zurückstrahlen werden und damit auch den Möglichkeitsraum der Individuen erweitern, wissen wir eigentlich gar nichts. Wir wissen nur, dass hinter allem die Hoffnung steht, die die Front immer weiter in das Land Utopia verschiebt, dessen Horizont sich aber in dem Maße nach hinten verschiebt, wie die Front nach vorne verschoben wird.

Das ist die brutalst mögliche Absage an jeden Glauben an Stabilitäten und irgendwelche End- oder Urzustände zu denen man hin- oder zurückfahren soll. Der Denkansatz ist für alle radikal. Radikal war das in der DDR, da galt das als Blasphemie, weil die sozialistische Gesellschaft zum belanglosen Etappenziel degradiert wird. Bloch wurde 1957 seines Lehrstuhles in Leipzig enthoben, einige seiner Schüler und Mitarbeiter ins Gefängnis gesperrt, siehe Hausverbot für Bloch, Zuchthaus für Zehm und Repression und Enstalinisierungsversuche 53 - 61.

Die 1600 Seiten kreisen also immer, aus unterschiedlichein Blickwinkeln, um die Frage, wie das unbewohnte Land Zukunft bevölkert und ausgestattet wird. Wer jetzt ein bisschen nachdenkt, wir gehen das später nochmal anhand Goethes Faust durch, der wird schnell zu der Erkenntnis kommen, dass man darüber durchaus mal 1600 Seiten schreiben kann. Würde man es konkreter fassen, experimenteller, sich also zum Beispiel die Frage stellen, warum Menschen an Traditionen so lange festhalten, selbst wenn diese nur noch Mief und Enge sind oder warum Menschen so leicht auf Stereotypen zurückgreifen und sich so schwer tun, Dinge als dynamisch sich entwickelnd zu begreifen oder warum Einstellungen manchmal innovativen Technologien hinterherhinken, dann kann man wahrscheinlich eine 16000 seitige Enzyklopädie darüber schreiben.

Schauen wir uns das mal bei Bloch im Orginal an, die Nummern hat der Autor eingefügt. Wir gehen das dann mal Satz für Satz durch. Die Sprache ist sozusagen etwas hegelianisch, was marketingtechnisch eher ungünstig ist. Anschließend gehen wir noch einen zweiten Weg, um uns klar zu machen, auf was Bloch hinauswill. Der zweite Weg ist einfacher, weil er konkret empirisch aufgeladen ist. Was Bloch sagen will, lässt sich auch an Goethes Faust zeigen, auf den Bloch immer wieder rekurriert. Der Faust ist auch witziger, authentischer, realitätsnäher.

(1) Was an sich und unmittelbar als Jetzt vor sich geht, ist so noch leer. (2) Das Daß [mit Daß meint er das, was den Weltprozess in Gang setzt], im Jetzt ist hohl, ist nur erst unbestimmt, als ein gärend Nicht. (3) Als das Nicht, womit alles ansetzt und beginnt, um das jedes Etwas noch gebaut ist. (4) Das Nicht ist nicht da, aber indem es derart das Nicht eines Da ist, ist es nicht einfach Nicht, sondern zugleich das Nicht-Da. (5) Als solches hält es das Nicht bei sich nicht aus, ist vielmehr aufs Da eines Etwas treibend bezogen. (6) Das Nicht ist Mangel an Etwas und ebenso Flucht aus diesem Mangel; so ist es Treiben nach dem was ihm fehlt. (7) Mit Nicht wird also das Treiben in den Lebewesen abgebildet: Als Trieb, Bedürfnis, Streben und primär als Hunger. (8) In diesem aber meldet sich das Nicht eines Da als ein Nicht-Haben, und zwar durchaus als ein Nicht, nicht als ein Nichts. (9) Weil das Nicht Anfang zu jeder Bewegung nach Etwas ist, so ist es ebendrum keineswegs ein Nichts. (10) Vielmehr: Nicht und Nichts müssen zunächst soweit voneinander gehalten werden wie möglich; das ganze Abenteuer der Bestimmung liegt in ihnen. (11) Das Nicht liegt im Ursprung als das noch Leere, Unbestimmte, Unentschiedene, als Start zum Anfang; das Nichts dagegen ist ein Bestimmtes. (12) Es setzt Bemühungen voraus, lang ausgebrochenen Prozess, der schließlich vereitelt wird; (13) und der Akt des Nichts ist nicht wie der des Nicht ein Treiben, sondern eine Vernichtung. (14) Auf das Nicht bezieht sich das Dunkel des gelebten Augenblicks. (15) Auf das Nichts erst das negative Staunen, genau wie das positive sich auf das Alles bezieht. (16) Das Nicht ist freilich Leere, aber zugleich der Trieb, aus ihr herauszubrechen; im Hunger, in der Entbehrung vermittelt sich die Leere gerade als horror vacui, gerade also Abscheu des Nicht vor dem Nichts. (17) Und auch an diesem Punkt, besonders an diesem, zeigt sich, dass kategoriale Grundbegriffe (Gründlichkeiten) einzig durch die Affektlehre hindurch zugänglich gemacht werden. (18) Denn nur die Affekte, nicht die Affektlosen, vielmehr affektlos gemachten Gedanken reichen so tief in die ontische Wurzel, dass an sich so abstrakt scheinende Begriffe wie Nicht, Nichts, Alles samt ihren Unterscheidungen mit Hunger, Verzweiflung (Vernichtung), Zuversicht ( Rettung) synonym werden. (19) Diese Begriffe erhellen so die Grundaffekte, wie die Grundaffekte die ontologischen Grundbegriffe indem sie ihnen den intensiven Stoff kenntlich machen, dem sie entspringen, durch den sie brennen, und den sie erhellen. (20) Ontologische Grundbegriffe: Hier werden also das Nicht, das Noch-Nicht, das Nichts oder aber das Alles als diejenigen ausgezeichnet, welche in abgekürzester Terminologie den intensiv sich bewegenden Weltstoff in seinen drei Hauptmomenten kenntlich machen. (21) Darum bezeichnen diese scharf-gedrängten Grundbegriffe Realkategorien nämlich Gebietskategorien der Realität durchaus; denn ihre konzise Ontologie bildet den objektiven Affektgehalt, also Intensitätsgehalt in den drei Hauptmomenten der Prozessmaterie aufs angenähertste ab.(22) Dergestalt aber, dass das Nicht wie es sich nicht bei sich aushält, denn intensiven schließlich interessenhaften Ursprung (das Daßhaft-Realisierende) von allen charakterisiert. (23) Das Noch-Nicht charakterisiert die Tendenz im materiellen Prozess als des sich herausprozessierenden, zur Manifestierung seines Inhalts tendierenden Ursprungs. (24) Das Nichts oder aber das Alles charakterisiert die Latenz in dieser Tendenz als zu uns negative oder positive, vorzüglich am vordersten Frontfeld des materiellen Prozesses.

aus: Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Band I, Frankfurt am Main, 1959, Seite 356

Gehen wir das mal durch.

