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Eine Spielart der Totalitarismustheorie

Die Frage, was totalitäre System ausmacht und wie sie sich stabilisieren, gehört jetzt nicht gerade zu den Fragen, die wir klären müssen, weil solche Systeme nur noch in wenigen Ländern, etwa dem Iran, existieren und früher oder später einstürzen werden. Wie man Ländern wie Ägypten oder Libyen, wir schreiben immer noch das Jahr 2012, dabei unterstützt, nicht den einen Diktator abzusägen, um anschließend ein totalitäres System zu errichten, ist nicht unser Thema.

Wir können aber, zumindest historisch mag das ja interessant sein, die Theorien Hayeks auch als eine Spielart der Totalitarismustheorie betrachten.

Mit dem Begriff Totalitarismus bezeichnet man Systeme, wo der Staat in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingreift: Wirtschaft, Bildung, Kunst, Wissenschaft, Moralvorstellungen, private Lebensführung und seine Vorstellungen mittels Terror durchsetzt.

Der totalitäre Staat durchdringt alle staatlichen Bereiche, Polizei, Justiz, Armee und schafft neue Organisationen, wie etwa die SS, SA, Gestapo, Stasi etc.. Private Kontakte werden zunehmend durch die Einbindung des einzelnen in Massenorganisationen ersetzt.

Das Phänomen an sich ist letztlich unerklärlich, auch wenn uns die öffentlichen rechtlichen Sender immer mehr Details zu de Protagonisten dieser Systeme liefern. Wieso Millionen von Leuten einem Irren folgten, ist kaum erklärbar.

Ergiebiger als die abstrakte Diskussion über solche Systeme, wäre die Befragung der Mitläufer gewesen. Diese Chance hätte man nach dem Untergang der DDR gehabt. Sie wurde aber leider nicht wahrgenommen.

Historisch gesehen ist der Zusammenbruch der DDR ein interessanter Fall. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden Institutionen eines totalitären Systems in die entsprechenden Organisationen der Bürgergesellschaft integriert. Dass dies problemlos möglich war, also zum Beispiel Angehörige der NVA, der Justiz, des Unterrichtswesens der ehemaligen DDR zu einem erheblichen Teil in die entsprechenden Organisationen der Bürgergesellschaft, also dem erklärten Feind, übernommen werden konnten und wurden, obwohl diese ein völlig anderes Wertesystem vertraten, ist ein erstaunlicher Vorgang.

Wir können daraus lernen, dass die Inhalte einer Ideologie für die Materialisierung einer Ideologie nur eine geringe Rolle spielen. Für das Individuum ist letztlich die Position innerhalb eines Systems entscheidend, nicht aber das System selbst. Psychologisch besteht wohl eine hohe Bereitschaft, die Regeln eines Systems zu akzeptieren, da die innerliche Distanz zum System Kraft erfordert und für eine Positionierung innerhalb eines Systems kontraproduktiv ist. Ein bedauerlicher Zustand und eine Aufgabe für das Bildungssystem.

Symptomatisch für die Irrelevanz des Inhalts einer Ideologie ist auch die Tatsache, dass Fähnchen und Dschingtarasasa weit bedeutender sind, als Inhalte. Psychologisch interessant ist die Seite www.nva.de, obwohl wir kaum werden behaupten können, dass wir in der BRD weniger Dschingtarasasa haben, bzw. hatten.


Das Problem bei Hayek besteht nun darin, dass er Freiheit nicht genauer definiert. Zu den Totalitarismustheorien können wir ihn aber zählen, denn er geht davon aus, dass mit der Abschaffung der Handlungsoptionen im ökonomischen Bereich auch die Freiheit eingeschränkt wird.

