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Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug

Die Abhandlung Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug erschien erstmalig 1944. Geschrieben wurde sie in den USA und ist Bestandteil mehrerer Abhandlungen die unter dem Titel "Dialektik der Aufklärung" zusammengefasst wurden. Will man die Bedeutung der Schrift verstehen, muss man folgendes verstehen.

a) Die meisten Sozialwissenschaften, für die Volkswirtschaftslehre trifft dies uneingeschränkt zu, gehen systemisch vor. Beim Ordoliberalismus ist das systemische Vorgehen Programm. Menschen verhalten sich nach Maßgabe vorgegebener Parameter / Regeln. Dass diese Vorgaben alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen, wird schlicht nicht gesehen, bzw. für irrelevant angesehen.

Dominieren aber rein ökonomische Größen, dann ist eine Sendung wie "Wer wird Millionär" zwangsläufig wesentlich bedeutender, als die gesamte abendländische Kultur. Bei "Wer wird Millionär" ist die abendländische Kultur nur insofern relevant, als sie abrüfbares Wissen generiert, die eigentlichen Inhalte sind völlig beliebig. Ökonomische Größen interessieren sich nicht für Qualitäten; im Gegenteil: Ihr Interesse besteht in der Abschaffung der Qualität zugunsten der Quantität. Je gleicher die Individuen, desto eher können sie mit demselben Programm beschallt werden. Differenzierung senkt die Rendite. Das muss nicht bösartig gemeint sein, es ist schlicht eine objektive Tatsache. Die Produktion eines Filmes für Millionen Leute ist nun mal rentabler, als die Produktion von X Filmen für ein paar Tausend Leute. Die "Kulturindustrie", ein etwas vager Begriff, hat kein Interesse daran, die Gesellschaft individuell auszudifferenzieren.

b) Ein Teil der Berühmtheit der Abhandlung Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug, dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass Adorno individuelles Erleben authentisch beschreibt. Zu dieser Kategorie von Aussagen gehört etwa "es handelt sich um das neutralisierte Bewußtsein, dem es egal ist, woran es sich begeistert" oder "was der Bürger versteht unter real konkretistisch genießen, existiert wahrscheinlich überhaupt nicht". Es geht hierbei nicht nur darum, dass man Aussagen dieser Art gut nachvollziehen kann, wer sich für alles interessiert, interessiert sich eigentlich für nichts, bzw. wer erwartet, dass sich die Gedichte von Baudelaire, die eine individuelle Logik, Ergebnis eines arbeitsreichen Prozesses, einer gesellschaftlichen Logik entgegensetzen, sich konsumieren lassen wie eine Rindsroulade, der hat eine falsche Erwartungshaltung; Überschreiten ist Arbeit. Adorno rückt einen Aspekt in den Vordergrund, der schwer begrifflich zu fassen ist, auf den es aber wesentlich ankommt: Authentizität. Sein Hauptwerk, die "ästhetische Theorie" kreist um diesen Begriff. Kunst ist das Nicht-Identische, ist das, was sich allen Begriffen entzieht, ist das Gegenteil der verwalteten Welt und das Gegenteil von produzierter Beliebigkeit. Aus der Bedeutung, die Adorno der Kunst zumisst, muss man dann auch die Abhandlung "Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug" verstehen. Die Kulturindustrie, die sich als Kunst geriert, leistet eben gerade das nicht, was Adorno sich von Kunst erhofft: Den Schleier der verwalteten Welt zu heben.

c) Die ganze Abhandlung muss gesehen werden vor dem Hintergrund der Position der Frankfurter Schule, siehe Theodor W. Adorno. Hayek und, in weit geringerem Maße, Popper, sprechen von Kollektivismus, ohne jedoch, insbesondere tut Hayek das nicht, den Begriff näher zu spezifizieren. Bei Hayek ist Kollektivismus schlicht sozialistisch, irgendwie. Egal ob nationalsozialistisch, kommunistisch, sozialistisch, soziale Marktwirtschaft. Alles irgendwie sozialistisch und damit kollektivistisch. Die Differenz aus Kollektivismus und Individualismus ergibt sich bei Hayek aus der Unmöglichkeit / Möglichkeit unternehmerisch zu handeln. Die These wäre schon rein wirtschaftlich gesehen zu belegen. Eine Kennziffer könnten Unternehmensgründungen sein. Auf 1000 Einwohner kommt in Deutschland pro Jahr eine Unternehmensgründung. Die Möglichkeit sich gegen bestehende Machtverhältnisse durchzusetzen, scheinen also überschaubar zu sein. Hayek ist da wohl ein Träumer, was auch damit zu tun hat, dass er selbst eben nie ein Unternehmen gegründet hat, er ist mehr so ein coach potatoe. Bei Adorno wird das nun komplizierter. Wenn alles durch und durch gesellschaftlich vermittelt ist, dann ist das Individuum ein fragiles Konstrukt; leicht manipulierbar und für beliebige Inhalte, Werte und Ideologien begeisterbar. Anders formuliert: Kollektivismus, die Übernahme gesellschaftlicher Ideen, Normen, Vorstellungen, Verhalten etc. ist der Ausgangspunkt. Individualismus das Ergebnis eines anstrengenden Prozesses. Der Begriff Kollektivismus zielt also auf eine Einschränkung des Möglichkeitsraumes. Der Möglichkeitsraum kann aber nicht nur dadurch eingeschränkt werden, dass Alternativen unterdrückt werden. Der Möglichkeitsraum kann auch dadurch eingeschränkt werden, dass nur das geliefert wird, was die Leute haben wollen und ihnen damit die Möglichkeit der Alternative verweigert wird. Die Alternative würde auf Widerstand stoßen und wäre damit ökonomisch nicht rentabel.

Wer die Abhandlung isoliert betrachtet, der kann versucht sein sie zu lesen, wie das Geschwall irgendwelcher Feuilletonisten oder Deutschlehrern über das Fernsehen. Davon gab es ja in den achtziger Jahren viele. Neuerdings geht die Bedrohung des Abendlandes vom Internet aus. Der Gipfel der finsteren Mächte ist das Smartphone; das wird dann durchgetalked auf allen Sendern. Das bringt Quote.

Diese Art der Diskussion kontrastiert aber nicht Inhalt mit Inhaltsleere, die Überschreitung mit der Anpassung an vermeintliche Bedürfnisse, sondern den Verlust des lediglich systemisch Relevanten durch den Triumph des Beliebigen. Das lediglich systemisch Relevante ist aber so inhaltsleer, wie das Beliebige.