(1) Was an sich und unmittelbar als Jetzt vor sich geht, ist so noch leer: Das ist natürlich Hegel, auch wenn Bloch dessen Begrifflichkeiten im Grunde vollkommen umdeutet. Bei Hegel bilden sich Qualitäten, also die Ausfächerungen des Weltgeistest vermittelt durch die Geschichte. Qualitäten sind also vermittelt und unvermittelt gibt es nichts. Was also "an sich", also noch unbewußt im Bewußtsein der Menschen, vor sich geht, ist leer, hat also keine Qualität im Sinne von Eigenschaft. Es gibt also keine Qualitäten ohne Prozess.

(2) Das Daß im Jetzt ist hohl, ist nur erst unbestimmt, als ein gärend Nicht: Soll heißen, eine Aussage, die man mehr psychologisch fundieren müsste, dass im Jetzt des gelebten Augenblicks nur ein unbestimmter Mangel gespürt wird, also nicht mal unbedingt konkret der Mangel an irgendwas Konkretem, sondern lediglich ein allgemein "gefühlter" Mangel. Aber konkret oder nicht konkret, gefühlt wird der Mangel lediglich als Nicht. Klingt abstrakt, dürfte aber wohl zutreffend. Würde kein Mangel gespürt, gäbe es auch keinen Prozess.

(3) Als das Nicht, womit alles ansetzt und beginnt, um das jedes Etwas noch gebaut ist: Um das entweder bestimmte oder unbestimmte Nicht wickelt sich dann das Etwas, das heißt eine Vorstellung oder sogar die Umsetzung einer Vorstellung, wie dieses Nicht, also das Gefühl eines Mangels, beseitigt werden könnte.

(4) Das Nicht ist nicht da, aber indem es derart das Nicht eines Da ist, ist es nicht einfach Nicht, sondern zugleich das Nicht-Da: Hier beginnt jetzt die Gegenposition zu Hegel. Bei Hegel gibt es nur ein Nichts, das heißt ein umittelbares Sein, bei dem der Weltgeist noch ganz ein "an-sich" ist, sich seiner selbst also noch nicht bewusst ist und dieses unmittelbare sein, ist das Nichts. Was er aber sein wird, liegt schon am Anfang fest. Der Weltgeist erkennt sich im Prozess. Das heißt aber umgekehrt, dass das, was er eigentlich ist, bereits vorliegt. Das blochsche Nicht ist aber der Mangel an etwas, das heißt es fehlt etwas, es ist nicht da, wobei mit "da" Bloch die real existierende Welt meint und nicht, wie Hegel, das Bewußtsein, welches dieses kontemplativ betrachtet.

(5) Als solches hält es das Nicht bei sich nicht aus, ist vielmehr aufs Da eines Etwas treibend bezogen: Der Mangel soll also beseitigt werden. Es ist also der Mangel, der Etwas hervorbringt.

(6) Das Nicht ist Mangel an Etwas und ebenso Flucht aus diesem Mangel; so ist es Treiben nach dem was ihm fehlt: Was den Hegelschen Weltgeist veranlasst, die reine Unmittelbarkeit, wo er schlicht Nichts ist, zu verlassen und die Weltgeschichte in Gang zu setzen ist weitgehend unklar. Bei Bloch auf jeden Fall treibt das Nicht die Weltgeschichte.

(7) Mit Nicht wird also das Treiben in den Lebewesen abgebildet: Als Trieb, Bedürfnis, Streben und primär als Hunger: Dem abstrakten Nicht entspricht also etwas sehr viel Konkreteres. Hegel wird also hier geerdet.

(8) In diesem aber meldet sich das Nicht eines Da als ein Nicht-Haben, und zwar durchaus als ein Nicht, nicht als ein Nichts: Das geht wieder gegen Hegel. Das Nicht treibt die Weltgeschichte, nicht das Nichts. Das Nicht ist mit der realen Welt verwoben und nicht nur, wie bei Hegel, mit dem Geist selbiger.

(9) Weil das Nicht Anfang zu jeder Bewegung nach Etwas ist, so ist es ebendrum keineswegs ein Nichts: Hier macht er wohl einen Schlenker zum Existentialismus. Im Existentialismus ist das Nichts die allgemeine Bedrohung ("das Nichts nichtet", Heidegger). Das wendet Bloch positiv. Das Nichts nichtet zwar immer noch, steht für Scheitern, das Nicht jedoch, steht für tätiges Eingreifen, denn es ist der Ursprung allen Eingreifens.

(10) Vielmehr: Nicht und Nichts müssen zunächst soweit voneinander gehalten werden wie möglich; das ganze Abenteuer der Bestimmung liegt in ihnen: Das ist der Punkt, auf den es Bloch ankommt. Das Nichts ist Resultat der Vernichtung, das Nicht, ist der Anfang der Ausfahrt. Aber nicht der Weltgeist hat Lust zur Ausfahrt, sondern das Individuum.

(11) Das Nicht liegt im Ursprung als das noch Leere, Unbestimmte, Unentschiedene, als Start zum Anfang; das Nichts dagegen ist ein Bestimmtes: Hier definiert er das Nicht nochmal genauer. Nicht kann schlicht unbestimmt sein, das heißt nur der Mangel wird gefühlt, allerdings unbestimmt, als allgemeine Unzufriedenheit. Schärfer wird es, wenn das Nicht bestimmt ist, also der Mangel zumindest allgemein bestimmt ist, dann ist es ein Noch-Nicht. Das Nichts dagegen ist bestimmt. Es bezeichnet den gescheiterten Prozess.