Es ist leider vollkommen unbegründet, wenn Leute sich von dem Glauben in Sicherheit wiegen lassen, dass die Beherrschung des Wirtschaftsektors von untergeordneter Bedeutung sei, einem Glauben, der sie die Gefährdung unserer wirtschaftlichen Freiheit leicht nehmen lässt. Er ist weitgehend auf die irrtümliche Meinung zurückzuführen, dass es rein ökonomische Ziele gibt, die von den übrigen völlig zu trennen sind. Doch sowas existiert nur in dem pathologischen Fall des Geizhalses. Die letzten Ziele, die vernunftbegabte Wesen durch ihre Tätigkeit zu erreichen suchen, sind niemals ökonomischer Art. Streng genommen gibt es "kein wirtschaftliches Motiv", sondern nur wirtschaftliche Faktoren, die die Voraussetzungen für unser Streben nach anderen Zielen schaffen. Was gemeinhin in irreführender Weise das "wirtschaftliche Motiv" genannt wird, bedeutet nichts anderes als das Verlangen nach allgemeiner Bewegungsfreiheit, den Wunsch nach der Möglichkeit, beliebige Ziele zu verwirklichen. Wenn wir nach dem Besitz von Geld streben, so deshalb, weil es uns die meisten Möglichkeiten bietet, die Frucht unserer Arbeit zu genießen. Da wir in der modernen Gesellschaft die Beschränkungen, die uns unsere relative Armut noch immer auferlegt, an unserem begrenztem Geldeinkommen spüren, haben sich viele dazu verleiten lassen, das Geld als das Symbol dieser Beschränkungen zu hassen. Das heißt aber soviel, wie das Mittel durch das eine Kraft sich bemerkbar macht, für ihre Ursache halten. Dem wahren Sachverhalt entspräche es weit mehr, wenn man das Geld als eines der großartigsten Werkzeuge der Freiheit, die der Mensch je erfunden hat, bezeichnen würde.

aus: Friedrich Hayek, Weg zur Knechtschaft, München 2011, Seite 120

Sind die wirtschaftlichen Ressourcen in staatlicher Hand, dann ist auch die persönliche Freiheit eingeschränkt, weil man zur Realisierung persönlicher Ziel eben auch Knete braucht.

Die These ist also, kurz zusammengefasst, die: Mit der wirtschaftlichen Freiheit werden alle anderen Freiheiten eingeschränkt. Zu Deutsch: Wer keine Knete hat, ist in seiner Freiheit eingeschränkt. Der Rest, Geld als großartiges Werkzeug der Freiheit etc. ist dann hohes Blubber Niveau.

Mit der These gibt es gleich vier Probleme. Ein Staat kann ökonomische Ressourcen binden und die wirtschaftliche Freiheit einschränken, sich aber trotzdem aus allen anderen Bereichen raushalten, also z.B. ein liberales Bildungssystem zur Verfügung stellen. Der enge Nexus, den er unterstellt, mag zwar der Realität, so wie wir sie erlebt haben, entsprechen, zwingend jedoch ist dieser Nexus nicht.

Der Nexus ist zum Teil sogar ziemlich unplausibel. Ein über Steuergelder finanziertes Bildungssystem kann z.B. auch mehr persönlichen Freiheitsraum schaffen, als ein privat finanziertes. Ein über Steuergelder finanziertes Bildungssystem ist bezüglich seiner Inhalte immer ein Kompromiss, in dem sich alle gesellschaftlichen Gruppen wiederfinden müssen. Würde man das öffentliche Bildungssystem privatisieren, hätten wir in Berlin z.B. Koranschulen. Das würde Hayek zwar wahrscheinlich als Ausdruck der Freiheit begreifen, allerdings berücksichtigt er dabei nicht, dass auch Kinder das Recht haben müssen, eine Wahl aus mehreren Alternativen zu haben, das heißt sie müssen entscheiden können, an was sie glauben oder nicht. Dafür muss die ganze Palette an Möglichkeiten aber erstmal vorgestellt werden und bekannt sein.

Dass aktuell bei der Politik die Sicherungen durchbrennen und google zerschlagen werden soll, wie dies Sigmar Gabriel fordert, weil Google ein schrecklicher Monopolist ist, der die Journaille platt walzt, mit der man traditionell seine Offenbarungen verkündet, ist ein Problem. Man kann da durchaus eine Entwicklung erkennen, bei der auch eine demokratisch gewählte Partei eine Sympathie für den Machtmissbrauch entwickelt, aber ein allgemeines Geschwätz nach dem Motto "was zu regeln ist, regelt der Markt und was der Markt nicht regelt, muss auch nicht geregelt werden" hilft uns da nicht weiter.

Es wäre schön, wenn die Welt so einfach wäre, wie Hayek sich das vorstellt. Das ist aber leider nicht der Fall.

Theoretisch ist auch denkbar, auch wenn es praktisch nicht funktioniert hat, dass der Staat durch seine Aktivität die Lebenserhaltungskosten massiv drückt, etwa dadurch, dass die Miete nicht ein Drittel des Monatseinkommens, sondern, wie in der DDR, ein Zehntel ausmacht. Mit diesen Mieten konnte man die Bausubstanz zwar weder erhalten noch neue Wohnungen bauen, aber erstmal war es gnadenlos billig. Ähnliches gilt für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr und die Güter des täglichen Bedarfs.