Reduziert auf die harten Fakten, ist das Todesjahr der Mutter einer monegassischen Prinzessin so relevant wie der Autor des Mannes ohne Eigenschaften, wenn Günter Jauch das für bedeutsam hält. Wenn der Mangel an Inhalt, an Überschreitung, für beide Postionen gilt, wird sich der durchsetzen, der wenigstens noch Amüsement und Unterhaltung verspricht. Professor Unrat ist zwar so hohl wie der geschäftige Vermarkter von Bestsellern, aber lange nicht so lebensfähig.

Die Schrift wurde 1944 geschrieben. Von einer globalen "Kulturindustrie" können wir nicht mehr sprechen, man müsste differenzieren. Dass Adorno aber nicht ganz falsch liegt, lassen schon die handelnden Akteure selbst erkennen, den Begriff Industrie im Zusammenhang mit Kunst hat nicht Adorno erfunden. Die Bezeichnung MusikINDUSTRIE, FilmINDUSTRIE ist die Selbstbezeichnung der handelnden Akteure. Die Buchindustrie gibt es zwar nicht, dafür aber den Literaturbetrieb, der ebenfalls darauf verweist, um was es geht: Um die zielgruppengerechte Produktion und Vermarktung von Büchern anhand statistisch exakt erfasster Zielgruppen: Frauenromane, Liebesromane, Lebensberatung / Küchenphilosophie etc. etc.. Es geht nicht um die Überschreitung, sondern um das an die Bedürfnisse der Zielgruppe angepasste Produkt. Das Verfahren soll demokratisch sein, denn schließlich verkauft man nur, was die Leute haben wollen. Das ist in etwa so demokratisch, wie die Versorgung eines Alkoholikers mit Schnaps. Nach dieser Logik ist es auch demokratisch, wenn ein Drogendealer den Abhängigen zuerst anfixt, um ihn dann auf den Strich zu schicken.

Dass es Musikindustrie und Filmindustrie heißt, aber Literaturbetrieb und nicht Literaturindustrie hat nichts mit Unterschieden in der Vermarktung und Distribution zu tun. Musik und Film sind lediglich dem reinen, folgenlosen Konsum näher und damit dichter bei der Nahrungsmittelindustrie, als das Buch, das ja immerhin, das ist Arbeit, gelesen werden muss. Aus diesem letzten Rest der Nichtkonsumierbarkeit, zieht das Buch sein Prestige, wiedersteht der Gefahr, sich zwischen Pizza und Vanilleeis wiederzufinden.

Alle drei schaffen es aber, praktisch beliebige Artefakte irgendwie zu hypen. Dass es manchmal nicht funktioniert, ein Film nur sechs Millionen Zuschauer hat anstatt der anvisierten zehn Millionen, bestätigt lediglich das Prinzip. Das Scheitern kann nur erstaunen, wenn die professionellen Marketingstrategen bessere Ergebnisse erwartet hätten.

"Kulturindustrie" ist nun ein vager Begriff. Zur "Kulturindustrie" gehören auch die öffentlichen / rechtlichen Sender. Diese hätten eigentlich, ähnlich wie das institutionalisierte Bildungssystem, einen "Bildungsauftrag". Allerdings gibt es immer weniger Leute, die so richtig erkennen können, dass dieser auch eingelöst wird. An den 17 Euro pro Monat würde sich die öffentliche Debatte kaum entzünden. Sie entzündet sich am Niveau.

Die Websiten der öffentlich / rechtlichen sind im übrigen ein extremes Beispiel für eine Tendenz, die schon im frühen Stadium des Internets abzusehen war. Mangelnder Inhalt wird durch einen Multimedia Overkill kaschiert. Eine Tendenz, die man nicht nur im Netz beobachten kann. Weltweit gleichen sich die Fernsestudios an. Die technische Ausstattung und Aufmachung ist bedeutender als der Inhalt. Jeder Talkshowmoderator beeilt sich zu betonen, dass man nicht zu tief in die Details gehen dürfe, weil er der Maßstab sei für die Fähigkeit, Zusammenhänge geistig zu durchdringen und der Zuschauer folglich überfordert sei.

Die Kompetenz wächst ihm nicht zu aufgrund objektiv nachprüfbarer Fakten, sondern schlicht aufgrund der massenmedialen Präsens. Die schlichte Zuweisung von 8 Milliarden Euro pro Jahr weist das System als kompetent und zuverlässig aus und mit jeder Wiederholung durch alle Kanäle bestätigt sich die Wahrheit und Relevanz.

Der Unterschied zwischen den öffentlich / rechtlichen Sendern und den privaten besteht in Nuancen. Die privaten Sender sind ehrlich und lassen keinen Zweifel über ihre Absichten. Kann sich bei RTL noch die Unterschicht in allen Lagen selber gespiegelt finden, dann entleeren die öffentlich / rechtlichen die Inhalte noch wirkungsvoller, indem sie die Leere als Kultur verkaufen und so jedem klar machen, dass es nichts gibt außer Leere. Die öffentlich / rechtlichen Sender sind hier ähnlich effizient, wie die institutionalisierte Bildung. Die Journaille schreibt nur selten Vernünftiges, aber hier trifft sie den Nagel auf den Kopf, siehe Vom Volk bezahlte Verblödung. Auf der Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner, relevant für die Quote, konkurriert sie mit den Privaten, was die Finanzierung über Gebühren dann obsolet werden lässt.

Wer allerdings einen wie immer gearteten Bildungskanon gegen die Kulturindustrie ausspielt, der müsste ja sinnvollerweise auch konstatieren, dass eben selbiger durch die institutionalisierte Bildung in Schule und Uni nicht vermittelt wird bzw. nicht vermittelt werden kann. Wäre dem nicht so, wären Sendungen, die auf diesem aufsetzen ja auch unter dem Diktat der Quote erfolgreich. Immerhin verlässt jeder dritte Schüler die Schule mit Abitur, was ja schon ein hoher Anteil ist, ausreichend für eine gute Quote. (Wenn wir mal akzeptieren, dass die hohen Weihen der Bildung nur an Gymnasien vermittelt werden, wovon wir natürlich nicht ausgehen.) Wäre das Intendierte, so wie es sich in allen Lehrplänen manifestiert, gelungen, dann müsste ja eine tief empfundene Sehnsucht bestehen, von den Höhen der bürgerlichen Kultur sich zu den Gipfeln selbiger emporzuschwingen.