(12) Es setzt Bemühungen voraus, lang ausgebrochenen Prozess, der schließlich vereitelt wird: Nichts ist nicht, wie das Nicht, der Anfang. Nichts ist das Ende in doppeltem Sinne. Nichts bezeichnet das Scheitern, das Ende eines Prozesses.

(13) und der Akt des Nichts ist nicht wie der des Nicht ein Treiben, sondern eine Vernichtung: Nicht als Mangel, treibt auf Etwas zu. Das Nichts allerdings führt nicht weiter. Ist das Ende.

(14) Auf das Nicht bezieht sich das Dunkel des gelebten Augenblicks: Das Nicht, also der Mangel oder das, was sein kann, ist im gelebten Augenblick dunkel, ergibt sich im gelebten Augenblick, allerdings unscharf, unbewusst hinsichtlich der Konkretheit und hinsichtlich des Etwas, das dem Mangel abhilft.

(15) Auf das Nichts erst das negative Staunen, genau wie das positive sich auf das Alles bezieht: Das Alles bleibt bei Bloch ein ewig unbestimmter Begriff, auf das Alles bewegt sich alles zu, ohne es jedoch jemals auszufüllen. Auch das ist eine radikale Abkehr von Hegel. Der Blick auf das Nichts offenbart nur Abgrund.

(16) Das Nicht ist freilich Leere, aber zugleich der Trieb, aus ihr herauszubrechen; im Hunger, in der Entbehrung vermittelt sich die Leere gerade als horror vacui, gerade also Abscheu des Nicht vor dem Nichts: Die Begrifflichkeiten sind etwas unscharf. Bestimmt man Hunger eng, also als physiologisches Bedürfnis, ist es natürlich sehr konkret. Hunger ist nicht leer, es ist lediglich Mangel. Fasst man Hunger weiter, kann er auch nur Leere bedeuten, auf Unbestimmtes zielen. Auf jeden Fall ist Nicht das Gegenteil von Nichts. Nichts ist das Ende, Nicht der Anfang. Im Folgenden wird klar, worauf er hinauswill. Er will die Begriffe Nicht, Nichts, Noch-Nicht, Alles "sinnlich" verankern, was wieder eine Spitze gegen Hegel ist.

(17) Und auch an diesem Punkt, besonders an diesem, zeigt sich, dass kategoriale Grundbegriffe (Gründlichkeiten) einzig durch die Affektlehre hindurch zugänglich gemacht werden: Dem Nichts stehen andere Affekte gegenüber, also dem Nicht. Nichts entspricht der Verzweiflung, Nicht der Zuversicht, weil der Mangel beseitigt werden kann.

(18) Denn nur die Affekte, nicht die Affektlosen, vielmehr affektlos gemachten Gedanken reichen so tief in die ontische Wurzel, dass an sich so abstrakt scheinende Begriffe wie Nicht, Nichts, Alles samt ihren Unterscheidungen mit Hunger, Verzweiflung (Vernichtung), Zuversicht ( Rettung) synonym werden: Die affektlos gemachten Gedanken könnten sich auf Hegel beziehen. Im Brimborium der Wortkonstrukte, geht der konkrete, hoffende, leidende Mensch unter. Die abstrakten Begriffe sind nicht mehr mit empirischer Erfahrung gespeist, haben ihre ontische Wurzel, also ihren eigentlich Kern, ihren Ursprung, verloren. Die ontische Wurzel, also der dem Nichts entsprechende Begriff, ist Verzweiflung. Die ontische Wurzel von Nicht ist Hunger. Alles bezieht sich auf Zuversicht.

(19) Diese Begriffe erhellen so die Grundaffekte, wie die Grundaffekte die ontologischen Grundbegriffe indem sie ihnen den intensiven Stoff kenntlich machen, dem sie entspringen, durch den sie brennen, und den sie erhellen: Die Begriffe Nicht, Nichts, Alles sind sozusagen das Objekt zu den Affekten Hunger, Verzweiflung, Zuversicht. Wie die Affekte auf das Objekt verweisen, verweist das Objekt auf die Affekte.

(20) Ontologische Grundbegriffe: Hier werden also das Nicht, das Noch-Nicht, das Nichts oder aber das Alles als diejenigen ausgezeichnet, welche in abgekürzester Terminologie den intensiv sich bewegenden Weltstoff in seinen drei Hauptmomenten kenntlich machen: Die drei Hauptmomente sind Nicht, Noch-Nicht und Nichts, wobei er das eigentlich im weiteren Verlauf des Buches noch weiter präzisiert.


(21) Darum bezeichnen diese scharf-gedrängten Grundbegriffe Realkategorien nämlich Gebietskategorien der Realität durchaus; denn ihre konzise Ontologie bildet den objektiven Affektgehalt, also Intensitätsgehalt in den drei Hauptmomenten der Prozessmaterie aufs angenähertste ab: Das ist dann auch weder eine Spitze gegen Hegel. Nicht, Noch-Nicht und Nichts zielen auf Prozesse der MATERIE, auf kategorial gefasste Gebiete der REALITÄT und sie sind gebunden an konkrete Affekte, das heißt an den Menschen.

(22) Dergestalt aber, dass das Nicht wie es sich nicht bei sich aushält, denn intensiven schließlich interessenhaften Ursprung (das Daßhaft-Realisierende) von allen charakterisiert: Von diesen drei Momenten, Nicht, Noch-Nicht und Nichts / Alles verweist Nicht am elementarsten auf das Interesse. Der Ursprung ist also das Interesse, den Mangel zu beheben. Damit wird die Geschichte nicht vom Weltgeist getrieben, der sich erkennen will, sondern vom Menschen, der den Mangel beseitigen will.

(23) Das Noch-Nicht charakterisiert die Tendenz im materiellen Prozess als des sich herausprozessierenden, zur Manifestierung seines Inhalts tendierenden Ursprungs: Beim Noch-Nicht besteht immerhin mal ein gewisses Maß an Bestimmtheit, so bestimmt, dass man nach dem Etwas suchen kann, bzw. dieses realisieren kann um so den Mangel zu beseitigen. Das Noch-Nicht ist noch nicht in der Welt, aber in dem es sich manifestiert, zeigt es seinen Ursprung, das Interesse, was wiederum eine Spitze gegen Hegel ist.