Drittens, positiv betrachtet, war die DDR ein Versuch. Er ist vollkommen gescheitert und man hätte den Großversuch auch nach 15 Jahren mal abbrechen können, aber es ist eine "Anmaßung von Wissen", wie Hayek so schön sagt, von vorneherein das Resultat des Experimentes vorhersagen zu wollen.

Was Hayek viertens beobachtet hat und was er in seinem Buch immer wieder erwähnt, die zunehmend zentrale Steuerung der Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland, ist eine Folge der Ideologie, nicht die Ursache. Der Nationalsozialismus hat nicht zuerst die ökonomischen Ressourcen an sich gerissen und dann alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen. Es war genau umgekehrt. Er hat zuerst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen und dann hat er die Wirtschaft gekapert, wobei die Unternehmen formal nie, bis auf jüdische Unternehmen, enteignet wurden.

In dem Moment, in dem Hayek einen Nexus zwischen wirtschaftlicher Freiheit und sonstigen Bürgerrechten herstellt, verlässt er die rein ökonomische Diskussion, die wir von Adam Smith kennen. Er konstruiert eine Totalitarismustheorie. In diesem Falle unterstellen wir ihm aber, dass seine Totalitarismustheorie ideologisch ist. Die Einschränkung jeder Art von wirtschaftlicher Freiheit, egal wie und egal aus welchem Grund, und sei es auch nur die progressive Besteuerung, die sogar Adam Smith befürwortet, erklärt er zu einem Anschlag auf die Freiheit. Das erweitert zwar die unbedingt zu haltende Verteidigungslinie, ist aber Ideologie pur.

Sein treuer Mitstreiter im Kampf um die Freiheit, Milton Friedman, argumentiert etwas geschickter, siehe Milton Friedman, etwas geschickter und dekliniert seine Thesen anhand konkreter Beispiele durch, siehe free to choose, so dass es immerhin mal was Konkretes gibt, über das man diskutieren kann, auch wenn er sich letztlich auch in Prinzipien verliert.

Das Problem bei Hayek ist wohl auch der Grund seines Erfolges. Er hat es geschafft, seine Thesen derartig vage zu formulieren, dass die bereits Überzeugten in ihm ihren Häuptling erkannten ohne sagen zu müssen, worum es eigentlich geht. Assoziativ und heuristisch beschreibt er dann Eigenschaften totalitärer Herrschaft, die nichts mit Ökonomie zu tun haben.

Wir müssen uns hier für einen Augenblick in die Zeit unmittelbar vor der Unterdrückung der Demokratie und der Einführung des totalitären Regimes zurückversetzen. Diese Stadium wird beherrscht von dem allgemeinen Verlangen nach schnellem und entschlossenem Handeln der Regierung und von der Unzufriedenheit mit dem langsamen und schwerfälligen demokratischen Geschäftsgang, was dazu führt, dass ein Handeln unter allen Umständen gefordert wird. In einem solchen Augenblicke übt der Mann oder die Partei, die stark und entschieden genug zu sein scheinen, um durchzugreifen, die größte Anziehungskraft aus, und stark in diesem Sinne bedeutet nicht nur eine zahlenmäßige Mehrheit - es ist ja gerade die Sterilität des parlamentarischen Mehrheitsprinzips, womit das Volk unzufrieden ist. Wonach sie suchen, ist eine Persönlichkeit, hinter der genug steht, damit man ihr die Durchführung jeder Aufgabe zutraut. An diesem Punkt taucht nun der neue Typus der militärisch organisierten Partei auf.