Und was ist mit dem Schönen, das heißt mit Kultur und Niveau der Sendungen? Zunächst und vor allem ist eine groteske Entbürgerlichung zu beobachten. Es lässt sich zwar zweifeln, ob von einer neuen Bürgerlichkeit als gesellschaftlicher Tendenz gesprochen werden kann, aber wenn es diese Tendenz gibt, dann jedenfalls nicht im Fernsehen. Das Fernsehen, weit davon entfernt, die Zuschauer auf die Höhen der bürgerlichen Bildung zu heben (wie eine berühmte Formulierung der deutschen Arbeiterbewegung lautete) oder ihnen auch nur die Chance auf Teilhabe zu eröffnen, konkurriert mit den billigsten Boulevardmedien um die niedrigsten Instinkte der dümmsten Bevölkerungsteile.

aus: Vom Volk bezahlte Verblödung

Alter Schwede! Vermutlich ist der Autor, Jens Jessen, Ressortleiter Feuilleton der ZEIT, auf der Höhe der bürgerlichen Kultur, aber irgendwie schaffen es die Jessens, die gehäuft als verbeamtete Geistliche auftreten, nicht, die Fackel der Schönheit in die Herzen der Schülerschaft und Studentenschaft einzupflanzen, was daran liegen könnte, dass Bildung, losgelöst von dem Prozess, dessen Resultat sie ist, nicht vermittelbar ist. Sowenig wie es eine Sprache gibt ohne eine Erfahrung, die die Wörter auflädt, gibt es eine Bildung, die als abgeschlossen übernommen werden kann. Die Übernahme ohne Prozess degradiert Bildung genauso zur Ware, wie das Wort ohne Erfahrung zur bürokratischen Phrase wird. Der Jessen könnte ja mal Goethe aus dem Regal holen.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
aus: Johann Wolfgang Goethe, Ein und Alles

Beschrieben wird ein Prozess, der sich am Geschaffenen abarbeitet. Mit offenem Ausgang. Er kann es komplett umgestalten, modifizieren oder schlicht vernichten. Ausdrücke wie "bürgerliche Bildung" suggerieren einen gültigen Kanon und sind damit näher an der Kulturindustrie mit ihrer Wiederkehr des ewig Gleichen, als sie wahr haben wollen.

Die "bürgerliche Bildung" als Gegenentwurf zur Kulturindustrie ist also eine ganz schlechte Idee. Erfolgsversprechender ist vielleicht die Professionalisierung von Kindergärten. Spult man in Kindergärten ordentlich Programm ab, professionelle Puppenspieler, professionelles Kasperle Theater, musikalische Früherziehung, Märchen, Baumhäuser bauen anstatt Bauklötze rumschieben etc. werden die Kiddies vielleicht anspruchsvoller.

Der Spießbürger erhofft sich von den Höhen der bürgerlichen Bildung nicht mehr die Aura des authentischen Kunstwerks. Er hofft, dass die Aura des Kunstwerkes auf ihn überspringt. Eine Wirkung, die ursprünglich so nicht eingeplant war.

Plausibler als die Kritik an der Kulturindustrie wäre eine Kritik an der institutionalisierten Bildung. Die Kulturindustrie sind Wirtschaftsunternehmen. Sie können sich ab und an mal wenig rentable Dinge leisten, sind aber nicht in der Lage, die Welt zu verbessern. Die institutionalisierte Bildung, also das Heer an Oberstudienrädern, verbeamteten Geistlichen an den Unis und verschnarchtem akademischen Mittelbau hat alle Zeit, Mittel und Muse Bildung zu einer spannenden Angelegenheit zu machen. Die Realität allerdings ist schlicht die: Würde man das steuerfinanzierte Geschwätz flächendeckend austrocknen, würde das niemandem auffallen.

Es gibt alle möglichen kritischen Bemerkungen von Adorno zur "bürgerlichen" Kultur, bzw. Nebensätze, denen zu entnehmen ist, wie er die "bürgerliche" Kultur einschätzt.

Wer im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert Geld ausgab, um ein Drama zu sehen oder ein Konzert zu hören, zollte der Darbietung wenigstens soviel Achtung, wie dem ausgegebenen Geld. Der Bürger, der etwas davon haben wollte, mochte zuweilen eine Beziehung zum Werk suchen. Die sogenannte Leitfadenliteratur zu den Wagnerschen Musikdramen etwa und die Faustkommentare legen dafür Zeugnis ab.

aus: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Seite 169

Das klingt so, wie wenn Adorno nicht besonders überzeugt gewesen wäre, dass die bürgerliche Rezeption von Kunst ein Überschreiten, ein Heben des Schleiers gewesen wäre, das Aufleuchten des Nicht-Identischen in der verwalteten Welt. (Damit man sich was unter nicht-identisch vorstellen kann. Wer z.B. Bilder von Roy Lichtenstein betrachtet, wird schon merken, dass die aussehen wie Comics. Indem sie aber das Dargestellte als beliebig repetierbar darstellen, betonen sie das Vermittelte. Wer will kann versuchen, es verbal schärfer zu fassen. Der Witz besteht aber darin, dass es nicht in Begriffen faßbar ist. Der berühmte Spruch von Wittgenstein, "Das Ende meiner Sprache ist das Ende meiner Welt" ist also falsch. Richtig muss es heißen: Da wo die Sprache aufhört, beginnt das Sprechen.)

Gegen den Bürger hat Adorno was. Radikaler wird er in der "ästhetischen Theorie".

Dass keiner mit Kunst sich abgäbe, der, wie die Bürger sagen, gar nichts davon hätte, ist nicht zu bestreiten, aber doch nicht wieder so wahr, dass eine Bilanz zu ziehen wäre: heute abend Neunte Symphonie gehört, soundsoviel Vergnügen gehabt; und solcher Schwachsinn hat mittlerweile als gesunder Menschenverstand sich eingerichtet. Der Bürger wünscht die Kunst üppig und das Leben asketisch; umgekehrt wäre es besser. Verdinglichtes Bewußtsein ruft als Ersatz dessen, was es Menschen an sinnlich Unmittelbarem vorenthält, in dessen Sphäre zurück, was dort seine Stätte nicht hat.

aus: Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Seite 27

Den Wert, den Adorno dem bürgerlichen Kulturbetrieb zugesteht, ist äußerst gering. Letzlich besteht er darin, dass Bildung, auch als reiner Tauschwert, immerhin noch sichtbar ist. Hat sie nicht mal mehr einen Tauschwert, verschwindet sie vollkommen.