(24) Das Nichts oder aber das Alles charakterisiert die Latenz in dieser Tendenz als zu uns negative oder positive, vorzüglich am vordersten Frontfeld des materiellen Prozesses: Das Alles ist das abstrakt formulierte Ziel, das aber niemand kennt, wohin aber alles treibt. Das Nichts ist das Scheitern, das Ende des Prozesses.

Ein Großteil der Blochschen Philosophie steckt in diesem Abschnitt, höchst abstrakt formuliert. Bloch bemüht sich redlich, anhand eines Durchmarsches durch die gesamte abendländische Kultur, zu zeigen, was er meint. Es geht um unbestimmte Sehnsucht, die so gespannt ist, dass sie diese Welt verlässt, um Objekte, die in der Phantasie so aufgeladen wurden, dass das reale Subjekt, das die Phantasie entzündet hat, keine Chance mehr hat.

Es geht um historische Tendenzen, die abgebrochen wurden und an die man wieder anknüpfen kann. Um Visionen, die den Bogen so spannen, dass auch weit entfernte Ziele ins Visier geraten. Es geht um Tagträume, die die Realität mal etwas günstiger umbauen und Nachtträume, wo nur das Unbewußte und Verdrängte spuckt. Es geht um das falsch konzipierte Alles, das statisch im Jenseits vorliegt und damit den Prozess negiert. Um banale Träume, die nichts als Mief sind und ausgreifende, die auf Veränderung zielen. Kurz und bündig: Es geht um die Frage, wie man Farbe, Spannung, Mensch in die abstrakt vor uns liegende Zukunft bringt.

Marketingtechnisch ist das Werk vielleicht nicht so geschickt. Sprachlich ist es eng an Hegel angelehnt, inhaltlich setzt es ein sehr breites Wissen voraus, vor allem das gleiche, über das Bloch verfügt. Insbesondere interpretiert er eine Unmenge an Werken in seinem Sinn, die für eine adäquate Behandlung selber ein ganzes Buch beanspruchen würden. Zahlreiche historische Schilderungen sind problematisch. Der Autor geht allerdings davon aus, dass man es verstehen kann, wenn man den grundsätzlichen Ansatz verstanden hat.

Einfacher, weil sprachlich mächtiger, "intuitiv" fassbarer, farbiger, empirisch geladener ist Goethes Faust, denn Bloch an x Stellen auch tatsächlich zitiert. Allerdings zeigt der Faust durch die Art der Rezeption in Schule und Öffentlichkeit, wie schwer sich die Menschheit mit dem Begriff Utopie tut und zu Abstraktionen greift, wo keine nötig sind, denn Goethe Faust ist nun mal von ungeheuerer Konkretheit bei einem Null an Abstraktion. Worum es geht, wird schon im Prolog im Himmel deutlich, also im Zwiegespräch zwischen Mephistopheles und Gott.

Mephistopheles:
Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

Das hat Mephistopheles den Faust ziemlich präzise beschrieben. Faust treibt die "Gärung" in die Ferne, also eine unbestimmte Sehnsucht, die sich im Werk selbst erstmal nur negativ, als die Ablehnung von etwas, nämlich die Ablehnung von reinem Buchwissen, vom bildungsbürgerlichen Spießertum, von Bigotterie äußert.

Faust weiß nur, was er nicht will, er weiß aber nicht, was er will. Das Nicht, um es mal mit Bloch zu sagen, ist unbestimmt; Ursprung der Ausfahrt, die er mit Mephistopheles beginnt, aber sie ist, zumindest zu Beginn, kein Noch-Nicht.

Seiner Tollheit ist er sich auch nur halb bewußt. Teilweise meint er ja, durch geheime Bücher mehr Wissen erlangen zu können, aber genau genommen, geht es ihm um mehr, als nur Wissen. Er will überhaupt alles Glück erfahren, was Menschen jemals erfahren haben und zwar sehr konkret. Er will auch nachholen, was er in seiner Jugend verpasst hat, also wieder jung werden. Seine Sehnsucht ist unendlich, denn die schönsten Sterne, kann man zwar fordern, aber nie greifen und die höchste Lust wird er zwar suchen, aber nie finden.

Weder ist er glücklich im hier und jetzt, alle Näh, noch kann er sich überhaupt ein Ferne vorstellen, wo er glücklich ist. Und wie nennt Gott diese schräge Figur? Meinen Knecht.

Also dieser Gott ist schon mal das radikale Gegenstück zum christlichen Gott. In Theorie und Praxis soll im Christentum, im Grunde in allen Religionen, erstmal nicht nach den Sternen gegriffen werden, die höchste Lust auf Erden sowieso nicht und im Glauben soll man im übrigen Frieden finden und das Schicksal in Demut tragen und bei Widrigkeiten beten. Das blochsche "Alles" soll nicht, wie bei Bloch, auf die Erde geholt werden, sondern ist irgendwo im Jenseits.

Empirisch vorfindbar sind solche Gestalten höchst selten. Wesentlich häufiger finden wir den beamteten Geistlichen, den akademischen Mittelbau oder die Oberstudienräder, also Menschen vom Typ Wagner, für die Bildung einen systemischen Wert hat, aber keinen absoluten, siehe Ernst Bloch. Typen wie Faust, mit einer gewissermaßen intuitiven Denke, intuitiv insofern, als sie abstrakt verneinen, vor dem Hintergrund eines nur unscharf gefühlten Mangel, haben gegen die normative Kraft des Faktischen keine Chance.

Goethes Faust ist auch soziologisch / psychologisch ein interessantes Phänomen. Denn der kleinkarierte Oberstudienrat wird so offensichtlich verhöhnt, dass man das eigentlich kaum überlesen kann. Genau das geschieht aber, davon später.
Was also Gott tatsächlich fürchtet, sind nicht die ewigen Zweifler, die Umgestalter, die Suchenden, die Kritischen, sondern das genaue Gegenteil von alldem.

DER HERR:
Du darfst auch da nur frei erscheinen;
Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken!