In den mitteleuropäischen Ländern hatten die sozialistischen Parteien die Massen an politische Organisationen halbmilitärischen Charakters gewöhnt, in denen ein möglichst großer Teil des Privatlebens ihrer Mitglieder aufgehen sollte. Um einer einzelnen Gruppe überwältigende Macht zu verleihen, brauchte man dasselbe Prinzip nur weiter auszubauen und die Macht statt auf die Stimmen breiter Massen, auf die man bei gelegentlichen Wahlen rechnen konnte, auf die uneingeschränkte Unterstützung einer kleineren, aber um so fester organisierten Gruppe zu gründen. Ob ein Führer im Stande ist, einem ganzen Volk ein totalitäres Regime aufzuwingen, hängt davon ab, dass er zunächst eine Gruppe um sich schart, die bereit ist, sich jener totalitären Disziplin freiwillig zu unterwerfen, die sie dann dem übrigen Volk gewaltsam auferlegt.

aus: Friedrich Hayek, Weg zur Knechtschaft, München 2011, Seite 176

Was soll man damit anfangen? Bisher standen Deutschland und Italien im Fokus. Zwar redet er abwechselnd von Kollektivisums, Faschismus und Sozialismus, aber das ist für ihn dasselbe, wobei er auch keine Unterschiede macht zwischen den einzelnen "sozialistischen" Strömungen.

Man müsste also annehmen, dass er mit "...vor der Unterdrückung der Demokratie und der Einführung des totalitären Regimes..." auf Deutschland und Italien abstellt. In Italien hätte dann der Vorgang der Machtergreifung durch ein totalitäres Regime 1922 stattgefunden, in Deutschland 1933. Hinsichtlich des von ihm konstatierten trägen Geschäftsgangs der Demokratie übernimmt er dann die Rhetorik der Nationalsozialisten. Es waren die Nationalsozialisten, die der Demokratie die Handlungsfähigkeit absprachen und diese als Debattierclub bezeichneten.

Wie er nun auf die Idee kommt, die Rhetorik der Nationalsozialisten als objektive Wahrheit darzustellen, bleibt sein Geheimnis. Tatsache ist, dass die NSDAP bei der letzten freien Wahl am 6. November 1932 lediglich 33 Prozent der Stimmen gewinnen konnte, wobei "frei" auch schon zu diesem Zeitpunkt relativ war. Die Aussage deckt sich also nicht mit den objektiven historischen Tatsachen. Benito Mussolini gelangte schlicht durch Gewalt, bzw. durch die Androhung von Gewalt an die Macht.

Vorwerfen kann man Vittorio Emanuele III lediglich, dass er den Marsch auf Rom nicht mit militärischen Mitteln stoppte. Was aber bei Hayek ein Satz ist, wird in der Geschichtswissenschaft in wohl ein paar Tausend Büchern zu diesem Thema abgehandelt. Die Italiener auf jeden Fall haben den Führer nicht gesucht, sie haben lediglich nicht entschieden genug Widerstand geleistet.

Immerhin hat er aber jetzt einen Salto mortale vollzogen. Hatten wir bis jetzt den Kollektivismus, was immer das sein mag, der zuerst die wirtschaftliche Freiheit kapert und dann den Rest, so ist es jetzt auf einmal umgekehrt. Zuerst reissen die totalitären Regime die politische Macht an sich.

Das ist zwar richtig, widerspricht aber seiner Generalthese, dass totalitäre Systeme zuerst die Wirtschaft kapern und dann die Gesamtgesellschaft unter ihre Gewalt bringen. Bedauerlich für seine These ist natürlich auch, dass die Staatsquote im Dritten Reich 1934 etwa 30 Prozent betrug und heute in der BRD 49 Prozent. Nach seiner Logik müssten wir im totalitärsten aller Staaten leben.

Anders formuliert: Es gibt überhaupt keinen direkten Zusammenhang zwischen staatlicher Intervention und persönlicher Freiheit. Es gibt nur Probleme wie sie in die Journaille und die Volkswirtschaftslehre, die Politik und die Volkswirtschaftslehre, das faszinierte und faszinierende Publikum der Volkswirtschaftslehre, das Internet und die Volkswirtschaftlehre angesprochen wurden.

Die Zusammenhänge sind also weit komplexer und die Lösung dieser Probleme besteht auch nicht in irgendwelchem Geschwurbel, sondern in der Schaffung von Strukturen, die zu mehr Transparenz führen.

Im Grunde ist das aber irrelevant, denn im zweiten Absatz lernen wir, dass es gar nicht um Italien und Deutschland geht, sondern um die mitteleuropäischen Länder. Das wären dann Deutschland, Österreich, die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen. Da wir nicht wissen, auf welches Land sich seine Aussagen konkret beziehen, kann man auch nichts dazu sagen. Man kann nur feststellen, dass er auch im zweiten Abschnitt den "Weg zur Knechtschaft" nicht durch die falschen Annahmen des Kollektivismus erklärt, sondern schlicht durch die gewaltsame oder semilegale Machtergreifung einer relativ kleinen Clique. Das widerspricht vollumfänglich der Generalthese seines Buches.