Der Glaube die Barbarei der Kulturindustrie sei eine Folge des "cultural lag", der Zurückgebliebenheit des amerikanischen Bewußtseins hinter dem Stand der Technik [soll heißen: die Technik hat sich schneller entwickelt, als die Fähigkeit, diese abseits der reinen Reproduktion zu nutzen, der Autor] ist ganz illusionär. Zurückgeblieben hinter der Tendenz zum Kulturmonopol war das vorfaschistische Europa. Gerade solcher Zurückgebliebenheit aber hatte der Geist einen Rest von Selbständigkeit, seine letzten Träger ihre wie immer auch gedrückte Existenz zu verdanken. In Deutschland hatte die mangelnde Durchbringung des Lebens mit demokratischer Kontrolle paradox gewirkt. Vieles blieb von jenem Marktmechanismus ausgenommen, der in den westlichen Ländern entfesselt wurde. Das deutsche Erziehungswesen samt den Universitäten, die künstlerisch maßgebenden Theater, die großen Orchester, die Museen standen unter Protektion. Die politischen Mächte, Staat und Kommunen, denen solche Institutionen als Erbe von Absolutismus zufielen, hatten ihnen ein Stück jener Unabhängigkeit von den auf dem Markt deklarierten Herrschaftsverhältnissen bewahrt, die ihnen bis ins 19. Jahrhundert hinein die Fürsten und Feudalherren schließlich noch gelassen hatten.

aus: Max Horheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Seite 141

Vordergründig kann man diese Stelle so lesen, dass das staatliche Erziehungssystem und die kulturellen Einrichtungen, die die demokratischen Staaten geerbt hatten, frei waren von den Zwängen des Marktes, also das bewahrten, was Kunst und Bildung sein könnte. Solche Stellen gibt es auch in der Minima Moralia. Den Adel beschreibt Adorno dort noch recht liebevoll. Er kommt zwar mit den marktwirtschaftlichen Verhältnissen sowenig klar, wie die Prinzessin, die im Märchen bei den Bauern gelandet ist, betrachtet aber auch nicht alles unter dem Aspekt der Nutzenmaximierung, weil ihm dieses Verhalten, da nicht notwendig, auch nicht antrainiert wurde. Betrachtet man diese und ähnliche Stellen aber im Kontext des Gesamtwerkes, dann wird klar, dass Adorno die Bedeutung der "bürgerlichen" Bildung lediglich in ihrer Aufbewahrungsfunktion sah. Als reiner Tauschwert ist sie ihres Inhaltes zwar entledigt, aber immerhin noch vorhanden.

Es würde zu weit gehen, jetzt die gesamte ästhetische Theorie Adornos zu referieren, auch wenn sie für das Verständnis der Abhandlung Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug eine Bedeutung hat. Grob wurde schon einiges gesagt. Kunstwerke folgen einer Logik, die konträr läuft zum "gesellschaftlichen Ensemble". Diese Logik zu entschlüsseln bedarf der Arbeit. Kunst ist Überschreitung, verweist auf Mögliches. Kunst entzieht sich Begrifflichkeiten.

Mit einem feuilletonistischen "Bildungsbegriff", der eigentlich weder Begriff ist noch Bildung beschreibt, hat das nichts mehr zu tun. Der feuilletonistische Bildungsbegriff, der sich weitgehend mit dem der Oberstudienräder und verbeamteten Geistlichen deckt, ist auch nicht der Gegensatz zur Kulturindustrie. Die intendierte Abgrenzung allein bestätigt eher die Ähnlichkeit.

Man kann das jetzt sehr konkret und untheoretisch sehen. Das Gelabere vom Wahren, Schönen und Guten dient letztlich auch nur der Durchsetzung von Interessen. Man kann das hier betrachten: Stoppt das Goethe Institut. Wir wissen so im Detail nicht, warum Politiker feuchte Augen bekommen, wenn irgendjemand das Lied vom Wahren, Schönen und Guten singt und jeden Kulturklimbim mit Hunderten von Millionen fördern. Reminiszenz einer authentischen Erfahrung kann es nicht sein, denn eine solche würde sich ja irgendwie auch mal "konkretisieren", also zu Aussagen führen, die man nachvollziehen kann. Letztlich muss man das aber nicht erklären. Es ist ein fundamentaler Irrtum zu glauben, dass Gefühle ein Objekt brauchen. Es gibt ja auch Leute, die stolz darauf sind, Deutsche zu sein. Allerdings wäre keiner von jenen in der Lage, diese Aussage inhaltlich zu präzisieren.

Weil Adorno an die Kulturindustrie den Maßstab der Kunst anlegt, kritisiert er, dass sie das nicht einlöst, was sie einlösen könnte. Das Gesamtbild dürfte komplexer sein. Die öffentlich geförderte Filmindustrie, 100 Millionen Euro Födermittel jedes Jahr allein vom Bund, die öffentlich / rechtlichen Sender mit 7,8 Milliarden Euro durch Zwangsgebühren, das vollkommen steuerfinanzierte Bildungssystem etc. etc. lösen diesen Anspruch ebenfalls nicht ein. Die These, dass es die marktwirtschaftliche Ordnung ist, die zu diesen Entwicklungen geführt hat, ist schlicht falsch. Zum Zeitpunkt der Enststehung der Schrift, 1944, war sie vielleicht zutreffend. Heute stimmt sie nicht mehr.

Der Autor würde sogar vermuten, dass privat finanzierte Filme ein größeres innovatives Potential haben, als die staatlich subventionierte Kulturbürokratie. Ein Film wie Carmen von Carlos Saura hat schlagartig und über Nacht Millionen von Leuten für die Oper interessiert, einen Zugang zu etwas schaffen können, das man vorher nicht mal kannte. Ein Film von Michael Moore über die Finanzindustrie kann schlagartig ein Bewußtsein für Probleme schaffen. Das mag dann noch keine detaillierte Analyse sein, aber es wird ein relevantes Thema gesetzt. Ein Film wie Yasemin von Hark Bohm kann schon sehr früh auf eine Problematik aufmerksam machen. Die Kritik Adornos an der Rolle der Popmusik innerhalb der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung mag sogar teilweise berechtigt sein, doch letztlich geht es um die Frage, ob das Ziel vernünftig ist.

Die Abhandlung Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug wäre unstrittig die ideale Einführung zur Bedeutung, Didaktik und Vermarktung von Bildung / Kultur. Wäre geeignet die Probleme zu diskutieren, auf die alle die Geisteswissenschaften studieren, auf Lehramt oder sonstwie, im Berufsleben stoßen. Es wäre sehr sinnvoll, wenn sich z.B. angehende Lehrer mal darüber Gedanken machen würden, was Bildung ist, wie man komplexe Bildungsinhalte so vermittelt, dass die Kiddies den Eindruck haben, dass es mehr ist als Geschwätz und sich über das Umfeld Gedanken macht, in dem die Kiddies leben. Des Weiteren sollte man sich im Klaren darüber sein, dass man nur etwas vermitteln kann, was man auch selber versteht. Andernfalls mutet die allgemeine Debatte über den Bildungsverfall an wie der talkende vermeintliche Bildungsbürger Plasberg, wenn er mit anderen Talkern über den durch das Smartphone hervorgerufenen Kulturverfall schwadroniert.

