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3.1.1 Goethe, Johann Wolfgang, ist der Gott des Volkswirtes

Hinsichtlich der Frage, wie sich der Volkswirt in der Öffentlichkeit äußert, gibt es nichts mehr zu sagen, weil Goethe zu dem Thema bereits alles gesagt hat.

Such Er den redlichen Gewinn!
Sei Er kein schellenlauter Tor!
Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor!
Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist's nötig, Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!

Das ist sprachgewaltig, knapp, präzise und richtig. Es gibt nichts hinzuzufügen.
Das ist das Gegenprogramm zum akademischen Betrieb. Das heißt zu Deutsch.

  1. Du sollst nicht die Strategie "wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie" anwenden, denn langfristig merkt jeder, dass das nur Geblubbere ist.

    Such Er den redlichen Gewinn!
    Sei Er kein schellenlauter Tor!
    Es trägt Verstand und rechter Sinn
    Mit wenig Kunst sich selber vor!

    Obendrein funktioniert das nur, wenn der Auftritt kurz ist. Unstrittig beherrschen Beratungsgesellschaften à la Price Waterhouse, Arthur de Little, KPMG dieses Verwirrspiel und diese Imponiertaktik perfekt. Das hat der Autor schon in Vorträgen erlebt. Mit jedem buzz word wie business reengineering, change management, total cost of ownership, cash cow, first mover etc. etc. wurde das Publikum einen cm kleiner. Dann noch schwarzer Anzug und Krawatte und dann geht das wie Schmitz Katze. Das Ganze noch garniert mit 60 Power Point Folien innerhalb von 30 Minuten, dann klingt heiße Luft wie Inhalt und es gibt glatt 1200 Euro Honorar für eine Stunde. In diesem Falle sollte man aber auf der Website keine interaktiven Elemente schalten, denn irgendjemand könnte dann auf die Idee kommen, mal nachzuhaken und dann gilt die Regel je höher desto plumps.

  2. Wer wirklich was zu sagen hat, der wird das auch mit seinen eigenen Worten sagen können.

    Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
    Ist's nötig, Worten nachzujagen?
    Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
    In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
    Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
    Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!

    Und wer nichts zu sagen hat, sagt besser nichts. Da in der Schule hier ein paar Dinge falsch vermittelt werden, hier ein paar Korrekturen. In der Tat geht die deutsche Klassik von der Einheit aus Form und Inhalt aus. Die Oberstudienräder verstehen das irgendwie analog zu den Tischmanieren und zum Knigge, also irgendwie so, dass die Form wichtiger ist als der Inhalt, vereinfacht ausgedrückt, die Keksdose wichtiger ist als die Kekse. Das Ding geht umgekehrt. Die Form selbst ist Inhalt, die Form muss also Inhaltliches zum Ausdruck bringen. Machen wir uns das an einem Beispiel, dem berühmten Gedicht von Theodor Storm, klar.

    Über die Heide hallet mein Schritt;
    Dumpf aus der Erde wandert es mit.

    Herbst ist gekommen, Frühling ist weit -
    Gab es denn einmal selige Zeit?

    Brauende Nebel geisten umher,
    Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.

    Wär' ich nur hier nicht gegangen im Mai!
    Leben und Liebe — Wie flog es vorbei!