Was er befürchtet, ist, dass die Tätigkeit des Menschen allzuleicht erschlaffen könnte, dieser also träge geworden sich zufrieden gibt mit dem was ist. Glaube im christlichen Sinn ist für diesen Gott schlicht Faulheit.

Mephistopheles hat auch nichts mit dem christlichen Teufel zu tun, um gut und böse geht es gar nicht, die Gretchentragödie ist ein Nebenkriegsschauplatz, auch wenn sie manchmal an der Penne als Kern bzw. als zweites "Hauptthema" bezeichnet wird. Um die Funktion des Mephistopheles zu verstehen, muss man die Wette zwischen Gott und Mephistopheles verstehen und diese Wette versteht man nur, wenn man sie mit der Präzisierung derselben im Pakt, der eigentlich auch ein Wette ist, zwischen Mephistopheles und Faust vergleicht. Schauen wir uns den Dialog an, wo die Wette zwischen Gott und Mephistopheles geschlossen wird.

Mephistopheles:
Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen.

DER HERR:
Solang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir's nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.

Mephistopheles:
Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einem Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

DER HERR:
Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt:
Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Die Wette ist also etwas unklar. Gelingt es Mephistopheles "ihn seine Straße sacht zu führen" dann hat er die Wette gewonnen. Dem "ihn meine Straße sacht zu führen" korrespondiert das "zieh diesen Geist von seinem Urquell ab". Wir haben also zwei unbestimmte Begriffe, wodurch es etwas unklar wird, worum die Wette eigentlich geht. Um also zu verstehen, um was die Wette eigentlich geht, müssen wir den Pakt betrachten, den Faust mit Mephistopheles eingeht. Wir wissen bislang nur, das Gott zwar igendwie ein im blochschen Sinne Alles im Blick hat, bzw. es einen rechten Pfad gibt, der zu diesem führt (rechten Weges wohl bewußt) und ein guter Mensch diesen auch kennt. Allerdings scheint das blochsche Nicht noch im Dunkeln zu liegen, denn der Mensch hat nur einen dunklen Drang. Wir wiederum unterstellen Gott, dass er auch so richtig keinen Plan vom Alles hat, denn seine Beschreibung dieses Alles ist so abstrakt wie das Paradies bei Dante in der www.divina-commedia.de.

Gott:
....
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken!

Auch er sagt nicht so klipp und klar, wohin die Reise geht. Er beschreibt eigentlich lediglich vage einen Pfad dahin, und dass man versuchen soll, diesen Pfad, der durch schwankende Erscheinungen angedeutet wird, genauer zu beschreiben. Das tut Bloch.

Aber um was geht die Wette? Schauen wir uns den Pakt zwischen Faust und Mephistopheles an.

Faust:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen –
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

Mephistopheles:
Topp!

Faust: Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

Mephistopheles und Faust schließen also auch keinen "Pakt", wie man allerorten liest. Legt er sich auf ein Faulbett, wir erinnern uns an die Charakterisierung aus dem Prolog im Himmel, "des Menschen Herz, kann allzuleicht erschlaffen, er liebt sich bald die unbedingte Ruh", dann hätte Mephistopheles gewonnen und könnte ihn mit Zustimmung Gottes in die Hölle abführen.

Ein Pakt wäre eine Verbindung zur Durchsetzung eines Zieles, bei dem beide Parteien, so das Projekt erfolgreich durchgeführt wird, gewinnen, bzw. verlieren, wenn es nicht erfolgreich umgesetzt werden kann. Hier handelt es sich um eine Wette. Will Mephistopheles die Wette mit Gott gewinnen, muss er auch diese Wette gewinnen und hier ist die Wette schon präziser formuliert.

Mephistopheles soll ihn also in gewissem Sinne "glücklich" machen. Er, Faust, soll sich selbst gefallen, das kriegt Mephistopheles locker hin, indem er ihn von der Hexe verjüngen lässt. In dem Begriff "mit Genuß BETRÜGEN" wird der Kern der Wette schon angedeutet. Der Genuß betrügt, hält ihn also davon ab, irgendwas Sinnvolleres zu tun. Faust hat also ein Ideal, welches ist unbekannt, dass eben gerade nicht im Genuss liegt, wobei unklar bleibt, worin dieses Ideal besteht.

Wenn er aber Genuss als Ziel ablehnt, dann ist ihm, wenn auch dunkel, bewusst, dass das Ziel etwas "Überindividuelles" ist, etwas, was ihn auf Genuss verzichten lässt. Nach dem alltäglichen sittlichen Verständnis sind es vor allem moralisch, sittliche Maßstäbe, die ein Verzicht auf Genuss angezeigt sein lassen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Gretchentragödie zu verstehen. Sie führt keineswegs dazu, dass Faust sich durch Genuß betrügen lässt und überindividuelle Ziele in den Hintergrund rücken lässt. Sie führt ihn lediglich dazu, dass er ein problematisches Verhalten schärfer wahrnimmt.

Was Mephistopheles ihm bietet ist ein Nicht, das zum Etwas tendiert und ein Noch-Nicht, dass sich im Prozess manifestiert, aber er liefert ihm nicht das Alles, bringt den Prozess nicht zum Stillstand, weswegen er letztlich die Wette verliert. Die zentrale Stelle steht also ziemlich am Anfang des Fausts.

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Faust zielt also auf ein Alles, das er nicht kennt. Der glückliche Augenblick, wo er verweilen will, wäre ein Scheitern, ein zu früh abgebrochener Prozess. Nimmt man alles zusammen, kann man dem Werk noch eine Interpretation geben.

Gott muss ein Interesse daran haben, dass die Menschen sich nicht auf ein Faulbett legen und eine mögliche Erklärung wäre, dass er auch keine genaue Vorstellung des Alles hat, er bleibt hier ja recht vage, und hofft, dass der Mensch das für ihn herausarbeitet. Falls es noch niemandem aufgefallen ist, und es ist den meisten Oberstudienrädern noch nicht aufgefallen, nimmt man tatsächlich das, was da steht und schwadroniert nicht freischwebend über dem Text, dann ist Goethes Faust der absolute Gegenentwurf zum Christentum und zu Religionen im allgemeinen. Das Letzte ist nicht bis in alle Unendlichkeit irgendwo fixiert, das Letzte strahlt auch nicht in die Welt hinein. Das Letzte ist unbekannt und offenbart sich im Prozess. Herausprozessiert wird es von der Hoffnung, die auf das Alles zielt.