Hayek hat ein erhebliches Problem mit der Aufarbeitung historischer Zusammenhänge. Der Autor würde glatt behaupten, dass an keinem historischen Seminar der BRD es für dieses Geschwurbel auch nur einen Proseminarschein gibt. Vermutlich würde man auch an keinem Gymnasium der Republik mit so allgemeinen historischen Aussagen die Abitursprüfung im Fach Geschichte bestehen. Ein paar harte Fakten müssten irgendwo schon mal auftauschen.

Der Erfolg des Buches ist wohl einem eigenartigen Gemengelage zu verdanken. Den Freiheitskämpfern mit Pensionsberechtigung von der Hayek AG verschafft es wohl große Gefühle. Was dem einen sein Hayek, ist dem anderen sein Winnetou. Eine bestimmte Schicht fühlt sich durch das Buch wohl auch veranlasst und berechtigt, die Tipps des Steuerberaters als Freiheitskampf zu definieren.

Die assoziative Schreibe ist dem Erfolg sicher nicht abträglich. Wer jemals einen Film über die Enstehung des Nationalsozialismus gesehen hat, kennt die Rhetorik über die Parlamente als Debattierclub. Von daher erscheint die These von Hayek einleuchtend, auch wenn die These an sich von interessierter Seite vorgebracht wurde.

Es sind schon viele Leute auf die Idee gekommen, den Stalinismus mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen, prominent eben Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Aber nur bei Hayek muss man schwer aufpassen. So unbestimmt wie die Freiheit, so grenzenlos ist der Kollektivismus. Um es mal kurz und bündig zu sagen. Was bei Hayek Sinn ergibt, stammt von Adam Smith. Der Rest ist dann gnadenloser Schwachsinn.

Die allen kollektivistischen Systemen gemeinsamen Merkmale können mit einer Formel, die sich bei den Sozialisten aller Richtungen großer Beliebtheit erfreut, als die bewusste Organisierung der Arbeit in einem Gesellschaftssystem zu einem bestimmten sozialen Zweck definiert werden. Es war immer einer der Hauptpunkte der sozialistischen Kritik, das unsere heutige Gesellschaftsordnung solch eine bewusste Ausrichtung auf ein Ziel fehle und dass die Wirtschaftsakte von den vielfachen Launen verantwortungsloser Individuen abhingen.

aus: Friedrich Hayek, Wege zur Knechtschaft, München 2011, Seite 82

Er hat uns zwar noch nicht genau erklärt, was er unter kollektivistischen Systemen versteht und er wird uns das auch nicht erklären, aber auf jeden Fall lassen sich alle kollektivistischen Systeme mit EINER Formel beschreiben. Diese Formel wiederum ist bei den Sozialisten ALLER Richtungen beliebt, woraus wir dann schließen können, dass ALLE sozialistischen Strömungen zu einem der kollektivistischen Systeme gehören. Da er auch den Faschismus unter die sozialistischen Strömungen subsumiert, die ja dann wiederum unter die kollektivistischen Systeme subsumiert werden, ist der Faschismus auch eine sozialistische Strömung. Da es wohl keine Partei gibt, außer eben der FDP, die sind nur frei, die nicht auch irgendwelche sozialen Ziele verfolgt, sind wohl alle Parteien dieser Welt irgendwie kollektivistisch.

Und worin besteht nun die allgemeine Formel, mit der der Kollektivismus / Faschismus / Sozialismus definiert werden kann? Sie besteht darin, dass die Arbeit in einem solchen System so ausgerichtet werden soll, dass sie einem bestimmten sozialen Zweck dient. Soweit so gut. Aber lässt sich das auch irgendwie beweisen?

Wir verstehen ja, was uns der Dichter sagen will, wir verstehen es, weil es ja schon bei Adam Smith steht. Er will uns sagen, dass in allen "sozialistischen" Strömungen der Staat die Produktion in irgendeiner Weise lenkt und so die Präferenzen der Individuen nicht berücksichtigt. Das kann man dann noch mit ein bisschen Pareto und der Unmöglichkeit ein gesamtwirtschaftliches Wohlfahrtsoptimum zu erreichen aufpeppen, aber im Grunde läuft es auf das hinaus.