In unserem Zusammenhang geht es aber weniger um Kultur als um Information, aber die Mechanismen sind im Grunde ähnlich. Relevanter, und auch intuitiv nachvollziehbarer, wäre eine Beschreibung der Nachrichtenindustrie. Strittig ist inwieweit die Kulturindustrie tatsächlich die Demokratie bedroht. Die These Adornos, dass die Kulturindustrie das Individuum auslöscht und es so für das Kollektiv vorbereitet, würde der Autor bestreiten. Die Einsichten Adornos sind, näher darauf eingehen können wir in diesem Rahmen nicht, erhellend, bieten aber nur wenig Ansätze für die Praxis und des weiteren hat sich die "Kulturindustrie" in den letzten 60 Jahren stark ausdifferenziert. Neben den industriell hergestellten Serien, die man industriell gesehen als Sortenfertigung bezeichnen würde, aufgesetzt auf ein Grundprodukt gibt es Varianten, gibt es auch die Autorenfilme, um nur mal ein Beispiel zu nennen.

Man kann an Adorno den Blick für die Realität immer weiter schärfen. Man wird sich aber selber überlegen müssen, wie man die Verhältnisse ändert, bzw. was geändert werden muss.

Die größere Gefahr, die tatsächlich geeignet ist, die Demokratie auszuhebeln, ist die Nachrichtenindustrie, die tatsächlich der Logik folgt, die Adorno der Kulturindustrie unterstellt. Informationen sind dann rentabel vermarktbar, wenn sie geeignet sind, ein möglichst großes Publikum zu interessieren, wobei dem Publikum allerdings nichts fehlen würde und es nichts vermissen würde, wenn man sie nicht verbreitet. Das Liebesleben der Bettina Wulff, wir schreiben das Jahr 2013, selbige war letztes Jahr Gattin des Bundespräsidenten, stößt auf interessenloses Interesse. Mit 1150 Kundenrezessionen bei Amazon schlägt ihr Buch Jenseits des Protokolls alle Rekorde. 1150 Mal wird erklärt, dass es völlig belangloser Mist ist.

Das Problem, irrelevanten Mist zu lesen, hätte man natürlich lösen können, indem man das Buch weder kauft, noch liest, noch kommentiert. Wird aber ein Thema medial gehyped, dann interessieren sich die Leute selbst dann noch dafür, wenn sie im Grunde wissen, dass es irrelevanter Mist ist.

Relevanz ergibt sich nicht durch objektive Tatsachen, sondern ist Resultat der Häufigkeit der Verbreitung. Alles, absolut alles kann Thema der öffentlichen Debatte werden. Nicht nur die Frage, ob sich Gerhard Schröder die Haare färben lässt, sondern auch die Farbe der Krawatte von XY. Die Information ist so beliebig, wie die Ingredenzien eines Artefaktes der Kulturindustrie.

Generierung und Verbreitung von Informationen folgt demselben Schema, wie die Vermarktung von Kulturprodukten. Der Aufwand an Technik, die allein der Aufbereitung dient, ist größer, als der Aufwand, der für den eigentlichen Inhalt investiert wird. Was der Filmindustrie die technische Leistung, die erforderlich ist, um ein Auto immer kunstvoller zu Schrott zu fahren, ist dem ZDF sein touchscreen im virtuellen Raum.

Der drei D-Film braucht sowenig ein Individuum um zu begeistern, wie der Flash Player, der, vom Macromedia Server getrieben, reproduziert, was alle schon wissen und was die Journaille altmodisch in Textform am nächsten Tag nochmal nachverdauen wird.

Technik will nicht analysieren. Technik zielt auf Effekte und insofern zeigt sie die Tendenz. Was Adorno auf die Kulturindustrie münzt, "der Aufwand an Technik ist umgekehrt proportional zu den ästhetischen Materialien", soll heißen der Psycho Mix, der den Plott treibt, ist irrelevant im Vergleich zum Aufwand, der betrieben wird, um den Ozeandampfer auf den Grund des Atlantiks zu schicken, passt noch viel besser auf die Nachrichtenindustrie.

Relevanter als der Inhalt ist die Frage, ob die Irrelevanz auch über ein App den desinteressierten Interessenten erreicht. Nachricht ist Unterhaltung und wie die Unterhaltung ist sie beliebig. Sie trifft auf den Konsumenten so wenig in einer speziellen, individuellen Situation, wie die Artefakte der Kulturindustrie auf ein spezielles Bewußtsein treffen. Beide lassen sich nur als bedeutungslos ökonomisch verwerten. Relevant können sie nur sein, im Hinblick auf etwas Spezifisches. Michael Jackson, der Papst, die monegassische Prinzessin und die Royals rühren ein Gefühl, das kein Objekt braucht.

Sinn der Nachricht ist sowenig ihre Verarbeitung, wie der Sinn des Artefaktes die Überschreitung ist. Meinungsbildend ist die Nachricht durch ihr schlichtes Auftauchen, weniger durch die individuelle Verarbeitung. Die Nachrichtenindustrie, hierin unterscheidet sie sich deutlich von einem Propagandaministerium, ist völlig unideologisch. Sie funktioniert genau umgekehrt wie ein Propagandaministerium. Ein Propagandaministerium akzeptiert jeden Aufwand, um eine bestimmte Nachricht unters Volk zu bringen. Die Nachrichtenindustrie sucht die Nachricht, die sich mit dem geringsten Aufwand unters Volk bringen lässt.

Relativ gering ist der Aufwand immer dann, wenn die Nachricht selbst ein Interesse daran hat, verbreitet zu werden bzw. wenn die Verbreitung Bestandteil des Geschäftskonzeptes ist. Die Verbreitung solcher Nachrichten kann man dann den privaten Sendern überlassen. Dazu gehört der gesamte Bereich Sport. Die öffentlich / rechtlichen Sender müssen auch nicht die Preise für die Übertragungsrechte bei sportlichen Großveranstaltungen in die Höhe treiben.

Es liegt nun mal im Wesen der Dinge, dass für einen demokratischen Meinungsbildungsprozess die Nachrichten besonders interessant sind, die absolut kein Interesse daran haben, veröffentlicht zu werden. Diese Nachrichten sind in der Produktion sehr viel teurer, hier bedarf es der Rercherche, könnten dafür aber locker bei der technischen Aufbereitung abspecken. Hier wäre die Nachricht relevant und könnte auf Effekte verzichten.

Setzt man an dieser Stelle anstatt Kulturindustrie Nachrichtenindustrie ein, ist die Situation eigentlich recht präzise beschrieben.