    De facto will er sagen, dass er schwer depri ist und das Wetter voll daneben. Unstrittig ist aber, dass das Gedicht von Theodor Storm eine sehr spezifische Stimmungslage präziser erfasst. Das mehr an Präzision liegt nicht an den Wörtern selbst, sondern in der Form, wie es gesagt wird. Diese Form hat dann etwas Inhaltliches.
    Wenn die Form über den Inhalt dominiert, haben wir oft das Problem, dass die Leute nur die Form, nicht aber den Inhalt kapieren. Die Form erweckt dann gewisse Assoziationen. Bei Frauen im Schatten junger Mädchenblüte, die studieren dann zum Beispiel Romanistik, was der Autor ja auch studiert hat, finden wir oft, dass die Analyse der formalen Struktur eines Gedichtes als Ausdruck tiefstempfundenster Empfindsamkeit und als Gipfel der geistigen Eleganz gilt. Was dem einen seine partielle Ableitung der Cobb-Douglas Produktionsfunktion, ist dem anderen sein Dactylus und dem Übernächsten seine Krawatte. Auf das Thema kommen wir nochmal zurück, wenn wir uns über den Jargon der Ökonomen unterhalten, siehe Sinnhaftigkeit der mathematischen Modellierung und Karl Marx.
    Man kann es auch konkreter fassen. Der Halbgebildete, der den eigentlichen Inhalt nicht erfassen kann, orientiert sich am Stil. Er imitiert den Stil, der Gruppe, zu der er gehören will, erfasst aber nicht den Inhalt. Eine echte Krankheit, die besonders unter Oberstudienrädern an der Penne und anderen bürokratischen Rädlein grassiert.

  3. Du sollst nicht nachplappern sagt Goethe.

    Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
    In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
    Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
    Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!

    In einer Bachelor Arbeit macht es unter Umständen Sinn, eine 100 seitige Literaturliste dranzukleben und in jeder Zeile mindestens zwei Zitate einzubauen. Man ist dann auch auf der sicheren Seite, denn da man selber ja nichts gesagt hat, kann das auch nicht negativ bewertet werden und kein Prof.Dr wird anzweifeln, was ein anderer Prof.Dr. gesagt hat. Das mag dann alles schwer wissenschaftlich tönen, interessiert aber so die Öffentlichkeit nicht. Die will nur wissen, wie es funktioniert und sie will die Gedankengänge nachvollziehen können. Easy and straightforward heißt die Devise. Kein Mensch liest gequirlten akademischen Mist.

  4. Leute für wirtschaftliche Themen zu interessieren sieht die Ökokaste nicht als ihre Aufgabe.

    Das ist zwar aus den breit dargestellen Gründen unlogisch, denn die Volkswirtschaft kann eben nur wirken, wenn sie andere Leute überzeugt, das heißt ihnen hilft, wirtschaftliche Zusammenhänge zu durchdringen. Aber das ist nicht Thema eines Studiums.

    Das hat nicht nur Konsequenzen für die Berufsaussichten der Studis. Das schlägt auch durch auf die didaktischen Fähigkeiten des dozierenden Personals selbst. Wer in einer Vorlesung Wort wörtlich sein eigenes Buch VORLIEST, und sowas gibt es, der will bestenfalls eine Parodie der Universität liefern.

    Die Vorlesung war die typische Form der Wissensvermittlung im Mittelalter, als es noch keine Bücher gab. Wenn aber ein Prof sein eigenes Buch vorliest und die Studenten diese Buch vor der Nase haben, dann waltet hier wohl die Parkinsonsche Gesetze.

    Auch wenn ein Prozess oder eine Bürokratie obsolet geworden und schon längst durch eine andere ersetzt worden ist, wird der alte Prozess und die alte Bürokratie nicht abgeschafft.

    Wahrscheinlich schafft es auch so mancher Professor mit der Methode Buch vorlesen eine Vorlesung über Innovationspolitik zu halten. Didaktisch auf jeden Fall ist das Vorgehen katastrophal. Eine Vorlesung lebt von Lebendigkeit, Anschaulichkeit, Interaktion.

    Ein Text kann eine höhere Informationsdichte haben, weil man jeden Satz zehnmal lesen kann, nebenbei Hintergrundinformation beschaffen kann und weil man den Zeitpunkt, zu dem man ihn liest, selbst bestimmt. Vorlesung und Buch sind zwei völlig unterschiedliche Medien mit völlig unterschiedlicher Zielsetzung. Zumindest die very basics der Didaktik und soweit sie den Kern der Tätigkeit betreffen, für die man bezahlt wird, sollte man beherrschen.
Infos und Anmerkungen:

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