Das Problem ist, dass z.B. die SPD, die Marktwirtschaft und das Privateigentum noch nie abschaffen wollte. Wenn Hayek das Problem in einem ausufernden Staat sieht, der immer weiter in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingreift, dann müsste ihm eigentlich das das Erfurter Programm, von 1891 (!!), gefallen. Zielscheibe des Programms ist nicht die "kapitalistische" Ordnung, sondern der Obrigkeitstaat, der in die Rechte der Bürger eingreift.

  1. Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen. Proportionalwahlsystem, und bis zu dessen Einführung gesetzliche Neueinteilung der Wahlkreise nach jeder Volkszählung. Zweijährige Gesetzesperioden. Vornahme der Wahlen und Abstimmungen an einem gesetzlichen Ruhetag. Entschädigung für die gewählten Vertreter. Aufhebung jeder Beschränkung politischer Rechte außer im Falle der Entmündigung.
  2. Direkte Gesetzgebung durch das Volk vermittels des Vorschlags- und Verwerfungsrechts. Selbstbestimmung und Selbstverwaltung des Volks in Reich, Staat, Provinz und Gemeinde. Wahl der Behörden durch das Volk, Verantwortlichkeit und Haftbarkeit derselben. Jährliche Steuerbewilligung.
  3. Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertretung. Schlichtung aller internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege.
  4. Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffentlich- und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen. Erklärung der Religion zur Privatsache.
  5. Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu religiösen und kirchlichen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten, welche ihre Angelegenheiten vollkommen selbständig ordnen.
  6. Weltlichkeit der Schulen. Obligatorischer Besuch der öffentlichen Volksschulen. Unentgeltlichkeit des Unterrichts, der Lehrmittel und der Verpflegung in den öffentlichen Volksschulen sowie in den höheren Bildungsanstalten für diejenigen Schüler und Schülerinnen, die Kraft ihrer Fähigkeit zur weiteren Ausbildung als geeignet erachtet werden.
  7. Unentgeltlichkeit der Rechtspflege und des Rechtsbeistandes. Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter. Berufung in Strafsachen. Entschädigung unschuldig Angeklagter, Verhafteter und Verurteilter. Abschaffung der Todesstrafe.
  8. Unentgeltlichkeit der ärztlichen Hilfeleistung einschließlich der Geburtshilfe und der Heilmittel. Unentgeltlichkeit der Totenbestattung.
  9. Stufenweise steigende Einkommens- und Vermögenssteuer zur Bestreitung aller öffentlichen Ausgaben, soweit diese durch Steuern zu decken sind. Erbschaftssteuer, stufenweise steigend nach Umfang des Erbgutes und nach dem Grade der Verwandtschaft. Abschaffung aller indirekten Steuern, Zölle und sonstigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, welche die Interessen der Allgemeinheit den Interessen einer bevorzugten Minderheit opfern.

In Grundsätzen ist das Erfurter Programm (von 1891!!) heute verwirklicht und wird von allen Parteien des Bundestages mitgetragen. So ähnlich ist es Konsens in allen entwickelten Industriestaaten. So sehr sich Hayek auch wünscht, dass alle "sozialistischen" Parteien kollektivistische Strömungen sind, was immer das konkret sein mag, die historischen Fakten geben das einfach nicht her. Es ist zwar richtig, dass die SPD im Vorwort zum Erfurter Programm die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, vor allem von Großbetrieben, als langfristiges Ziel nennt, dieses aber nie konkret gefordert hat und in der Weimarer Republik auch nicht umgesetzt hat, was sie ja in den, zugegebenermaßen kurzen Perioden, wo sie die Regierung stellte, hätte anstreben können.

Alle sozialistischen Strömungen vom Stalinismus bis zur SPD / PSOE / Labour Party unter "kollektivistisch" zusammenzufassen ist schlicht kompletter Schwachsinn. Subsummiert er dann noch den Faschismus unter diese Strömungen, stellt sich schon die Frage, nach seinem Geisteszustand.

Zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus wird in der Forschung allgemein eine Ähnlichkeit gesehen. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass es sich hierbei um totalitäre Systeme handelt, das heißt um Systeme, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringen, Wirtschaft, Bildung, Kunst, Sprache und über Massenorganisationen auch tief in das Privatleben der Menschen eingreifen. Polizei und Justiz sind nur Instrumente zur Durchsetzung des Terrors.

Das Italien unter Mussolini allerdings wird in der Wissenschaft nicht mehr den totalitären Systemen zugerechnet.