Das Programm hinter dem Ganzen, toppt Popper.

DER HERR:
...
Es irrt der Mensch so lang er strebt

Genauso wie nur tote Fische mit dem Strom schwimmen, werden auch nur die Leute nicht irren, die sich schon am Ziel wähnen. In der Realität ist das ein Problem. Denn die, die nichts suchen und nach nichts streben, sind auf der sicheren Seite und die Toten bekommen den Leninorden, die Lebenden landen im Knast.

Vor diesem Hintergrund ist nun das ganze Werk zu sehen. Was Mephistopheles Faust anbietet, ist die Möglichkeit, schlicht alle seine Wünsche zu erfüllen. Er kann sich verjüngen und alles, was er verpasst hat, nachholen, er kann jede Frau haben, jede Menge Geld, kann sich sinnlos besaufen, alles steht ihm offen. Die Quintessenz ist aber, dass trotz alledem der Horizont nicht geschlossen wird. Je weiter nach hinten die Front verschoben wird, desto weiter wird der Horizont. Mephistopheles wird das, was er hören will, nämlich dass der Augenblick verweilen soll, nicht hören.

Vor diesem Hintergrund muss man auch die auftretenden Personen sehen. Wir haben Wagner, dessen Streben doch sehr begrenzt ist, wir haben die Studenten, die erstmal nicht allzuviel nachdenken, sondern sich nur besaufen wollen, wir haben einen Schüler, der noch am Anfang seiner Entwicklung steht, eine Bevölkerung, die teilweise sehr realitätsnahe Aussagen macht und wir haben eine Fülle an Aussagen, wie Prozesse scheitern können, zum Beispiel durch Resignation.

Faust:
...
Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.

In gewisser Weise hat das Werk auch einen existenzialistischen Hintergrund. In einem quantitativ unendlichen, aber qualitativ sehr endlichen, Universum ohne Licht, bäumt sich der Mensch auf, schafft eine qualitativ hochwertige Gegenwelt. In diesem Sinne ist der Mensch selber ein schöpferischer Gott. Das ist es, was Mephistopheles nicht passt. Das Werk hat also sozusagen auch noch eine "metaphysische" Komponente, die wir auch bei Bloch finden.

Mephistopheles:
Bescheidne Wahrheit sprech ich dir.
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt
Gewöhnlich für ein Ganzes hält –
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
Ein Körper hemmt's auf seinem Gange;
So, hoff ich, dauert es nicht lange,
Und mit den Körpern wird's zugrunde gehn.

Der Mensch ist sozusagen das Licht, aus der Finsternis geboren und sich gegen die Finsternis stemmend. Dieses Licht klebt nun an den Körpern, an der Materie und nur durch die Veränderung der Materie, kann es sich wandeln. Mephistopheles steht also, bei allem Mutterwitz, der ihn auszeichnet, für das Nichts. Erlischt der Mensch, bzw. hört er auf, sich gegen die Finsternis aufzubäumen, hätte das Nichts gesiegt und realistischerweise erkennt Mephistopheles auch, dass die Vernunft, sein ärgster Feind ist.

Mephistopheles
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab ich dich schon unbedingt –

Das Werk ist also einerseits weit gespannt, andererseits sehr realistisch, was dann dazu geführt hat, dass es über weite Strecken in die Alltagssprache eingeflossen ist ("Es irrt der Mensch, solang er strebt", "Grau mein Freund, ist alle Theorie, grün des Lebens goldener Baum", "Ward eines Mensch Geist, in seinem hohen Drange, von deinesgleichen je erfasst?", "Was Besseres suche zu beginnen, des Chaos wunderlicher Sohn", "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so schlau, als wie zuvor", "Du siehst mit diesem Trank im Leibe, bald Helena, in jedem Weibe" etc. etc.).

Dichtung hat wohl immer, so sie denn ein Subjekt hinter sich hat, das sich, durch Arbeit am Begriff, wie Adorno das nennt, gegen die Welt stellt, gegen die gesellschaftliche Logik seine eigene Logik setzt, einen Wahrheitsgehalt. Allerdings ist dieser relativ. Hinter der lustigen Person, dem Dichter und dem Theaterdirektor im Vorspiel auf dem Theater können wir wohl Goethe selbst vermuten, dem auch nicht so ganz klar war, was er da eigentlich konkret treibt. Lustig Person:
...
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit

Welche konkrete Befindlichkeit, Erfahrung, Suche nach Authentitizität etc. und welche gedankliche Durchdringung all dieser Elemente den Autor des Fausts dazu getrieben hat, den Faust so zu beschreiben, wie er nun mal ist, lässt sich nicht erschließen. Noch deutlicher wird das im Torquato Tasso von Goethe. Dort sagt Eleonore über den etwas komplizierten Torquato Tasso.

Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
was die Geschichte reicht, das Leben bietet,
sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüt,
und sein Gefühl belebt das Unbelebte.
Er adelt was uns nichtig schien,
und was wir adeln, wir vor ihm zu nichts

Damit ist wohl Intuition intuitiv irgendwie beschrieben. Irgendwie sammelt der Dichter nach irgendeinem Zusammenhang Sachverhalte, die er bewußt oder unbewusst in Beziehung setzt. Bedauerlich daran ist, dass derjenige, der den Text liest, wiederum "intuitiv" erfassen muss, welcher Zusammenhang hergestellt wurde. Die Dichtung ist damit als Ideologiekritik in einer ziemlich schlechten Ausgangsposition, weil Ideologen den inneren Zusammenhang eben nicht sehen und vor allem auch gar nicht sehen wollen. Ideologen wollen Recht haben.


Wie bereits beschrieben, sieht Hayek in jeder "sozialistischen" Tendenz den Weg in die Knechtschaft. Allerdings haben wir auf der anderen Seite Pareto der ganz ohne Sozialismus im Faschismus landet. Es sieht also so aus, wie wenn die Reduktion auf das rein ökonomische und die Reduktion von Freiheit auf wirtschaftliche Freiheit keine Gewähr dafür bietet, nicht im Totalitarismus zu landen. Anders formuliert: Allein die Abwesenheit von Werten, garantiert noch nicht, dass allgemein elementare Werte Geltung behalten, geschweige denn, sich eine Gesellschaft auf Werte einigen kann, die in die Zukunft weisen.