Von Interessenten wird die Kulturindustrie gern technologisch erklärt. Die Teilnahme der Millionen an ihr erzwinge Reproduktionsverfahren, die es wiederum unabwendbar machten, dass an zahllosen Stellen gleiche Bedürfnisse mit Standardgütern beliefert werden. Der technische Gegensatz weniger Herstellungszentren zur zerstreuten Rezeption bedinge Organisation und Planung durch die Verfügenden. Die Standards seien seien ursprünglich aus den Bedürfnissen der Konsumenten hervorgegangen: daher würden sie so widerstandslos akzeptiert. In der Tat ist es der Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, in dem die Einheit des Systems immer dichter zusammenschießt. Verschwiegen wird dabei, dass der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht der ökonomisch Stärksten über die Gesellschaft ist.

aus: Max Horheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Seite 129

Für die Nachrichtenindustrie muss eine Ideologie, im engeren Sinne des Wortes, also die bewußte Verbreitung bestimmter Inhalte, nicht konstitutiv sein. Ihr Geschäftsmodell beruht aber darauf, dass sie bestimmt, welche Nachrichten relevant sind. Würde das Interesse an Nachrichten vom Empfänger abhängen, wäre der Markt zersplittert. Dass es zwar über das Internet möglich ist, entsprechende Angebote zu machen, nicht aber über Zeitungen, Fernsehen, Radio, ist der Kern der gegenwärtigen Krise der Verlage.

Das Problem ist unlösbar. Die Verlage werden absterben. Verschärft wird die Krise noch dadurch, dass der Zeitungsmarkt regional segmentiert war. Durch das Internet gibt es jetzt an jedem Ort der Welt beliebig viele Zeitungen in allen Sprachen. Spezifisch ist nur der Lokalteil, aber auch diesen kann das Internet abdecken. Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bringt sein Problem auf den Punkt und gibt ihm eine metaphysische Bedeutung.

Informationen fressen Aufmerksamkeit, sie ist ihre Nahrung. Aber es gibt nicht genügend Aufmerksamkeit für all die neuen Informationen, nicht einmal mehr in unserem eigenen persönlichen Leben. Unsere Köpfe sind die Plattformen eines Überlebenskampfes von Informationen, Ideen und Gedanken geworden, und je stärker wir unsere eigenen Gedanken in das Netz einspeisen, desto stärker werden wir selbst in diesen Kampf miteinbezogen. Er hat jetzt erst Verlage und Zeitungen, Fernsehen und die Musikindustrie getroffen.

aus:www.spiegel.de

Zu Deutsch. Die Leute suchen sich die Informationen raus, die sie gerade brauchen und was die FAZ schreibt, geht ihnen am Arsch vorbei. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Menschen dürfen nur die Nachrichten erhalten und nur die Informationen verarbeiten, die Frank Schirrmacher vorher gefiltert hat. Die Bande zwischen FAZ, BILD und Spielge sind personell eng, man hat zwar die Claims abgesteckt, kennt sich aber persönlich und schriebselt auch für die Konkurrenz, die eigentlich keine mehr ist. Derselbe Frank Schirrmacher.

Die drei Ideologien, die das Leben der Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten bis heute am nachhaltigsten verändert haben, waren Taylorismus - also die "Arbeitsoptimierung", gesteuert durch die Stoppuhr und den Zwang zur äußersten Effizienz -, Marxismus und Darwinismus. Alle drei Weltbilder finden im digitalen Zeitalter in einer "personalisierten" Form, nicht als Ideologie, sondern als Lebenspraxis, zusammen. Der Taylorismus in Gestalt des Multitaskings, der Marxismus in Gestalt kostenloser Informationen, aber auch selbstausbeutender Mikroarbeit im Internet, die vor allem Google zugutekommt, und der Darwinismus in Gestalt des Vorteils für denjenigen, der als Erster die entscheidende Information hat.

aus:www.spiegel.de

Genau! Und wer profitiert von dem Elend? Google, also derjenige, der es erlaubt, effizient und zeitnah nach den Informationen zu suchen, die man in einer spezifischen Situation gerade braucht. Weil das nicht sein darf, soll google jetzt dafür bezahlen, qua Leistungsschutzrecht, dass er für den Frank kostenlos Werbung machen darf.

Aber was das Schlimmste ist. Google wirft zu jedem Thema mehr Informationen aus, als die Redaktion vom Frank überhaupt verarbeiten kann. Exemplarisch zeigt Frank uns aber ein Kernproblem. Wahrscheinlich ist Frank, unabhängig davon, dass er von der Knappheit der Informationen existentiell abhängt, vielleicht sogar tatsächlich der Meinung, dass mehr Informationen und Nachrichten ungefiltert auf uns einströmen, also wir verarbeiten können, wobei das Problem natürlich ein bisschen schlecht nachvollziehbar ist.

Es ist ja jedem unbenommen, die entsprechenden Empfangsgeräte abzuschalten und schon ist das Problem gelöst. (Was Frank natürlich nicht will. Also die FAZ soll man schon kaufen.) Der eigentlich Punkt ist aber ein anderer. Der eigentliche Punkt ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die der Meinung sind, mit ausreichend Informationen versorgt zu sein. Frank zum Beispiel meint das.

Die Möglichkeit, beliebige Nachrichten als relevant zu setzen, hängt letztlich damit zusammen, dass die eventuell relevanten Nachrichten nicht verbreitet und auch nicht vermisst werden.

Allerdings wird der Mangel desto eher gesehen, je mehr die Gesellschaft in der Lage ist, einen Sachverhalt aufgrund einer Theorie zu durchdringen bzw. je mehr die Gesellschaft erkennt, dass die Auswahl der Nachrichten auf einer Theorie beruhen muss. Wir können willkürlich irgendeinen Pressetext nehmen, den wir anhand irgendeines Schlagwortes, Bankenkrise, Eurokrise, Staatschulden etc. über google finden, um zu illustrieren, über was wir reden. Wir können jeden Text nehmen und bei jedem Text werden wir feststellen, dass Informationen fehlen. Je nach der Fragestellung immer andere.