Interessant ist das Buch Hayeks weniger wegen des Inhalts, der ist so hirnrissig, dass das ernsthaft niemand diskutieren wird. Interessant und psychologisch abgründig ist die Tatsache, dass sich der Vorsitzende des Vorstandes einer staatlich finanzierten Institution, also Wolfgang Gerhardt und ein ehemaliges Mitglied der Bundesregierung, Otto Graf Lambsdorff, zu einem enthusiastischen Vorwort hinreißen lassen.

Für so einen undifferenzierten Mist kann sich eigentlich nur der begeistern, dem es nicht um Wahrheit, sondern um die Durchsetzung seiner Ideologie, aus welchen Gründen auch immer, geht. Ein mit Steuermitteln finanzierte Einrichtung wie die Friedrich Naumann Stiftung, 47 Millionen Euro pro Jahr, hat sich aber an anerkannte wissenschaftliche Standards zu halten. Vermutlich hat Wolfgang Gerhardt das Buch gar nicht gelesen, das lässt ja auch sein Lapsus mit Friedrich Naumann erkennen. Das hätte er aber besser getan.

Sozialismus und Nationalsozialismus standen in Deutschland von Anfang an in enger Verbindung. Bezeichnenderweise sind die wichtigsten Vorläufer des Nationalsozialismus - Fichte, Rodbertus und Lasalle - gleichzeitig anerkannte Ahnen des Sozialismus. Solange der theoretische Sozialismus marxistischer Prägung die deutsche Arbeiterbewegung dirigierte, trat das autoritäre und nationalsozialistische Element für einige Zeit in den den Hintergrund. Aber nicht für lange. Seit 1914 erstand aus den Reihen des marxistischen Sozialismus ein Verkünder nach dem anderen, der dem Nationalsozialismus zwar nicht die Konservativen und die Reaktionären zuführte, wohl aber die Werktätigen und die idealistische Jugend. Erst danach schwoll die Flut des nationalistischen Sozialismus eigentlich an und verwandelte sich dann rasch in die Lehre Hitlers. Die Kriegshysterie von 1914, die gerade infolg der Niederlage niemals ganz ausgeheilt war, bedeutet den Beginn der modernen Entwicklung, die zum Nationalsozialismus geführt hat, und sein Aufstieg während dieser Zeit vollzog sich weitgehend mit der Unterstützung alter Sozialisten.

aus: Friedrich Hayek, Wege zur Knechtschaft, München 2011, Seite 212

Fakten sind allgemein nicht das, was Hayek begeistert. Wie er allerdings dazu kommt Ferdinand Lasalle als einen der wichtigsten (!!) Vorläufer des Nationalsozialismus zu bezeichnen, ist ein Rätsel, wobei es bei dem weitgehend freidrehendem Geschwurbel von Hayek darauf auch nicht mehr ankommt. Wenn Hayek der Meingung war, dass irgendein Vetreter der NSDAP Johann Gottlieb Fichte gelesen hat, mal unabhängig von der Frage, was an dessen Philosophie nun nationalsozialistisch gewesen sein soll, dann hat er definitiv nicht begriffen, was die NSDAP war.


Das klingt wie die Wahnvorstellung eines Psychopathen. Wie der Sozialismus und der Nationalsozialismus VON ANFANG AN in enger Verbindung gestanden haben sollen, ist ein Rätsel. Selbst wenn wir es ganz großzügig interpretieren, also den Sozialismus weit nach hinten und den Nationalsozialismus weit nach vorne, bleibt eine beträchtliche zeitliche Lücke.

Datieren wir, völlig willkürlich, aber auf jeden Fall ziemlich weit hinten, den Beginn des Sozialismus mit dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx, dann war das 1848 (!!).

Den Beginn des Nationalsozialismus datieren wir möglichst früh, also mit der Gründung der NSDAP im Jahre 1920. Dann bleiben beträchtliche 72 Jahre Unterschied.

Global hängt zwar irgendwie alles mit allem zusammen, aber genau deshalb besagen so rein globale Zusammenhänge eben wenig. Ein bedeutsamer Zusammenhang besteht nur, wenn dieser Zusammenhang mehr ist als nur global. Fichte, Rodbertus und Lasalle sind nun sowohl die Vorläufer des Sozialismus wie des Nationalsozialismus. Behauptet Hayek.