Das Verfahren Ideologiekritik qua "Intuition" scheitert schon bei den Geisteswissenschaftlern selbst. Wagner zum Beispiel ist einer der prägnantesten Figuren in Goethes Faust. Ein kleinkarierter Spießer, der typische verbeamtete Geistliche und trostlose akademische Mittelbau, der nicht mal merkt, dass das Leben da tobt, wo er nicht ist, weil er sich in irgendwelchen alten Pergamenten verbuddelt hat, die seine armselige Karriere fördern sollen. Man kann jetzt aber Hunderte von Faustinterpretationen von allen möglichen Oberstudienrädern und anderen verbeamteten Geistlichen lesen, Wagner wird mit Nichtachtung gestraft. Goethes Faust hat es irgendwie geschafft, genau das zu werden, gegen das er im Grunde rebelliert. Zum Statussymbol des pseudointellektuellen, kleinkarierten Schwätzers.

Auffallend an der DDR ist, dass ein Philosoph wie Ernst Bloch es geschafft hat, sanft aus dem Land hinauskomplementiert worden zu sein, wobei sanft relativ ist, da ja sein Umfeld im Knast gelandet ist. In der BRD ist das intelligenter geregelt. Erstens kümmert sich keine Sau darum, was irgendein ein Vwl-Prof so schreibt und dichtet, weil Juristen, die ja die meisten Minister stellen und 20 Prozent der Bundestagsabgeordneten das eh nicht verstehen. Will er aber bekannt werden, muss er mächtig mathematisch modellieren und die Methode allein sorgt schon dafür, dass "Kritik" und Zweifel in einem eng abgezirkelten Umfeld ablaufen. Was Gesellschaftswissenschaftler wie Soziologen, Politologen oder gar Philosophen zu sagen haben, ist eh völlig egal.

Teilweise hängt das damit zusammen, dass die Volkswirtschaftlehre heutiger Prägung sich schon frühzeitig, eigentlich gleich zu Beginn mit Adam Smith, von der Philosophie abgespalten hat. Für das Land Utopia fühlt sie sich gar nicht zuständig. Beim Marxismus ist das anders. Er ist eng mit der Philosophie verbandelt, fühlt sich also folglich angegriffen, wenn der philosophische Überbau des Marxismus angegriffen wird. Dass Bloch es überhaupt geschafft hat aus der DDR hinauskomplimentiert zu werden, hängt damit zusammen, dass man den Marxismus nicht nur angreift, wenn man die Gültigkeit der ökonomischen Gesetze des Sozialismus bezweifelt. Man greift ihn auch an, wenn man seinen, intellektuell durchaus überschaubaren, philosophischen Überbau angreift. Das ist in der BRD eindeutig intelligenter geregelt. Eine philosophische Kritik an der Wirtschaft ist völlig belanglos. Da herrscht strikte Arbeitsteilung. Philosophie hat mit Wirtschaft überhaupt nichts zu tun.

Das Megarätsel ist nun, dass die Attacken gegen Bloch wohl von Walter Ulbricht höchst persönlich initialisiert wurden, obwohl der wahrscheinlich keinen einzigen Satz aus "Das Prinzip Hoffnung" verstanden hat. Er ahnte wohl so ganz "intuitiv", dass dieser die planmäßige Entwicklung des Sozialismus unter Berücksichtigung der objektiven ökonomischen Gesetze unter der Führung der Arbeiterpartei in Frage stellte. Also manchmal funktioniert Intuition doch, wenn auch manchmal umgekehrt, als man sich das denkt. Das ist der Abschiedsbrief von Ernst Bloch: Ernst Bloch bricht mit Ulbricht.

Der Leser ist allerdings immer noch nicht davon überzeugt, dass das irgendwas mit Wirtschaft zu tun hat, worauf man ihm pragmatisch erwidern kann, dass es zumindest in der ehemaligen DDR viel mit Wirtschaft zu tun hatte, denn die Partei des Arbeiter und Bauernstaates fühlte sich tatsächlich ziemlich angepisst.

In der BRD wäre das natürlich umgekehrt. Da wäre es schon ein gewaltiger Marketing Coup, wenn sich irgendjemand von einem philosophischen Werk angegriffen fühlen würde.

Konkret wirtschaftlich wird es aber dann, wenn man bedenkt, dass Bildung, Schule / Unis / Berufsschulen erstmal einen Haufen Geld kosten und in dem Moment, in dem etwas Geld kostet, muss man auch die Frage stellen, was man damit eigentlich erreichen will.

Was die Vermittlung des Fausts von Goethe die Volkswirtschaft konkret kostet, kann man sich ungefähr ausrechnen. In Deutschland haben wir 12 Millionen Schüler. Gehen wir von einer Klassenstärke von 30 Schülern aus, kommen wir so auf knapp 400 000 Schulklassen. Die beschäftigen sich dann 50 Stunden mit Faust à 100 Euro (Lehrer, Strom, kalkulatorische Mieten etc.) macht 40 Millionen Euro in 12 Jahren, also so summa summarum ungefähr 4 Millionen Euro im Jahr. Das ist nicht viel, aber irgendwas muss das bringen. (Wir diskutieren jetzt mal nicht "intuitiv" sondern mehr so für die Wagners dieser Welt.)

Nimmt man dann noch die Ausgaben für Bildung im gesellschaftlichen / kulturellen Bereich mit hinzu, dann kommen wir auf ordentliche Summen und der Autor wird denn Verdacht nicht los, dass die Bildungsbehörden exakt Null Plan haben, was sie damit eigentlich erreichen wollen. Also so auf der ganz untersten Ebene ist es schon ein ökonomisches Problem.

Wenn man also nicht gerade so ein harter Knochen wie Wagner ist, wobei im öffentlich geförderten Bildungswesen es von so Typen nur so wimmelt, der Bildung eher über den systemischen Wert definiert, dann wäre ein mögliches Ziel von Bildung, mal über Ziele, Stabilitäten, Handlungsalternativen etc. nachzudenken. Wenn man sich die Unterrichtsvorschläge bei www.lehrer-offline.de so durchschaut, dann fällt einem schon der Dichter in Goethes Faust ein.