Der Schuldenberg des deutschen Staates ist etwas kleiner geworden. Er schrumpfte im dritten Quartal um 18,3 Milliarden Euro oder 0,9 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Vierteljahr, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Bund, Länder und Gemeinden einschließlich aller Extrahaushalte sind mit insgesamt 2,064 Billionen Euro verschuldet. Allerdings sind das 32,9 Milliarden Euro oder 1,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/staatsschulden-deutscher-schuldenberg-schrumpft-ein-bisschen/7639236.html

Angaben über den wachsenden bzw. schrumpfenden Schuldenberg lesen und hören wir jeden Tag, wenn es sein muss, wird das auch auf ein App gebeamt. Wöllte man jetzt wissen, was das konkret bedeutet, müsste man erstens eine Frage formulieren, zweitens dann die Informationen haben, die diese Frage beantworten. Wir wissen, warum Frank überfordert ist. Allerdings liegt das nicht an der Informationsflut. Wir wollen die Fragen unten, Millionen ähnlicher Beispiele lassen sich problemlos finden, gar nicht beantworten. Wir wollen nur deutlich machen, dass ein Übermaß an Informationen eine Fiktion ist. Wir brauchen mehr Informationen, aber die brauchen wir besser aufbereitet, leichter auffindbar und zielgenau. Das ist ein weiterer Grund, warum Journaille, Fernsehen und Radio langfristig gegen das Internet keine Chance haben. In dem Moment, in dem die Nachfrage der Gesellschaft an Informationen steigt, weil die Fähigkeit, Themen theoretisch zu durchdringen steigt, ist es vorbei. Sie können verschwinden, denn keiner braucht sie mehr. Um den oben genannten Text zu interpretieren, müsste man Fragen stellen.

a) Welche Konsequenzen hat die Staatsverschuldung auf die Allokation der Güter und Produktionsfaktoren, also welche Wirkung hat es hinsichtlich der Frage was, wie für wen produziert wird.

Wir wissen gar nicht, was passiert wäre, wenn die Staatsverschuldung niedriger gehalten worden wäre. Wer sie für schrecklich hält, geht wahrscheinlich davon aus, dass die Kapitalsammelstellen, die jetzt das Geld dem Staat zur Verfügung gestellt haben, es andernfalls privaten Kreditnehmern zur Verfügung gestellt hätten, die dann wiederum investiert hätten, wodurch wiederum das Wirtschaftswachstum höher wäre.

Das ist aber auch eine Theorie. Unter Umständen hätten sie schlicht ihre Geldreserven reduziert. Denkbar ist auch, dass sie lediglich mehr Geld gehabt hätten, um an der Börse zu spielen. Wir bräuchten also mehr Informationen über das Anlageverhalten der Banken. Man könnte also zum Beispiel prüfen, ob das Investitionsvolumen steigt, wenn der Staat weniger Geld am Kapitalmarkt aufnimmt. Vielleicht wäre auch der Konsum höher, vielleicht hat der Staat Konsumentenkredite aus dem Markt gekegelt. Dann haben wir jetzt vielleicht mehr Autobahnen also wir hätten, wenn das Geld konsumiert worden wäre. Wahrscheinlich hat die Staatsverschuldung dazu geführt, dass manche Branchen und damit manche Berufe, etwa die Baubranche, einen notwendigen Restrukturierungsprozess nicht durchgemacht haben und vielleicht hätten die Waffenschmieden eher umgestellt auf zivile Produktion. Wir können zu der Frage zwar eine Theorie entwickeln, um sie aber zu beantworten, brauchen wir Informationen. Zum Beispiel: Wer sind die Gläubiger? Wie ist die Besteuerung auf Einfünfte aus Kapitalvermögen?

b) Hinsichtlich der Frage, inwiefern der Schuldenberg kommende Generationen belastet, müsste man wissen, wer die Gläubiger sind und wie Staatsverschuldung zustande kam. Ist der Schuldenberg konsumtiven oder investiven Staatsausgaben geschuldet?

Die alltäglich kolportierte Nachricht, dass der Schuldenberg kommende Generationen belaste ist Unsinn. Zum einen erbt die kommende Generation nicht nur die Schulden, sondern auch die Schuldtitel. Bezogen auf die gesamte nächste Generation ist es also ein Nullsummenspiel. Die einen erben exakt soviele Schulden wie die anderen Schuldtitel erben, es sei denn die Gläubiger leben im Ausland, was man dann eben auch wissen müsste. Desweiteren erbt die kommende Generationen auch Staudämme, Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung etc. etc.. Man kann bezweifeln, dass sich jemand belastet fühlt, wenn er ein Haus für 2 Millionen Euro, das zu 2/3 abbezahlt ist, erbt. Wer sich belastet fühlt, kann es an den Autor abtreten. Wer also eine Theorie hat, wird mehr Informationen nachfragen. Zum Beispiel: Inwiefern wurde die Infrastruktur über die Staatsausgaben verbessert?

c) Wenn man wissen will, welche Verteilungswirkungen der Schuldenberg hat, müsste man eine Theorie über Kreislaufzusammenhänge haben, bzw. sich überlegen, ob es nicht günstiger gewesen wäre, die Staatsausgaben über Steuern zu finanzieren.

Völlig theorielos ist die Sache relativ einfach, weitere Informationen sind nicht nötig. Mit einer Theorie steigt der Bedarf an Informationen. Ohne Theorie verteilt der Staat durch Transferleistungen, also konsumtive Staatsausgaben, um. Das ist richtig, die Frage ist nur, von wem an wen. Die Gesamtbelastung der Transferleistungen ist auf jeden Fall geringer, als ausgewiesen, denn 19 Prozent fließen schon beim ersten Durchgang an den Staat zurück. Das ist die Mehrwertsteuer. Bestimmte Leute verdienen, weil ihr Umsatz steigt. Andere Leute verdienen, weil ohne die Staatsausgaben die Zinsen tendenziell niedriger sind. Von hohen Staatsausgaben profitieren also diejenigen, die dem Staat Geld leihen können. Soweit die Frage, die man sich stellen kann, wenn man eine entsprechende Theorie im Hinterkopf hat. Um die Frage dann konkret zu beantworten, braucht man dann Informationen.

d) Möglichkeiten, den Schuldenberg zu reduzieren

Will man sich Gedanken darüber machen, wie der Schuldenberg über eine Reduktion der Staatsausgaben abgebaut werden kann, müsste man wissen, für was konkret eigentlich Geld ausgegeben wird. Von da käme man dann zu einer weiteren Detaildiskussionen. Jeder Posten des Haushalts müsste einzeln geprüft werden und die Wirkungen auf die Gesamtwirtschaft und Gesellschaft geprüft werden. Auch das würde den Informationsbedarf drastisch erhöhen.

Wir wollten die Frage der Staatsverschuldung nicht klären. Wir wollten nur klar machen, was für einen Müll der Frank daher redet.

Die Ähnlichkeit der Kulturindustrie und der Nachrichtenindustrie ergibt sich aus der Tatsache, dass beide Male der Mangel nicht gefühlt wird, wobei allerdings die Konstatierung des Versagens der Kulturindustrie nur von einem recht komplexen Standpunkt aus möglich ist. Ist die Ästhetische Theorie Adornos der Maßstab, dann sind die Artefakte der Kulturindustrie schlicht langweilig.