Das ist nur dann richtig, wenn Knecht Ruprecht der Archetyp einer autoritären Persönlichkeit ist, also auf globale Zusammenhänge abgestellt wird.

Und seit 1914 entstand aus den Reihen des marxistischen (!) Sozialismus ein Verkünder nach dem anderen, der dem Nationalsozialismus die Werktätigen zuführte. Also im Satz vorher war der marxistische Sozialismus noch internationalistisch, "...solang der theoretische Sozialismus marxistischer Prägung die deutsche Arbeiterbewegung dirigierte, trat das autoritäre und nationalsozialistische Element für einige Zeit in den Hintergrund...", aber gleich im folgenden Satz wird der marxistische Sozialismus dann nationalistisch, denn der extreme Nationalismus ist das, was den Nationalsozialismus vor allem ausmacht.

Er schafft es also, sich innerhalb von zwei Sätze zu widersprechen. Das muss man erstmal fertig bringen. Also erst nachdem der internationalistisch ausgelegte Sozialismus marxistischer Prägung bei den Nationalsozialisten die Führung übernommen hatte, schwoll der nationalistische Sozialismus an. Wow!

In einem globalen Zusammenhang ist nationalistisch und internationalistisch auch irgendwie dasselbe. Der Nationalist hat eine extreme Vorliebe für sein Land und der Internationalist hat eben eine extreme Vorliebe für den ganzen Globus.

Hayek ist sozusagen der große Entgrenzer und Denker in globalen Zusammenhängen. Der marxistische Sozialismus wurde dann zur Lehre Hitlers, also im Grunde, in diesem entgrenzten globalen Zusammenhang, war Hitler eigentlich Marxist. Oder war Marx Hitler? Irgendwie war auch Jesus Marxist, ... geben ist seliger denn nehmen..., aber irgendwie war Jesus auch Kapitalist, ...du sollst nicht begehren deines nächsten Haus..., also ein eindeutiges Indiz dafür, dass Jesus gegen die progressive Einkommensteuer war.

Also global hängt alles zusammen. Am Schluss kommt dann noch die Kriegshysterie dazu, die hat zum Nationalsozialismus geführt. Hat der Sozialismus marxistischer Prägung damit auch was zu tun? Irgendwie wohl schon denn der Aufstieg des Nationalsozialismus vollzog sich WEITGEHEND mit der Unterstützung alter Sozialisten.

Die Frage, die man sich jetzt stellt, ist schlicht die. Wo hat Hayek eigentlich Abitur gemacht? Welcher Geschichtslehrer hat hier eigentlich so gnadenlos versagt, aus Barmherzigkeit oder Indolenz? Der Autor sieht das ja recht locker mit der schulischen Bildung, aber irgendwann hört der Spaß dann auf.

Eine korrekte Zusammenfassung des Werkes von Hayek findet man auch hier www.lobbypedia.de - Hayek Institut und der Autor wird den Verdacht nicht los, dass die Recht haben. Wir haben hier ideologischen Quark und Verfilzung. Vermutlich liegt auch Lobbypedia mit der Vermutung richtig, dass Walter Eucken von der Hayek Stiftung gekapert wurde www.lobbypedia.de - Walter Eucken.

Wir sehen also, dass viele Wege in die Knechtschaft führen und bei manchen Wegen würde man das gar nicht vermuten.

Immer dann, wenn die Dinge intransparent sind, kann man vermuten, dass irgendjemand irgendwen in die Knechtschaft führen will. Deswegen ist die Frage, wie man Transparenz institutionell verankert weit interessanter, als so manche theoretische Frage.

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Infos und Anmerkungen:

ES        DE

Die Kollektivismus Paranoia

Die Subsummierung sozialistischer Strömung unterschiedlichster Art mit faschistischen Systemen ist historisch völlig unhaltbar.

Ein Studiengang Wirtschaftsgeschichte könnte man einrichten. Historiker haben wenig Ahnung von Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaftler keinen Plan von Geschichte.
Das Fach Wirtschafts- geschichte kann man zwar studieren, allerdings hat dieses Laienniveau.

Der Begriff kollektivistisch ist unbestimmt. Bestimmbar wäre er nur im Gegensatz zur freien Marktwirtschaft. Dann wäre die scharfe Grenze zum Kollektivismus, die Hayek zieht, aber nur nachvollziehbar durch den Nachweis, dass diese immer überlegen ist und für staatliches Handeln kein Raum ist.

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