O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.

Also mehr unbewusst als bewusst gehen die Kultusbehörden wohl davon aus, dass hinter dem rein Ökonomischen, das vielleicht nie rein ökonomisch ist, Werte, Verhaltensmuster, Interessen stehen. Aus dem Geblubbere des Lobbyverbandes, der sich für die Vermittlung von Werten zuständig erklärt, siehe oben, wird aber nicht deutlich, wie das Personal zu diesen Werten steht.

Volkswirtschaftler können sich aber mal überlegen, ob die real stattfindenden Prozesse nicht wesentlich dynamischer sind, als es in den Lehrbüchern steht, weil es weit mehr Parameter gibt, die auf das rein Wirtschaftliche einwirken. Veränderte Denkweisen, bzw. neue Vorstellungen über Kooperation und internationale Konfliktlösung können zum Beispiel in relativ kurzen Zeiträumen zu Währungunionenen führen, was ganz erhebliche Konsequenzen für die Wirtschaft hat.

Zwar beschreibt Margarete die aktuelle Situation weitgehend zutreffend.

Wenn nur die Ohrring’ meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
Allein man lässt’s auch alles sein;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt, Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen!

Allerdings muss das kein stabiler Zustand sein. Zwar ist es im Moment so, dass die Leistungsfähigkeit monetär bewertet wird, aber auch das kann sich in wenigen Jahren ändern, insbesondere wenn der Ausbildungsstand und das Bildungsniveau steigt und Reichtum eher ein Zeichen von vermachteten Märkten als von Leistungsfähigkeit ist, weil die Vermögensunterschiede weit größer sind, als die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit. Auch dieses ökonomische Fundamentalgesetz, dass Leistung mit Einkommen korreliert, kann im Zeitablauf hinterfragt werden.

Den Kern der Volskwirtschaftslehre bringt Milton Friedman in diesem Video ziemlich kurz und knackig auf den Punkt: Socialism vs Capitalism: Milton Friedman.

Die Quintessenz ist Adam Smith ein bisschen drastischer formuliert. Die Gier existiert überall, im Russland, China (sozialistische Staaten), wie auch in den "kapitalistischen" Ländern. Der Eigennutz und der Egoismus ist der Motor.

Wir haben in Verlaufe dieses Lehrbuchs schon so gefühlte Tausend Mal diese These bestätigt gesehen und die DDR bestätigte die These aufs Neue. Es ist aber was anderes, diese historisch bedingte Tatsache zum Gesetz zu erklären. Wir bewegen uns auf ein Zeitalter zu, bei dem der materielle Wohlstand an sich keine Mehrung des Wohlstands bringt, sondern nur noch die Leistungsfähigkeit dokumentiert. Wird aber Wohlstand als Maßstab der Leistungsfähigkeit nicht mehr anerkannt, bricht er zusammen, weil das Ziel, gegenüber der Umwelt eine Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, so nicht mehr erreicht werden kann.

Es bleibt jetzt dem Leser überlassen, was er von Bloch hält. Wer glaubt, dass es ewige Wahrheiten gibt, die wie in Inschriften auf Grabsteinen ewig gelten, der möge das glauben. Wer es nicht glaubt, kann bei Bloch lernen, was sich alles ändern kann.

Man kann sich also mal anhand eines Systems, das etwas gegen den Strich gebürstet ist, fragen, wieviel Annahmen über Stabilitäten in der akademischen Volkswirtschaftslehre stecken und was daran tatsächlich bis in alle Unendlichkeit in Stein gemeiselt ist.

Die Geschichte der Volkswirtschaftslehre ist auch eine Geschichte der hypostasierten Stabilitäten. Das illustrativste Beispiel hierfür ist David Ricardo. Dessen Theorie wäre richtig, wenn das von ihm als stabil hypostasierte tatsächlich stabil gewesen wäre. Dies war aber absolut nicht der Fall. Ökonomische Gesetze lassen sich nur finden, wenn sie entweder so trivial sind, dass sie überhaupt keine Annahmen über die Rahmenbedingungen mehr enthalten, oder diese Rahmenbedingungen als stabil hypostasiert werden. Von der ersten Kategorie gibt es ein paar Gesetze, dazu gehört z.B. das ganze Pareto Geschwafel und von der zweiten Kategorie gibt es keine.

Stabil ist z.B. ein Gesetz der Art "je mehr Geld jemand hat, desto mehr gibt er aus oder spart er". Ein Gesetz vom Typ "je höher der Lohn desto geringer die Präferenz für Freizeit" ist hingegen instabil. In dem Maße, in dem Leute sich mit ihrer Arbeit identifizieren, stimmt die Regel nicht mehr. Das glauben viele Leute nicht, aber die gesamte Infrastruktur des Internets, also die Software, stammt von Leuten, die auf monetäre Anreize nur bedingt gesteuer werden und hier reden wir, nimmt man Linux, den Apache Server, Perl, PHP, mysql, etc. etc. zusammen um Billionen Werte in Euro. Das gesamte Internet widerspricht der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie. Der Konflikt löst sich auch nicht dadurch auflösen, dass gesagt wird, dass diese Leistungen eben in der Freizeit erbracht werden, denn diese Leistungen haben einen konkreten Marktwert. Allerdings wurde darauf verzichtet, diesen zu monetarisieren. Wer es nicht so sieht, der subsumiert die Freizeit unter die Arbeit, wodurch die Theorie natürlich immer richtig ist und damit unter die zuerst genannte Kategorie fällt.

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Infos und Anmerkungen:

ES        DE

Das unbewohnte Land Utopia oder die durch die Dynamik der Subjekt <=> Objekt Beziehung
sich ständig nach vorwärts verschiebende Frontlinie

Das blochsche Alles und der Augenblick der verweilen soll als Scheitern.

Das Resultat, Bloch wurde aus der DDR hinaus-komplementiert, zeigt, dass man den Marxismus philosophisch angreifen kann, weil er eng mit der Philosophie verbandelt ist.

Durch die Arbeitsteilung der Wirtschaftswissenschaften verpufft jede philosophische Kritik an ökonomischen Theorien.

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