Allerdings, in der Schrift 'Dialektik der Aufklärung' schärfer ausgedrückt, wird auch ein Bezug zwischen Massenkultur und totalitären Regimen hergestellt. Im Zentrum der Überlegungen steht hierbei aber nicht der totalitäre Staat, sondern die Menschen, die diesen ermöglicht haben. Der Begriff Kollektivismus, bei Hayek, Friedman und Popper unbestimmt, wird bei Adorno sehr genau bestimmt, aber die Argumentation ist verwickelt.

Das Versagen der Nachrichtenindustrie ist relativ leicht einzusehen, weil die Diskussion auf einer rein "rationalen" Ebene geführt werden kann. Dass Nachrichten sinnlos sind, wenn sie beliebig sind, wird jeder irgendwann einsehen, der alles weiß über Lady Diana, aber wenig über die angesparte Riesterrente und in zwanzig Jahren von der EZB einteignet wird.

Die Einschmelzung der Gesellschaft zum Kollektiv ist schwerer vermittelbar, weil ein Standpunkt außerhalb des Kollektivs bezogen werden muss, der das Kollektiv beobachtet. Es wird also eine Erlebnisschicht vorausgesetzt, die außerhalb des Kollektivs steht und die, soll die Kritik vermittelbar sein, sich auch noch nachvollziehbar mitteilen können muss. Das dürfte schwierig sein. Das Kollektiv ist schwer zu kritisieren. Widerstand besteht nur in der Ablehnung, konstruktiv hat der Einzelne ihm nichts entgegenzusetzen. Verbündet sich mit der Kulturindustrie noch das offizielle Bildungssystem, dann ist die mögliche Kritik noch dunkler als die des Manfred in dem Drama von Byron beschriebene.

My spirit walk’d not with the souls of men,
Nor look’d upon the earth with human eyes;
The thirst of their ambition was not mine,
The aim of their existence was not mine;
My joys, my griefs, my passions, and my powers
Made me a stranger

Lord Byron, Manfred

Der Autor würde von daher sagen, dass sowohl eine Kritik an der Kulturindustrie wie auch am institutionalisierten Bildungssystem lediglich in Teilen des akademischen Betriebs stattfindet. Ein anderer Teil hat sich in den poststrukturalistischen Hokuspokus verabschiedet, da ist die Abschaffung des Individuums quasi Programm. Da gibt es keine Sprache mehr, sondern Diskurse, aus Literatur werden Texte, Literatur wird auch nicht geschrieben, im Neusprech wird sie generiert, intertextuell, andere Texte referenzierend.

Was vielleicht als Kritik gemeint war, ist bei manchen akademischen Schwachmatikern die Beschreibung eines natürlichen Zustandes. Um den Diskurs zu entlarven, braucht es ein Subjekt, dass die Diskrepanz wahrnimmt. Die Struktur allerdings, die der Poststrukturalismus beschreibt, ist die Gesellschaft der akademischen Schwätzer und da gibt es keine Subjekte. Im Vergleich zu diesem poststrukturalistischen Geblubbere blüht die Bildung in der Kulturindustrie. Der langen Rede kurzer Sinn: Adorno hat Recht. Er verteidigt das Individuum. Allerdings ist die Nuss über diesen Weg nicht zu knacken.

Kritik ist nur möglich an der Nachrichtenindustrie. Die Mechanismen ähneln zwar denen der Kulturindustrie, der Mangel allerdings ist objektiver darstellbar. Dass die Börsenkurse nur sehr indirekt etwas mit der Realwirtschaft zu tun haben, kann dargestellt werden. Der Mangel an Informationen wird auch deutlich spürbar, wenn die Leute immer wieder die Erfahrung machen, dass die Börse nur wenige Gewinner kennt, sehr viele aber bluten. Verloren beim Börsengang von facebook, groupon, telekom haben viele Kleine. Die Kapitalsammelstellen haben gewonnen.

Die Kritik an der Nachrichtenindustrie ist erst durch das Internet möglich, weil früher die technischen Möglichkeiten nicht gegeben waren und es sind die technischen Möglichkeiten, die den Mangel an Informationen ins Bewußtsein rücken. In dem Moment, in dem sich die Gesellschaft bewußt wird bzw. daran gewöhnt wird, dass alle nur erdenklichen Informationen zur Verfügung stehen, werden auch die Fragestellungen komplexer. Da das Internet nun jede Art von Information bis in alle Unendlichkeit speichert und jede Art von Informationen auf einfachste Weise gefunden wird, wird das Monopol der Nachrichtenindustrie gebrochen. Die Nachrichtenindustrie wird zur reinen Unterhaltungsindustrie, was sie faktisch sowieso schon immer war. Nachrichten werden zwar nachgefragt, sinken aber auf das Niveau der Unterhaltung. Als Unterhaltung wird ihre Beliebigkeit deutlich und damit wird auch ihre Macht gebrochen.

Es handelt sich bei der Nachrichtenindustrie um eine aussterbende Spezie. Ganz im Gegensatz zur Kulturindustrie, deren Macht nicht zu brechen ist, weil das Subjekt nur "intuitiv" Widerstand leisten kann und das System auch lediglich negativ ablehnen kann, diesem aber positiv nichts entgegensetzen kann, ist die Nachrichtenindustrie 1) rational kritisierbar, wird 2) technisch abgehängt und wird 3) ökonomisch vernichtet.

Bislang waren Revolutionen selten erfolgreich. Mit dem Internet haben wir mal eine erfolgreiche Revolution. Hier biegt der Weltgeist um die Ecke und ihr könnt ihr sagen, ihr seid dabeigewesen. Während aber bei Hegel der Weltgeist bei seinem Gang durch die Weltgeschichte so manches Blümchen am Wegesrand plattrollt, wird er jetzt jedes Blümchen gießen und umhegen.

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Infos und Anmerkungen:

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Kulturindustrie
Nachrichtenindustrie

Die Kulturindustrie lässt sich nur von einem Bewußtsein aus kritisieren, dass außerhalb derselben steht und nur mit dem Anspruch dieses Bewußtseins, der aber nicht vermittelbar ist. Von daher dürfte diese Nuss kaum zu knacken sein.

Die Nachrichtenindustrie, die dieser hinsichtlich der Produktion ihrer Inhalte ähnelt, ist einer rationalen Bewertung zugänglich, da gezeigt werden kann, dass die Beliebigkeit der Information ihre Rentabilität und ihre Irrelevant bedingt.

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